Finanzen

ETF-Boom unter Kritik: Verzerren passive Investments den Markt?

ETF gelten manchen Kritikern als Gefahr für den Kapitalismus. Angesichts der wachsenden Dominanz passiver Investments stellt sich die Frage, ob sie den Markt verzerren oder lediglich bestehende Strukturen sichtbar machen.
14.01.2026 17:23
Lesezeit: 2 min
ETF-Boom unter Kritik: Verzerren passive Investments den Markt?
Der Boom passiver Investments über ETFs verändert die Kapitalströme am Markt und wirft Fragen zur fairen Preisbildung und Wettbewerbsdynamik auf (Foto: dpa) Foto: Ratana21

ETF-Boom und wachsende Marktbedenken

Am US-Markt existieren derzeit 4.370 ETF-Fonds und damit rund 200 mehr als börsennotierte Einzelaktien. Für einige Wall-Street-Veteranen ist diese Entwicklung ein Alarmsignal. Sie argumentieren, dass der Markt dadurch verzerrt werde und Aktienpreise ihren Bezug zur wirtschaftlichen Realität verlören.

Diese Einschätzung ist seit Jahren Gegenstand intensiver Debatten. Bereits vor fast einem Jahrzehnt sorgte die These für Aufsehen, passives Investieren sei schädlicher als planwirtschaftliche Modelle. Geprägt wurde sie von Inigo Fraser Jenkins, einem führenden Manager des Vermögensverwalters AllianceBernstein, der weltweit Vermögenswerte von rund 785 Milliarden Dollar verwaltet.

Passive Investments als struktureller Umbruch

Passives Investieren ist längst mehr als ein vorübergehender Trend. Der erste US-ETF wurde 1993 aufgelegt, Mitte der 2000er-Jahre verwaltete die Branche bereits 538 Milliarden Dollar. Im Jahr 2025 lag das Volumen laut JPMorgan bei über 13 Billionen Dollar und damit bei fast der Hälfte der Marktkapitalisierung der New Yorker Börse von 28,8 Billionen Dollar.

Dabei beschränkt sich passives Investieren nicht auf ETFs allein, sondern umfasst auch klassische Indexfonds. Kritiker sehen darin eine systemische Verschiebung der Kapitalströme, weg von der Einzelfallbewertung hin zu automatisierten Allokationsmechanismen.

Technologiekonzerne profitieren überproportional

Inigo Fraser Jenkins argumentiert, dass Indexfonds und ETFs den Markt nicht mehr nur abbilden, sondern aktiv verzerren. Die Dominanz großer Technologiekonzerne werde durch passive Kapitalzuflüsse verstärkt, da Größe belohnt werde statt unternehmerischer Substanz.

Investoren lenkten ihr Kapital automatisch zu Unternehmen, die bereits hohe Indexgewichte besitzen. Dadurch erhielten etablierte Marktführer zusätzliche Mittel, nicht aufgrund besserer Fundamentaldaten, sondern wegen ihrer Stellung in den Benchmarks.

Kapitalfehlsteuerung durch Indexmechanik

Nach Ansicht von Jenkins handelt es sich um eine klassische Fehlallokation. Ein Großteil der ETF-Gelder fließt in die zehn größten Technologiewerte, die zusammen mehr als ein Drittel der Indexkapitalisierung ausmachen. Die übrigen rund 493 Unternehmen teilen sich den Rest.

Diese Dynamik verstärke sich durch regelmäßige Sparpläne unabhängig von der Marktlage. Unternehmen an der Spitze profitierten dadurch dauerhaft, während kleinere Werte strukturell benachteiligt würden. Der Markt verliere so einen Teil seiner Preissignalfunktion.

Preisbildung verliert an Aussagekraft

Der Bloomberg-Kolumnist John Authers weist darauf hin, dass der intensive Handel mit Fonds zunehmend die Kursbewegungen der enthaltenen Aktien beeinflusst. Nicht mehr Unternehmensnachrichten, sondern Fondsströme bestimmten die Preisentwicklung.

Damit gerät auch die Hypothese effizienter Märkte unter Druck. Wenn Aktien gekauft werden, weil sie Teil eines Index sind und nicht wegen ihrer wirtschaftlichen Perspektiven, verliert der Kurs seine Aussagekraft über Ertragskraft und Wachstumsaussichten. Wettbewerbsfähigkeit als zentrales Prinzip der Börse wird dadurch geschwächt.

Kapitalismus zwischen Effizienz und Vereinfachung

Für aktive Fondsmanager ist der Siegeszug passiver Produkte schmerzhaft. Laut Morningstar gelingt es nur 14 Prozent von ihnen, den Markt dauerhaft zu schlagen. Dennoch gilt passives Investieren nicht zwangsläufig als Bedrohung des kapitalistischen Systems.

Der Ökonom Burton G. Malkiel argumentiert, dass Indexinvestoren zwar von der Preisfindung aktiver Marktteilnehmer profitieren, ohne deren Kosten zu tragen. Dieses sogenannte Trittbrettfahren sei jedoch kein Systemfehler, sondern ein Kernmerkmal marktwirtschaftlicher Ordnungen, in denen Preise kollektiv entstehen.

Bedeutung für den deutschen Kapitalmarkt

Auch für Deutschland ist die Debatte relevant. ETFs und Indexfonds erleichtern langfristige Vorsorge und senken Einstiegshürden für private Anleger. In einem Land mit traditionell schwacher Aktienkultur könnten sie helfen, mehr privates Kapital in den Kapitalmarkt zu lenken.

Gerade vor dem Hintergrund demografischer Belastungen und eines reformbedürftigen Rentensystems bleibt entscheidend, ob passives Investieren als Ergänzung zu aktiven Strategien genutzt wird. Für die deutsche Wirtschaft kommt es darauf an, Effizienzgewinne zu nutzen, ohne die Funktionsfähigkeit der Preisbildung dauerhaft zu untergraben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

Jede Anlage am Kapitalmarkt ist mit Chancen und Risiken behaftet. Der Wert der genannten Aktien, ETFs oder Investmentfonds unterliegt auf dem Markt Schwankungen. Der Kurs der Anlagen kann steigen oder fallen. Im äußersten Fall kann es zu einem vollständigen Verlust des angelegten Betrages kommen. Mehr Informationen finden Sie in den jeweiligen Unterlagen und insbesondere in den Prospekten der Kapitalverwaltungsgesellschaften.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft ZEW Index aktuell: Stimmung der deutschen Wirtschaft bricht wegen Iran-Krieg ein
17.03.2026

Die wirtschaftliche Zuversicht in Deutschland hat einen drastischen Rückschlag erlitten: Der aktuelle ZEW-Index, der die Stimmung unter...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Frauen fördern, Zukunft sichern: So schließen Unternehmen ihre Personallücken
17.03.2026

Der internationale Frauentag am 8. März bietet regelmäßig Anlass, Frauen und ihre Karriereförderung stärker in den Blick zu nehmen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie: Tochter Audi überrascht mit Gewinnplus und neuer Margen-Strategie
17.03.2026

Starker Impuls für den Volkswagen-Konzern: Während die Branche mit Gegenwind kämpft, liefert die Tochtergesellschaft Audi glänzende...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Jobcenter-Studie: Kompetente Beratung, aber kaum Hilfe bei der Jobsuche
17.03.2026

Menschlich top, fachlich wirkungslos? Eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann Stiftung zeichnet ein paradoxes Bild der deutschen...

DWN
Finanzen
Finanzen Neuer Schufa-Score: Was sich beim Schufa-Bewertungssystem jetzt für Verbraucher ändert
17.03.2026

Die Schufa krempelt ihr Bewertungssystem um: Der neue Schufa-Score soll transparenter und verständlicher werden. Millionen Verbraucher...

DWN
Politik
Politik Orbán und Selenskyj im Konflikt: Ukraine-Darlehen gerät ins Stocken
17.03.2026

Der Konflikt zwischen Viktor Orbán und Wolodymyr Selenskyj setzt die EU unter Druck und gefährdet ein zentrales Ukraine-Darlehen. Wie...

DWN
Politik
Politik Ifo-Studie: Klima-Milliarden werden zur Stopfung von Haushaltslöchern missbraucht
17.03.2026

Etikettenschwindel bei den Staatsfinanzen? Das Münchner Ifo-Institut wirft der Bundesregierung vor, neue Milliardenschulden massiv...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kündigung wegen Kirchenaustritt? Warum dieses EU-Urteil für alle Arbeitgeber wichtig ist
17.03.2026

Darf die Weltanschauung ein Kündigungsgrund sein? Was bisher als Sonderrecht für kirchliche Arbeitgeber galt, steht nun vor dem...