Panorama

UN warnt vor weltweitem Wasserbankrott: Seen, Grundwasser und Gletscher schrumpfen

Seen schrumpfen, Grundwasserspiegel fallen, Feuchtgebiete verschwinden: Laut UN steht die Welt am Beginn eines neuen Zeitalters. Es geht nicht mehr nur um Wasserknappheit, sondern um irreversible Verluste. Droht eine globale Wasserkrise, die ganze Wirtschaftsräume destabilisiert?
24.01.2026 17:19
Lesezeit: 4 min
UN warnt vor weltweitem Wasserbankrott: Seen, Grundwasser und Gletscher schrumpfen
Abgestorbene Bäume an einem ausgetrockneten Speichersee: Die UN warnt vor einem Wasserbankrott (Foto: dpa). Foto: Halden Krog

UN-Bericht: "Zeitalter globalen Wasserbankrotts" beginnt

Weltweit schrumpfen Seen, sinken Grundwasserspiegel und verschwinden Feuchtgebiete. Das sei keine vorübergehende Wasserkrise, warnen UN-Experten.

Die Welt steuert einem UN-Bericht zufolge auf ein "Zeitalter des globalen Wasserbankrotts" zu. Begriffe wie "Wasserknappheit" oder "Wasserkrise" beschrieben die Lage vielerorts nicht mehr treffend, weil sie eher zeitweilige und potenziell umkehrbare Zustände nahelegten, erklärte die Universität der Vereinten Nationen in Kanada. Inzwischen seien jedoch irreversible Verluste bei Süßwasserreserven typisch.

"Dieser Bericht vermittelt eine unbequeme Wahrheit: Viele Regionen leben über ihre hydrologischen Verhältnisse, und viele wichtige Wassersysteme sind bereits bankrott", sagte Hauptautor Kaveh Madani, Direktor des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Universität.

Viele Gesellschaften haben dem Bericht zufolge nicht nur ihr jährliches Kontingent an erneuerbarem Wasser aus Flüssen, Böden und Schneedecken überschritten, sondern zugleich ihre langfristigen Reserven in Grundwasserleitern, Gletschern, Feuchtgebieten und anderen natürlichen Reservoirs weitgehend aufgebraucht.

Wasserkrise: Was bedeutet das für die Menschheit?

Weltweit habe mittlerweile eine kritische Zahl von Wassersystemen unumkehrbare Schwellenwerte überschritten, erklärte Madani. "Diese Systeme sind durch Handel, Migration, Klimarückkopplungen und geopolitische Abhängigkeiten miteinander verbunden, sodass sich die globale Risikolandschaft nun grundlegend verändert hat." Damit werde die Wasserkrise zunehmend zu einem globalen Stressfaktor.

Die Landwirtschaft etwa verbrauche den größten Teil des Süßwassers - und die globalen Ernährungssysteme seien über Handel und Preise eng verflochten, so Madani. "Wenn Wasserknappheit die Landwirtschaft in einer Region untergräbt, wirken sich die Auswirkungen auf die globalen Märkte, die politische Stabilität und die Ernährungssicherheit in anderen Regionen aus." Auch dadurch verschärft sich die Wasserkrise in vielen Ländern.

Weitere genannte Punkte:

  • 2 Milliarden Menschen leben auf absinkendem Boden, in einigen Städten liegt der jährliche Rückgang bei etwa 25 Zentimetern.
  • 4 Milliarden Menschen sind mindestens einen Monat pro Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt.
  • 3 Milliarden Menschen leben in Gebieten, in denen die gesamten Wasservorräte zurückgehen oder instabil sind.
  • 1,8 Milliarden Menschen lebten 2022 bis 2023 unter Dürrebedingungen.

Millionen Landwirte versuchten, Nahrungsmittel auf Basis schrumpfender, verschmutzter oder verschwindender Wasserquellen zu produzieren, sagte Madani. "Ohne einen raschen Übergang zu wassersparender Landwirtschaft wird sich die Wasserbankrott-Rate rapide ausweiten." Damit drohe eine dauerhafte Wasserkrise in weiteren Regionen.

Wie kann Wasser knapp werden, obwohl die Erde voll davon ist?

Im Bericht steht die verfügbare und nutzbare Menge an Süßwasser auf dem Planeten im Fokus. Häufig überstiegen die Entnahmen die Neubildung. Und selbst dort, wo die Wassermengen stabil wirkten, schrumpfe der tatsächlich nutzbare Anteil. Ursachen seien unter anderem Grundwasserverschmutzung, Übernutzung von Ressourcen, Degradation von Land und Böden, Entwaldung und Umweltverschmutzung, zusätzlich verschärft durch die globale Erwärmung. So nehme die Wasserkrise in vielen Systemen an Dynamik zu.

Einige genannte Trends:

  • Mehr als die Hälfte der großen Seen weltweit hat seit Anfang der 1990er-Jahre Wasser verloren, 25 Prozent der Menschheit sind direkt von diesen Seen abhängig.
  • Rund 50 Prozent des häuslichen Wasserverbrauchs weltweit stammen inzwischen aus Grundwasser.
  • 40 Prozent des Bewässerungswassers wird aus Grundwasserleitern entnommen, die stetig austrocknen.
  • Etwa 70 Prozent der großen Grundwasserleiter zeigen langfristige Rückgänge.
  • 410 Millionen Hektar natürlicher Feuchtgebiete sind in den vergangenen fünf Jahrzehnten verschwunden, was fast der Fläche der EU entspricht.
  • Die Welt hat seit 1970 mehr als 30 Prozent ihrer Gletschermasse verloren.
  • Dutzende große Flüsse fließen heute während eines Teils des Jahres nicht mehr bis zum Meer.
  • 100 Millionen Hektar Anbauflächen sind durch Versalzung zerstört.

Wasserknappheit: Wo ist die Lage besonders kritisch?

Rund drei Viertel der Menschheit leben dem Bericht zufolge in Ländern, die als wasserunsicher oder kritisch wasserunsicher gelten. Besonders betroffen seien demnach der Nahe Osten und Nordafrika, Teile Südasiens und der Südwesten der USA. Die UN-Experten betonen jedoch: "Wasserinsolvenz ist keine Reihe isolierter lokaler Krisen, sondern ein gemeinsames globales Risiko." Auch Europa sei wie andere Regionen, die selbst genügend verfügbares Wasser hätten, über Handelsströme, Preise und Lieferketten vom Bankrott betroffen. Damit werde die Wasserkrise indirekt weitergetragen.

Für Deutschland zeichnen Fachleute ein differenziertes Bild. Rike Becker vom Imperial College London sagte, Deutschland nutze nur einen vergleichsweise kleinen Teil seines Wassers. Ein Großteil des deutschen Verbrauchs finde über die Importe von Lebensmitteln und Industriegütern statt, die teils aus stark von Wasserproblemen betroffenen Ländern stammten.

Jörg Dietrich von der Universität Hannover ergänzte, dass es in Deutschland lokal zu Engpässen kommen könne, etwa bei extremer Trockenheit oder durch Nitratbelastung des Grundwassers. Ein Versagen der Wasserversorgung hierzulande sei aber meist noch reversibel, also nicht zwingend eine dauerhafte Wasserkrise.

Bedeutet ein Wasserbankrott das Ende?

Keineswegs - das ist den UN-Experten wichtig. "Eine Insolvenz zu erklären bedeutet nicht, aufzugeben – es bedeutet, neu anzufangen", betonte Madani. Wenn der globale Wasserbankrott anerkannt werde, könnten endlich schwierige Entscheidungen getroffen werden. "Je länger wir zögern, desto größer wird das Defizit." Das gelte auch, wenn die Wasserkrise vielerorts längst sichtbar ist.

Nötig sei demnach eine neue Reaktion, geprägt von Ehrlichkeit, Mut und politischem Willen: Insolvenzmanagement statt Krisenmanagement. "Wir können verschwundene Gletscher nicht wiederherstellen oder stark verdichtete Grundwasserleiter wieder auffüllen, so Madani. "Aber wir können den weiteren Verlust unseres verbleibenden Naturkapitals verhindern und Institutionen neu gestalten, um innerhalb neuer Wassergrenzen zu leben."

Die bisher auf Trinkwasser, Sanitärversorgung und schrittweise Effizienzsteigerungen ausgerichtete Wasseragenda sei vielerorts nicht mehr zweckmäßig, hieß es von der UN-Universität. Regierungen müssten prioritär weitere irreversible Schäden wie den Verlust von Feuchtgebieten, Grundwasserverarmung und Verschmutzung verhindern. Wasserintensive Sektoren wie die Landwirtschaft sollten durch Umstellung von Anbau und Bewässerung umgestaltet werden, um die Wasserkrise nicht weiter zu verschärfen.

Die Experten unterstreichen zudem, dass der Wasserbankrott nicht nur ein hydrologisches Problem sei, sondern auch eine Frage der Gerechtigkeit mit weitreichenden sozialen und politischen Folgen. Die Lasten träfen unverhältnismäßig stark Kleinbauern, indigene Völker, einkommensschwache Stadtbewohner, Frauen und Jugendliche, während die Vorteile der Übernutzung oft mächtigen Akteuren zugutekämen.

Der Report erscheint im Vorfeld einer UN-Wasserkonferenz in den Vereinten Arabischen Emiraten Ende des Jahres. Die Autoren hoffen auf einen dort verhandelten Neustart der globalen Wasserpolitik, um die Wasserkrise politisch wirksamer anzugehen.

Dieser Report sei ein weiterer Weckruf, den nötigen Paradigmenwechsel in der Wasserwirtschaft zu forcieren, sagte Dieter Gerten vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). So ernst die Lage sei: Es gebe ein weites Spektrum an nachhaltigen Lösungsoptionen, das es nur zu fördern und umzusetzen gelte.

Rike Becker vom Imperial College London betonte: "Wichtig ist: Der Bericht sollte nicht demotivieren und das Scheitern in den Vordergrund stellen, sondern uns wachrütteln und zu Aktion aufrufen, auf globaler, nationaler und lokaler Ebene."

DWN
Unternehmen
Unternehmen Apple-Aktie: 50 Jahre US-Techgigant – vom Beinah-Bankrott zum wertvollsten Konzern der Welt
03.04.2026

Eine Garage, zwei Freunde und eine Vision: Die 50-jährige Geschichte des Tech-Giganten Apple ist geprägt von revolutionären Innovationen...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Pennylane verbindet Buchhaltung und Steuerberatung in einer Software – wie Unternehmen davon profitieren
03.04.2026

Viele kleine und mittlere Unternehmen arbeiten im Finanzmanagement noch mit mehreren Systemen oder manuellen Prozessen. Das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiemanagement-System: Wer Energie falsch nutzt, verliert Wettbewerbsfähigkeit
03.04.2026

Energie wird für Unternehmen immer teurer, doch viele nutzen sie weiterhin ineffizient. Neue Systeme zeigen, dass nicht die Produktion...

DWN
Finanzen
Finanzen ETF kaufen: So klappt der Einstieg Schritt für Schritt
03.04.2026

Ein ETF-Sparplan gilt als einfacher Weg zum langfristigen Vermögensaufbau. Trotzdem scheitern viele schon am ersten Schritt: den passenden...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mitarbeitermotivation im Wandel: Warum Geld allein nicht mehr reicht
03.04.2026

Mehr Geld reicht nicht mehr, um Mitarbeiter zu halten. Beschäftigte verlangen zunehmend Flexibilität, Sicherheit und echte Perspektiven....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lamborghini Urus SE im Test: Was leistet der Plug-in-Hybrid mit V8-Motor?
03.04.2026

Lamborghini entwickelt sein erfolgreichstes Modell weiter und kombiniert beim Urus erstmals einen V8-Motor mit Plug-in-Hybridtechnik....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Remote-Jobs werden knapper: Der Kampf ums Homeoffice nimmt zu
03.04.2026

Der Arbeitsmarkt für Remote-Arbeit verändert sich spürbar, während Unternehmen ihre Strategien neu ausrichten und die Nachfrage nach...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 14: Die wichtigsten Analysen der Woche
02.04.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 14 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...