Wirtschaft

Energie-Aktien: KI-Boom treibt Strompreise und lockt Investoren

Der Boom der Datenzentren verändert den Energiemarkt rasant. Während KI-Anwendungen den Strombedarf explodieren lassen, geraten Politik und Netzbetreiber unter Druck. Energie-Aktien profitieren operativ vom Trend, doch Regulierung, Bewertung und politische Eingriffe machen ein Investment zur Gratwanderung für Anleger.
01.02.2026 11:00
Lesezeit: 5 min
Energie-Aktien: KI-Boom treibt Strompreise und lockt Investoren
KI-Datenzentren treiben den Strombedarf, Politik verunsichert Anleger. (Foto: dpa | Julian Stratenschulte) Foto: Julian Stratenschulte

Energie-Aktien: Boom der Datenzentren erhöht den Strombedarf

Auf einer Investmentkonferenz wurde den Kollegen vom slowenischen DWN-Partnerportal Finance.si die Frage gestellt, welche Folgen der rasante Ausbau von Datenzentren für den Stromverbrauch und für Energie-Aktien hat. Im Mittelpunkt stand dabei Constellation Energy. Das Unternehmen rückte bereits im September 2024 in den Fokus, als der Constellation Energy-Aktienkurs deutlich anzog. Auslöser war eine Vereinbarung mit Microsoft zur Wiederinbetriebnahme eines Reaktors im stillgelegten Kernkraftwerk Three Mile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania.

Constellation Energy ist der größte Produzent von Kernenergie in den Vereinigten Staaten und betreibt 21 Reaktoren. Genau diese Form der Stromerzeugung ist für große Datenzentren attraktiv, da sie eine stabile und rund um die Uhr verfügbare Energieversorgung ohne direkte Kohlenstoffemissionen ermöglicht. Gleichzeitig erlaubt Kernenergie vergleichsweise hohe Margen. Auch wenn einzelne Projekte den Energieversorger nicht unmittelbar verändern, verdeutlichen sie die strukturellen Probleme der Tech-Konzerne. Mit dem Hochlauf neuer Datenzentren stößt der Strommarkt an Kapazitätsgrenzen, was Unternehmen zu langfristigen Kooperationen zwingt. Im Zusammenhang mit KI-Anwendungen wird seit Jahren vor einem deutlichen Anstieg des Stromverbrauchs gewarnt. Diese Entwicklung hat bereits Einfluss auf die Strompreise. US-Stromerzeuger standen lange nicht im Fokus vieler Investoren. Im Rahmen einer breiteren sektoralen Diversifikation rücken sie jedoch zunehmend in den Blick. Das Risiko einer Übertreibung bei KI bleibt bestehen, wirkt vor dem Hintergrund des allgemeinen Trends zur Elektrifizierung jedoch begrenzt.

In Regionen mit starkem Ausbau von Datenzentren sind die Strompreise innerhalb eines Jahres teils um bis zu 16 Prozent gestiegen. Erste Rechenzentren, deren Bau in den Jahren 2023 und 2024 begann, stehen kurz vor der Fertigstellung. Der Großteil der Projekte wird in den kommenden zwei Jahren abgeschlossen. Damit dürfte der Strombedarf weiter deutlich steigen. Nach Daten von Bloomberg wird der Stromverbrauch für KI-Anwendungen bis zum Jahr 2035 rund 8,6 Prozent des gesamten US-Stromverbrauchs ausmachen.

Constellation Energy-Aktie und die strategische Expansion des Unternehmens

Constellation Energy erzeugt nahezu zehn Prozent des in den Vereinigten Staaten verbrauchten Stroms. Zusätzlich erhielt das Unternehmen die regulatorische Zustimmung zur Übernahme von Calpine, einem der größten Betreiber von Gaskraftwerken in den USA. Der Transaktionswert liegt bei rund 16,4 Milliarden Dollar. Durch den Zukauf dürfte sich die Stromproduktion nahezu verdoppeln. Das Portfolio wird um zahlreiche Gaskraftwerke ergänzt, die insbesondere in Spitzenlastzeiten flexibel eingesetzt werden können und damit die Grundlastfähigkeit der Kernkraftwerke sinnvoll ergänzen. Hinzu kommen geothermische Anlagen, die ähnlich wie Kernkraftwerke eine konstante Stromerzeugung ohne direkte Emissionen ermöglichen.

Analysten verweisen zudem auf einen bilanziellen Vorteil. Viele Kernkraftwerke von Constellation Energy wurden vor Jahrzehnten errichtet und sind bereits vollständig abgeschrieben. Entsprechend niedrig fallen die laufenden Produktionskosten aus. Ein Anstieg des durchschnittlichen Strompreises um einen Cent pro Kilowattstunde würde nach Schätzungen zusätzliche Einnahmen von rund 1,65 Milliarden Dollar generieren. Die Bruttomarge liegt bei 46 Prozent, die Nettomarge bei zehn Prozent, wie Daten von LSEG zeigen. Regulatorische Änderungen erlauben inzwischen eine Verlängerung der ursprünglich 40-jährigen Laufzeit von Kernkraftwerken um zunächst 20 Jahre und anschließend um weitere 20 Jahre. Bei entsprechender Wartung können Anlagen somit bis zu 80 Jahre betrieben werden. Das deutet darauf hin, dass die Substanz des Unternehmens stärker ist, als es klassische Bilanzkennzahlen vermuten lassen. Langfristig wird dennoch der Neubau von Kraftwerken notwendig sein, um alte Anlagen zu ersetzen. Solche Projekte erfordern erhebliche Investitionen und könnten die Profitabilität belasten. Constellation Energy verfolgt derzeit jedoch eine zurückhaltende Investitionsstrategie und weist eine geringere Verschuldung als der Branchendurchschnitt auf. Das Verhältnis von Fremd- zu Eigenkapital liegt bei rund 60 Prozent, während der Sektor im Schnitt auf 192 Prozent kommt. Das verschafft dem Unternehmen eine vergleichsweise hohe finanzielle Stabilität, selbst wenn sich die KI-Euphorie abschwächen sollte.

Politische Risiken und Bewertung der Constellation Energy-Aktie

Seit Jahresbeginn hat die Aktie rund 16 Prozent an Wert verloren und zeigte bereits im Jahr 2024 eine hohe Volatilität. Auslöser war politischer Druck auf Technologiekonzerne im Zusammenhang mit dem Strombedarf neuer Datenzentren. Präsident Donald Trump und mehrere Gouverneure forderten vom Netzbetreiber PJM Interconnection die Vorbereitung einer Auktion, bei der Tech-Unternehmen Stromkontingente für 15 Jahre im Voraus sichern sollen. Diese Ankündigung verunsicherte die Märkte und ließ den Kurs kurzfristig um nahezu zehn Prozent fallen.

Zusätzlichen Druck brachte eine Analyse von Wells Fargo, die das Kursziel von 478 auf 460 Dollar senkte. Die Constellation Energy-Aktie tendiert aktuell um 290 Dollar. Der bekannte CNBC-Kommentator Jim Cramer bezeichnete das Papier nach dem politischen Eingriff als zu riskant. Gleichzeitig gilt Cramer als notorisch treffsicherer Kontraindikator. Ein Index, der gezielt Aktien kauft, die er ablehnt, erzielte im vergangenen Jahr eine Rendite von achtundfünfzig Prozent.

Constellation Energy-Aktie: Mehrheit bullish – aber teuer: Das Bewertungsdilemma der Aktie

Ein Blick auf die Analystenschätzungen relativiert die Skepsis. Von 20 Experten empfehlen 15 den Kauf, fünf raten zum Halten, keine Stimme plädiert für einen Verkauf. Die durchschnittliche Zwölfmonatsprognose liegt bei 406 Dollar und impliziert ein Kurspotenzial von rund 38 Prozent. Die Bewertung bleibt dennoch anspruchsvoll. Für ein Unternehmen aus dem Versorgersektor liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis hoch. Auf Basis der vergangenen vier Quartale beträgt es 30,9, für die kommenden vier Quartale werden rund 25,9 erwartet. Diese Kennzahlen setzen ein kräftiges Gewinnwachstum voraus. Der Umsatz lag im Jahr 2025 bei 23,9 Dollar, etwa ein Prozent mehr als im Vorjahr. Für 2026 werden rund 26,7 Milliarden Dollar erwartet, gefolgt von 28,5 Milliarden Dollar im Jahr 2027. Der bereinigte Gewinn je Aktie stieg im vergangenen Jahr auf 9,47 Dollar. Für das laufende Jahr werden 11,35 Dollar prognostiziert, für 2027 rund 13,16 Dollar.

Aus deutscher Perspektive ist Constellation Energy vor allem als Signal zu verstehen. Der stark steigende Strombedarf durch Digitalisierung und KI wirft auch in Europa die Frage nach Versorgungssicherheit, Grundlastfähigkeit und politischem Einfluss auf Energiemärkte auf. Die Diskussion um Kernenergie, Netzstabilität und langfristige Stromverträge betrifft damit nicht nur die USA, sondern zunehmend auch die energiepolitische Debatte in Deutschland.

Energie-Aktien: Strom wird zur Schlüsselressource der KI-Ära

Energie-Aktien profitieren im Allgemeinen besonders dann, wenn der Strommarkt von „langweiligem“ Wachstum in eine Phase struktureller Knappheit kippt – genau das passiert derzeit durch den Ausbau von Rechenzentren, Elektrifizierung und KI. Die Internationale Energieagentur (IEA) beschreibt für die USA eine spürbare Beschleunigung der Stromnachfrage: 2024 lag das Plus bei 2,1 Prozent, im ersten Halbjahr 2025 bei rund 2,7 Prozent – getrieben auch durch Datenzentren. Gleichzeitig erhöhen höhere Peak-Lasten den Wert von grundlastfähiger Produktion (Kernkraft, Geothermie) und flexibel zuschaltbaren Kapazitäten (Gas), weil Netzbetreiber Stabilität einkaufen müssen. In der Praxis schlägt sich das zunehmend in Kapazitätsmärkten und Netzentgelten nieder: Für PJM wurden Datenzentren als wichtiger Treiber stark gestiegener Kapazitätspreise beschrieben, was über höhere Kosten letztlich auch Endkunden erreichen kann. Zudem erwartet die US-Energiebehörde EIA für 2025 und 2026 neue Rekordwerte beim US-Stromverbrauch, was den Investitionsdruck in Netze, Erzeugung und Speicher weiter erhöht. Für Anleger heißt das: Versorger können wieder Wachstumsstorys sein – aber regulatorische Eingriffe, Genehmigungsrisiken und hohe Bewertungsmultiples bleiben zentrale Stolpersteine.

Der Boom der Datenzentren zeigt, wie eng Digitalisierung und Energieversorgung inzwischen verknüpft sind. Constellation Energy steht sinnbildlich für eine neue Realität: Wer stabile Stromproduktion liefern kann, wird für Tech-Konzerne strategisch wichtig – und für Investoren wieder interessant. Gleichzeitig bleibt die Lage komplex, denn politische Eingriffe, steigende Strompreise und ambitionierte Bewertungen erhöhen das Risiko für Rückschläge. Die langfristige Richtung wirkt dennoch klar: Elektrifizierung und KI treiben Nachfrage und Investitionen weiter. Europas Blick auf Versorgungssicherheit dürfte dadurch ebenfalls schärfer werden.

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