Reparatur des Rückenmarks lässt Gelähmten wieder gehen

Eine neue Behandlungsmethode macht es möglich, beschädigtes Rückenmark zu reparieren. Der erste Patient kann dank der neuartigen Therapie bereits wieder gehen. Er war nach einer Messerattacke seit zwei Jahren querschnittsgelähmt.

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„Eindrucksvoller als die eines Mannes auf dem Mond“, beschreibt Professor Geoff Raisman des University College London die kleinen Schritte von Darek Fidyka. Wenngleich dieser Gehhilfen benötigt, kann er nach einer Zelltransplantation in seine Wirbelsäule wieder laufen, berichtet iflscience.com.

Die neuartige Behandlung, veröffentlicht in Cell Transplantation, wurde vielfach diskutiert, bis sie drei Monate nach der Operation erstmals Wirkung zeigte. Vor seiner OP hatte Darek Fidyka bereits zwei Jahre einer intensiven Physiotherapie hinter sich – jedoch erfolglos. Sechs Monate später unternahm er seine ersten Gehversuche.

Fidyka, Feuerwehrmann in Polen, wurde 18 mal von einem alten Freund in den Rücken gestochen, wobei seine Wirbelsäule beschädigt wurde. Der Täter habe gedacht, Fidyka habe schon während seiner Ehe eine Affäre mit seiner Ex-Frau gehabt. Nachdem er von der Lähmung erfuhr, habe er sich selbst das Leben genommen, berichtet Dailymail.

Nach der Tat war Fidykas Rückenmark halb durchtrennt. Glücklicherweise allerdings blieb seine Nase unverletzt, denn diese spielte bei seiner Behandlung unerwarteterweise eine große Rolle. Die Mediziner brauchten nämlich eine große Menge an Gewebe aus der Nase, um das Rückenmark zu reparieren, weshalb sie Fidyka einen seiner zwei „Riechkolben“, auf Latein „Bulbus olfactorius“, entnahmen.

Man machte sich einen einfachen Umstand zu Nutze, nämlich jenen, dass in der Nase ein sehr hoher Verschleiß an Nervenzellen besteht. Der Geruchsnerv wird quasi rund um die Uhr belastet. Aufgrund des hohen Verschleißes wachsen in der Nase ständig neue Nervenzellen nach. Die Nase ist der einzige Teil des Nervensystems, in dem Zellregeneration noch im Erwachsenenalter stattfindet.

Insbesondere die sogenannten Lemnozyten – eher bekannt als Schwann-Zellen – sind hierbei interessant. Sie sind das Axon – der Teil der Nervenzelle, der ähnlich einem Kabel, Informationen an andere Zellen überträgt – und isolieren es elektrisch um die Leitgeschwindigkeit zu erhöhen. Darüber hinaus bewirken sie eine Regeneration axonaler Verletzungen, das Nachwachsen dieser Axone. Ähnliche Zellen des Zentralen Nervensystems, also Gehirn und Rückenmark, besitzen diese Fähigkeit nicht.

Dadurch findet im Zentralen Nervensystem nur bedingt Regeneration statt. Den glücklichen Umstand, dass der Mensch überhaupt Lemnozyten besitzt, verdanken wir der Evolution. Sie sorgen bei uns für schnellere Reaktionsgeschwindigkeiten, allerdings wurden auch einige Krankheiten des Nervensystems mit diesen Zellen in Verbindung gebracht.

Die Schwann-Zellen aus Fidykas Riechkolben kultivierte das Team unter der Leitung von Professor Geoff Raisman zwei Wochen lang, bis die Zellkultur für die Operation ausreichen würde. Zuerst wurden vier Nervenstränge aus dem Knöchel an die Lücke im Rückenmark angebracht. Daraufhin folgten 100 Mikroinjektionen mit Schwann-Zellen. Die Mediziner hofften, dass die Schwann-Zellen helfen würden, neue Verbindungen zu schaffen und so das Rückenmark zum Zusammenwachsen zu bringen. Die Nervenstränge sollten als Brücke dienen.

Ein Team des britischen Fernsehsenders BBC wurde nach der Behandlung eingeladen, um die Reaktion des Körpers zu dokumentieren. Doch zuerst war keine Verbesserung erkennbar. Erst drei Monate nach seiner Operation merkte Darek Fidyka, dass sein linker Oberschenkel an Muskelmasse zulegte. In seinem Rückenmark war die linke Seite durchtrennt, diese ist auch für die Informationsübertragung auf der linken Körperhälfte zuständig. Nun wuchs die Lücke allmählich zusammen.

Sechs Monate nach seiner Operation wurden Aufnahmen gemacht, die um die Welt gingen – Bilder von seinen ersten Gehversuchen mit Haltestangen und Physiotherapeut an seiner Seite. Zwar ist die rechte Seite immer noch etwas schwächer, dennoch kann Fidyka mit einer Gehhilfe langsam wieder gehen – und sogar Blase, Darm und Geschlechtsteil nehmen langsam wieder ihre Funktionen auf. Allerdings kostet ihn jede Bewegung große Anstrengung.

Wie Fidyka sich gegenüber BBC äußerte, sei wieder gehen zu können „ein unglaubliches Gefühl.“ Er fügte hinzu: „Wenn man fast die Hälfte seines Körpers nicht mehr spürt, ist man hilflos. Aber wenn das Gefühl zurückkehrt, ist es als sei man neu geboren.“ Dr. Pawel Tabakow ist Neurochirurg des Universitätskrankenhauses in Wroclaw und leitet das polnische Team. Er sagte: „Es ist unglaublich, dass die Regeneration des Rückenmarks, welche viele Jahre für unmöglich gehalten wurde, nun zur Wirklichkeit wird.“

Professor Raisman verbrachte bereits über 40 Jahre mit der Suche nach einer Möglichkeit, das Rückenmark zu reparieren. Mit Tierversuchen zeigte er schon an Ratten und Hunden, dass sich eine Lähmung rückgängig machen lässt.

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