Wirtschaft

Iran-Krieg und steigende Gaspreise: Braucht Deutschland eine nationale Gasreserve?

Der Iran-Krieg treibt die Gaspreise nach oben, während Deutschlands Gasspeicher deutlich leerer sind als im Vorjahr. Wirtschaftsministerin Reiche setzt deshalb auf zusätzliche LNG-Importe. Braucht Deutschland eine nationale Gasreserve?
19.03.2026 18:34
Lesezeit: 5 min
Iran-Krieg und steigende Gaspreise: Braucht Deutschland eine nationale Gasreserve?
Technische Anlagen zur Speicherung von Erdgas in unterirdischen Kavernen: Gaspreise steigen, Speicher sind leerer als im Vorjahr – welche Lösungen diskutiert Berlin jetzt? (Foto: dpa) Foto: Hauke-Christian Dittrich

Iran-Krieg: Braucht Deutschland eine nationale Gasreserve?

Der Krieg der USA und Israels gegen Iran setzt die Energiemärkte weiterhin unter Druck. Am niederländischen Handelsplatz TTF, dem wichtigsten Preisindikator für Gas in Europa, lag der Referenzpreis Ende Februar noch bei rund 32 Euro pro Megawattstunde. Am 9. März sprang der Preis im frühen Handel zeitweise auf knapp 70 Euro und notierte auch Mitte März deutlich über dem Niveau von Ende Februar.

Ursache sind Lieferstörungen im globalen Flüssiggas-Handel, die sich durch die anhaltende Blockade der Straße von Hormus durch Iran weiter verschärfen dürften. Laut der Internationalen Energieagentur (IEA) passieren rund 20 Prozent des weltweiten LNG-Handels die Meerenge im Persischen Golf zwischen Iran und Oman.

Deutsche Gasspeicher mit niedrigen Füllständen

Hinzu kommt, dass die Gasspeicher hierzulande mit niedrigen Reserven in die neue Einspeicherphase gestartet sind. Nach Angaben der Plattform Gas Infrastructure Europe (GIE) betrug die Füllrate in Deutschland Anfang März lediglich 22 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr waren die Speicher noch zu rund 65 Prozent gefüllt.

Dies hat mehrere Ursachen. Während der vergangenen Heizperiode wurde aufgrund der kühleren Witterung deutlich mehr Gas aus den Speichern entnommen als im Vorjahr. Gleichzeitig hat sich die Struktur des europäischen Gasmarktes seit dem Wegfall der russischen Pipelineimporte grundlegend verändert. Europa ist heute deutlich stärker auf den globalen LNG-Markt angewiesen. Auf diesem Markt konkurrieren europäische Käufer mit asiatischen Importeuren um verfügbare Lieferungen.

Hinzu kommt ein Effekt aus dem Energiehandel: Versorger füllen ihre Gasspeicher nur dann frühzeitig, wenn sich das wirtschaftlich lohnt. Bleiben die Preisunterschiede zwischen Sommer- und Winterlieferungen gering, warten viele Marktteilnehmer ab und kaufen Gas erst später im Jahr ein. In solchen Marktphasen bleiben die Speicher zu Beginn der Einspeicherperiode vergleichsweise leer.

Doch auch die Regulierung spielt eine Rolle. Seit der Energiekrise im Jahr 2022 gelten in Deutschland und der EU gesetzliche Mindestfüllstände für Gasspeicher. Betreiber müssen ihre Anlagen bis zum Beginn der Heizperiode schrittweise füllen: In Deutschland müssen sie ihre Speicher beispielsweise bis Anfang Oktober zu 85 Prozent und bis Anfang November zu 95 Prozent füllen.

Zudem erwägt Russlands Präsident Putin, die EU-Gaslieferungen vorzeitig zu stoppen. Russland hatte seine Gaslieferungen wegen der EU-Sanktionen stark diversifiziert, vor allem Richtung China. Dennoch fließt weiterhin Gas in die EU. Die Europäische Union plant, bis Ende 2027 komplett unabhängig von russischem Erdgas zu werden.

In Anbetracht dessen plädiert die Initiative Energien Speichern (INES) für die Etablierung einer nationalen Gasreserve. „Eine strategische Resilienzreserve von rund 78 Terawattstunden könnte Deutschland auch in außergewöhnlichen Krisensituationen absichern“, heißt es in einer Mitteilung des Gas- und Wasserstoffspeicherbetreibers. Eine solche Reserve würde zusätzlich zu den kommerziell betriebenen Speichern vorgehalten und ausschließlich für extreme Versorgungslagen eingesetzt werden.

Deutschlands Gasspeicher verfügen insgesamt über eine Arbeitsgasmenge von rund 24 Milliarden Kubikmetern und sind damit die größten innerhalb der EU. Eine strategische Reserve in der von INES vorgeschlagenen Größenordnung könnte somit einen relevanten Teil der deutschen Winterversorgung absichern.

Trump will NATO-Schutz für Straße von Hormus

US-Präsident Trump forderte am Wochenende auf seiner Plattform Truth Social eine stärkere militärische Sicherung der Straße von Hormus. Länder, die Öl aus dem Nahen Osten beziehen, sollten sich seiner Meinung nach auch an der Absicherung der Handelsroute beteiligen.

Im Außenministerium stößt der Vorschlag auf Zurückhaltung. Außenminister Wadephul (CDU) erklärte am Wochenende im ARD-Format „Bericht aus Berlin“, eine deutsche Beteiligung an einer militärischen Mission in der Straße von Hormus stehe derzeit nicht zur Debatte. Stattdessen setze Deutschland auf diplomatische Initiativen und internationale Abstimmung, um eine weitere Eskalation in der Region zu vermeiden.

Auch Bundeskanzler Merz (CDU) hatte bereits zuvor erklärt, es gebe derzeit „keine Veranlassung“, über eine militärische Absicherung der Seewege nachzudenken. Deutschland sei nicht Teil des Iran-Krieges und wolle es auch nicht werden. Parallel dazu treibt Frankreichs Präsident Macron eine andere Initiative voran. Nach Beratungen der G7-Staaten brachte er eine internationale Mission ins Gespräch, bei der Kriegsschiffe Tanker und Frachtschiffe durch die Straße von Hormus eskortieren sollen. Ziel dieser rein defensiven Operation sei es, die für Öl- und Gastransporte zentrale Handelsroute wieder verlässlich für den zivilen Schiffsverkehr zu öffnen.

Nationale Gasreserve? Versorger müssen mehr Gas am Weltmarkt einkaufen

Zwar bezieht Deutschland inzwischen rund 50 bis 55 Prozent seiner Gasimporte aus Norwegen, das über die Pipelines Europipe I, Europipe II und Norpipe direkt im niedersächsischen Dornum und Emden anlandet. Weitere Mengen gelangen über Pipelineverbindungen aus den Niederlanden und Belgien in das deutsche Marktgebiet. Ein wachsender Teil der deutschen Gasversorgung wird jedoch über global gehandelte Flüssiggaslieferungen (LNG) gedeckt.

Dafür hat der Bund seit 2022 mehrere Importterminals aufgebaut, unter anderem in Wilhelmshaven (Niedersachsen), Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) und Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern). Über diese Anlagen können Tanker mit Flüssiggas aus Ländern wie Katar, den USA oder Nigeria anlanden. Das Flüssiggas wird anschließend wieder in den gasförmigen Zustand umgewandelt und in das deutsche Fernleitungsnetz eingespeist.

Störungen im Persischen Golf wirken sich daher direkt auf die Gaspreisentwicklung in Deutschland aus, selbst wenn das Gas physisch aus anderen Regionen stammt.

Der Zeitpunkt der niedrigen Speicherstände spielt für den Markt eine wichtige Rolle. Die Einspeicherphase beginnt normalerweise im Frühjahr und dauert bis in den Herbst. In dieser Zeit kaufen Energiehändler und Versorgungsunternehmen Gas ein, um die Speicher für den Winter zu füllen. Dazu gehören große Versorger wie Uniper, RWE Supply & Trading, EnBW oder VNG, aber auch zahlreiche Stadtwerke und industrielle Großverbraucher, die ihre Gasbeschaffung direkt über den Großhandelsmarkt organisieren.

Iran-Krieg: Chemiebranche fürchtet Lieferengpässe

Deutschland verbraucht rund 80 bis 90 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Vor allem energieintensive Branchen wie die Chemieindustrie oder Teile der Lebensmittelproduktion sind auf stabile Gaspreise angewiesen. Die Einkaufspreise, die Händler und Versorger in der Einspeicherphase sichern, bestimmen daher maßgeblich die Energiekosten vieler Unternehmen im laufenden Jahr.

Für eine Vielzahl mittelständischer Unternehmen resultiert daraus ein zusätzlicher Druck entlang ihrer Lieferketten. Um darauf zu reagieren, geben die Unternehmen höhere Energiekosten entweder über steigende Preise an ihre Kunden weiter oder lassen sie direkt auf ihre Margen durchschlagen.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) warnte bereits Anfang März, dass dauerhaft hohe Energiepreise die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie gefährden könnten. „Wenn Energie in Europa strukturell teurer bleibt als in anderen Weltregionen, verlieren energieintensive Branchen zunehmend an Wettbewerbsfähigkeit“, erklärte VCI-Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup in einer Stellungnahme.

Auch deutsche Logistikverbände ⁠schlagen Alarm wegen der kriegsbedingt gestiegenen Kraftstoffpreise. In einem Appell fordern sie von der Bundesregierung, kurzfristige Maßnahmen in Form von Steuersenkungen oder Reduktion der CO2-Abgabe.

Berlin prüft neue Gaslieferverträge

Parallel zur aufkommenden Debatte über eine nationale Gasreserve versucht die Bundesregierung, ihre Beschaffungsstrategie weiter zu diversifizieren. Nach Angaben aus dem Bundeswirtschaftsministerium wird derzeit geprüft, ob zusätzliche langfristige Lieferverträge mit LNG-Exporteuren im Nahen Osten abgeschlossen werden können. Zu den möglichen Partnern zählen unter anderem die Vereinigten Arabischen Emirate und Oman.

Auch Katar, einer der größten Flüssiggasexporteure der Welt, bleibt ein zentraler Gesprächspartner. Gespräche über mögliche Liefervereinbarungen laufen seit 2022, als die Bundesregierung nach Beginn des Ukraine-Krieges begann, ihre Gasimporte neu auszurichten. Damals reiste Bundeswirtschaftsminister Habeck (Grüne) nach Doha und in die Vereinigten Arabischen Emirate, um neue Energiepartnerschaften zu vereinbaren.

In der Folge schlossen deutsche Energieunternehmen erste langfristige LNG-Verträge mit katarischen Produzenten. Der Energiekonzern RWE vereinbarte im November 2022 einen 15-jährigen Liefervertrag mit QatarEnergy über jährlich rund zwei Millionen Tonnen LNG. Die Lieferungen sollen ab 2026 über das Terminal Brunsbüttel nach Deutschland erfolgen, das derzeit zu einem der zentralen Importpunkte für Flüssiggas ausgebaut wird.

Mit solchen Verträgen will das Bundeswirtschaftsministerium vor allem die strukturelle Lücke schließen, die nach dem Wegfall russischer Pipelineimporte entstanden ist. Zwar bezieht Deutschland inzwischen mehr als die Hälfte seiner Gasimporte aus Norwegen, doch das Land produziert bereits nahe seiner Förderkapazitäten. Mehr Pipelinegas lässt sich kurzfristig daher kaum liefern.

Grüne mit Druck auf Reiche wegen niedriger Füllstände

Die niedrigen Gasspeicherstände haben inzwischen auch eine politische Debatte ausgelöst. So kritisierte der Grünen-Politiker Michael Kellner, der als parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium sowie als Bundestagsabgeordneter seiner Partei tätig ist, die aktuell geringen Füllstände der deutschen Gasspeicher und verlangte eine Erklärung der Bundesregierung. Bundeswirtschaftsministerin Reiche (CDU) müsse darlegen, warum die Speicher zu Beginn der Einspeicherphase deutlich weniger gefüllt seien als im Vorjahr, erklärte Kellner. Vertreter der Grünen fordern deshalb eine Befassung des Wirtschaftsausschusses des Bundestages mit der Entwicklung.

Seit der Energiekrise gelten für Betreiber gesetzliche Mindestfüllstände. Danach müssen die deutschen Gasspeicher zum 1. Oktober zu mindestens 85 Prozent und zum 1. November zu 95 Prozent gefüllt sein, eine Regelung, die sicherstellen soll, dass Deutschland mit ausreichenden Reserven in die Heizperiode startet. Damit knüpft die Diskussion über die Speicherpolitik unmittelbar an die Debatte über eine nationale Gasreserve an. Vergleichbare Systeme existieren bereits im Ölmarkt. So halten viele Industriestaaten staatliche strategische Ölreserven vor, um kurzfristige Unterbrechungen im internationalen Handel abfedern zu können.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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