Anleihen kaufen: Bonds sind keine Selbstläufer im Portfolio
In den vergangenen Wochen wurde viel über Anleihen gesprochen. Bisher lag der Fokus ausschließlich auf Aktien, während Schuldpapiere kaum Beachtung fanden. Die jüngsten Turbulenzen an den Märkten führen jedoch zu einem Umdenken. Der Wunsch wächst, das Portfolio zu stabilisieren und stärker abzusichern. Ein Kollege aus Estland hat bereits eine Anleihe einer lokalen Bank erworben. Das weckt Interesse an den grundlegenden Mechanismen dieser Anlageklasse. Eine Investitionsentscheidung steht jedoch noch aus.
Da sich die Zinssätze bei Banken nur langsam anpassen, bietet der Anleihemarkt derzeit Chancen im Kampf gegen Inflation. Dennoch ist es entscheidend zu verstehen, dass eine Anleihe kein klassischer sicherer Hafen ist. Sie ist ein Finanzinstrument mit klar definierten Regeln.
Die zentrale Frage lautet nicht, wie hoch die Rendite ist. Entscheidend ist, ob der Emittent das investierte Kapital wie vereinbart zurückzahlen kann. Damit rückt die Bonität des Schuldners in den Mittelpunkt. Anleger können sich dabei an den Bewertungen internationaler Ratingagenturen orientieren.
Diese drei Kennzahlen bestimmen Ihre Rendite beim Anleihehandel
Bei jeder Anleihe gibt es drei zentrale Größen, die über den Ertrag entscheiden.
- Nominalwert: Der Betrag, den Anleger investieren, beispielsweise 1000 Euro. Dieser Betrag wird zum Laufzeitende zurückgezahlt.
- Zinssatz oder Kupon: Die jährliche Verzinsung. Diese kann fest sein, etwa 3 Prozent, oder null Prozent betragen, wie bei bestimmten Anleihen, bei denen der Gewinn anders entsteht.
- Marktrendite: Der aktuelle Preis für Geld am Markt. Veränderungen in der globalen Wirtschaft beeinflussen diese Kennzahl und damit direkt den Kurs der Anleihe. Geopolitische Entwicklungen, makroökonomische Trends und Bonitätsveränderungen spielen hierbei eine zentrale Rolle.
Anleihen kaufen: Worauf Sie bei Zinsen und Anleihekursen achten müssen
Die wichtigste Regel am Anleihemarkt ist einfach. Steigen die Marktzinsen, fallen die Kurse bestehender Anleihen. Der Grund liegt auf der Hand. Anleger bevorzugen neue Anleihen mit höheren Zinsen gegenüber älteren Papieren mit niedrigeren Kupons.
- Kurzfristige Anleihen mit Laufzeiten bis zu drei Jahren verhalten sich stabil. Ihre Kurse schwanken nur gering, da die Rückzahlung nahe ist und viele Anleger sie bis zur Fälligkeit halten.
- Langfristige Anleihen mit Laufzeiten über zehn Jahren reagieren deutlich empfindlicher auf Zinsänderungen. Hier können schon kleine Zinsbewegungen starke Kursschwankungen auslösen.
Ein Beispiel liefert eine österreichische 100-jährige Anleihe mit Laufzeit bis 2117 und einem Kupon von 2,1 Prozent. Nach der Emission im Jahr 2017 verlief die Entwicklung zunächst stabil. Während der Pandemie führte die expansive Geldpolitik zu extrem niedrigen Zinsen. Der Kurs der Anleihe stieg auf über 200 Prozent des Nominalwerts.
Mit dem Anstieg der Inflation folgte die Gegenbewegung. Zentralbanken erhöhten die Zinsen. Der Markt verlangte höhere Renditen. Da die Anleihe nur 2,1 Prozent bot, fiel ihr Kurs auf unter 70 Prozent des Nominalwerts. Das entspricht einem Kursverlust von mehr als 70 Prozent.
Anleihenhandel: Warum sind die Profitabilitäten in letzter Zeit gestiegen?
Die jüngsten Entwicklungen zeigen, warum die Renditen zuletzt gestiegen sind. Der Markt erwartet anhaltend hohe Inflation. Zentralbanken werden daher ihre Zinspolitik nicht schnell lockern. Für neue Anleger ergibt sich daraus eine Chance. Anleihen können aktuell zu niedrigeren Kursen mit höheren Renditen erworben werden.
Besonders auffällig ist die sogenannte inverse Zinsstrukturkurve. Kurzfristige Anleihen werfen derzeit oft höhere Renditen ab als langfristige. Das deutet auf erwartete wirtschaftliche Abschwächung oder Rezession hin. Anleger können diese Situation nutzen, um für kurze Laufzeiten attraktive Renditen zu sichern. Ein weiterer Aspekt ist die steuerliche Behandlung bestimmter Staatsanleihen. Beim Kauf unter dem Nominalwert entsteht ein Gewinn bei Rückzahlung. In einigen Fällen bleibt dieser steuerfrei, sofern keine laufenden Zinszahlungen erfolgen. Das kann die effektive Rendite deutlich erhöhen.
Deutschland profitiert von Chancen und trägt Risiken zugleich
Für Deutschland ist der Anleihemarkt von zentraler Bedeutung. Als größte Volkswirtschaft Europas ist das Land eng mit den Kapitalmärkten verflochten. Steigende Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten für Staat und Unternehmen. Gleichzeitig bieten sich für Anleger neue Möglichkeiten zur Stabilisierung ihrer Portfolios. Besonders in unsicheren Zeiten gewinnen Anleihen als Instrument zur Risikosteuerung an Bedeutung.
Anleihen sind keine risikolosen Anlagen, bieten aber in einem Umfeld steigender Zinsen neue Chancen. Wer die Mechanismen versteht und gezielt auswählt, kann von attraktiven Renditen profitieren und sein Portfolio stabilisieren. Entscheidend bleiben Bonität, Laufzeit und das makroökonomische Umfeld.
