Politik

Selenskyj drängt auf Sicherheitsgarantien: Stehen am Anfang vom Ende des Ukraine-Kriegs

Vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs fordert Präsident Wolodomir Selenskyj verbindliche Sicherheitsgarantien und einen klaren EU-Beitrittspfad für die Ukraine. Wird damit deutlich, dass ein stabiler Frieden nur unter festen politischen Bedingungen möglich ist?
01.03.2026 05:50
Lesezeit: 3 min

Selenskyj sieht strategischen Wendepunkt

Vier Jahre nach Beginn der russischen Großinvasion sieht der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj einen möglichen Wendepunkt. Im Gespräch mit der Financial Times erklärte er, man stehe am „Anfang vom Ende“ des größten Krieges in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg. Zugleich warnte er davor, voreilig von einem Durchbruch zu sprechen.

Moskau inszeniere Gesprächsbereitschaft, ohne tatsächlich zu substantiellen Zugeständnissen bereit zu sein. Russland teste gezielt die Geschlossenheit des Westens und versuche, die Verhandlungsposition Kiews zu schwächen. Der Kreml sende Signale nach Washington und streue Hinweise auf mögliche Abkommen, um politischen Spielraum zu gewinnen. US-Präsident Donald Trump forderte Selenskyj auf, den Druck auf Moskau deutlich zu erhöhen. Notwendig seien strengere Beschränkungen russischer Energieexporte, ein entschlossenes Vorgehen gegen die sogenannte Schattenflotte sowie ein konsequentes Unterbinden von Sanktionsumgehungen. Nur durch anhaltenden wirtschaftlichen Druck lasse sich die Verhandlungsdynamik verändern.

Milliardenofferte mit geopolitischem Kalkül

Nach Angaben Selenskyjs sollen russische Vertreter den USA ein Paket wirtschaftlicher Zusammenarbeit im Umfang von bis zu 12 Billionen US-Dollar angeboten haben. Ukrainische Geheimdienste gehen davon aus, dass darin auch Klauseln „zur Ukraine“ enthalten sind. Dabei soll es unter anderem um die Nutzung natürlicher Ressourcen in den besetzten Gebieten gehen. Aus Sicht Kiews versucht Moskau, wirtschaftliche Anreize mit geopolitischen Forderungen zu verknüpfen. Strategische Fragen würden in umfassendere Deals eingebettet, um politischen Einfluss zu sichern. Die Ukraine wertet dies als Versuch, zentrale Interessen des Landes in bilateralen Absprachen zu relativieren.

Spekulationen, der Krieg könne durch einen ukrainischen Verzicht auf den Donbass beendet werden, wies Selenskyj entschieden zurück. Er halte es für unrealistisch, anzunehmen, dass sich Russlands Forderungen auf diese Region beschränkten. „Russland ist Russland, und Sie wissen, dass man ihm nicht trauen kann“, sagte er. Wer glaube, territoriale Zugeständnisse führten automatisch zu dauerhaftem Frieden, unterschätze die strategischen Ziele des Kremls. Eine solche Annahme sei politisch kurzsichtig und sicherheitspolitisch riskant. Aus ukrainischer Sicht würde ein einseitiger Rückzug neue Begehrlichkeiten wecken, statt Stabilität zu schaffen.

Ohne Garantien kein stabiler Frieden

Im Zentrum seiner Argumentation steht die Forderung nach verbindlichen Sicherheitsgarantien des Westens. Ein bloßer Waffenstillstand reiche nicht aus, um den Konflikt nachhaltig zu beenden. Ohne klare Zusagen bestehe die Gefahr, dass Russland eine Feuerpause zur militärischen Regeneration nutze.

Ein späterer erneuter Angriff wäre aus seiner Sicht nicht ausgeschlossen. Nach seinen Angaben mobilisiert Moskau monatlich rund 40.000 Soldaten und verliert etwa 35.000. Russland benötige daher ebenso wie die Ukraine eine operative Pause. Zugleich betonte Selenskyj, Kiew werde eine Waffenruhe nicht zur Vorbereitung neuer Offensiven missbrauchen. Die Ukraine arbeite vielmehr daran, ihre Verteidigungsfähigkeit strukturell zu stärken und langfristig abzusichern. Ein stabiler Frieden setze verlässliche internationale Garantien voraus.

Ausbau der Rüstungsproduktion im Inland

Die heimische Verteidigungsindustrie wird nach seinen Worten deutlich ausgebaut. Genannt wurden unter anderem Marschflugkörper des Typs FP-5 Flamingo, die bereits russische Luftabwehrsysteme überwunden und Ziele tief im russischen Hinterland getroffen hätten. Die Ukraine beschleunige Entwicklung und Produktion moderner Waffensysteme.

Ziel sei es, die Abhängigkeit von externer Militärhilfe schrittweise zu reduzieren und eigene Kapazitäten auszubauen. Westliche Partner riefen Selenskyj dazu auf, die Produktion in der Ukraine finanziell zu unterstützen und Lizenzen zu vergeben. Eine stärkere industrielle Basis im eigenen Land sei Teil einer langfristigen Sicherheitsstrategie.

EU-Beitritt als politisches Signal

Selenskyj forderte die Europäische Union auf, einen konkreten Termin für den Beitritt der Ukraine festzulegen, möglichst bereits für das Jahr 2027. Ein klarer Zeitrahmen würde politische Planbarkeit schaffen und Investitionssicherheit erhöhen. Zugleich solle verhindert werden, dass Russland über Jahre hinweg indirekt Einfluss auf den Integrationsprozess nehmen könne.

Das Interview fällt in eine Phase neuer Spannungen mit Ungarn und der Slowakei. Hintergrund sind Probleme beim Transit russischen Öls durch die Pipeline Druschba, die über ukrainisches Gebiet verläuft. Nach Lieferunterbrechungen verschärften Budapest und Bratislava ihre Rhetorik. Ungarn drohte mit einem Veto gegen rund 90 Milliarden Euro an EU-Hilfen für die Ukraine. Die Slowakei stellte weitere Beitrittsgespräche infrage und verwies auf eigene energiepolitische Interessen. Damit bleibt die Energieabhängigkeit ein zentrales Druckmittel innerhalb der Europäischen Union.

Deutschlands Rolle in der europäischen Sicherheitsordnung

Die Aussagen Selenskyjs machen deutlich, dass Kiew ein mögliches Kriegsende nur im Rahmen belastbarer Sicherheits- und Integrationszusagen akzeptieren würde. Ein bloßes Einfrieren der Frontlinien gilt aus ukrainischer Sicht nicht als tragfähige Lösung. Die strategische Neuordnung Europas steht damit weiter zur Debatte.

Für Deutschland gewinnt diese Entwicklung zusätzliche Bedeutung. Als größte Volkswirtschaft der EU und wichtiger Unterstützer der Ukraine wird Berlin sowohl bei Sicherheitsgarantien als auch bei einem möglichen Beitrittspfad eine Schlüsselrolle übernehmen müssen. Die Entscheidungen in Brüssel und Berlin könnten damit maßgeblich für die künftige europäische Sicherheitsarchitektur sein.

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