Brasilien: Linke knickt ein und jubelt über Fußball-WM

Vor lauter Begeisterung über den Einzug Brasiliens ins Achtelfinale macht die Linkaußen-Opposition Brasiliens jetzt einen Rückzieher. Plötzlich schließt sie sich dem Reigen derjenigen Parteien an, die aus der WM politisches Kapital schlagen wollen. Schließlich wird schon am 5. Oktober in Brasilien gewählt.

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Dass Brasiliens Präsidentin, Dilma Rousseff, die große Bühne der WM für ihren Wahlkampf nutzt ist reichlich bekannt. Ähnlich wie Bundeskanzlerin Angela Merkel lässt sie sich bei jedem Sieg der Nationalmannschaft jubelnd auf der Tribüne ablichten. Die Bilder werden dann übers ganze Land gegossen. Das schafft Nähe zum Wähler, so das Kalkül der Wahlkampfstrategen.

Dilma Rousseff muss um ihr Amt kämpfen, denn ihre sozialistische Partei ist korrupt und viele Brasilianer sehnen sich nach einem Wechsel.

Zu Jahresbeginn waren Rousseffs Zustimmungswerte noch eingebrochen, die Stimmung im Land kühlte ab wie die Konjunktur, die WM schien die Regierung eher zu belasten. Sechs Prozentpunkte sackte Rousseff in den Umfragen ab, die sicher geglaubte Wiederwahl schien zu wanken. Doch seit der Ball rollt, die Fahnen wehen und die Stadien jubeln, hat Rousseff ihr Comeback. Sie liegt derzeit zwischen 34 und 38 Prozent der Umfragezustimmung, der bürgerliche Konkurrent Aécio Neves bei 20 bis 24 Prozent und der Sozialist Eduardo Campos bei 10 bis 15 Prozent. Ein Sieg scheint wieder möglich.

Luciana Krebs Genro ist die Kandidatin der Linksaußen-Partei „Partido Socialismo e Liberdade“ – PSOL (Partei Sozialismus und Freiheit) für die brasilianische Präsidentschaftswahl am 5. Oktober 2014.

Politikerin Luciana Genro. (Foto: L. Genro)

Politikerin Luciana Genro. (Foto: L. Genro)

Nachdem sie und ihre Partei von Beginn an die Proteste gegen die Fußball-WM unterstützt und den Slogan „Não vai ter Copa“ („Es wird keine WM geben“) übernommen hatte, sagte Luciana Genro jetzt öffentlich, dass die Zeit, gegen die WM zu protestieren vorbei sei. „Während der WM wollen die Leute die Spiele sehen.“

Ist sie überrascht, dass die WM – zumindest bisher – ohne große Störungen verlaufen ist, wollen die Deutschen Wirtschafts Nachrichten von ihr wissen.

Antwort: „Die Erwartungen der Leute waren so negativ, dass die Leute natürlich positiv überrascht sind.“

Luciana Genro ist 43 Jahre alt und Tochter des Gouverneurs des Bundesstaates Rio Grande do Sul, Tarso Genro, der der Arbeiterparteo PT von Präsidentin Dilma Rousseff angehört. Luciana gehört einer Gruppe von mehreren ehemaligen Mitgliedern der PT an, die vor etwa zehn Jahren aus der Partei Rousseffs ausgeschlossen wurden, weil sie mit der Wirtschaftspolitik des damaligen Präsidenten Lula da Silva nicht einverstanden waren.

Die Kandidatin der PSOL sagt heute, sie sei stolz darauf, von der PT ausgeschlossen worden zu sein. Sie erinnert daran, dass es José Dirceu war, der damalige Minister und Kabinettchef, der die Entscheidung für ihren Ausschluss herbeigeführt hatte. Dirceu sitze heute im Brasilia im Gefängnis, weil er im Zuge des „Mensalão-Prozesses“ der Korruption überführt wurde. (Im sogenannten Mensalão-Prozess war ein Netzwerk aus PT-Politikern, Geschäftsleuten und Juristen angeklagt. Sie alle sollen während der Amtszeit des ehemaligen brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva über Jahre hinweg ein System der Bestechung, Geldwäsche und Korruption geschaffen haben, das den Begünstigten Millionengewinne einbrachte.)

Die Partei PSOL für die Luciana Genro fürs Präsidentenamt kandidiert vertritt liberale Positionen, was die Entkriminalisierung der Abtreibung oder des Haschischkonsums angeht. Was die Wirtschaftspolitik angeht, so vertritt die Partei eine eher orthodox-linke Position: Die Partei will, zum Beispiel, die Rückzahlung der Staatsschulden an die Banken aussetzen.

Welchen Missstand bekämpft die Partei besonders? „Das große Ziel der PSOL ist es, die Interessen und Privilegien der Banken anzugreifen.“

Das andere Tagebuch:

Teil 1: Die Revolution hat in Brasilien Feuer gefangen

Teil 2: Brasilien: Künstler protestieren gegen die Fußball-WM

Teil 3: Brasilien: Von der Fußball-WM profitieren Konzerne, Politiker und Banken

Teil 4: Weltmeister: Deutsche Waffen-Industrie verdient prächtig mit der Fußball-WM

Teil 5: Brasilien: Staudamm-Bau mit Methoden einer Militär-Diktatur

Teil 6: Wer ist die rätselhafte Dilma Rouseff?

Teil 7: Brasilien: Straßenkinder passen nicht ins Bild der WM – und verschwinden

Teil 8: Der ganz andere WM-Song:  „Öffnet eure Augen, Brüder / die FIFA greift in unsere Taschen“

Teil 9: Brasilien: Fifa unterstützt Projekte gegen Kinderprostitution nicht

Teil 10: Lage in São Paulo eskaliert: Polzei knüppelt streikende U-Bahn-Fahrer nieder

Teil 11: Der Schwarze Block will marschieren: „20 Prozent der Brasilianer sind gegen die WM“

Teil 12: Korruption bei der Fifa: „Wer einmal die Hand aufhält, versucht es auch ein zweites Mal“

Teil 13: Brasilianischer Fußball: Der lange Weg zur Vielfalt der Kulturen

Teil 14: Fußball: „Für die Brasilianer ist die Fifa so böse wie der IWF“

Teil 15: Schriftsteller Zé do Rock: „Sepp Blatter wäre der ideale Präsident für Brasilien“

Teil 16: „Die Demonstranten haben das Image von Brasilien verändert“

Teil 17: Das Foto, das den Zorn der Brasilianer auf die Fußball-WM entfacht hat

Teil 18: Kein gutes Geschäft: Fußball-WM schadet Brasiliens Mittelstand

Teil 19: Brasilianische Militärpolizei stürmt WM-Partys in den Armenvierteln

Teil 20: Mieten und Immobilien-Preise explodieren wegen der WM

Teil 21: Fußball-WM: Die Bilder aus Brasilien, die die Welt nicht sehen soll

Teil 22: Umwelt-Skandal: Eine Gemeinde in Brasilien kämpft gegen ThyssenKrupp

Teil 23: Militärpolizei ändert Taktik und verhaftet Aktivisten

Teil 24: Brasilien: „Die Reaktion der Politiker auf die Proteste ist desaströs!“

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