Politik

Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie nah ist der Frieden wirklich?

Vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs ist ein Ende der Kämpfe nicht in Sicht. Diplomatische Initiativen laufen, doch die Fronten bleiben verhärtet. Zwischen militärischer Erschöpfung, geopolitischen Interessen und wirtschaftlichem Druck stellt sich die entscheidende Frage: Wie realistisch ist ein tragfähiger Ukraine-Frieden?
23.02.2026 19:17
Lesezeit: 3 min
Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie nah ist der Frieden wirklich?
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine: Wie nah ist der Frieden in der Ukraine? (Foto: dpa) Foto: Sven Hoppe

Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie realistisch ist ein Ende der Kämpfe?

Der seit vier Jahren andauernde russische Angriffskrieg markiert einen düsteren Meilenstein im Ukraine-Krieg. Zwar existiert dank der USA ein Verhandlungsprozess, doch im Ukraine-Krieg stecken die Gespräche fest. Gibt es im Ukraine-Krieg dennoch eine Perspektive auf Ukraine-Frieden? Russlands zerstörerischer und verlustreicher Feldzug gegen die Ukraine tritt in sein fünftes Jahr ein.

Hunderttausende Menschen sind seit Beginn am 24. Februar 2022 ums Leben gekommen. Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer sind geflohen. Das schwerste Blutvergießen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg erschüttert die Sicherheitsarchitektur des Kontinents nachhaltig. Es gibt Initiativen für ein Ende im Ukraine-Krieg. Doch wie stehen die Chancen auf Ukraine-Frieden? Ein Überblick über Ausgangslage, Akteure und Interessen im Ukraine-Krieg:

Wie ist die Ausgangslage der Kriegsparteien und anderer Beteiligter?

Rund ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets ist russisch besetzt. Mit internationaler Unterstützung hat Kiew im Ukraine-Krieg vier Jahre durchgehalten. Dennoch kann die Armee den schleichenden Vormarsch Moskaus meist nur bremsen, Verluste zufügen, aber kaum selbst großflächig angreifen. Die Bevölkerung leidet wegen der massiven Schäden am Energiesystem unter dem bislang kältesten und dunkelsten Winter. Präsident Wolodymyr Selenskyj fordert eine Waffenruhe und anschließend eine Regelung für einen "gerechten Frieden". Zugleich drängt er auf eine Einigung in der EU, der Ukraine über zwei Jahre bis zu 90 Milliarden Euro bereitzustellen, damit sich das Land weiter gegen den Ukraine-Krieg verteidigen kann. Kremlchef Wladimir Putin hat sich mit dem Angriff auf das Nachbarland strategisch übernommen. Die Verluste seiner Streitkräfte gehen in die Hunderttausende.

Unter dem wachsenden Druck westlicher Sanktionen verschärfen sich die wirtschaftlichen Probleme. Die Energiegroßmacht finanziert mit Öl- und Gasverkäufen, etwa nach China, ihre Kriegsmaschinerie, musste zuletzt aber auch harte ukrainische Angriffe auf Raffinerien und Industrieanlagen verkraften. Ein wirtschaftlicher Zusammenbruch ist denkbar, jedoch derzeit nicht absehbar. Russland dürfte den Ukraine-Krieg noch mehrere Jahre fortsetzen können. Seit 2022 unterstützen europäische Staaten die Ukraine militärisch, allerdings abgestuft, um keine direkte Konfrontation mit der Atommacht Russland zu riskieren. Nach dem Wegfall der USA ist Deutschland zum größten Waffenlieferanten geworden. Besonders in Osteuropa wächst angesichts des Ukraine-Kriegs die Sorge vor Russland, viele Staaten investieren stärker in Abschreckung und Verteidigung. Unter Präsident Joe Biden waren die Vereinigten Staaten wichtigster militärischer Unterstützer. Unter Nachfolger Donald Trump gibt es Waffenlieferungen nur noch, wenn Europa zahlt. Trump beendete die Isolation Russlands und traf 2025 Putin. Sein Verhältnis zu Selenskyj bleibt wechselhaft. Zugleich belegte der US-Präsident russische Ölkonzerne mit Sanktionen und verhängte Zölle gegen Käufer russischen Öls, um Moskau im Ukraine-Krieg unter Druck zu setzen.

Besteht die Chance auf einen raschen Frieden?

Trotz wachsender Abnutzung auf beiden Seiten gibt es Interesse an Verhandlungen im Ukraine-Krieg. Doch ein Durchbruch Richtung Ukraine-Frieden ist nicht erkennbar. Direkte Gespräche unter Vermittlung der USA drehen sich um militärische, humanitäre und politische Fragen. Kiew sieht Fortschritte etwa bei der Überwachung eines möglichen Waffenstillstands. Humanitär kam es zu Austausch von Kriegsgefangenen, Zivilisten und getöteten Soldaten. Am schwierigsten bleiben jedoch die politischen Kernfragen für ein künftiges Zusammenleben. Hier befindet sich der Verhandlungsprozess im Ukraine-Krieg in einer Sackgasse. Moskau legt Maximalforderungen vor, die Kiew als unannehmbar bewertet. Russland verlangt, dass die Ukraine im Donbass Gebiete abtritt, die sie noch kontrolliert. Zudem fordert der Kreml eine neutrale, blockfreie Ukraine mit besonderen Minderheitenrechten für russischsprachige Bürger, einschließlich Religionsfreiheit für die russisch-orthodoxe Kirche.

Selenskyj setzt auf die US-Diplomatie, weil Sicherheitsgarantien ohne die Supermacht aus seiner Sicht kaum tragfähig wären. Gleichzeitig wächst der Zeitdruck, der Kiew zu weitreichenden Zugeständnissen zwingen könnte. Selenskyj fordert, die Frontlinie einzufrieren und von dort aus über Territorialfragen zu verhandeln. Außerdem strebt er ein baldiges Treffen mit Putin an, um Fragen für einen dauerhaften Ukraine-Frieden auf höchster Ebene zu klären. Putin erklärte seine Bereitschaft, doch das vom Kreml vorgeschlagene Treffen in Moskau lehnt Selenskyj ebenso ab - wie eine Kapitulation. Trump startet den bislang entschlossensten Anlauf zur Beendigung des Ukraine-Kriegs. Seit November führten seine Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner zahlreiche Gespräche mit beiden Seiten, zuletzt in Abu Dhabi und Genf. Konkrete Fortschritte blieben aus.

Trump will den Ukraine-Krieg bis zum Sommer beenden, um vor den Kongresswahlen im November einen außenpolitischen Erfolg präsentieren zu können. Europas Partner ringen um Einfluss im engen Gesprächsformat. Selenskyj fordert ihre Beteiligung, doch der Kreml lehnt das ab, da er Deutschland und andere westliche Staaten als Konfliktpartei betrachtet. Zudem drängt die Ukraine auf einen EU-Beitritt bereits im nächsten Jahr als Teil einer Sicherheitsgarantie. Kanzler Friedrich Merz hält eine EU-Mitgliedschaft jedoch nicht schon 2027 für realistisch.

Was passiert, wenn die Verhandlungen scheitern?

Eine weitere Eskalation im Ukraine-Krieg oder ein schneller russischer Durchbruch bleiben möglich. Ein Kollaps der Ukraine ist denkbar, erscheint nach vier Kriegsjahren und anhaltender westlicher Unterstützung jedoch weniger wahrscheinlich. Das Land baut seine Rüstungsindustrie aus, beschafft Drohnen und Raketen mit großer Reichweite und stärkt seine Luftwaffe mit westlichen Jets. "Das Ziel der Ukraine ist es, den Krieg für Russland sinnlos zu machen, indem sie territoriale Verluste minimiert, die russischen Verluste höher treibt, als Moskau neue Soldaten rekrutieren kann, und die wirtschaftlichen Kosten so erhöht, dass der Krieg untragbar wird", schreibt der US-Militärfachmann Michael Kofman in "Foreign Affairs".

Eine Niederlage der Ukraine will in Europa niemand akzeptieren, auch aus Sorge, Russland könnte sich zu Angriffen auf Nato-Staaten ermutigt fühlen. Kremlchef Putin wies das als "Blödsinn" zurück. Kanzler Merz bekräftigte zugleich, die Unterstützung für die Ukraine werde fortgesetzt - solange es erforderlich sei, koste es, was es wolle. Moskau betont, seine Ziele im Ukraine-Krieg entweder diplomatisch oder militärisch zu erreichen. Vom Kreml sind kaum Kompromisse zu erwarten. Die Politologin Tatjana Stanowaja sieht keine Lösung, solange der Westen nicht auch russische Interessen einbezieht. Hauptursache der Aggression sei tiefes Misstrauen gegenüber dem Westen und die Überzeugung, dass Gegner Russlands Untergang wollten, schreibt sie zum Jahrestag für die Denkfabrik Carnegie. "Und solange diese Befürchtung da ist (und sie wird von den Eliten und der Gesellschaft gleichermaßen geteilt), wird der Krieg nicht enden."

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