Wirtschaft

Das italienische Wunder: Geschaffen mit EU-Geld und Schattenwirtschaft

Italien feiert eine Hochstufung seiner Bonität und spricht vom „neuen Wirtschaftswunder“. Doch unter der Oberfläche zeigen sich strukturelle Risiken. Massive EU-Gelder, nationale Subventionen und eine wachsende Schattenwirtschaft verschleiern, wie fragil der Aufschwung tatsächlich ist.
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02.12.2025 13:48
Lesezeit: 6 min

Was hinter den Zahlen steckt und ob Italiens Wirtschaft wirklich nachhaltig wächst

Der Ausdruck „il miracolo italiano“ bezeichnet den Zeitraum wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Transformation in den fünfziger und sechziger Jahren. Italien entwickelte sich von einem armen, überwiegend landwirtschaftlich geprägten Land zu einer Industrienation mit verbessertem Lebensstandard. Symbolisch wurde diese Zeit durch den Verkaufsstart des Fiat 500 geprägt. Breitere Entwicklungen umfassten die Abwanderung vom Süden in den Norden, umfangreiche Infrastrukturinvestitionen und die Industrialisierung. Unterstützt wurde dies durch den Marshallplan, aus dem Italien als drittgrößter Empfänger 12 Milliarden US-Dollar erhielt.

Premierministerin Giorgia Meloni führt die Regierung seit Oktober 2022, also seit gut drei Jahren. Diese Stabilität ist ungewöhnlich für ein Land, in dem seit dem Zweiten Weltkrieg nur ein einziger Premier eine volle Amtszeit absolvierte. Italien wird gelobt und lobt sich selbst. Zahlreiche Veröffentlichungen präsentieren Fortschritte, auch die Financial Times berichtete im November.

Stefano Caselli, Dekan der SDA Bocconi, schrieb in einer Kolumne: „Italien, früher oft als Schwachpunkt Europas bezeichnet, ist zur Erfolgsgeschichte geworden. Politische Stabilität, fiskalische Disziplin und eine starke Industrie ermöglichen Fortschritt. Reformen der Finanzmärkte und Anreize für private Investitionen schaffen Raum für nachhaltiges Wachstum.“

Der Schlüssel zur Bonitätsanhebung: politische Stabilität

Als Moody’s Italien kürzlich erstmals seit 23 Jahren hochstufte, wurde politische Stabilität als zentraler Treiber genannt. Diese Stabilität steigere die Effektivität von Reformen und Investitionen aus dem EU-Aufbaufonds nach der Pandemie. Auch die Finanzmärkte honorieren Stabilität. Dies zeigt sich an der Risikoprämie italienischer gegenüber deutschen Staatsanleihen. Im März 2020 lag der Renditeabstand bei 2,79 Prozentpunkten. Heute sind es 0,75 Prozentpunkte.

Erster Einwand: Die Regierung ist stabil, weil sie kaum reformiert

Der Economist schreibt: „Da Melonis Partei aus dem neofaschistischen Spektrum der Nachkriegszeit stammt, löste ihr Wahlsieg die Befürchtung aus, Italien könnte dem ungarischen oder türkischen Modell illiberaler Demokratie folgen. Das ist nicht eingetreten. Die Agenda der Regierung Meloni ist kaum radikaler als die anderer konservativer Führungen.“ Die Zeitschrift ergänzt, dass Meloni wisse, dass ihre moderaten Koalitionspartner sie stürzen würden, falls sie radikalere Maßnahmen durchsetzen würde. Deshalb bietet sie statt einem „vollen faschistischen Galopp“ eine Art „betreuten Konservatismus“. Dieser bedeutet viel Stabilität und wenig Reformen.

Zweiter Einwand: Flut an Staatsgeld, Wachstum jedoch schwach

Der Economist weist darauf hin, dass der Aufschwung auch Glück sei. Die Wirtschaft werde mit Geld überflutet. Ein Teil stammt aus dem italienischen Haushalt in Form extrem großzügiger Subventionen zweier Corona-Programme zur Gebäudesanierung, die bis zum Auslaufen 219 Milliarden Euro an den privaten Sektor transferieren werden. Dies entspricht mehr als einem Zehntel des jährlichen BIP. Gemeint ist die Superbonus-110-Prozent-Regelung aus dem Jahr 2020. Meloni kritisierte diese Regelung, solange sie in der Opposition war.

Der zweite große Geldstrom kommt aus dem EU-Aufbaufonds, dessen Umfang von der Regierung Draghi verhandelt wurde. In absoluten Zahlen ist Italien der größte Empfänger: 194,4 Milliarden Euro, davon 72 Milliarden Euro Zuschüsse und über 122 Milliarden Euro günstige Kredite. Zum Vergleich: Das italienische BIP lag im vergangenen Jahr bei rund 2.200 Milliarden Euro.

Dritter Einwand: Ohne EU-Geld wäre Italien in der Rezession

Trotz dieser Geldmengen (219 Milliarden Euro aus dem nationalen Haushalt und 194 Milliarden Euro aus EU-Mitteln) wuchs das BIP im vergangenen Jahr nur um 0,7 Prozent. Für dieses Jahr prognostiziert Brüssel lediglich 0,4 Prozent. Francesco Grillo vom Thinktank Vision kommentierte: „Ohne europäische Gelder wäre Italien wohl bereits tief in der Rezession.“

Was Moody’s ebenfalls betont: strukturelle Schwächen

Niemand bestreitet Italiens Fortschritte. Dennoch verweist Moody’s auf mehrere strukturelle Probleme, die das Wachstumspotenzial begrenzen. Die Agentur nennt die schnelle Alterung der Bevölkerung, niedriges Beschäftigungswachstum, sehr hohe Staatsverschuldung, einen rigiden Arbeitsmarkt, geringe Produktivität, schwache Innovationskraft, administrative Ineffizienz und begrenzte Fähigkeit zur Umsetzung von Investitionen.

Schwaches Wachstum

Obwohl die italienische Wirtschaft mit öffentlichem Geld durchdrungen ist, wird das Wachstum in diesem Jahr nur 0,4 Prozent betragen. Der Wert liegt zwar über dem deutschen Wert von 0,2 Prozent. Der Vergleich mit Deutschland zeigt eher die Schwäche Deutschlands als die Stärke Italiens.

Alternde Bevölkerung

Italien besitzt die älteste Bevölkerung der EU. Nach Eurostat lag das Medianalter im vergangenen Jahr bei 48,7 Jahren. Laut OECD beträgt der Ausländeranteil über 11 Prozent. Moody’s schreibt, dass positive Faktoren die negativen Folgen des demografischen Wandels zwar abschwächen, aber nicht vollständig kompensieren.

Hohe Staatsverschuldung

Italien hat die zweitgrößte Schuldenquote der EU. Im vergangenen Jahr lag sie bei 134,9 Prozent des BIP. In diesem Jahr soll sie auf 136,4 Prozent steigen, im kommenden Jahr auf 137,9 Prozent. Der hohe Schuldenstand macht den Staat anfällig für Schocks und schränkt seine Fähigkeit zu Gegenmaßnahmen ein. Gleichzeitig steigen die Refinanzierungskosten.

Haushaltssaldo

Meloni hat das Defizit auf 3 Prozent des BIP gesenkt. Dies gilt als Erfolg. 2019 lag das Defizit vor der Pandemie bei 1,5 Prozent. 2020 stieg es auf 9,4 Prozent und blieb drei Jahre über 7 Prozent. Im vergangenen Jahr lag es bei 3,4 Prozent. Deutschland hatte 2,7 Prozent. Positiv ist, dass Italien wieder einen Primärüberschuss erzielt hat. Brüssel und Moody’s werten dies als disziplinierte Fiskalpolitik.

Niedrige Beschäftigung

Italien weist die niedrigste Beschäftigungsquote der EU auf. Im vergangenen Jahr lag sie bei 62,2 Prozent. In Deutschland lag sie bei 77,5 Prozent. Auch die Beschäftigung von Frauen ist niedrig: 53,3 Prozent in Italien, 74,1 Prozent in Deutschland. Besonders niedrig ist die Beschäftigung der 15 bis 24-Jährigen.

Zu wenige große Unternehmen

Italiens Industrie ist stark und exportorientiert, doch der Anteil der Beschäftigten in Hoch- und Mitteltechnologie liegt unter dem EU-Durchschnitt. Viele Sektoren bestehen aus traditionellen Branchen. 99,8 Prozent der Unternehmen in Italien sind kleine und mittlere Unternehmen, was über dem EU-Durchschnitt liegt. Mikrounternehmen dominieren.

Schattenwirtschaft und Amnestien

Die Schattenwirtschaft ist ein chronisches Problem. Neue Zahlen zeigen, dass die Steuerhinterziehung zwischen 2021 und 2022 um sechs Milliarden Euro stieg. Die Schattenwirtschaft erreichte 182,6 Milliarden Euro oder etwa 9 Prozent des BIP. 55,6 Prozent entfallen auf nicht gemeldete Umsätze, 38 Prozent auf Schwarzarbeit und 6,4 Prozent auf nicht gemeldete Mieten sowie Trinkgelder.

Der Bericht basiert überwiegend auf Daten vor der Amtszeit Melonis. Sie hält frühere Maßnahmen für erfolglos und fordert eine mildere Steuererhebung, einschließlich der Erhöhung der Bargeldobergrenze von 1.000 auf 5.000 Euro, was Brüssel verärgert hat. Zudem wurden neue Steueramnestien angekündigt. Der Haushalt 2026 sieht eine umfassende Amnestie für alle vor, die bis 2023 keine Steuern gezahlt haben.

EU-Geld, Schattenwirtschaft, Stagnation

Die Wirtschaft Italiens ist für Deutschland zentral. Deutsche Banken halten große Bestände italienischer Anleihen. Die enge Verflechtung der Industrie bedeutet, dass Italiens strukturelle Schwäche Rückwirkungen auf deutsche Lieferketten und Exporte hat. Zugleich verschiebt das italienische Wachstum im Vergleich zur deutschen Schwäche das wirtschaftliche Machtgefüge in der EU. Deutsche Steuerzahler tragen zudem einen erheblichen Teil der EU-Aufbaufonds, mit denen Italien stabilisiert wird.

Italien präsentiert sich als neue Erfolgsgeschichte Europas. Die Wahrheit ist komplexer. Politische Stabilität, EU-Geld und Schattenwirtschaft kaschieren strukturelle Probleme, die das langfristige Wachstum belasten. Ohne tiefgreifende Reformen bleibt das viel beschworene „italienische Wunder“ eine fragile Illusion.

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