Politik

Umstrittener Staatsbesuch: Syrischer Präsident zu Gesprächen in Berlin

Nach der Verschiebung im Januar wird der Besuch des syrischen Präsidenten nun unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen nachgeholt. Während Bundespräsident Steinmeier und Kanzler Merz auf diplomatische Annäherung setzen, formiert sich in der Hauptstadt lautstarker Protest. Das Treffen gilt als politischer Drahtseilakt, bei dem für Merz vor allem zwei richtungsweisende Themen auf der Agenda stehen.
30.03.2026 10:11
Aktualisiert: 30.03.2026 10:11
Lesezeit: 2 min

Rückkehrfragen und Wiederaufbau im Fokus

Begleitet von Protesten besucht der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa erstmals Deutschland. Im Mittelpunkt seines Gesprächs mit Bundeskanzler Friedrich Merz am Nachmittag dürfte die Rückführung syrischer Flüchtlinge in ihre Heimat und der Wiederaufbau des in jahrelangem Bürgerkrieg schwer zerstörten Landes stehen.

Der 43-jährige al-Scharaa war früher Anführer der Islamistenmiliz HTS, die Ende 2024 den Langzeitherrscher Baschar al-Assad stürzte. Heute sucht er mit seiner Regierung Anschluss an den Westen. In Berlin wird er auch von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen und nimmt an einem Runden Tisch mit Unternehmern teil.

Es sind mehrere Demonstrationen gegen den Besuch mit Tausenden Teilnehmern angemeldet. Die Kurdische Gemeinde Deutschland (KGD) fordert Merz auf, bei dem Besuch verbindliche Zusagen zum Schutz von Minderheiten einzufordern. Sie wirft al-Scharaa Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen vor.

Einladung erfolgte bereits im November

Merz hatte den Übergangspräsidenten bereits im November nach Deutschland eingeladen - vor allem um über die Rückführung syrischer Flüchtlinge zu sprechen. Im Januar wurde der bereits fest geplante Besuch wegen einer neuen Eskalation der Gewalt in Syrien verschoben.

Die politische und sicherheitspolitische Lage in Syrien ist mehr als ein Jahr nach dem Sturz Assads weiterhin fragil. Es kam seitdem zu mehreren Gewaltwellen bei denen Hunderte Menschen getötet wurden. Es gab Gefechte mit Minderheiten wie den Drusen im Süden oder den Alawiten an der Küste. Anfang des Jahres kam es zu schweren Kämpfen zwischen Regierungstruppen und kurdisch dominierten Kräften im Norden des Landes. Fachleute warnen auch vor einem Wiedererstarken der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS).

Große Zerstörung, viel Armut und schwache Wirtschaft

Besonders die von der einstigen Opposition gehaltenen Gebiete sind noch immer stark zerstört. In vielen großen Städten liegen ganze Viertel in Trümmern. Ein Leben ist dort kaum möglich.

Die Kosten für den Wiederaufbau liegen nach Schätzungen der Weltbank bei 216 Milliarden US-Dollar (185,3 Mrd. Euro). Nach UN-Angaben leben 90 Prozent der Bevölkerung in Armut und etwa 70 Prozent sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Große Teile der Industrie, Landwirtschaft und Infrastruktur sind zerstört, die Arbeitslosigkeit ist weiterhin hoch.

Al-Scharaa hat sich bereits mehrfach positiv zur Rückkehr von syrischen Geflüchteten aus dem Ausland geäußert. Er sieht sie als Teil des Wiederaufbau- und Stabilisierungsprozesses Syriens. In Deutschland hielten sich Ende November noch gut 940.000 Syrerinnen und Syrer auf.

Anschluss an internationale Gemeinschaft

Der syrische Übergangspräsident gibt sich heute moderat und hat sich nach eigenen Aussagen von seiner dschihadistischen Vergangenheit gelöst. Als junger Mann kämpfte er noch an der Seite der Terrororganisation Al-Kaida gegen US-Truppen im Irak. Im syrischen Bürgerkrieg wurde er dann zum islamistischen Anführer gegen die Assad-Regierung, den Islamischen Staat und andere Rebellengruppen.

Seit seinem Amtsantritt als Interimspräsident Ende Januar vergangenen Jahres arbeitet al-Scharaa daran, wieder an die internationale Gemeinschaft anzuschließen. Wegen des brutalen Bürgerkriegs, bei dem schätzungsweise 500.000 Menschen getötet wurden, war Syrien bis zum Umbruch weitestgehend von der internationalen Staatengemeinschaft ausgeschlossen.

Al-Scharaa war auch schon im Weißen Haus

Die Übergangsregierung kann bereits einige Erfolge verbuchen: Schwere Sanktionen sowohl der USA als auch der EU wurden aufgehoben und haben den Weg für dringend benötigte internationale Investitionen bereitet. Al-Scharaa wurde bereits von zahlreichen Staats- und Regierungschefs empfangen: Er war unter anderem beim französischen Präsidenten Emmanuel Macron in Paris und war als erster syrischer Präsident überhaupt im Weißen Haus, wo er von Präsident Donald Trump empfangen wurde. Anfang März waren auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa zu Besuch in Damaskus.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bald treffen die Giganten aufeinander: Die Wette auf Indien könnte lukrativer sein als die auf China
18.10.2026

Wenn nur zehn Prozent der Inder, die heute kein Auto besitzen, in den kommenden Jahrzehnten Eigentümer eines Neuwagens würden, sprächen...

DWN
Politik
Politik Regierungsbildung in Berlin: Das planen Linke, Grüne und SPD für die Hauptstadt
17.10.2026

"Mehr gemeinsam, mehr Berlin": Das Sondierungspapier von Linke, Grünen und SPD umfasst inklusive Anlagen etwa 30 Seiten. So wollen die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deal mit Nvidia: Bundesregierung plant Kooperation mit US-Chiphersteller
17.10.2026

Deutschland will die Lücke beim Einsatz künstlicher Intelligenz in der Industrie schließen. Viele deutsche KMU hinken bei der digitalen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
17.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ausweg aus russischen Rohstoffen? „Eine Alternative gibt es, aber sie könnte uns nicht gefallen“
17.10.2026

Wie Deutschland und viele weitere EU-Staaten will auch Estland seine Abhängigkeit von russischen Rohstoffen reduzieren oder sogar beenden....

DWN
Technologie
Technologie Datenleck nach Cyberangriff bei Autohaus-Software: Betrugsversuche befürchtet
17.10.2026

Autokäufer könnten sich nun Betrugsversuchen gegenübersehen, die besonders schwierig zu erkennen sind. Vor allem Häuser mit Marken...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank-Vorstand warnt: Risiko einer Schuldenkrise in Europa deutlich gestiegen
17.10.2026

Michael Theurer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, sieht in der jüngsten Verkaufswelle an den europäischen Anleihemärkten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Konflikte im Büro: So gehen Sie mit schwierigen Kollegen um
17.10.2026

Den schwierigen Kollegen wird man selten vollständig los. Doch man kann lernen, besser mit ihm umzugehen und sich selbst viel Ärger zu...