Fußball-WM: Die Bilder aus Brasilien, die die Welt nicht sehen soll

Lesezeit: 3 min
22.06.2014 01:05
Die Regierung Brasiliens versucht die Berichterstattung über die Proteste im Land zu verhindern. Doch sogenannte „Guerrilla-ReporterInnen“ lassen sich nicht einschüchtern. Sie sind in allen Städten unterwegs und halten die Ereignisse fest.

Bei der Fußball-WM dominiert das von der Fifa in alle Welt gesendete Bild der glücklichen, globalen Familie des Fußballs, wie sie die Fifa gerne sehen möchte. Auffällig: Anders als in den Vorjahren zeigt die Fifa während der Spiele höchst professionell die Fans in Nahaufnahme - beim Jubeln, beim Trauern - doch immer glücklich über das Geschenk, das ihnen die Fifa macht (für die die Fußball-WM in Brasilien jedoch einen Milliarden-Profit abwirft - mehr hier).

In dieser heilen Welt der Fifa, inmitten der WM-Euphorie, der Jagd nach Toren und Siegen, sind die Großdemos und Proteste in Brasilien eingeschlafen, so scheint es. Die öffentlich-rechtlichen Sender berichten rund um die Uhr - dank der Zwangsgebühren bekommen wir jeden Kopfball in Superzeitlupe und Großaufnahme.

Doch von dem, was sich abseits der zugelassenen Berichterstattung abspielt, erfahren wir bei ARD und ZDF wenig.

Denn die Veranstalter wenden beinharte Zensur-Maßnahmen an, um Fotos zu sehen, die die Welt nicht sehen soll.

Die brasilianischen Bundes- und Regionalregierungen haben zunächst einige vage Versprechen gemacht und an den Patriotismus die Gastfreundschaft der Brasilianer appelliert. Die Politiker kamen den Demonstranten scheinbar bei einigen Forderungen entgegen: Der „Bewegung der Arbeiter ohne Dach“ von São Paulo wurden, zum Beispiel, tausende neue Wohnungen versprochen.

Doch die Brasilianer glauben den Versprechungen nicht mehr.

Und doch vergeht bis heute kein Tag ohne neue Proteste. In Rio wird fast täglich gegen die „totale Kommerzialisierung des Fußball-Sports durch korrupte Sport- und Politfunktionäre“ demonstriert. In São Paulo geht es um einen besseren und vor allem preisgünstigeren Nahverkehr. In Fortaleza oder Belo Horizonte gehen Menschen gegen Korruption auf die Straße.

Diese Demonstrationen würden medial komplett untergehen, wenn sie nicht von den „MidiaNinjas fotografiert und gefilmt und teilweise live ins Internet übertragen würden.

Das Akronym „Ninja“ steht für „Narrativas Independentes, Jornalismo e Ação” („Unabhängige Berichterstattung, Journalismus, Aktion“). Dahinter verbirgt sich eine Gruppe von jungen „Guerrilla-ReporterInnen“, die Tag und Nacht in brasilianischen Städten unterwegs sind, um von den Protesten zu berichten. Wann und wo ein neues Video zu sehen ist, erfährt man über Facebook oder über Twitter.

Die „MidiaNinjas“ stehen in diesen Tagen des Fußballrauschs beileibe nicht im Mittelpunkt des Weltgeschehens. Sie stelle aber, nach wie vor, ein wertvolles Korrektiv dar: Sie schützen durch ihre bloße Anwesenheit die Demonstranten und das in der brasilianischen Verfassung verbriefte Demonstrationsrecht. Und: Sie werfen einen kritischen Blick auf die Polizei- und Sicherheitskräfte.

Und über deren Arbeit gibt es täglich reichlich Negatives zu berichten. Zwei aktuelle Beispiele:

1.) In Rio de Janeiro nahm die die Militärpolizei am Freitag einen „Medien-Ninja“ fest. Sein Vergehen: Es bestand der drängender Verdacht, dass das Akku seines Notebooks in Wirklichkeit eine selbst gebastelte Bombe sei.

2.) In Belo Horizonte wurde die Ninja-Reporterin Karinny Magalhães festgenommen. Sie hatte Bilder von einer Demonstration ins Netz gestellt, an der circa 3.000 Gewerkschafter teilgenommen hatten.

Karinny Magalhães berichtet: “Die Demo war super-friedlich. Dann kam die Militärpolizei und griff die Teilnehmer an. Sie haben mir das Smartphone abgenommen, mit dem ich die Bilder des Protests aufzeichnete. In der Polizeistation wurde ich geschlagen und beleidigt: Einer der Polizisten sagte wörtlich: ‚Du bist der Abschaum, das Krebsgeschwür der Gesellschaft. Euch sollte man alle umbringen!“. Erst am nächsten morgen war Karinny wieder in Freiheit.

Das andere Tagebuch:

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

Teil 11: Der Schwarze Block will marschieren: „20 Prozent der Brasilianer sind gegen die WM“

Teil 12: Korruption bei der Fifa: „Wer einmal die Hand aufhält, versucht es auch ein zweites Mal“

Teil 13: Brasilianischer Fußball: Der lange Weg zur Vielfalt der Kulturen

Teil 14: Fußball: „Für die Brasilianer ist die Fifa so böse wie der IWF“

Teil 15: Schriftsteller Zé do Rock: „Sepp Blatter wäre der ideale Präsident für Brasilien“

Teil 16: „Die Demonstranten haben das Image von Brasilien verändert“

Teil 17: Das Foto, das den Zorn der Brasilianer auf die Fußball-WM entfacht hat

Teil 18: Kein gutes Geschäft: Fußball-WM schadet Brasiliens Mittelstand

Teil 19: Brasilianische Militärpolizei stürmt WM-Partys in den Armenvierteln

Teil 20: Mieten und Immobilien-Preise explodieren wegen der WM



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