Politik

Ukraine-Kollaps: Tausende Facharbeiter wandern nach Polen und Russland aus

Lesezeit: 1 min
14.05.2015 01:17
Hunderttausende Ukrainer wandern in die Nachbarländer Polen und Russland aus. Nach Polen zieht es vor allem Akademiker und Fachkräfte. Sie sehen aufgrund des Ukraine-Konflikts und vor allem wegen der grassierenden Korruption in ihrer Heimat keine Zukunft mehr für sich. Doch ohne sie ist ein Wiederaufbau der Ukraine unmöglich.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der Krieg im Osten der Ukraine hat dazu geführt, dass das Land wirtschaftlich und sozial nicht auf die Beine kommt. In diesem Zusammenhang haben sich zwei große Flüchtlings- und Auswanderungsströme entwickelt. Während die Menschen in der West-Ukraine hauptsächlich in den EU-Raum auswandern, zieht es die Ost-Ukrainer nach Russland.

Im vergangenen Jahr hat Polen 331.000 Kurzarbeit-Genehmigungen an Ukrainer erteilt. Im Vergleich zum Vorjahr entspricht dies einer 50-prozentigen Erhöhung der Genehmigungen, zitiert der Guardian die Migrations-Analystin am Center for Eastern Studies (OSW) in Warschau, Marta Jaroszewicz. Sie schätzt, dass inzwischen 300.000-400.000 Ukrainer in Polen leben. Im Januar und Februar sind die Anträge auf Aufenthaltsgenehmigungen in der Region Masowien im Vergleich zur Vorjahresperiode um 180 Prozent gestiegen.

Die Vorsitzende der Association of Ukrainian Women in Poland, Katarzyna Sirocka, sagt, dass aufgrund des Ukraine-Konflikts zahlreiche gut ausgebildete Ukrainer nach Polen auswandern. Dazu gehören beispielsweise Berufssparten wie Psychologen oder Musiker. „Viele von ihnen müssen ohne Papiere arbeiten“, so Sirocka. Andere wiederum sind als Putzmänner- oder Frauen, Taxi-Fahrer oder Bauarbeiter tätig. Die Ukrainer wandern nicht nur aufgrund des Konflikts, sondern vor allem wegen der desolaten wirtschaftlichen Lage in ihrer Heimat aus. Die grassierende Korruption im Land macht eine Chancengleichheit auf dem ukrainischen Arbeitsmarkt unmöglich.

Während die Einwanderer aus der West-Ukraine oftmals die polnische Sprache sprechen, haben die Flüchtlinge aus dem Osten der Ukraine keinen sprachlichen Vorteil, da viele von ihnen Russisch als Muttersprache oder Umgangssprache sprechen und das Ukrainische nur die Zweitsprache ist. Mateusz Kramek von der Organisation Ukrainian World sagt, dass die zahlreichen ukrainischen Akademiker Polen als Durchgangs-Station in den Westen ansehen. Viele von ihnen wollen nach Westeuropa oder in die USA.

Die Ost-Ukrainer wandern oder flüchten hingegen oftmals nach Russland aus, zumal viele von ihnen Verwandte in der Russischen Föderation haben. Der UNHCR-Sprecher Babar Baloch sagte den Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Bisher haben 264.000 ukrainische Staatsbürger Anträge auf vorübergehenden Asyl in der Russischen Föderation gestellt. Weitere 244.000 Ukrainer stellten anderweitige Anträge wie für die Einbürgerung, für vorübergehende oder unbefristete Aufenthaltserlaubnisse oder Siedlungsprogramme. Viele nutzen das Abkommen zur Visa-Freiheit“.

Die Infrastruktur in der Ost-Ukraine wurde mittlerweile weitgehend zerstört. Nach Angaben des ORF-Korrespondenten Christian Wehrschütz, der sich in der Ukraine befindet, findet im Osten des Landes kein Wiederaufbau statt und der russische Rubel habe sich mittlerweile als Zahlungsmittel durchgesetzt. Die Auswanderungswelle nach Russland wird offenbar auch in den kommenden Monaten nicht abreißen. Doch unklar bleibt, wie der Wiederaufbau in der Ukraine gelingen soll, wenn neben den durchschnittlichen Bürgern insbesondere die Facharbeiter und Akademiker auswandern.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Ukraine-Hauptquartier: Amerikaner übergeben Nato-Mission ausgerechnet Deutschland
14.06.2024

Die Nato plant, die internationalen Waffenlieferungen und Ausbildung der ukrainischen Streitkräfte zu koordinieren. Deutschland fällt...

DWN
Politik
Politik Die Bahn kommt: Bund und Länder einig über Sanierungskosten und Ertüchtigung
14.06.2024

Vor lauter Hiobsbotschaften von der Bahn gehen manchmal die wirklich wichtigen Nachrichten unter. Bund und Länder haben sich diese Woche...

DWN
Politik
Politik Die DWN-Chefredaktion kommentiert: Warum Deutschland bei Abschiebungen Zeit verschwendet
14.06.2024

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch...

DWN
Immobilien
Immobilien ZIA-Immobilientag 2024: Krise in der Baubranche „ist noch gar nicht richtig angekommen“
14.06.2024

Beim jährlichen „Tag der Immobilienwirtschaft“ des Spitzenverbands der deutschen Immobilienwirtschaft (ZIA) diese Woche war ein...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe Ukraine: Putin nennt Verzicht auf NATO-Mitgliedschaft als Bedingung
14.06.2024

Russlands Präsident Wladimir Putin bietet eine Waffenruhe in der Ukraine an, stellt dafür aber klare Bedingungen auf: Die Ukraine muss...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft EU-Strafzölle treffen auch Tesla: Warnung vor Preiserhöhungen
14.06.2024

Obwohl Tesla eine Fabrik in Grünheide hat, importiert das Unternehmen den Bestseller Model 3 aus Shanghai nach Deutschland. Jetzt...

DWN
Politik
Politik Krieg in Nahost: Bidens Friedensplan erhält Unterstützung von den G7
14.06.2024

Im Bemühen, einen Weg aus dem Gaza-Krieg zwischen Israel und der islamistischen Hamas zu finden, hat sich auch die G7-Gruppe der...

DWN
Politik
Politik Ostseerat in Finnland: Baerbock fordert Einheit gegen Russlands Nadelstiche
14.06.2024

Russland strebt durch gezielte Provokationen wie Sabotage, GPS-Störungen und die Verbreitung von Desinformation im Ostseeraum an,...