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Auswandern nach Norwegen: „Du hast keine Rückfahrkarte mehr“

Peter Grunewald hat Deutschland hinter sich gelassen und lebt heute mitten im norwegischen Wald. Drei Jahre nach seiner Auswanderung erzählt er, warum ihn das Leben dort verändert hat, welche Fehler Auswanderer vermeiden sollten und weshalb „zwei Minuten Heimweh“ für ihn genug waren.
09.09.2026 11:00
Lesezeit: 14 min
Auswandern nach Norwegen: „Du hast keine Rückfahrkarte mehr“
Zwischen dem Wunsch auszuwandern und einer erfolgreichen Auswanderung liegt für Peter Grunewald ein entscheidender Unterschied: Vorbereitung. (Bild: Peter Grunewald)

Auswandern: Ohne Rückfahrkarte nach Norwegen – wie Peter Grunewald ein neues Leben begann

Der Wind weht über den Fährhafen in Dänemark. Es nieselt ein wenig. Peter Grunewald steht mit seinem Auto da und wartet auf die Überfahrt nach Norwegen. Vor ihm liegt das Meer, hinter ihm Deutschland. In der Tasche hat er ein Ticket. Nur für eine Richtung. „Du hast keine Rückfahrkarte mehr. Das ist für die nächste Zeit deine letzte Überfahrt“, geht es ihm in diesem Moment durch den Kopf. Zum ersten Mal mischt sich ein bisschen Furcht in die Vorfreude. Ist das wirklich richtig? Kann man das tatsächlich machen?

Peter Grunewald macht es! Im August 2023 verlässt der heute 61-Jährige Deutschland und beginnt im Süden Norwegens ein neues Leben. Drei Jahre später wohnt er mitten im Wald bei Lyngdal, wenige Minuten von mehreren Fjorden entfernt. Er arbeitet, hat Freunde gefunden und sagt: „Ich habe meine Norweger lieb.“

Der einstige Leser der Deutschen Wirtschaftsnachrichten erzählt eine Auswanderungsgeschichte, in der es um Ruhe und Freiheit, aber ebenso um Arbeit, Geld, Einsamkeit und Anpassung geht. Und um eine Erkenntnis, die (nicht nur) für ihn entscheidend ist: Wer auswandert, sollte nicht versuchen, sein altes Deutschland im neuen Land wieder aufzubauen.

Er sagt das nicht ohne Grund. Norwegen ist längst ein etabliertes Einwanderungsland. Zum 1. Januar 2026 lebten nach Angaben des norwegischen Statistikamts SSB 987.120 Menschen im Land, die selbst eingewandert waren. Das entsprach 17,5 Prozent der Bevölkerung. Unter ihnen waren 28.145 Menschen mit Deutschland als Herkunftsland.

Auswandern nach Norwegen beginnt für Grunewald schon als Kind

Dass es für Peter Grunewald ausgerechnet Norwegen wurde, war keine spontane Entscheidung. Eigentlich begann alles Jahrzehnte vor jener letzten Überfahrt, erzählt er im Interview mit den DWN.

Grunewald wächst in Wismar auf. Hafen und Fischerei gehören zu seiner Kindheit. Heimlich hört er am Abend den Seewetterbericht der DDR und lauscht den Namen der Seegebiete vor Norwegen. Das alles klingt für ihn damals „unheimlich“ und „exotisch“ zugleich. Später verfolgt er norwegische Sportler bei den Olympischen Spielen. „Irgendwie hatte ich sie immer im Auge, meine Norweger“, erinnert er sich sichtlich amüsiert.

Aus einem kindlichen Interesse wird mit den Jahren mehr. Grunewald reist mehrfach nach Norwegen und besucht dort auch einen alten Bekannten aus Schulzeiten. Ein Glücksfall, wie sich noch herausstellen sollte. Heute nennt er seine Verbindung zu dem Land zu Recht „eine gewachsene Liebe“. Um den finalen Schritt zu gehen, bedurfte es bei ihm aber einer persönlichen Zäsur. Danach steht für ihn schließlich fest: „Jetzt oder nie! Ab nach Norwegen!“

Wer auswandert, braucht Geld und einen Plan

Von einem spontanen Neustart mit wenigen Koffern hält Grunewald allerdings wenig. Vor seiner Abreise arbeitet und spart er. Er informiert sich darüber, welche Kosten im neuen Land auf ihn zukommen könnten. Sein Rat an andere Auswanderungswillige fällt entsprechend deutlich aus: „Viele Menschen gehen blauäugig ins Ausland. Das darf man nicht tun.“

Besonders bei den finanziellen Reserven setzt er die Messlatte hoch. „Man muss mindestens so viel Geld in der Hinterhand haben, dass man ein Jahr durchhält.“ Warum? Erst nach einem vollständigen Jahreszyklus lasse sich halbwegs beurteilen, ob das neue Leben tatsächlich funktioniert.

Hinzu kommt die Frage, womit sich im Zielland überhaupt Geld verdienen lässt. Nicht die eigene Wunschvorstellung sei ausschlaggebend, sondern der tatsächliche Bedarf vor Ort. Dieser Gedanke, das betont er, sei zumindest in Norwegen stark ausgeprägt. Peter Grunewald empfiehlt deshalb, sich schon vor der Ausreise damit auseinanderzusetzen, was Menschen und Unternehmen in der neuen Heimat überhaupt benötigen.

Er weiß: „Wenn ich halbherzig dabei bin, geht es in die Hose. Garantiert!“ Und er weiß auch, was daneben die womöglich größten Fehler sind: Gutgläubigkeit, mündliche Jobversprechen ohne Absicherung und schlechte Recherche. Auch mit einem weiteren Reflex sollten Auswanderer seiner Erfahrung nach vorsichtig sein: „alles permanent mit Deutschland zu vergleichen“. Ihm ist durchaus bewusst, dass sein eigener Start einen Vorteil hatte. Ein alter Bekannter lebte bereits in Norwegen und konnte Informationen aus erster Hand liefern. Der Einstieg gelang ihm dadurch deutlich leichter.

In Norwegen zählt zunächst, was man kann

Doch auch ohne persönliche Kontakte ist der rechtliche Einstieg für Deutsche vergleichsweise unkompliziert: Norwegen gehört zwar nicht zur EU, aber zum Europäischen Wirtschaftsraum. Deutsche Staatsbürger dürfen deshalb als EU/EWR-Bürger einreisen und grundsätzlich sofort arbeiten. Wer länger als drei Monate bleiben will, muss sich registrieren und einen Aufenthaltsgrund nachweisen, etwa eine Beschäftigung, Selbstständigkeit, ein Studium oder ausreichende eigene Mittel. Wer als Student oder mit eigenen Mitteln im Land lebt, benötigt zudem eine Krankenversicherung.

Grunewalds Erfahrung ist, dass Neuankömmlinge vor allem praktisch überzeugen müssen. „Was kannst du?“, beschreibt er die entscheidende Frage. Sprache, berufliche Fähigkeiten und die Bereitschaft, sich einzubringen, sind für Norwegen ausschlaggebend.

Grunewald war in Deutschland unter anderem selbstständig im Reifenservice. Nach gesundheitlichen Problemen absolvierte er eine Umschulung. Zwischenzeitlich arbeitete er wieder im Hafen, einer Umgebung, zu der er sich schon als junger Mann hingezogen fühlte. In Norwegen landete er schließlich erneut im Reifenservice. Der Betrieb kümmert sich zusätzlich um Boote.

Seinen beruflichen Neustart beginnt er weit unten in der Hierarchie. Was er in Deutschland zuvor erreicht hatte, verschafft ihm nicht automatisch einen höheren Status. Doch er kennt Maschinen und Arbeitsabläufe und kann sich Schritt für Schritt beweisen. Genau darin erkennt er einen wichtigen Unterschied zur alten Heimat. Große Selbstdarstellung komme nicht besonders gut an, betont er immer wieder. Entscheidend sei die Arbeit. „Sie sehen, was du kannst und das ist gut.“

„Es wird nicht gebrüllt“

Am stärksten fällt Peter Grunewald im Arbeitsleben jedoch etwas anderes auf: der Ton.

„Es wird nicht gebrüllt“, sagt er. Fehler würden anders behandelt. Statt laut zu werden, bleibe der Umgang nach seiner Erfahrung wesentlich ruhiger. Für jemanden, der sein Berufsleben in Deutschland verbracht hat, sei das zunächst ungewohnt gewesen.

Auch Feierabend bedeutet tatsächlich Feierabend. Seine reguläre Arbeitszeit beschreibt Grunewald mit 8 bis 16 Uhr. Als er nach Arbeitsende einmal Kollegen suchte, waren sie schlicht weg. „Es ist ein angenehmeres Arbeiten“, lautet sein Fazit, das sich natürlich auch rein persönlichen Erfahrungen speise. Eine deutsche Redewendung hält er in Norwegen sogar für besonders hinderlich: „Das Erste, was man sich hier abgewöhnen muss, und das wird wahrscheinlich in anderen Ländern genauso sein, ist unser deutsches ‚Ja, aber!‘.“ Nicht jede Entscheidung müsse ausführlich kommentiert, korrigiert oder mit einem deutschen Vergleich versehen werden. Genau das müsse ein Auswanderer lernen.

Was er jedoch schnell klarstellt: Das heißt nicht, dass er in Norwegen weniger leisten muss. Im Gegenteil. „Ich muss hier mehr arbeiten als in Deutschland“, stellt er ausdrücklich klar. Der Unterschied liegt für ihn deshalb weniger in der Menge der Arbeit als in der Mentalität dahinter.

Das Lohnniveau unterscheidet sich ebenfalls deutlich von dem in Deutschland. Im zweiten Quartal 2026 lag der durchschnittliche Monatsverdienst über alle Branchen hinweg laut SSB bei 63.700 norwegischen Kronen, nach aktuellem Wechselkurs rund 5.860 Euro. Die Statistik zeigt zugleich Unterschiede: 2025 verdienten Einwanderer im Schnitt 55.180 Kronen im Monat, andere Einwohner 64.150 Kronen. Hohe Einkommen treffen in Norwegen allerdings auf ein ebenfalls hohes Preisniveau.

Leben im Wald zwischen Fjorden und Vogelhaus

Auch abseits der Arbeit könnte Peter Grunewalds Alltag kaum weiter von einem hektischen deutschen Stadtleben entfernt sein. Er lebt mitten im Wald. „Ich fahre hier den Berg hinunter und bin am Fjord“, schwärmt er. In seiner Umgebung liegen mehrere dieser beeindruckenden Meeresarme mit ihren typischen steilen Felswänden. Die nächste Stadt erreicht er in einer Viertelstunde.

Vor allem die Stille beeindruckt ihn bis heute.

Nachts fahren gelegentlich Autos vorbei. Ansonsten hört er Vögel und andere Tiere. Hinter dem Haus lebt irgendwo ein Dachs. Auch Rehe und Greifvögel gehören zu seiner Umgebung. Eines Abends kommt er nach Hause und bemerkt, dass das selbst gebaute Vogelhaus leer ist. Kurz darauf sitzt ein Gimpel vor seiner Tür und pfeift (vermeintlich aus Protest). Grunewald füllt das Futter wieder auf. Alle sind zufrieden. Eine Szene, wie sie auch in einem Märchenbuch nicht schöner hätte beschrieben werden können.

Oder diese: Morgens sitzt er mit seinem Kaffee da, hört den Wind durch die Bäume gehen und genießt die Ruhe. Im Sommer spielt sich ein großer Teil des Lebens draußen ab. Ein kleines Boot gehört inzwischen ebenfalls dazu. Ein Postkartenidyll? Nicht immer.

Der norwegische Winter verlangt den Bewohnern einiges ab. Nur ein kleines Beispiel: Der Schnee muss konsequent geräumt werden, um überhaupt zur Straße zu gelangen. Die Dunkelheit ist für ihn persönlich jedoch kein Problem. Er beschreibt Abende am Ofen, während draußen Schnee oder Regen fällt. Fernsehen spiele in seinem Alltag kaum eine Rolle. Lieber liest oder bastelt er.

Auch Regen betrachtet er inzwischen anders. „Lass es einfach geschehen, lass es einfach sein. Setz dich hin und guck die ganze Geschichte mal von außen an“, beschreibt er seine Haltung.

Auswandern heißt auch, allein sein zu können

So idyllisch das klingt, romantisieren möchte Peter Grunewald eine Auswanderung nicht. Wer das Land verlässt, lässt zwangsläufig Menschen und vertraute Strukturen zurück. Seine Frau lebt weiterhin in Deutschland und hat dort einen guten Beruf. Diese räumliche Trennung ist nicht immer einfach, gibt er unumwunden zu. Gerade deshalb formuliert er eine Bedingung, über die seiner Ansicht nach jeder vor einer Auswanderung nachdenken sollte.

„Wenn man mit sich selbst nicht im Reinen ist, und wenn man sich selbst alleine nicht leiden kann, dann braucht man nicht ins Ausland gehen“, sagt er. Es gebe „Tage und Stunden und Wochen“, in denen man allein sei. Er selbst könne damit gut umgehen. Neue Freundschaften entstehen trotzdem. Nur nicht unbedingt sofort.

Grunewalds Erfahrung ist, dass enge Kontakte Zeit benötigen. Erst durch Arbeit und Alltag lerne man Menschen wirklich kennen. Wenn Vertrauen entstanden sei, wachse auch die Neugier aufeinander. Heute hat er sowohl norwegische als auch deutsche Freunde.

Über einige seiner deutschen Freunde sagt er in seiner gewohnt direkten Art: „Wir sind Arsch und Backe.“ Durch norwegische Bekannte bekomme die Gruppe zugleich einen stärkeren Einblick darin, wie Einheimische leben und welche Prioritäten sie setzen.

Wildfremde Menschen erlebt er ebenfalls als offen. Wanderer, die an seinem Haus vorbeikommen, würden mitunter auf einen Kaffee bleiben und nach einer halben Stunde weiterziehen. „Das sind wildfremde Menschen. Herrlich!“, sagt Grunewald.

Auch im Familienalltag ist Grunewald eine Formulierung aufgefallen, die ihm sehr gefällt. In seinem Umfeld werde bei Patchworkfamilien von „Bonus-Papa“, „Bonus-Mama“ oder eben „Bonus-Tochter“ bzw. „Bonus-Sohn“ gesprochen. „Die Kinder haben praktisch ihren Papa und einen Bonus-Papa. Den haben sie extra“, erklärt er. Für Grunewald klingt das wertschätzender als deutsche Begriffe wie Stiefvater oder Stieftochter. Es ist eine jener kleinen Beobachtungen, an denen er, selbst Familienvater in einer solchen Konstellation, die für ihn andere Lebenshaltung im Land festmacht.

„Wir sind hier Gäste“

Trotz seiner Begeisterung setzt Grunewald Anpassung nicht mit der Aufgabe der eigenen Herkunft gleich. Er sieht sich weiterhin als Deutscher. Für ihn folgt daraus jedoch gerade nicht das Recht, den Norwegern zu erklären, wie sie ihr Land zu führen haben. „Es ist ihr Land. Nicht unseres. Wir sind hier Gäste. Und das vergessen viele“, sagt er.

Diese Haltung zieht sich durch seine Erzählungen. Nicht alles gefällt ihm in Norwegen. Nicht alles würde er selbst so machen. Doch wer freiwillig in ein anderes Land ziehe, müsse akzeptieren, dass dort andere Regeln, Gewohnheiten und Prioritäten gelten.

„Warum willst du den Norwegern das Leben vorschreiben?“, fragt er an anderer Stelle. Für ihn ist genau diese Zurückhaltung ein Teil erfolgreichen Auswanderns. Auch sprachlich versucht Grunewald deshalb, sich einzufügen. Sein Norwegisch ist nicht perfekt, zumal ihm die zahlreichen Dialekte Schwierigkeiten bereiten – und nicht nur ihm. Auch den Einheimischen bereite das zuweilen Probleme. Trotzdem weicht er ungern ins Englische aus.

„Ich bin hier in Norwegen“, sagt er. Fehle ihm ein norwegisches Wort, versuche er lieber gemeinsam mit seinem Gegenüber herauszufinden, was gemeint ist. Dauerhaft Englisch zu sprechen, helfe ihm beim Ankommen nicht weiter. Wer überhaupt kein Norwegisch beherrscht, könne es auf dem Arbeitsmarkt nach seiner Erfahrung schwer haben. Ausnahmen gebe es in stark internationalisierten Bereichen, in denen ohnehin Englisch gesprochen wird.

Lebensmittel sind teuer, gekauft wird bewusster

Die Sprache und Mentalität sind allerdings nicht die einzigen Fallstricke: Norwegen gilt als kostspieliges Land. Auch Grunewald musste sich zum Beispiel beim Einkauf zunächst umstellen.

Dass Grunewald Lebensmittel als teuer empfindet, lässt sich auch statistisch nachvollziehen. Nach den vorläufigen europäischen Preisvergleichen für 2025 lag das Preisniveau für Lebensmittel und alkoholfreie Getränke in Norwegen bei 133,1 Prozent des EU-Durchschnitts, in Deutschland bei 102,4 Prozent. Damit waren Lebensmittel in Norwegen im Vergleich rund 30 Prozent teurer. Grunewald kauft deshalb gezielter ein und nutzt Hofverkäufe, bei denen Eier, Kartoffeln und Gemüse direkt aus der Region angeboten werden.

Sein Konsum hat sich verändert. „Man kauft bewusster. Man schmeißt kein Essen weg“, sagt er. Einfache Gerichte spielen wieder eine größere Rolle, außerdem fermentiert er selbst, zum Beispiel Kohl und Rote Bete.

Auch beim Wohnen musste er sich an andere Bedingungen gewöhnen. Grunewald und seine Frau haben schließlich ein Haus gekauft. Zuvor lebte er zeitweise sehr spartanisch und zur Miete. Nach seiner Erfahrung ist es in seiner Region schwierig, geeigneten Mietwohnraum zu finden.

Den Mythos vom durchweg wohlhabenden Norweger weist er zurück. Auch hier müssten viele Menschen genau rechnen. „Die Norweger sind alle reich“, beschreibt er sinngemäß ein verbreitetes Klischee, um unmittelbar zu widersprechen: Viele kämen finanziell genauso über die Runden wie Menschen in Deutschland.

Gesundheitssystem mit kurzen digitalen Wegen

Das norwegische Gesundheitssystem ist vergleichsweise klar organisiert: Wer als Einwohner im nationalen Melderegister geführt wird, hat grundsätzlich Anspruch auf einen festen Hausarzt, den „Fastlege“. Er ist meist die erste Anlaufstelle und überweist bei Bedarf an Fachärzte oder Krankenhäuser. In akuten Fällen ist keine Überweisung nötig; für viele Leistungen fallen jedoch Eigenanteile an.

Grunewald schätzt vor allem die digitalen Wege. Untersuchungsergebnisse, Blutwerte, ärztliche Einträge und Rezepte kann er online einsehen beziehungsweise verwalten. Für ihn erspart das viele Wege und macht Abläufe übersichtlicher.

Perfekt sei die Verwaltung deshalb trotzdem nicht. Bei seinen eigenen Personenstandsdaten gebe es seit längerer Zeit Probleme. „Wenn erst mal der Wurm drin ist, dann ist der Wurm drin. Dann geht es genau wie in Deutschland“, sagt er.

Norwegen ist für ihn eben kein Land ohne Fehler.

Zwei Minuten Heimweh nach Deutschland

Und Deutschland?

Drei Jahre nach seiner Auswanderung spricht Grunewald noch immer über Mecklenburg, seine Kindheit, den Hafen und alte Geschichten. Diese Herkunft gehört zu ihm. Heimweh empfindet er trotzdem praktisch nie.

Genauer gesagt: einmal…

„Ich hatte Heimweh für zwei Minuten“, erzählt er. Er sitzt in seinem Haus, schaut aus dem Fenster und denkt darüber nach, wie es wäre, jetzt wieder in Deutschland zu sein. Dann stellt er sich den alten Alltag mit Besuch, Stress und Verpflichtungen vor. Der kurze Anflug von Sehnsucht verschwindet. „Da habe ich gesagt, alles klar, nie wieder.“

Seine mecklenburgische Heimat vermisst er deswegen nicht weniger als Teil seiner Biografie. „Ich bin Mecklenburger bis aufs Letzte“, sagt Grunewald. Er erzählt weiterhin Geschichten darüber, wo und wie er aufgewachsen ist. Nur zurück zieht es ihn deshalb nicht. Dafür müsste sich in Norwegen aus seiner Sicht sehr viel zum Schlechteren und gleichzeitig in Deutschland Grundlegendes verändern.

Auswandern ist für Grunewald keine Flucht ins Paradies

Dabei verklärt er seine Wahlheimat keineswegs. Stromausfälle können vorkommen. Im Winter liegen Bäume quer. Die Sprache ist schwierig. Manches ist teuer und selbst Behörden können sich in einem Vorgang festfahren. Auch die norwegische Mentalität bringt ihn gelegentlich an die Grenzen seiner deutschen Ungeduld.

„Norwegen ist nicht das Nonplusultra“, sagt Grunewald ausdrücklich. Entscheidend ist für ihn etwas anderes. Das Land bietet ihm eine Art zu leben, die zu ihm passt. Er sitzt im Wald, wartet morgens auf die Sonne, fährt zum Fjord, arbeitet, trifft Freunde und schaut zu, wie sich Vögel bei Regen in seinem Vogelhaus unterstellen. Und im Winter kann ein Abend vor dem Fenster genügen.

„Für mich ist es die Möglichkeit, mich selbst zu fühlen“, sagt Grunewald über sein Leben in Norwegen. Vielleicht begann dieses Gefühl tatsächlich schon viel früher. Mit einem Jungen in Wismar, der heimlich den Seewetterbericht hörte und sich fragte, wie es dort wohl aussieht, wo all diese fremden Namen lagen. Endgültig wurde es Jahrzehnte später an einem windigen Fährhafen in Dänemark. Ein Auto, ein wenig Nieselregen und ein Ticket nach Norwegen.

Ohne Rückfahrt …

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Nicole Oppelt

Nicole Oppelt ist seit dem 1. April 2007 im Unternehmen. Zunächst als Lektorin und Journalistin im Haus tätig, wechselte sie im Frühjahr 2017 auf die Position der Leitung des Leserservices. In dieser Funktion kümmert sie sich seither um alle Belange rund um die DWN – vom Abo-Management bis hin zu inhaltlichen Fragen der Leser. Sie ist außerdem weiterhin als Journalistin tätig. Ihr Fokus liegt seit mehr als 20 Jahren auf dem Resort Kultur. Seit mehr als zehn Jahren widmet sie sich außerdem dem Schwerpunkt Medizinjournalismus. Nicole Oppelt hat Germanistik und BWL studiert und besitzt einen Magisterabschluss.
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