Umwelt-Skandal: Eine Gemeinde in Brasilien kämpft gegen ThyssenKrupp

Das ThyssenKrupp-Stahlwerk in Rio de Janeiro soll die Umwelt massiv verschmutzen. Anwohner einer Ortschaft können Giftstaub nachweisen, der vom Himmel regnet. Sie klagen über Atemprobleme und Hautausschlag. Die Geschichte ist ein Wirtschaftskrimi, der von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet stattfindet.

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Eine Anwohnerin der brasilianischen Ortschaft Sepetiba weist auf den Giftstaub hin, der vom Himmel regnet. Verursacher der Umweltverschmutzung ist das Stahlwerk der Firme ThyssenKrupp sein. (Foto: Antonio Cascais)

Eine Anwohnerin der brasilianischen Ortschaft Sepetiba weist auf den Giftstaub hin, der vom Himmel regnet. Verursacher der Umweltverschmutzung ist das Stahlwerk der Firme ThyssenKrupp sein. (Foto: Antonio Cascais)

Foto: (Antonio Cascais)

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ThyssenKrupp-Werk in der Nachbarschaft des Orts Sepetiba (Foto: Antonio Cascais)

ThyssenKrupp-Werk in der Nachbarschaft des Orts Sepetiba (Foto: Antonio Cascais)

Vom ThyssenKrupp-Werk verursachter giftiger Graphitstaub. (Foto: Antonio Cascais)

Vom ThyssenKrupp-Werk verursachter giftiger Graphitstaub. (Foto: Antonio Cascais)

Die Aufmerksamkeit der Deutschen ist auf Brasilien gerichtet. Die DFB-Elf arbeitet akribisch daran, das „Desaster“ – sprich: Ein frühes Ausscheiden nach dem Spiel gegen die USA – zu verhindern.

Ein deutsches DAX-Unternehmen hat sein Brasilien-Desaster schon hinter sich. Es handelt sich um einen Alptraum, das nicht vergehen will; eine Katastrophe in ökonomischer, ökologischer und sozialer Hinsicht. Wir reden vom Desaster ThyssenKrupp, das der deutsche Stahl- und Rüstungskonzern den Brasilianern und sich selbst durch den Bau eines „Katastrophen-Stahlwerks“ vor den Toren Rio de Janeiros beschert hat. Ein Fall, der von dem Medien weitgehend verschwiegen wird.

Doch seitdem ist es wieder still geworden um ThyssenKrupp Brasilien. Wir erinnern uns: Im Jahre 2010 hatte das DAX-Unternehmen mit Sitz in Essen das Werk „TK-CSA“ mit zweijähriger Verspätung angeworfen. Bei Ekkehard Schulz, damals Vorstandsvorsitzender von Thyssen-Krupp, sollen Tränen der Erleichterung geflossen sein. Den Anwohnern des Stahlwerks begannen aber schon nach Tagen die Augen zu jucken. Sie klagen seitdem auch über Atemprobleme und Hautausschlag.

Die Anwohnerinnen und Anwohner protestierten, die Staatsanwaltschaft nahm Ermittlungen wegen Umweltverschmutzung auf und TK-CSA wurde eine dauerhafte Betriebserlaubnis verweigert. Nur Dank eines bilateralen Vertrags mit der bundesstaatlichen Umweltbehörde kann die Hütte nun bis 2014 überhaupt vorläufig produzieren. Grund genug für Thyssen-Krupp, das einstige Prestigeobjekt abzustoßen – denn TK-CSA ist für den deutschen Stahlkocher ein Milliardengrab.

Doch der Verkauf gestaltet sich schwieriger als erwartet, die Höchstgebote für beide Anlagen liegen mit knapp drei Milliarden Euro bisher weit unter der Hälfte der in Brasilien eingefahrenen Verluste. Das Pannenwerk hat nie eine Kapazität von mehr als 80 Prozent erreicht, die Produktion ist trotz niedrigerer Lohnkosten teurer als in Deutschland.

Wie kann eine Firma, die laufenden Strafprozessen unterliegt, gegen die schwerwiegende Anschuldigungen wegen schweren Schäden für Gesundheit und Wohlergehen der Bevölkerung und für die Biodiversität der Umgebung der Bucht von Sepetiba vorliegen, einfach so zum Verkauf feilgeboten werden?

Das vom Instituto Políticas Alternativas para o Cone Sul (PACS) produzierte Video zeigt die schweren Vergehen auf, die das ThyssenKrupp-Stahlwerk in Rio de Janeiro während der Bau- und Betriebsphase der letzten Jahre begangen hat, und legt dar, wie die öffentliche Hand in Rio de Janeiro sich dabei mitschuldig gemacht hat (Video am Anfang des Artikels).

Die Geschichte des Stahlwerks ist ein Wirtschaftskrimi, aber auch ein Beispiel dafür, dass sich die lokale Bevölkerung zur Wehr setzt.

Die Journalisten Antonio Cascais und Marcel Kolvenbach haben, nach vielen Widerständen, im Juni 2013 einen Dokumentarfilm zum Thema produziert, der im WDR-Fernsehen ausgestrahlt wurde.

Das andere Tagebuch:

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

Teil 11: Der Schwarze Block will marschieren: „20 Prozent der Brasilianer sind gegen die WM“

Teil 12: Korruption bei der Fifa: „Wer einmal die Hand aufhält, versucht es auch ein zweites Mal“

Teil 13: Brasilianischer Fußball: Der lange Weg zur Vielfalt der Kulturen

Teil 14: Fußball: „Für die Brasilianer ist die Fifa so böse wie der IWF“

Teil 15: Schriftsteller Zé do Rock: „Sepp Blatter wäre der ideale Präsident für Brasilien“

Teil 16: „Die Demonstranten haben das Image von Brasilien verändert“

Teil 17: Das Foto, das den Zorn der Brasilianer auf die Fußball-WM entfacht hat

Teil 18: Kein gutes Geschäft: Fußball-WM schadet Brasiliens Mittelstand

Teil 19: Brasilianische Militärpolizei stürmt WM-Partys in den Armenvierteln

Teil 20: Mieten und Immobilien-Preise explodieren wegen der WM

Teil 21: Fußball-WM: Die Bilder aus Brasilien, die die Welt nicht sehen soll

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