Finanzen

Schweizer Banken drohen Verluste in Südamerika

Lesezeit: 2 min
12.08.2016 23:24
Schweizer Banken rechnen damit, dass wohlhabende Südamerikaner in Zukunft verstärkt Gelder abziehen könnten. Einige Staaten haben ihre Bemühungen, Steuerflucht zu bekämpfen, in den vergangenen Monaten intensiviert.
Schweizer Banken drohen Verluste in Südamerika

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Steuern  

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Schweizer Banken droht nach dem Abzug von Milliarden an unversteuerten Geldern durch reiche Kunden aus Europa weiteres Ungemach: Denn auch in Lateinamerika haben Regierungen mittlerweile Steuersündern, die ihr Vermögen vor dem Fiskus verstecken, den Kampf angesagt. Einige Banken fürchten daher, Millionäre aus Ländern wie Brasilien und Argentinien könnten hohe Beträge von ihren Schweizer Konten abziehen – etwa, wenn sie große Summen zurückzahlen müssen oder ihr Geld aus Sorge vor dem Entdecktwerden lieber anderswo horten, berichtet Reuters. Den Instituten würde damit in Zeiten ohnehin sinkender Erträge eine wichtige Einnahmequelle verloren gehen; gerade von aufstrebenden Schwellenländern hatten sie sich hohe Wachstumsraten erhofft.

Neu ist das Problem nicht: Nach dem Aus für das Schweizer Bankgeheimnis hatten reiche Kunden aus Europa und den USA bereits Milliarden von Schweizer Konten abgezogen. Erst hatten sich Behörden aus den USA, später dann auch aus Deutschland und anderen Staaten Zugang zu Schweizer Kontodaten verschafft. Dort hatten vermögende Ausländer jahrzehntelang Geld am Fiskus vorbei gehortet.

Dieses Vorgehen nehmen sich nun auch lateinamerikanische Regierungen zum Vorbild und wollen entgangene Steuergelder eintreiben: In Brasilien etwa hoffen die Behörden auf Einnahmen von bis zu 21 Milliarden Real (5,75 Milliarden Euro). Leitenden Regierungsvertretern zufolge könnten die Erlöse aber deutlich über dieser Summe liegen, wenn sich viele reiche Brasilianer melden. Sie haben dafür bis Ende Oktober Zeit.

Der Chef des Schweizer Vermögensverwalters Julius Bär, Boris Collardi, hat zuletzt sogar davon gesprochen, Lateinamerika könnte beim Kampf gegen Steuerflüchtlinge zum „zweiten Europa“ werden. Auch Branchenkenner Andreas Brun vom Vermögensverwalter Mirabaud erwartet neuerliche Probleme für die Schweizer Banken: „Nach einigen Jahren der Abflüsse in Europa haben wir jetzt, wenn das aufhört, das nächste Problem, das wahrscheinlich nicht nur ein paar Monate, sondern die nächsten ein oder zwei Jahre dauert.“ Die Abflüsse in Lateinamerika dürften nach Einschätzung von Experten allerdings geringer ausfallen, als bei den Steueramnestien in dem für die Banken größeren europäischen Markt.

Zumindest für das laufende Jahr erwarten die größten Schweizer Vermögensverwalter – Weltmarktführer UBS gefolgt von Credit Suisse und Julius Bär – höhere Zu- als Abflüsse von Vermögen. Nach Einschätzung der Credit Suisse dürften sich die Abflüsse durch die sogenannte „Regularisierung“ dieses Jahr auf fünf Milliarden Franken belaufen.

Die Steueramnestie-Programme in Südamerika zielen zwar nicht ausschließlich auf nicht-deklarierte Gelder in der Schweiz. Doch in dem Alpenland befindet sich nach Angaben der Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) mit 2,3 Billionen Dollar die weltweit größte Summe an ausländischem Vermögen. Kunden aus Lateinamerika bunkern ihr Geld angesichts der wirtschaftlichen und politischen Spannungen in ihren Heimatländern besonders gerne im Ausland – nach Angaben von BCG rund ein Viertel ihres gesamten Privatvermögens. Die wichtigsten Märkte sind Brasilien und Mexiko, auf die BCG zufolge mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens der Region entfällt.

Mit dem Vorstoß aus Südamerika dürfte das Problem für die Schweizer Banken noch nicht vorbei sein. Auch im asiatisch-pazifischen Raum, in dem die Vermögensverwalter ihr Geschäft zuletzt stark ausgebaut haben, arbeiten Regierungen an ähnlichen Plänen: „Es gibt ein neues Amnestie-Programm in Indonesien, und andere asiatische Länder werden folgen“, so KPMG-Steuerexperte Philipp Zünd.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Der Staat will uns das Bargeld nehmen: Sollen wir das wirklich zulassen?

Das Bargeld gerät zunehmend ins Kreuzfeuer von Lobbyisten. Wollen wir seiner Abschaffung wirklich tatenlos zuschauen?

DWN
Deutschland
Deutschland Bürgermeister beklagen: Flutopfer wählen aus Verzweiflung den Freitod, Seuchengefahr in Flutgebieten steigt

Die Menschen im Flutkatastrophengebiet im Ahrtal fühlen sich offenbar alleingelassen. Die Bürgermeister der Region beklagen in einem...

DWN
Deutschland
Deutschland Verfassungsgericht stimmt Erhöhung des Rundfunkbeitrags zu – Ein Sieg für Schäubles Tochter, die ARD-Programmdirektorin ist

Die ARD und das ZDF haben im Streit um die Erhöhung des Rundfunkbeitrags mit ihrer umstrittenen Verfassungsbeschwerde einen Erfolg...

DWN
Finanzen
Finanzen Die dunkle Seite des Tech-Sektors

Wegen ihrer scheinbar sauberen Geschäftsmodelle werden Technologieunternehmen oft von ESG-Fonds bevorzugt. Doch: Anleger sollten genauer...

DWN
Politik
Politik Die Zeitschrift „The Economist“ hatte 2020 massive Waldbrände „prognostiziert“

Die Zeitschrift „The Economist“, die sich in den Händen einiger mächtiger Familien befindet, hatte im vergangenen Jahr Waldbrände...

DWN
Politik
Politik Deutsche Medien kritisieren Polizeigewalt gegen Demonstranten auf Kuba

Die deutschen Medien kritisieren die Regierung in Kuba scharf. Die kubanische würde gewaltsam gegen friedliche Demonstranten vorgehen, um...

DWN
Finanzen
Finanzen Wegen Hyperinflation: Venezuela streicht bei Preisen sechs Nullen, Bürger sollen „Bolívar Digital“ benutzen

Ab 1. Oktober 2021 werden bei allen Preisen in Venezuela sechs Nullen gestrichen. Die Zentralbank ermutigt die Bürger dazu, die digitale...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Das sagen Ökonomen zum kräftigen Anstieg der deutschen Industrieaufträge

Die deutsche Industrie hat im Juni wegen der starken Nachfrage aus dem Inland das größte Auftragsplus seit zehn Monaten geschafft.