Politik

Juncker: Protestanten in Nord-Europa wollten Griechenland bestrafen

Lesezeit: 2 min
19.06.2013 23:50
Der ehemalige Eurogruppen-Chef Juncker sieht die Schuld für den Ausbruch der Eurokrise nicht bei Griechenland. Das Land sei von den Märkten einfach als schwächstes Glied angegriffen worden. Deshalb kritisiert er aber auch die nordeuropäischen Länder. Diese sehen sich als besonders tugendhaft an und wollten Griechenland bestrafen, so Juncker.
Juncker: Protestanten in Nord-Europa wollten Griechenland bestrafen

Mehr zum Thema:  
Europa >
Benachrichtigung über neue Artikel:  
Europa  

Griechenland wird in Europa gern als Sündenbock für die Eurokrise herangezogen. Es war das erste Land, dem geholfen werden musste, und stetig fließen weitere Milliarden hinein. Doch der ehemalige Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker sagt, Griechenland sei nicht Schuld an der Krise. Und ginge es nach ihm, müsste das Land nicht so strenge Auflagen erfüllen. Diese Art der Bestrafung sei nämlich auf die nordeuropäischen Länder und damit vor allem auch auf Deutschland zurückzuführen. Schließlich sei auch Deutschland der Grund gewesen, worum überhaupt der IWF mit in die Rettungspakete mit einbezogen worden sei.

Er glaube nicht, dass die Eurokrise hätte vermieden werden können, wenn die damalige Regierung Griechenlands schneller Maßnahmen ergriffen hätte, sagte Juncker. „Die Krise – die wir jetzt erleben – hat nicht in Griechenland begonnen“, zitiert Kathimerini den ehemaligen Eurogruppen-Chef. Sie habe in den USA begonnen, mit der Lehman-Pleite. „Doch Griechenland schien einfach für die Märkte (…) das schwächste Glied der Eurozone zu sein“.

Ein paar Fehler habe Griechenland aber in der Tat einige Fehler in der Vergangenheit gemacht, zumindest was die vernachlässigten Reformen im eigenen Land angeht, so Juncker. Auf die Frage, ob er noch immer denke, dass ein Teil des Bailout-Programmes nur geschaffen worden sei, um Griechenland zu bestrafen, antwortete er:

Es gibt vielleicht ein paar Protestanten im Norden, die dazu tendieren, jemanden zu bestrafen. Statt, wie wir Katholiken und Orthodoxen es zu tun pflegen, jemanden, der seine Sünden erkennt, zu belohnen.“

Die Spaltung zwischen dem so genannten tugendhaften Norden und dem nicht tugendhaften Süden müsse endlich beendet werden, sagte Juncker. Denn genau von diesen nordeuropäischen Ländern ging Juncker zufolge auch die Einbeziehung des IWF aus. Ausgerechnet der Institution, die selbst zugab, im Falle Griechenland gelogen und gefälscht zu haben (hier).

Deutschland, die Niederländer und Finnland bestanden darauf, den IWF mit an Bord zu nehmen.“ Alle drei Staaten argumentierten, dass sich der Währungsfonds mit solchen Angelegenheiten einfach besser auskenne als die EU-Institutionen. Griechenland war nicht das erste Land, das unter den angeblichen Hilfen des IWF litt (mehr hier). Die Beteiligung des IWF sei, so Juncker, dann eben die Voraussetzung gewesen, um Deutschland, die Niederlande und Finnland mit in die Rettungsaktionen einbeziehen zu können.

Einen drohenden Austritt Griechenlands aus dem Euro sieht der ehemalige Eurogruppen-Chef jedoch nicht mehr. Schließlich habe Griechenland „das getan, was von dem Land verlangt wurde“. Und man habe Ende November 2012 gesagt: „Wenn Griechenland das Programm umsetzt und einen primären Haushaltsüberschuss erreicht, werden wir alle erforderlichen Mittel bereitstellen, um Griechenland in Zukunft zu unterstützen“.


Mehr zum Thema:  
Europa >

DWN
Unternehmen
Unternehmen „Irreführende Praktiken“: Shein muss deutsche Website anpassen
20.05.2024

Nach einer Abmahnung durch deutsche Verbraucherschützer hat Shein eine Unterlassungserklärung unterzeichnet. Laut vzbv-Chefin Pop machen...

DWN
Technologie
Technologie BYD baut erstes Werk in der EU: Eine Gefahr für Deutschlands Autobauer?
20.05.2024

Bereits seit Dezember 2023 steht fest, dass BYD, Chinas wichtigste und staatlich geförderte Marke für Elektroautos, ein Werk in Szeged in...

DWN
Politik
Politik DWN-Interview mit Ex-Militärberater Jörg Barandat (zweiter Teil): Die Welt ist im Wasserkampf
20.05.2024

Jörg Barandat war unter anderem militärischer Berater im Auswärtigen Amt sowie Dozent für Sicherheitspolitik an der Führungsakademie...

DWN
Politik
Politik DWN-Interview mit Ex-Militärberater Jörg Barandat: „Wasser und Energie sind untrennbar miteinander verbunden.“
19.05.2024

Wasser sollte nicht getrennt von anderen Faktoren wie Energie und Klima betrachtet werden, sagt Jörg Barandat, langjähriger Berater...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Im Sog der Krise: Chinas Immobilienbranche unter Druck
19.05.2024

Seit einigen Jahren belastet die Immobilienkrise China und beeinträchtigt das wirtschaftliche Wachstum. Die Geduld vieler Gläubiger...

DWN
Politik
Politik Absturz des Präsidentenhubschraubers im Iran: „Alle Insassen sind tot“
19.05.2024

Ein Hubschrauber mit Irans Präsident Raisi und Außenminister Amir-Abdollahian ist abgestürzt. Die Insassen sind tot. Es wirft Fragen zur...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft EU-Kommission unterstützt Lausitz: Auf dem Weg zum "Netto-Null-Valley"
19.05.2024

Wie kann man ohne die Freisetzung von Treibhausgasen produzieren? Das Kohlerevier in der Lausitz strebt danach, als Modellregion in Europa...

DWN
Politik
Politik 75 Jahre Europarat: Ein Jubiläum in turbulenten Zeiten
19.05.2024

Der einst stolze Europarat feiert sein 75-jähriges Bestehen, doch das Jubiläum findet inmitten von Krisen und Unsicherheit statt,...