Finanzen

Rohstoff-Schock bringt Bauern weltweit in Bedrängnis

Die stark erhöhte Nachfrage hat in den Schwellenländern zu einer deutlichen Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion geführt. Kurz darauf wurden Rohstoffe als eigenständige Vermögensklasse entdeckt. Die Investoren wurden von der Aussicht verlockt, in Index-Fonds oder -Zertifkate zu investieren. Doch diese Entwicklung setzt die Bauern weltweit unter Druck.
11.08.2015 00:05
Lesezeit: 4 min
Rohstoff-Schock bringt Bauern weltweit in Bedrängnis
Preise agrarischer Rohstoffe in US-Dollar je metrische Tonne (Grafik: DWN, Quellen: World Bank, Indexmundi)

Die agrarischen Rohstoffe sind neben Energie (Erdöl, Erdgas, Kohle) und Industrie- und Edelmetallen die dritte große Kategorie der Rohstoffe. Nachfrage und Angebot bei Agrar-Rohstoffen sind fundamental von Erdöl und von Metallen verschieden. Dennoch erscheinen die Preise agrarischer Rohstoffe in der längeren Perspektive hoch korreliert mit Energie- und mit Industrie- oder Edelmetallpreisen. Dafür ist nicht zuletzt das Investorenverhalten der letzten 15 Jahre verantwortlich. In der kurzen und mittleren Frist könnte dies für weitere Probleme der Nahrungsmittel-Produzenten sorgen.

Die agrarischen Rohstoffe teilen sich in Nahrungsmittel und in Rohstoffe für die industrielle Verarbeitung. Zu den Nahrungsmitteln gehören verschiedene Getreidesorten, darunter klassische Futtermittel wie Soja und Mais, aber auch Fleisch oder Tiere inklusive Fische. Die wichtigen industriellen Rohstoffe sind Baumwolle, Häute, Wolle, Gummi, die vor allem für die Leichtindustrie (Textil, Leder) bzw. für die Pneuherstellung verwendet werden.

Die Zunahme der Nachfrage in den 2000er-Jahren nach Erdöl ist vor allem durch Transport und Industrie, die Nachfrage nach Industriemetallen von der Baukonjunktur in China erklärt.

Die Nachfrage nach Agrar-Rohstoffen wird hauptsächlich von den Zuwächsen der Realeinkommen und deswegen veränderten Nahrungsgewohnheiten in den Schwellenländern geprägt. Die rasch zunehmende kaufkräftige und urbane Mittelschicht in den Schwellenländern hat andere Ernährungsansprüche als die traditionelle ländliche Bevölkerung. Die Ernährung wird auf Fleisch, Milchprodukte, Gemüse und Früchte ausgeweitet. Sie konzentriert sich nicht mehr nur auf Reis, Getreide, Mais, Kartoffeln oder andere Basis-Lebensmittel.

Die intensivierte Fleischproduktion erfordert eine sehr stark erhöhte Futtermittelerzeugung. Die pflanzliche Intensität ist bei einer fleischorientierten Ernährung um ein Vielfaches erhöht. Die ganze Nahrungsmittelkette wird deswegen fundamental umgestellt. Pflanzliche Rohstoffe werden weltweit als Futter für die Tiermast verwendet. Soja, Raps oder Mais sind die wichtigsten Gewinner.

Der Agrarboom war zunächst ein Boom für den Binnenmarkt. Die stark erhöhte Nachfrage hat in den 2000er Jahren zu einer markanten Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion in sehr vielen Entwicklungs- und Schwellenländern geführt. Das Gros der landwirtschaftlichen Produktion ist auf die Versorgung der Bevölkerung im nationalen Maßstab ausgerichtet.

Darüber hinaus hat die erhöhte Nachfrage zu einer spezialisierten Exportproduktion geführt in Ländern, die besonders günstige Voraussetzungen haben. Vor allem die Exportnachfrage nach Futtermitteln, Ölsaaten und nach exotischen Früchten hat sehr stark zugelegt.

Der China-Faktor wirkt bei der Nachfrage nach Nahrungsmitteln nicht so stark und keineswegs so dominant wie bei Metallen oder Erdöl. China ist nahezu Selbstversorger bei den wichtigsten Stapel-Nahrungsmitteln mit Ausnahme von Ölsaaten (Soja, Raps) und Mais. Sie werden vor allem als Tierfutter verwendet. Daneben werden Spezialitäten importiert wie Fisch, Fleisch, Palmöl oder Mandeln.

Das Angebot ist in der Agrarproduktion im Unterschied zu Energie und Metallen nicht besonders kapitalintensiv. Die Produktion ist weltweit immer noch sehr stark arbeitsintensiv. Es gibt unzählige Klein- und Kleinstproduzenten. Das Angebot ist mittelfristig außerdem viel elastischer als bei Erdöl und bei Metallen. Die Flächenexpansion kann viel rascher einen Kapazitätsausbau herbeiführen als Investitionen bei Erdöl oder Industriemetallen. Teilweise dauert es nur ein bis drei Jahre, während bei Energie und Metallen zehn Jahre realistischer sind. Die Reifungszeit von Erweiterungs-Investitionen ist mit anderen Worten viel kürzer.

Der Großteil der Angebotsexpansion in den 2000er-Jahren resultierte aber aus Produktivitätsgewinnen in der Landwirtschaft, nicht aus der Flächenexpansion. Die erhöhten Erträge pro Fläche waren entscheidend. Sie sind auf verbesserte Wasserversorgung, Düngung, Schädlingsbekämpfung, Zuchtmethoden und Einsatz von Maschinen zurückzuführen.

Energie ist ein wichtiger Produktionsfaktor und Kostenstelle für Landwirtschaftsprodukte. Deshalb sind die Preise agrarischer Rohstoffe mit den Erdölpreisen erheblich korreliert. Der Rückgang der Agrarpreise schlägt deshalb nicht voll auf die Netto-Einkommen von Produzenten und Produzentenländern durch. Mindestens insofern als er durch die rückläufigen Erdölpreise abgefedert wird.

Wetter- und Erntebedingungen spielen kurzfristig eine große Rolle für das Angebot. Sie können für irreguläre Bedingungen sorgen und kurzfristig, in der Regel für ein bis zwei Jahre, Überangebot oder Verknappung herbeiführen. Die sichere Versorgung mit Wasser ist eine sehr wichtige Ressource für die Landwirtschaft. Dieser Faktor dürfte in der Zukunft für erhebliche Verschiebung der Landwirtschaftszonen sorgen. Hier dürfte ein direkter Zusammenhang mit der globalen Klimaerwärmung gegeben sein.

Die Entwicklung der Preise von Nahrungsmitteln ist keineswegs homogen. Es gibt bedeutende Unterschiede. Das von der Regierung Kirchner verordnete Exportverbot für Fleisch in Argentinien, traditionell einem großen Weltmarkt-Exporteur, sorgte global für eine Verknappung. Die Fleischpreise bleiben auch deswegen im Aufwärtstrend.

Die Expansion der Landwirtschaft ist keineswegs so stark durch Verschuldung getrieben wie bei der Energie oder bei den Industriemetallen, weil die Landwirtschaft schlicht nicht kapitalintensiv ist. Aber auch im Vergleich zum Boom der 1970er-Jahre ist der finanzielle Hebeleffekt erheblich geringer.

Obwohl die fundamentalen Angebots- und Nachfrage-Bedingungen von Landwirtschaftsgütern gegenüber Energie und Industriemetallen sehr verschieden sind, ist in den 2000er-Jahren doch eine hohe zyklische Korrelation mit beiden, auch von Monat zu Monat feststellbar.

Ein Grund dürfte die „Finanzialisierung“ (engl. ‚financialisation’) der Rohstoffe sein. In den 2000er-Jahren wurden Rohstoffe als eigenständige Vermögensklasse entdeckt und gefördert. Viele Investoren wurden von der Aussicht verlockt, in Index-Fonds oder –Zertifkate zu investieren. Solche Produkte sind teilweise sehr günstig und hoch liquide, sie können rasch gekauft und verkauft werden. Typischerweise investieren sie in Futures, deren Volumen in den 2000er Jahren explosionsartig angestiegen ist. Solche Index-Investoren trieben auch die Agrarpreise in Höhe, einfach weil Agrarrohstoffe auch in den Indizes enthalten sind. Sie sorgten für zu hohe Preise und zu viel Ausdehnung des Angebots. Es ist also nicht unbedingt die oft verschmähte Spekulation, sondern eher dem passiven Investieren in Indexprodukte zuzuschreiben, dass die Agrarpreise derart stark angestiegen sind. Umgekehrt sorgen jetzt auch Verkäufe aus Indexfonds oder -produkten für einen Preisfall auch bei Agrargütern, obschon es nicht überall gerechtfertigt ist.

Langfristig bleibt die Basis für Agrarrohstoffe von den drei großen Rohstoffkategorien am besten. Der Trend zur Urbanisierung und Veränderung des Lebensstils wird sich fortsetzen. Tiefere Erdöl- und Nahrungsmittelpreise sichern der städtischen Mittelschicht in den urbanen Wachstumszentren der Schwellenländer auch eine anhaltend hohe reale Kaufkraft.

Allerdings sollten die Risiken einer Preisbaisse bei Landwirtschaftsgütern nicht unterschätzt werden. Nach zwei, drei sehr guten Erntejahren weltweit ist das Angebot heute mehr als ausreichend. Wenn viele Länder gleichzeitig den Gürtel enger schnallen müssen, kann dies das Wachstum der Nachfrage nach hochwertigen und teuren Landwirtschaftsprodukten abbremsen. Die starke Produktionssteigerung und die höheren Preise in den 2000er-Jahren haben zum ersten Mal in Dekaden die bäuerlichen Einkommen praktisch weltweit deutlich ansteigen lassen. Das Pro-Kopf Einkommen ist in sehr vielen Schwellen- und Entwicklungsländern in den 2000er-Jahren ganz massiv und breit angestiegen, dies nach zwei Jahrzehnten der Stagnation. Es hat also insbesondere auch die bäuerlichen Produzenten erfasst. Wenn die Preise von Landwirtschaftsgütern kurz- und mittelfristig weiter fallen, hat dies erhebliche Effekte auf die Kaufkraft einer immer noch sehr großen, in vielen Ländern immer noch dominanten Bevölkerungsschicht in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Es betrifft also die Masse bäuerlicher Produzenten direkt, und darüber hinaus die spezialisierten Exporteure von Nahrungsmitteln im Weltmarkt.

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