Der aktuelle Krieg in der Ukraine, Russlands Militäroperationen in Afrika und die hybriden Aktionen des Putin-Regimes in anderen Teilen der Welt verleihen dem Jubiläum von Churchills Fulton-Rede, die am 5. März 1946 in Amerika widerhallte, besondere Relevanz. In diesem Zusammenhang haben die Deutschen Wirtschaftsnachrichten den in Berlin lebenden Militäranalysten und Historiker Alexander Gogun interviewt. Gogun veröffentlichte 2025 sein neuestes Buch „Der durchdachte Weltuntergang: Wie Stalin den Dritten Weltkrieg vorbereitete“. Die Monografie erschien inzwischen auch in Estland, wo sie im Parlament vorgestellt wurde, und in der Ukraine – nun erscheint das Buch auch auf Litauisch. Im Gespräch wurden die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den bewaffnetem Globalismus des Kremls Mitte des 20. Jahrhunderts und der aggressiven Expansion des heutigen autoritären Russlands erörtert.
DWN: Droht der Europäischen Union eine umfassende Invasion aus dem Osten? Carsten, Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr, erklärte im April 2025, Russland sei bis 2029 zu einem Angriff auf die NATO fähig. Vor einem Monat sagte Generalleutnant Gerald Funke, Chef des Unterstützungskommandos der Bundeswehr, dies könne sogar schon 2028 geschehen.
Alexander Gogun: Diesen Quatsch hören wir regelmäßig, mindestens seit Februar 2022. Erinnern wir uns: Im März 2024 schrieb die deutsche Online-Seite „Business Insider“ unter Berufung auf einen Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND), Russland sei schon 2026 kriegsbereit gegen die NATO. Wie wir sehen, trampelt die mächtige russische Armee weiterhin fleißig im Donbass, und auch Syrien hat sich inzwischen dem Einflussbereich des Kremls entzogen.
Ja, der Westen hätte Kiew stärker unterstützen können, doch die geleistete Hilfe ist enorm, obwohl die Ukraine weder Mitglied der NATO noch der Europäischen Union ist. Offensichtlich wäre die gemeinsame Reaktion des Westens auf einen Angriff auf einen Bündnispartner weitaus massiver und wirkungsvoller als die derzeitige Unterstützung für einen wichtigen demokratischen Verbündeten, der allerdings doch kein NATO-Mitglied ist.
Russland hat 140 Millionen Einwohner, die Ukraine derzeit 30 Millionen, und selbst dieses Land liegt jetzt jenseits der Kapazitäten von Putins Militärmaschinerie. Die Europäische Union hat 450 Millionen Einwohner, die NATO-Staaten hingegen eine Milliarde. Selbst der Kreml beherrscht die Grundlagen der Arithmetik.
Vergleicht man das Wirtschaftspotenzial Russlands mit dem des Westens, so sind die Zahlen schlichtweg nicht vergleichbar. EU-Länder von Finnland über Estland bis Portugal können beruhigt schlafen.
DWN: Mit anderen Worten: Der Kreml möchte Europa destabilisieren, hat aber nicht die nötige Stärke?
Hybride Angriffe dauern an, und es ist möglich, dass politische Attentate, Terroranschläge, Sabotageakte und Provokationen an den Grenzen noch häufiger werden.
Ein umfassender militärischer Konflikt ist jedoch unmöglich. Putin hat bereits Schwierigkeiten, sogar Söldner zu rekrutieren, und die Teilmobilmachung hat dazu geführt, dass Reservisten ins Ausland geflohen sind. Die russische Wirtschaft leidet derzeit unter Arbeitskräftemangel. Und wie kann die Regierung Soldaten und Offiziere davon überzeugen, nicht die kleine Ukraine, sondern einen weit überlegenen Feind anzugreifen?
Obwohl die Menschheit heute reicher ist als vor hundert Jahren, sind unsere materiellen Reserven begrenzt; niemand hat derzeit die Bestände für einen Weltkrieg. Sogar wenn nur Russland und die Ukraine im Krieg sind, befindet sich die ganze Welt bereits in Aufruhr – die Lebensmittel- und Energiepreise steigen rasant, und die Immobilienpreise in der Europäischen Union sind nach oben gesprungen. Und der gemeinsame Anteil dieser beiden Länder am globalen BIP beträgt lediglich 2 Prozent. Und wenn nicht 2 Prozent, sondern 20 Prozent der Weltwirtschaft oder gar mehr untereinander Krieg führen würden, würde dies einen totalen Zusammenbruch und Chaos bedeuten – etwas, das dem Kreml klar sein muss. Jeder Akt der Aggression wird dort sorgfältig nach Petrodollars, Einnahmen und Ausgaben abgewogen.
Und zu meinem Forschungsthema: Ein globaler Atomkrieg war in den 1950er-Jahren möglich, als die Flugzeuge das primäre Trägersystem waren. Das bedeutet, dass Atombomben nicht so furchteinflößend waren, wenn jemand eine effektive Luftverteidigung hatte. Doch das Raketenzeitalter begann in den 1960er-Jahren, und bis heute gilt das Spiegelprinzip der gegenseitigen Vernichtung der Atommächte: wer zuerst schießt, stirbt als Zweiter. Es ist nicht einmal ein Pyrrhussieg. Weder Putin noch Xi Jinping wollen so etwas.
DWN: Könnte man sagen, Putin möchte die Sowjetunion oder das Russische Reich wiederherstellen?
Nein, obwohl mit solch romantischem Geschwätz narrt dieser kaltherzige Betrüger seine eigenen Wähler und versucht, ausländische Experten und Politiker in die Irre zu führen. Warum hat er dann nicht Kasachstan erobert? Schließlich ist es erstens ein attraktiveres Rohstoffziel als die Ukraine; zweitens militärisch leichter zu besiegen; drittens hätte der Westen sich nicht so für dieses Land eingesetzt wie für Kiew. Nein, für das gegenwärtige Regime im Kreml ist die ukrainische Demokratie ein natürlicher Todfeind, deren bloße Existenz die benachbarte Diktatur langsam zersetzt. Sie ist wie Russland ein ostslawisches Land, in dem die Mehrheit orthodox ist, und zudem spricht ein bedeutender Teil der Bevölkerung Russisch, und jeder versteht es. Wenn es ihnen gelingt, dort einen freien Staat aufzubauen, könnten die Russen fragen: Sind wir schlechter? Deshalb ärgert die Demokratie in Estland, Lettland und Litauen Putins Clique weit weniger als die Freiheit in Kiew, Georgien oder Moldau. All diese Länder, wie beispielsweise auch Kasachstan, sehen sich der Gefahr einer russischen Invasion ausgesetzt, sollte es dort zu einer demokratischen Revolution kommen und russische Oppositionelle im Exil von dort beginnen, Putins Regime aus zu verunglimpfen. Mit anderen Worten: Der russische Autoritarismus stellt mittelfristig eine militärische Bedrohung dar, nicht für den gesamten postsowjetischen Raum, aber für einen Großteil davon. Aber die Teile des ehemaligen Russischen Reiches – Finnland, Polen oder Alaska – müssen hingegen keine Invasion durch Panzerverbände oder Fallschirmspringer befürchten.
DWN: Was macht Sie in Ihrer Einschätzung so sicher? Ist Putin also weniger gefährlich als Stalin?
Das ist nur auf den ersten Blick so. Ja, in Russland gibt es heute keinen Gulag mehr, die Regierung mordet nicht Millionen Menschen mit dem Hunger, der russische militärisch-industrielle Komplex produziert keine Berge von chemischen und biologischen Waffen – nur noch ein bisschen Gifte – und der Kreml plant weder ein globales Massaker noch die Versklavung der Erde.
Doch trotz des Epochenwechsels ist Putins Regime nicht weniger zerstörerisch als Stalins. In einer Zeit, in der die Umweltkrise und die globale Erwärmung den Planeten an den Rand des Abgrunds gebracht haben, verschärft der Kreml die Situation nur noch. Indem Moskau in der Ukraine und in Afrika Blut vergießt und Terrorismus indirekt oder sogar direkt fördert, untergräbt es die fragile globale Stabilität. Anstatt die Anstrengungen zum Schutz der Biosphäre zu bündeln, schürt die russische Propaganda über ihr Trollnetzwerk Zwietracht in verschiedenen Ländern. Währenddessen verfolgt die russische Diplomatie, die sich hinter Parolen einer multipolaren Welt versteckt, in Wirklichkeit das uralte Prinzip „Teile und herrsche“ – und lenkt so von Russland als Hauptverursacher globaler Destabilisierung ab.
Ein Tankstellenland will Russland auch weiterhin bleiben; die Kohleproduktion in Nordeurasien ist konstant hoch, daher nutzt der Kreml internationale Konflikte, um die Treibstoffpreise in die Höhe zu treiben und behindert mit verschiedenen Tricks die Entwicklung erneuerbarer Energien. Doch mit dem Feuer zu spielen, führt nicht nur in den sibirischen Wäldern zu Bränden.
Putin ist, wie Stalin, ein zynischer und berechnender Globalist. Wo immer er hinkommt, versucht er, durch die Geheimdienste und mitunter durch „Soft Power“ – Propaganda, die angesichts wachsender autoritärer Tendenzen oft auf fruchtbaren Boden fällt – Einfluss zu nehmen und Schaden anzurichten.
Wo immer sie vordringen, zertreten russische Soldaten die Saat der Demokratie mit ihren Stiefeln. Die astronomischen Summen, die Regierungen weltweit derzeit in die Ausrüstung von Armeen und Geheimdiensten investieren, könnten genutzt werden, um den Planeten zu begrünen und zu säubern oder, ehrlich gesagt, die Erde zu retten.
DWN: Sehen Sie irgendeine Aussicht auf Etablierung einer wirklichen Demokratie in Russland?
Leider ist in naher Zukunft keine Protestwelle aus Russland selbst zu erwarten. Der Krieg in der Ukraine wurde begonnen, um einer Revolution in Moskau zuvorzukommen – und die Machthaber haben ihr Ziel erreicht. Die Opposition wurde teilweise vertrieben, einige eingeschüchtert, andere angeworben und wieder andere getötet.
Es ist dazu nicht so, als sei die Strategie des Kremls gegenüber dem Westen gescheitert. Aufgrund nuklearer Erpressung und Drohgebärden haben weder die EU noch Nordamerika oder Australien jemals eine Linie gehabt, das Putin-Regime zu stürzen.
Im März 2011 erklärte die damalige US-Außenministerin Hillary Clinton, Amerika verliere den globalen Informationskrieg, auch gegen Russland. Die Aufklärungsbemühungen des Westens an Russland haben sich seither kaum verändert; selbst der Februar 2022 markierte keinen Wendepunkt. Der Kreml agiert weiterhin in vielerlei Hinsicht aktiv und proaktiv auf der Weltbühne, während der Westen reaktiv, weitgehend passiv und defensiv bleibt und nicht einmal zum Gegenangriff oder einer Konterattacke übergeht.
DWN: Ist die Lage wirklich so ernst? Wird Putin oder wird sein Nachfolger weiterhin die Weltordnung zerstören – Wind säen, um Sturm zu ernten?
Viele Europäer konzentrieren sich übermäßig auf den Kreml, doch Russland selbst ist von begrenzter Bedeutung. Wirtschaftlich gesehen ist es in erster Linie ein Rohstofflieferant, politisch ist das Putin-Regime quasi der jüngere Bruder der Kommunisten in China. Und die russische Kultur und Wissenschaft befinden sich in einem wahrhaft beklagenswerten Zustand.
Höchstwahrscheinlich wird Chinas Wende zum Vorboten und Anstoß für eine russische Revolution und weitere in den Nachbarländern werden. Erstens ist das Regierungssystem in China weitaus starrer und unflexibler als der Putinismus. Es ist totalitär, die Kommunistische Partei hat ein Monopol, es gibt keine Wahlen, das Internet wird vollständig kontrolliert, man baut dort dazu ein digitales Irrenhaus. Zweitens verfügt China über deutlich weniger Bodenschätze als Russland, und pro Kopf sogar um ein Vielfaches weniger. Man kann sie nicht endlos verschwenden, ohne über eine transparente und effektive Bewirtschaftung nachzudenken. Drittens spielt auch die chinesische Mentalität eine wichtige Rolle, wie die Beispiele der beiden benachbarten chinesischen Staaten Taiwan und Singapur zeigen. Beide dieser fortgeschrittenen Länder sind von Chinesen bewohnt. Sie leben gerade wegen ihrer Demokratie im Luxus. Und das wohlhabende Hongkong, dessen Bewohner an Freiheit gewöhnt sind, könnte sich im Zuge seiner schrittweisen Integration in den roten Riesen zu einem teuren trojanischen Pferd für die Kommunisten entwickeln.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten Chinas, die derzeit allgemein bekannt sind, sind keine Krise in China, sondern eine Krise der Volksrepublik Chinas selbst. Eine Spirale, die unweigerlich im Zusammenbruch enden wird, und ein Wind des Wandels, oder besser gesagt ein Orkan, wird die benachbarten Diktaturen wie ein Dominoeffekt hinwegfegen.
DWN: Ihr Stalin-Buch wurde in Leipzig auf Russisch veröffentlicht. Planen Sie eine deutsche Übersetzung?
Ich träume davon, es auf Deutsch und in allen wichtigen Sprachen zu veröffentlichen, in denen es noch nicht erschienen ist. Allein sein universelles Thema wird Leser überall seinen Bann ziehen. Ein globaler Atomkrieg und der Versuch, auf radioaktiven Trümmern einen globalen Gulag zu errichten – das kann wohl niemanden kalt lassen. Die Quellen dieses Werkes stammen aus 36 Archiven in elf Ländern, darunter Russland, wo ich von ferne den Assistenten engagiert habe, und umfassen ein Dutzend Sprachen. Soll jemand also Lektoren in Verlagen kennen, kontaktieren Sie mich bitte, damit wir die Details besprechen können. Dieses Buch ist gerade jetzt von größter Bedeutung. Wenn die Kanonen donnern, müssen die Musen dröhnen.

