Finanzen

Euro-Stablecoins: Wie Europa die Kontrolle über seine Währung verlieren könnte

Der Euro ist die zweitwichtigste Währung der Welt, doch in der digitalen Finanzwelt spielt er bislang kaum eine Rolle. Während nahezu alle Stablecoins an den US-Dollar gekoppelt sind, droht Europa bei tokenisierten Zahlungen und Finanzgeschäften den Anschluss zu verlieren. Neue Euro-Stablecoins, der digitale Euro und eine gemeinsame Infrastruktur könnten entscheiden, ob Europas Währung künftig international relevant bleibt.
20.08.2026 12:02
Lesezeit: 8 min
Euro-Stablecoins: Wie Europa die Kontrolle über seine Währung verlieren könnte
Europas Währung steht vor einem digitalen Härtetest. (Bild: ChatGPT)

Euro-Stablecoins werden zum strategischen Faktor im globalen Währungswettbewerb

Die internationale Rolle des Euro hat sich 2025 moderat gestärkt. Das zeigt der jüngst veröffentlichte Bericht der Europäischen Zentralbank zur internationalen Bedeutung der Gemeinschaftswährung. Das größte Wachstum verzeichnete der Euro bei internationalen Finanzierungen, grünen Anleihen und Portfolioinvestitionen. Nach Angaben der EZB stieg der von ihr berechnete Gesamtindikator 2025 bei konstanten Wechselkursen um 0,2 Prozentpunkte. Der Euro blieb mit einem Anteil von rund 20 Prozent die zweitwichtigste Währung im internationalen Währungssystem. Das berichten die Kollegen vom slowenischen DWN-Partnerportal Verslo žinios.

Diese positive Entwicklung vollzieht sich jedoch in einem zunehmend fragmentierten internationalen Währungssystem. Der Wettbewerb findet nicht mehr nur auf geopolitischer, sondern auch auf technologischer Ebene statt. Die internationale Bedeutung des Euro wird deshalb künftig nicht allein von traditionellen Faktoren wie dem wirtschaftlichen Gewicht Europas, der Tiefe seiner Finanzmärkte oder seiner makroökonomischen Stabilität abhängen.

Immer wichtiger wird die Frage, ob sich der Euro in der Finanzinfrastruktur der nächsten Generation etablieren kann. Gemeint ist eine tokenisierte Infrastruktur, in der Geld und finanzielle Vermögenswerte in Form digitaler Token zirkulieren.

Eines der deutlichsten Beispiele für diesen Wandel sind Stablecoins, also digitale Token mit einem möglichst stabilen Wert. Derzeit lauten rund 99 Prozent des Marktes auf US-Dollar. An den Euro gekoppelte Stablecoins erreichen dagegen lediglich einen Marktanteil von 0,2 bis 0,3 Prozent.

Dieses Ungleichgewicht ist entscheidend, weil die technologische Entwicklung der Finanzmärkte die Logik des Währungswettbewerbs verändert. Immer mehr Zahlungen und Abrechnungen verlagern sich auf tokenisierte Plattformen. Dort zählt nicht nur die Vertrauenswürdigkeit einer Währung. Ebenso wichtig sind ihre Verfügbarkeit in digitaler Form, ihre Liquidität und ihre Einbindung in die Marktinfrastruktur.

Sollte der Stablecoin-Markt in den kommenden Jahren wie prognostiziert auf rund 1,75 Billionen Euro anwachsen, könnte sich der US-Dollar als wichtigste Abrechnungswährung für tokenisierte Finanztransaktionen einen erheblichen Vorsprung sichern. Verhindern ließe sich dies nur, wenn parallel ausreichend große, auf Euro lautende Alternativen entstehen.

Stablecoins verlassen die Welt der Kryptowerte

Stablecoins sind digitale Token, deren Wert in der Regel an eine traditionelle Währung gekoppelt ist, meist an den US-Dollar. Die Herausgeber verpflichten sich, die Token im Verhältnis eins zu eins zurückzunehmen. Abgesichert wird dieses Versprechen durch sichere und liquide Reserven wie Bankeinlagen oder kurzfristige Staatsanleihen.

Die gesamte Marktkapitalisierung von Stablecoins liegt inzwischen bei mehr als 263 Milliarden Euro. Der monatliche Transaktionswert erreicht rund 875 Milliarden Euro. Etwa 80 Prozent der Stablecoins werden weiterhin für den Handel mit Kryptowerten verwendet. Ihr Einsatzgebiet erweitert sich jedoch schnell.

Stablecoins kommen zunehmend bei grenzüberschreitenden Zahlungen und bei Abrechnungen auf digitalen Plattformen zum Einsatz. Künftig könnten sie außerdem zu einem wichtigen Abrechnungsmittel auf den Märkten für tokenisierte Finanzwerte werden.

Fast der gesamte Stablecoin-Markt ist an den US-Dollar gekoppelt. Dadurch entstehen in der digitalen Finanzinfrastruktur bereits starke Netzwerkeffekte zugunsten der amerikanischen Währung.

Solche Netzwerkeffekte spielen an den Finanzmärkten eine besonders wichtige Rolle. Je mehr Marktteilnehmer ein bestimmtes Abrechnungsmittel verwenden, desto attraktiver wird es für weitere Nutzer. Gleichzeitig sinken die Transaktionskosten und die Liquidität nimmt zu.

Sollten sich auf den Märkten für tokenisierte Vermögenswerte und im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr vor allem Stablecoins durchsetzen, die auf US-Dollar lauten, erhielte die amerikanische Währung einen zusätzlichen strukturellen Vorteil.

Die internationale Rolle des US-Dollar würde dann nicht mehr ausschließlich auf den traditionellen Stärken der Währung beruhen. Dazu gehören die tiefen amerikanischen Kapitalmärkte, der liquide Markt für US-Staatsanleihen und die breite Nutzung des Dollar im internationalen Handel.

Zunehmend entscheidend wäre vielmehr die technologische Infrastruktur. Dazu zählen Zahlungsprotokolle, digitale Geldbörsen, Plattformstandards und die Konzentration von Liquidität.

Die internationale Bedeutung einer Währung dürfte künftig deshalb nicht mehr nur anhand ihres Anteils an offiziellen Devisenreserven, internationalen Anleihen oder am globalen Devisenmarkt beurteilt werden. Ebenso wichtig wird ihre Stellung innerhalb tokenisierter Abrechnungsketten.

Dominiert dort der US-Dollar, könnte die internationale Bedeutung des Euro selbst dann abnehmen, wenn seine traditionellen Kennzahlen stabil bleiben.

Euro-Stablecoins werden zum Test für Europas Handlungsfähigkeit

Die Zukunft des Euro hängt somit nicht nur von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten ab. Entscheidend ist zunehmend, ob die europäische Gemeinschaftswährung in tokenisierten Zahlungs- und Abrechnungsketten breit verfügbar, liquide und einfach nutzbar sein wird.

Um die Stellung des Euro in der tokenisierten Finanzinfrastruktur zu stärken, sind drei Bereiche besonders wichtig.

Der erste Bereich ist die Regulierung. Die europäische Verordnung über Märkte für Kryptowerte, kurz MiCA, stärkt die regulatorische Glaubwürdigkeit Europas. Die weltweit weiterhin fragmentierte Regulierung von Stablecoins ist für Europa jedoch nachteilig.

Die Vorgaben der Europäischen Union müssen deshalb ausgewogen sein. Sie müssen streng genug ausfallen, um eine hohe Qualität der Reserven und einen wirksamen Verbraucherschutz zu gewährleisten. Gleichzeitig dürfen sie keine übermäßigen Kosten für die Einhaltung der Vorschriften erzeugen, die Anbieter dazu bewegen könnten, ihre Aktivitäten aus der Europäischen Union zu verlagern.

Der zweite Bereich ist die Infrastruktur. Europa muss nicht nur auf Euro lautende Stablecoins entwickeln, sondern ein breiteres Ökosystem für Abrechnungen in Euro schaffen. Dazu gehören der digitale Euro, Innovationen im Zahlungsverkehr zwischen Finanzinstituten und eine europäische Infrastruktur für grenzüberschreitende Zahlungen.

Besonders wichtig sind Abrechnungen in Zentralbankgeld für institutionelle Marktteilnehmer. Eine digitale Zentralbankwährung für den Großhandel könnte sichere Abrechnungen von tokenisiertem Geschäftsbankengeld, Wertpapieren und anderen Finanzwerten ermöglichen.

Viele Analysten betrachten digitale Zentralbankwährungen als sicherere Alternative zu privat ausgegebenen Stablecoins. Beide Instrumente könnten sich jedoch erfolgreich ergänzen, sofern ihre Funktionen klar voneinander abgegrenzt und angemessen reguliert werden.

Der dritte Bereich ist die Marktentwicklung. Lange galt die Annahme, dass aufgrund des gut funktionierenden europäischen Systems für Echtzeitzahlungen nur eine begrenzte Nachfrage nach Euro-Stablecoins entstehen werde. Diese Einschätzung verliert jedoch an Überzeugungskraft.

Der Marktwert der auf Euro lautenden Stablecoins beträgt zwar bislang lediglich rund 613 bis 788 Millionen Euro. In den zwölf Monaten nach dem Inkrafttreten der MiCA-Verordnung hat er sich jedoch mehr als verdoppelt. Einer Untersuchung aus dem Jahr 2025 zufolge nutzen fast 60 Prozent der europäischen Finanzunternehmen Stablecoins bereits für Zahlungen oder planen deren Einsatz.

Zusätzlichen Schwung könnte das Projekt Qivalis bringen. Das Konsortium bestand zunächst aus neun der größten europäischen Banken. Später kamen drei weitere Kreditinstitute hinzu. Im Mai schlossen sich nochmals 25 Banken an.

Mittlerweile gehören Qivalis 37 Finanzinstitute aus 15 europäischen Staaten an. Das Konsortium will noch in diesem Jahr einen gemeinsamen, an den Euro gekoppelten Stablecoin herausgeben, der die Anforderungen der MiCA-Verordnung erfüllt. Qivalis bestätigte die Erweiterung um 25 Banken sowie die Gesamtzahl von 37 Mitgliedern im Mai 2026.

Deutschland: Banken und Unternehmen brauchen eine europäische Zahlungsinfrastruktur

Für Deutschland ist diese Entwicklung besonders relevant. Als größte Volkswirtschaft der Eurozone ist das Land stark vom grenzüberschreitenden Handel, von sicheren Zahlungswegen und von leistungsfähigen Finanzmärkten abhängig. Deutsche Banken und Unternehmen könnten deshalb unmittelbar davon profitieren, wenn Zahlungen, Wertpapiergeschäfte und andere tokenisierte Transaktionen künftig effizient und rechtssicher in Euro abgewickelt werden können.

Grundsätzlich gilt: Setzt sich bei tokenisierten Finanzgeschäften dauerhaft eine vom US-Dollar dominierte Infrastruktur durch, könnte die Abhängigkeit deutscher Unternehmen von außereuropäischen Zahlungs- und Abrechnungssystemen weiter wachsen. Eine leistungsfähige europäische Alternative würde dagegen die finanzielle und technologische Handlungsfähigkeit Deutschlands und der gesamten Europäischen Union stärken.

Europas strategisches Ziel besteht nicht darin, Stablecoins als Technologie zu bekämpfen. Es geht vielmehr darum, sicherzustellen, dass der Euro auch in der digitalen Wirtschaft eine natürliche Währung für Zahlungen, Wertaufbewahrung und Finanztransaktionen bleibt.

Schafft Europa rechtzeitig eine vertrauenswürdige Abrechnungsinfrastruktur für den Euro auf tokenisierten Märkten, muss die Ausbreitung von Stablecoins keine Gefahr für die internationale Rolle der Gemeinschaftswährung darstellen. Sie könnte vielmehr zu einer Gelegenheit werden, die Bedeutung des Euro zu stärken.

Die Autorin Eglė Wallner ist leitende Ökonomin in der Abteilung für internationale Beziehungen der litauischen Zentralbank.

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Eglė Wallner

Eglė Wallner ist Autorin bei Verslo žinios, dem litauischen Schwesterunternehmen der Deutschen Wirtschafts Nachrichten im Bonnier-Konzern, und schreibt für die DWN einen Gastbeitrag mit litauischer Perspektive auf Wirtschaft, Unternehmen und aktuelle Entwicklungen.
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