Politik

Sparguthaben: Europa steht vor einer massiven Finanz-Krise

Lesezeit: 3 min
22.01.2016 01:39
Der OECD-Aufseher William White erwartet für Europa eine Finanzkrise, die wesentlich gravierender sein könnte als jene von 2007. Der Grund: Die sich abzeichnende Rezession wird 1.000 Milliarden Dollar fauler Kredite uneinbringlich machen. Die Zentralbanken haben ihr Pulver verschossen und scheiden als Retter aus.
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Der frühere Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, William White, hat beim World Economic Forum in Davos mit Ambrose Evans-Pritchard gesprochen und einige sehr unerfreuliche Entwicklungen vorhergesagt. White ist jetzt Chairman beim Review Committe der OECD und hatte bereits 2005 vor dem Crash gewarnt.

Er sagte im Telegraph, dass das Weltfinanzsystem „gefährlich instabil“ geworden ist: „Die Situation ist schlimmer als 2007. Wir haben unsere makroökonomische Munition zur Bekämpfung von Rezessionen aufgebraucht. Die Schulden sind in den vergangenen acht Jahren weiter gestiegen und haben solche Höhen in allen Teilen der Welt erreicht, dass diese zu Verwerfungen führen kann. In der nächsten Rezession wird offensichtlich werden, dass diese Schulden niemals mehr bedient oder zurückgezahlt werden können. Das wird sehr unangenehm für viele Menschen, die jetzt glauben, sie halten Assets, die etwas wert sind. Die einzige Frage ist, ob wir in der Lage sind, der Realität ins Auge zu blicken und uns dem, was kommen wird, in einer geordneten Weise stellen, oder ob alles ungeordnet geschieht. Schuldenschnitte hat es 5.000 Jahre lang gegeben – bis zurück zur Zeit der Sumerer.“

Whites Aussagen sollten vor allem von Sparern und Anlegern mit Aufmerksamkeit studiert werden. Denn der Abbau der weltweiten Schulden wird von jenen geschultert werden müssen, die jetzt über Vermögenswerte verfügen. Das betrifft die Sparer, weil die europäischen Banken-Regeln seit dem 1. Januar 2016 vorsehen, dass Gläubiger von Banken deren Rettung zu bezahlen haben. Nur Spareinlagen unter 100.000 Euro sind geschützt – und auch hier ist nicht klar, ob die europäischen Einlagensicherungssysteme wirklich greifen. Das dürfte davon abhängen, welche Banken als erste straucheln. Der Telegraph berichtet, dass die europäischen Banken bereits eingeräumt haben, auf einem Berg von 1.000 Milliarden Dollar an faulen Krediten zu sitzen. Hier sind nicht jene Kredite eingerechnet, von denen die Banken noch davon ausgehen, dass ein „rollover“ möglich ist. Dies betrifft vor allem die Schwellenländer. Hier ist Deutschland als Exportnation besonders betroffen. Die britische Barclays Bank hat am Donnerstag bekanntgegeben, sich aus Asien, Russland und Brasilien zurückzuziehen, weil diese Länder für die Briten ein zu heißes Pflaster geworden sind. White erwartet, dass die europäischen Gläubiger einige der größten Haircuts werden hinnehmen müssen, weil sie eine massive Exposure in den Schwellenländern haben.

Das Problem mit den Schwellenländern besteht darin, dass sie nach der Finanz-Krise die Retter für das Weltfinanzsystem gespielt haben. Die von den Zentralbanken gefluteten Märkte haben eine neue Schulden-Blase entstehen lassen. Mit der Baisse der Rohstoff-Preise wird diese Blase zum Platzen gebracht: Die Investitionszyklen führen dazu, dass diese Länder vom Kollaps bedroht sind. Die Schwellenländer sind, wie White sagt, nicht mehr die Lösung, sondern Teil des globalen Problems geworden. Eine Rezession ist kaum vermeidbar, wie etwa die Entwicklung des Baltic Dry Index erahnen lässt. Russland ist bereits in einer Rezession. China hat sich mit der Abwertung des Yuan in den globalen Währungskrieg eingelassen – White nimmt den Begriff ausdrücklich in den Mund. Dies war bisher ein Tabu und auch die EZB hat stets beteuert, dass ihre Programme nicht auf eine Schwächung des Euro abzielen.

Eine mögliche weltweite Finanz-Krise ist auch kein Grund zum stillen Triumph für naive Klassenkämpfer: Denn die Verluste im Zuge einer weltweiten Umschuldung treffen nicht nur „die Reichen“, sondern auch die Vermögensverwalter, denen die verschiedenen Pensionsfonds anvertraut sind.

Wir kritisch die Lage ist, lässt sich an den Bemühungen von Italien und der EU erkennen, die eben erst beschlossene „Bail-In“-Regel außer Kraft zu setzen und die faulen Kredite über Staatsgarantien, also den Steuerzahler, aus der Welt zu schaffen. Die Investoren haben nämlich nichts mehr zu verschenken und schauen genau, welche Staaten sie rasieren. Ein trauriges Beispiel ist das österreichische Bundesland Kärnten, in dem der seinerzeit als Robin Hood gegen die „Altparteien“ angetretene Jörg Haider den nachfolgenden Generationen eine gigantische Pleite-Bank hinterlassen hat. Die Gläubiger weigern sich, einem eigentlich großzügigen Schuldenschnitt zuzustimmen. Sie wollen, so vermutet es der Wirtschaftschef der Kärntner Kleinen Zeitung, Adolf Winkler, an Kärnten ein Exempel statuieren. Die Folge könnte die baldige Insolvenz des Bundeslandes sein.

Die Härte der Gläubiger findet ihre Entsprechung in ebenfalls harten Maßnahmen der Regierungen: Nach Ungarn will nun auch Polen die Franken-Kredite von den Schultern der Bürger nehmen und die Banken dafür zahlen lassen. Die Ratingagentur Fitch reagierte prompt und droht Polen wegen dem geplanten Zwangsumtausch von Hypothekenkrediten mit einer Herabstufung der Bonitätsnote. Der Beschluss schwäche den Bankensektor und stelle ein Risiko für das Rating dar, erklärte Fitch-Analyst Arnaud Louis, so Reuters.

William White sagte dem Telegraph, dass die Krise auch deshalb so schwer zu bewältigen sein werde, weil die Zentralbanken mit der Geldschwemme das grundlegende Problem der schuldengetriebenen Wirtschaft verschärft hätte: „Es war immer gefährlich, sich darauf zu verlassen, dass die Zentralbanken ein Solvenz-Problem lösen können. Alles was sie können, ist, ein Liquiditäts-Problem zu lösen. Alles andere führt zur Unordnung. Und diesen Punkt haben wir jetzt erreicht.“

***

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