Panorama

Gewalt von Linken und Rechten nimmt zu

Die Erhebung politisch motivierter Straftaten gilt als eine Art Fiebermessung für die deutsche Gesellschaft. Ein Blick auf die Statistik für 2025 zeigt: Die Temperatur steigt.
10.06.2026 06:01
Lesezeit: 3 min
Gewalt von Linken und Rechten nimmt zu
Die Zahl politisch motivierter Straftaten wächst weiter. Experten sehen Polarisierung und soziale Medien als wichtige Treiber. (Bild: ChatGPT)

Immer mehr Extremismus: Gewalt erreicht Rekordniveau

Die politisch motivierte Kriminalität hat im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht. Die Polizei registrierte bundesweit 85.837 Straftaten mit politischem Hintergrund – knapp zwei Prozent mehr als 2024. Insgesamt stieg auch die Zahl der politisch motivierten Gewalttaten leicht an. Der größte Teil entfiel dabei auf Täter aus dem rechten Spektrum.

Rechte dominieren: Linke Gewalt nimmt deutlich zu

Den Angaben zufolge geht die Polizei bei 1.598 von insgesamt 4.156 politisch motivierten Gewaltstraftaten von einem rechten Motiv aus. Während die Zahl rechter Gewalttaten demnach um knapp 7,4 Prozent zunahm und bei den links motivierten Gewalttaten ein Anstieg um knapp 43 Prozent auf 1.087 Gewaltdelikte zu beobachten war, sank die Zahl der mutmaßlich aus ausländischen Ideologien gespeisten Gewaltdelikte um knapp 28 Prozent auf 704 Gewalttaten.

Auch bei den Gewalttaten, die mutmaßlich politisch motiviert waren, sich aber keinem der gängigen Phänomenbereiche zuordnen ließen, zeigte sich ein Rückgang – um knapp 16 Prozent auf 669 Gewalttaten. Mit einem Plus von knapp 13 Prozent fiel der Anstieg bei religiös motivierten Gewalttaten zwar spürbar aus. Mit 98 entsprechenden Straftaten blieb ihr Anteil an den politisch motivierten Gewalttaten insgesamt jedoch vergleichsweise klein.

Vorjahreswert: Politische Straftaten auf Rekordniveau

Im Jahr 2024 waren mehr als 84.000 politisch motivierte Straftaten festgestellt worden – so viele wie nie zuvor. Rund jede zweite dieser Taten ordnete die Polizei damals dem rechten Spektrum zu.

Eine Maßnahme, auf die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt setzt, ist eine härtere Bestrafung von Gewalttaten gegen Einsatzkräfte der Polizei. "Ich glaube an die abschreckende Wirkung des Strafrechts", sagt der CSU-Politiker. Dazu stimme er sich aktuell mit Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) ab. Ihm gehe es darum, ein deutliches Signal zu setzen, dass Gewalt gegen Einsatzkräfte nicht toleriert würde.

Mehr frauenfeindlich motivierte Straftaten

Untersucht hat die Polizei auch die Entwicklung der Straftaten, die als Hasskriminalität gelten. Darunter versteht sie politisch motivierte Straftaten, bei denen Anhaltspunkte vorliegen, dass Vorurteile des Täters – etwa gegen Menschen bestimmter Nationalitäten oder Religionen – eine Rolle spielen. Knapp 19.500 Straftaten rechnete die Polizei 2025 der "fremdenfeindlichen Hasskriminalität" zu – etwa so viele wie im Vorjahr.

Bei den als antisemitisch eingestuften Hassdelikten stellte sie einen Anstieg um fünf Prozent auf 6.548 Straftaten fest. Einen deutlichen Zuwachs gab es bei den frauenfeindlichen Straftaten. 819 solcher Taten wurden im vergangenen Jahr von den Polizeibehörden an das Bundeskriminalamt (BKA) gemeldet, knapp 47 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Erklärungsversuche für die Entwicklung

Die Ursachen dafür, dass sich die Zahl politisch motivierter Straftaten in den vergangenen zehn Jahren in etwa verdoppelt hat, seien vielschichtig, sagt der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch. "Wir sehen eine zunehmende Polarisierung, und das kann zu einer Radikalisierung führen" – in einigen Fällen auch zu Gewalt.

Ein weiterer Faktor sei der Einfluss extremistischer Propaganda, vor allem in sozialen Medien. Gleichzeitig gelte: "Internationale Konfliktlagen emotionalisieren auch in Deutschland." So stehe fast die Hälfte der 2025 festgestellten antisemitischen Hasskriminalität im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt.

Die Zunahme der frauenfeindlichen politisch motivierten Straftaten gehe teilweise auf ein verändertes Männerbild zurück, sagt Münch – ein klassischeres Männerbild, zu dem gehöre, "dass man auch eher Gewalt anwendet". Dies werde teilweise durch entsprechende Veröffentlichungen in sozialen Netzwerken angetrieben.

In einer BKA-Analyse heißt es: "Frauenfeindliche Inhalte werden online auch durch Spielinhalte und Referenzen auf Videospiele verbreitet." Frauenfeindlichkeit diene zudem als "anschlussfähiger Türöffner beziehungsweise Wegbereiter in den politischen Extremismus". Die Grünen-Innenexpertin Irene Mihalic verweist auf Gemeinsamkeiten zwischen Islamisten und Rechtsextremen – eine davon sei "der Hass auf Frauen, die ihre rückschrittlichen Weltbilder nicht teilen".

Linksextremismus: Kritik an der Bekämpfung

Besorgniserregend findet Mihalic den deutlichen Anstieg mutmaßlich links motivierter Straftaten. Sie sagt – auch mit Blick auf jüngste Anschläge auf die Stromversorgung: "Es klafft eine gewaltige Lücke zwischen der politischen Lautstärke gegenüber dem Linksextremismus und der Erfolglosigkeit bei dessen Bekämpfung."

Unionsfraktionsvize Günter Krings (CDU) sagt: "Es ist nicht zu akzeptieren, dass wir in unserem Land den Algorithmen amerikanischer und chinesischer Plattformen ausgeliefert sind, die daran verdienen, wenn schon unsere Kinder mit hetzerischen Inhalten aufgestachelt werden." Die Antwort seien klare gesetzliche Altersbeschränkungen für Social Media und effektive Filter gegen extreme Inhalte. Plattformen, die bei der Einhaltung entsprechender Gesetze nicht kooperierten, seien keine zuverlässigen Marktteilnehmer mehr und könnten folglich in Deutschland nicht mehr geschäftlich tätig sein.

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