Trumps Zollpolitik: Einnahmen ja, Vertrauensverlust auch
Präsident Donald Trumps sogenannter „Liberation Day“ hat ihm zwar zusätzliche Einnahmen aus Zöllen beschert. Gleichzeitig ist jedoch die Zahl der Arbeitsplätze im verarbeitenden Gewerbe seit April vergangenen Jahres kontinuierlich gesunken. Die groß angekündigte handelspolitische Wende zeigt damit deutliche Nebenwirkungen – vor allem für die Vereinigten Staaten selbst. Das berichten unsere Kollegen von Børsen.
Der „Liberation Day“ – Präsident Trumps historischer Zoll-Torpedo gegen den globalen Freihandel – hat den Welthandel keineswegs zum Erliegen gebracht. Die größten Schäden entstanden nicht im internationalen Warenverkehr, sondern an der Glaubwürdigkeit der USA als verlässlicher Handelspartner. Trumps Vergeltung gegen jene Länder, die die Vereinigten Staaten seiner Ansicht nach jahrelang „ausgenutzt“ haben, wurde im April vergangenen Jahres mit Unglauben und Schock aufgenommen. Im Rosengarten des Weißen Hauses präsentierte der Präsident damals das inzwischen berüchtigte Pappschild mit drastisch erhöhten Zollsätzen. Unterm Strich lässt sich jedoch festhalten – auch wenn diese Bilanz durch Trumps fortlaufende neue Drohungen unscharf bleibt –, dass mehrere seiner Ziele tatsächlich erreicht wurden. Entgegen früherer Prognosen trat eine wachstumshemmende Hochinflation bislang nicht ein. Die Inflation in den USA bleibt vergleichsweise niedrig. Ohne den „Liberation Day“ hätte sie zwar geringer ausfallen können, allerdings nur moderat. Mehrere Ökonomen verweisen auf Schätzungen, wonach der Verbraucherpreisindex im August 2025 ohne die Zölle bei 2,2 Prozent gelegen hätte statt bei den tatsächlich gemessenen 2,9 Prozent. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Zölle bislang nicht vollständig an die Verbraucher weitergegeben wurden. Viele frühere und bestehende Importeure versuchten, ihre Kundschaft zu halten, indem sie Preiserhöhungen begrenzten.
Zolleinnahmen und Handelsbilanz: Begrenzte Erfolge
Trump erzielte einen Großteil der von ihm angekündigten Zusatzeinnahmen – bezahlt vor allem von US-Importeuren. Die Bundesregierung nahm im Jahr 2025 schätzungsweise 287 Milliarden Dollar an Zöllen, Steuern und Gebühren ein, fast dreimal so viel wie 2024. Umgerechnet entspricht dies rund 264 Milliarden Euro (Wechselkurs: 1 US-Dollar = 0,92 Euro, Europäische Zentralbank, Februar 2026). Der Betrag wirkt erheblich, was Trump rhetorisch geschickt nutzt. Daher stammt auch sein halb formuliertes Versprechen, jedem Amerikaner einen Scheck über 2500 Dollar aus den Zolleinnahmen zu schicken. Bislang ist dieser jedoch nicht angekommen.
Selbst diese 287 Milliarden Dollar reichen bei Weitem nicht aus, um eines von Trumps ambitioniertesten Versprechen einzulösen: Zölle sollten langfristig die föderale Einkommensteuer ersetzen, die im vergangenen Jahr rund zwei Billionen Dollar betrug. Zu Trumps zentralen Zielen gehörte außerdem der Abbau des US-Handelsdefizits. Der Präsident wertet ein Defizit als Zeichen wirtschaftlicher Schwäche, wenn ein Land weniger exportiert als importiert. Tatsächlich ging das Handelsdefizit deutlich zurück und erreichte im Oktober den niedrigsten Stand seit 2009. Im darauffolgenden Monat stieg es jedoch wieder leicht an. Ökonomen fragen sich nun, wie sich das Defizit weiter entwickeln wird. Viele Fachleute widersprechen Trumps Grundannahme. Sie argumentieren, dass es volkswirtschaftlich sinnvoller sei, wissensintensive Güter und Dienstleistungen zu produzieren als einfache Konsumwaren wie T-Shirts oder Turnschuhe. Dennoch will Trump genau diese Produkte – ähnlich wie Stahl – wieder verstärkt in den USA fertigen lassen. Fast alle Abkommen, die er seit dem „Liberation Day“ mit anderen Staaten geschlossen hat, folgen daher demselben Muster: niedrigere Zölle im Austausch gegen milliardenschwere Investitionen in Produktionsstätten in den USA. Einige dieser Investitionen sind angelaufen, doch der Bau großer Fabriken benötigt viel Zeit. Überraschend ist vor allem, dass Trumps Zollkrieg gegen traditionelle Verbündete die globalen Handelsströme kaum verändert hat. Die Ökonomen Gary Clyde Hufbauer und Ye Zhang vom Peterson Institute for International Finance in Washington schreiben, dass von neunzehn Ländern, die 2025 mit Trump über Zölle verhandelten, neun ihre Handelsströme mit den USA zwischen 2024 und 2025 um weniger als ein Prozent veränderten. Für die Mehrheit der Länder lag die Veränderung ebenfalls unter einem Prozent.
Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass es bislang nur zu sehr geringen Umstrukturierungen im Welthandel gekommen ist. Gleichzeitig warnen sie vor möglichen Verzerrungen in den kommenden Jahren. Das Handelswachstum zwischen den USA und diesen Ländern blieb deutlich hinter dem Wachstum des Welthandels zurück. Zudem könnte sich die Lage 2026 verändern, wenn sich die außergewöhnliche Vorverlagerung von Importen normalisiert, mit der Unternehmen neuen Zöllen zuvorzukommen versuchten. Obwohl das monatliche Handelsdefizit zuletzt sank, stieg es zwischen Januar und November insgesamt um 4,1 Prozent. Wie sich diese Kennziffer im laufenden Jahr entwickelt, bleibt offen.
Industriearbeitsplätze und deutsche Perspektive
Bei einem zentralen Wahlversprechen hat Trump deutlich versagt. Trotz Handelskonflikten mit Mexiko und Kanada, mit Nato-Partnern in Europa und mit asiatischen Staaten, die gemeinsam den Einfluss Chinas begrenzen sollen, entstanden keine neuen Industriearbeitsplätze. Im Gegenteil: Nach der Ankündigung eines „goldenen Zeitalters“ für die US-Industrie ging die Zahl der Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe Monat für Monat zurück. Sie liegt inzwischen auf dem niedrigsten Stand seit der Corona-Pandemie. Seit 2023 verschwanden mehr als 200.000 Produktionsarbeitsplätze. Ein von Trump unterschätzter Faktor war, dass Zölle auf Stahl und Autoteile die heimische US-Automobilindustrie belasteten, die eigentlich gegenüber importierten europäischen und asiatischen Fahrzeugen bevorzugt werden sollte. Im Laufe des Jahres 2026 kann sich vieles ändern, allerdings nicht zwingend zum Besseren. Trump drohte zuletzt mehreren europäischen Ländern mit höheren Zöllen wegen ihrer Unterstützung für Dänemark und Grönland. Der Konflikt mit Kanada flammte erneut auf, nachdem Trump Flugzeuge des Herstellers Bombardier nicht für den US-Markt zulassen will. Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt jedoch die US-Justiz. Der Oberste Gerichtshof in Washington D.C. muss noch über die rechtliche Grundlage von Trumps Zollpolitik entscheiden, die unter normalen Umständen in die Zuständigkeit des Kongresses fällt. Sollte das Gericht die Importzölle für rechtswidrig erklären, müsste der Zoll-Torpedo zurückgezogen werden. Jeder, der Kriegsfilme kennt, weiß: Das Zurückholen eines einmal abgefeuerten Torpedos ist nahezu unmöglich.
Für Deutschland ergibt sich daraus vor allem eine indirekte Lehre. Die Entwicklung zeigt, wie riskant eine einseitige Zollpolitik für industrielle Wertschöpfung, internationale Lieferketten und Investitionsentscheidungen ist. Auch deutsche Unternehmen, die stark vom transatlantischen Handel abhängen, müssen sich auf anhaltende Unsicherheit einstellen.


