Minsk wirbt für die Öffnung europäischer Transitwege für Dünger
Der Besuch von Qu Dongyu, dem Generaldirektor der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), in Belarus hat nach Einschätzung lokaler Beobachter ein klares Ziel. Das Nachrichtenportal Verslo Zinios beruchtet unter Berufung auf belmarket.by, dass der FAO-Chef zu einer Schlüsselfigur werden könnte, um die für belarussische Düngemittel gesperrten Grenzen der baltischen Staaten und Polens wieder zu öffnen.
Zwar haben die USA ihre Sanktionen gegen belarussische Kalidünger aufgehoben. Der Zugang zum amerikanischen Markt bleibt jedoch schwierig, solange der Transport über die Häfen der baltischen Staaten und Polens blockiert ist.
Der belarussische Machthaber Alexander Lukaschenko betonte bei einem Treffen mit dem FAO-Chef die Bedeutung seines Landes für die weltweite Düngemittelversorgung.
„Sie müssen wissen, dass wir bereit sind, zur Versorgung der Verbraucher weltweit mit Mineraldüngern beizutragen. Rund 20 Prozent aller Mineraldünger werden in Belarus produziert. Jeder Versuch, Belarus vom globalen Düngemittelmarkt auszuschließen, schadet der Ernährungssicherheit weltweit“, erklärte Lukaschenko laut der Nachrichtenagentur Belta.
Dabei warb er für eine gemeinsame Front gegen die Europäische Union und andere Staaten, die den Zugang belarussischer Düngemittel zum Weltmarkt weiterhin einschränken.
Russische Oligarchen mischen im Düngergeschäft mit
Inzwischen haben sich auch einflussreiche Wirtschaftsakteure in die Debatte eingeschaltet. Auf Wunsch Lukaschenkos reiste vergangene Woche der russische Oligarch Dmitri Masepin nach Minsk. Der Unternehmer gilt als einer der wichtigsten Akteure der russischen Kalidüngerindustrie und steht auf den Sanktionslisten der Europäischen Union.
Beobachter gehen davon aus, dass Masepin nicht nur in Belarus geboren wurde, sondern möglicherweise auch die belarussische Staatsbürgerschaft besitzt. Zudem kontrolliert er ein Terminal im lettischen Ventspils, das künftig für den Transit belarussischer Düngemittel genutzt werden könnte.
Für eine Umsetzung wäre jedoch die Zustimmung Lettlands erforderlich. Die Regierung in Riga signalisiert bislang keinerlei Bereitschaft, ihre Haltung zu ändern.
Lukaschenko erklärte, wohlhabende Unternehmer sollten ihrer Heimat dienen. Deshalb wolle man gemeinsam Möglichkeiten einer vertieften Zusammenarbeit prüfen. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Belta standen internationale Projekte im Düngemittelsektor im Mittelpunkt der Gespräche.
Masepin selbst betonte nach dem Treffen, er sei weiterhin Anteilseigner des russischen Düngemittelkonzerns Uralkali. Auch wenn er das Unternehmen nicht direkt leite, seien die Interessen von Uralkali, Belaruskalij und der gesamten Branche für ihn von großer Bedeutung.
USA lockern Sanktionen, Europa bleibt hart
Die wirtschaftlichen Interessen hinter dem Geschäft sind recht interessant. Die lettische Düngemittelgroßhändlerin Uralchem Trading, deren wirtschaftlicher Eigentümer Masepin ist, erzielte im vergangenen Jahr einen Gewinn von 23 Millionen Euro bei einem Umsatz von 1,4 Millionen Euro. Das geht aus Daten des Unternehmensregisterportals Firmas.lv hervor.
Laut dem lettischen Portal tv3.lv wurden im vergangenen Jahr vor allem verbliebene Lagerbestände verkauft. In den beiden Jahren zuvor fanden praktisch keine Verkäufe statt, nachdem die Eigentümergesellschaft Havenport Investments Limited mit Sitz in Zypern beschlossen hatte, die Geschäftstätigkeit schrittweise einzustellen.
Neue Perspektiven eröffneten sich nach Gesprächen zwischen dem US-Sondergesandten John Cole und Lukaschenko am 19. März in Minsk. Anschließend erklärte Cole, dass Belaruskalij und dessen Vertriebspartner Belarusian Potash Company von allen durch die USA verhängten Sanktionen gestrichen worden seien.
Anders verhält es sich in Europa. Die Sanktionen der Europäischen Union gegen Belarus bleiben mindestens bis Ende 2027 in Kraft. Litauen hat bereits deutlich gemacht, dass es den Transit belarussischer Düngemittel über sein Territorium nicht wieder aufnehmen wird.
Der Kampf um Europas Häfen beginnt
Belarus gehört zu den weltweit wichtigsten Produzenten von Kalidüngern und spielte vor den Sanktionen eine zentrale Rolle auf dem globalen Düngemittelmarkt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine haben die baltischen Staaten ihre Häfen und Transportwege für belarussische Produkte weitgehend geschlossen. Während Minsk und seine Unterstützer argumentieren, dass dies die globale Ernährungssicherheit gefährde, sehen viele EU-Staaten die Düngemittelbranche als wichtige Einnahmequelle des Lukaschenko-Regimes. Die unterschiedlichen Positionen zwischen den USA und der Europäischen Union könnten den Streit über die künftige Sanktionspolitik zusätzlich verschärfen.
