Unklare Machtverhältnisse nach Maduro-Festnahme
Nach der Entführung und Festnahme von Präsident Nicolás Maduro ist im ölreichen Venezuela unklar, wer das Land tatsächlich kontrolliert. Offiziell beansprucht Vizepräsidentin Delcy Rodríguez die Staatsführung, weil der Oberste Gerichtshof Venezuelas sie am späten Samstag dazu ermächtigt hat. Doch Rodríguez weigert sich, diese Rolle anzunehmen. Sie trat am Samstag gemeinsam mit Venezuelas Außen- und Verteidigungsministern im Staatsfernsehen auf und forderte die sofortige Freilassung Maduros aus einem Gefängnis in New York, wo er derzeit zusammen mit seiner Ehefrau inhaftiert ist. Sie erklärte: „Wir werden nicht die Kolonie irgendeiner Macht sein. Was mit Venezuela geschieht, ist barbarisch.“ Das berichten unsere Kollegen von Børsen.
US-Präsident Donald Trump hingegen erklärte, sein Land werde Venezuela führen, bis eine „sichere, korrekte und vernünftige“ Übergangslösung etabliert sei. Er machte diese Aussage auf einer Pressekonferenz in Mar-a-Lago am Samstagabend nach mitteleuropäischer Zeit, ohne zu erläutern, wie eine solche Kontrolle praktisch umgesetzt werden soll. Die US-Truppen, die Maduro mit hoher Effizienz und Professionalität festgenommen haben sollen, haben das Land inzwischen wieder verlassen. Trumps erklärtes Ziel ist eine neue geopolitische Ordnung, in der nur seine Regeln gelten.
Herausforderungen bei Kontrolle eines ölreichen Landes
Es erscheint kaum vorstellbar, dass die USA ein Land mit rund 30 Millionen Einwohnern und einer Fläche von zweieinhalbmal Deutschland aus der Ferne steuern könnten. Insbesondere dann nicht, wenn große amerikanische Ölkonzerne nach Venezuela zurückkehren sollen, um dort hohe Investitionen zu tätigen, wie Trump mehrfach betonte. Solche Unternehmen würden ohne Sicherheitsgarantien vor Ort keine Milliarden Dollar investieren, denn nur mit militärischer Präsenz wäre eine verlässliche Investitionssicherheit gegeben. Die Frage ist, ob das venezolanische Militär, das die angeblich blitzschnelle US-Aktion nicht verhindern konnte, sich ergeben wird, oder ob Trump damit den ersten Schritt in Richtung eines langwierigen Krieges gemacht hat. Die Antworten auf diese Frage werden wesentlich darüber entscheiden, wie sich Trumps Politik in den kommenden drei Jahren gestalten könnte.
Trump, der noch vor Kurzem die Nobel-Friedensauszeichnung anstrebte, hat sich inzwischen mehrfach als amerikanischer Anführer profiliert, der mit großer Zufriedenheit das mächtigste Militär der Welt auf Missionen entsendet, die oft wie persönliche Vendettas anmuten. So führte beispielsweise ein angeblich auf Angriffe gegen Christen in Nigeria zurückgeführter Vorfall an Weihnachten zu US-Luftangriffen auf muslimische Ziele im Nordwesten Nigerias – angeblich ohne Opfer. Trumps Drohung an die Führung in Teheran vor wenigen Tagen kam ebenso überraschend. Er warnte: „We are locked and loaded and ready to go“ mit dem klaren Hinweis, dass ein Angriffsplan bereitliegt.
Ökonomische Interessen und globale Risiken
Ein Kernpunkt von Trumps Plänen betrifft die Venezuelas Ölreserven. Die USA zielen darauf ab, dass amerikanische Ölkonzerne, die unter Maduros Vorgänger Hugo Chávez aus Venezuela verstaatlicht wurden, zurückkehren, Milliarden US-Dollar in die marode Infrastruktur investieren und wieder Gewinne erwirtschaften. Branchenkommentare dazu sind derzeit spärlich und oberflächlich. Lediglich Chevron bleibt in Venezuela aktiv und betont nur, geltende Gesetze einhalten zu wollen. Externe Analysten schätzen, dass es rund zehn Milliarden US-Dollar kosten würde, die Infrastruktur so zu verbessern, dass in zwei Jahren täglich etwa 1,5 Millionen Barrel Öl gefördert werden könnten im Vergleich zu aktuell etwa 900 000 Barrel. Venezuela liefert den Großteil seiner Rohölproduktion an China, doch global besteht derzeit kein akuter Mangel an schwerem und stark umweltbelastendem Rohöl. Wenn Trump tatsächlich sofortigen finanziellen Nutzen aus dem militärischen Eingreifen ziehen will, könnte dies Ölkonzerne vor schwierige Entscheidungen stellen. Sie könnten gezwungen werden, eine Art halb-staatliche Rolle bei Aufbau und Entwicklung der Kapazitäten einzunehmen, wie Helima Croft, Rohstoffchefin bei der Investmentbank RBC Capital Markets, in einem Schreiben an Investoren betonte. Denn ein Engagement in Venezuela würde zwangsläufig enge Kooperationen mit Militär und lokalen Behörden erfordern, wenn sie Teil von Trumps Plänen werden wollen.
Für Deutschland und die Europäische Union sind diese Entwicklungen relevant, weil geopolitische Spannungen um Energiequellen die globalen Rohstoffmärkte beeinflussen können. Ein Konflikt um Venezuelas Ölreserven hätte Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit und Preisniveaus bei Rohöl und Raffinerieprodukten, von denen auch die deutsche Industrie und Verbraucher betroffen wären. Zudem könnte ein anhaltender Konflikt in Lateinamerika politische Unsicherheit auf den internationalen Energiemärkten verstärken.


