ETF-Boom und wachsende Marktbedenken
Am US-Markt existieren derzeit 4.370 ETF-Fonds und damit rund 200 mehr als börsennotierte Einzelaktien. Für einige Wall-Street-Veteranen ist diese Entwicklung ein Alarmsignal. Sie argumentieren, dass der Markt dadurch verzerrt werde und Aktienpreise ihren Bezug zur wirtschaftlichen Realität verlören.
Diese Einschätzung ist seit Jahren Gegenstand intensiver Debatten. Bereits vor fast einem Jahrzehnt sorgte die These für Aufsehen, passives Investieren sei schädlicher als planwirtschaftliche Modelle. Geprägt wurde sie von Inigo Fraser Jenkins, einem führenden Manager des Vermögensverwalters AllianceBernstein, der weltweit Vermögenswerte von rund 785 Milliarden Dollar verwaltet.
Passive Investments als struktureller Umbruch
Passives Investieren ist längst mehr als ein vorübergehender Trend. Der erste US-ETF wurde 1993 aufgelegt, Mitte der 2000er-Jahre verwaltete die Branche bereits 538 Milliarden Dollar. Im Jahr 2025 lag das Volumen laut JPMorgan bei über 13 Billionen Dollar und damit bei fast der Hälfte der Marktkapitalisierung der New Yorker Börse von 28,8 Billionen Dollar.
Dabei beschränkt sich passives Investieren nicht auf ETFs allein, sondern umfasst auch klassische Indexfonds. Kritiker sehen darin eine systemische Verschiebung der Kapitalströme, weg von der Einzelfallbewertung hin zu automatisierten Allokationsmechanismen.
Technologiekonzerne profitieren überproportional
Inigo Fraser Jenkins argumentiert, dass Indexfonds und ETFs den Markt nicht mehr nur abbilden, sondern aktiv verzerren. Die Dominanz großer Technologiekonzerne werde durch passive Kapitalzuflüsse verstärkt, da Größe belohnt werde statt unternehmerischer Substanz.
Investoren lenkten ihr Kapital automatisch zu Unternehmen, die bereits hohe Indexgewichte besitzen. Dadurch erhielten etablierte Marktführer zusätzliche Mittel, nicht aufgrund besserer Fundamentaldaten, sondern wegen ihrer Stellung in den Benchmarks.
Kapitalfehlsteuerung durch Indexmechanik
Nach Ansicht von Jenkins handelt es sich um eine klassische Fehlallokation. Ein Großteil der ETF-Gelder fließt in die zehn größten Technologiewerte, die zusammen mehr als ein Drittel der Indexkapitalisierung ausmachen. Die übrigen rund 493 Unternehmen teilen sich den Rest.
Diese Dynamik verstärke sich durch regelmäßige Sparpläne unabhängig von der Marktlage. Unternehmen an der Spitze profitierten dadurch dauerhaft, während kleinere Werte strukturell benachteiligt würden. Der Markt verliere so einen Teil seiner Preissignalfunktion.
Preisbildung verliert an Aussagekraft
Der Bloomberg-Kolumnist John Authers weist darauf hin, dass der intensive Handel mit Fonds zunehmend die Kursbewegungen der enthaltenen Aktien beeinflusst. Nicht mehr Unternehmensnachrichten, sondern Fondsströme bestimmten die Preisentwicklung.
Damit gerät auch die Hypothese effizienter Märkte unter Druck. Wenn Aktien gekauft werden, weil sie Teil eines Index sind und nicht wegen ihrer wirtschaftlichen Perspektiven, verliert der Kurs seine Aussagekraft über Ertragskraft und Wachstumsaussichten. Wettbewerbsfähigkeit als zentrales Prinzip der Börse wird dadurch geschwächt.
Kapitalismus zwischen Effizienz und Vereinfachung
Für aktive Fondsmanager ist der Siegeszug passiver Produkte schmerzhaft. Laut Morningstar gelingt es nur 14 Prozent von ihnen, den Markt dauerhaft zu schlagen. Dennoch gilt passives Investieren nicht zwangsläufig als Bedrohung des kapitalistischen Systems.
Der Ökonom Burton G. Malkiel argumentiert, dass Indexinvestoren zwar von der Preisfindung aktiver Marktteilnehmer profitieren, ohne deren Kosten zu tragen. Dieses sogenannte Trittbrettfahren sei jedoch kein Systemfehler, sondern ein Kernmerkmal marktwirtschaftlicher Ordnungen, in denen Preise kollektiv entstehen.
Bedeutung für den deutschen Kapitalmarkt
Auch für Deutschland ist die Debatte relevant. ETFs und Indexfonds erleichtern langfristige Vorsorge und senken Einstiegshürden für private Anleger. In einem Land mit traditionell schwacher Aktienkultur könnten sie helfen, mehr privates Kapital in den Kapitalmarkt zu lenken.
Gerade vor dem Hintergrund demografischer Belastungen und eines reformbedürftigen Rentensystems bleibt entscheidend, ob passives Investieren als Ergänzung zu aktiven Strategien genutzt wird. Für die deutsche Wirtschaft kommt es darauf an, Effizienzgewinne zu nutzen, ohne die Funktionsfähigkeit der Preisbildung dauerhaft zu untergraben.

