Juncker: Protestanten in Nord-Europa wollten Griechenland bestrafen

Der ehemalige Eurogruppen-Chef Juncker sieht die Schuld für den Ausbruch der Eurokrise nicht bei Griechenland. Das Land sei von den Märkten einfach als schwächstes Glied angegriffen worden. Deshalb kritisiert er aber auch die nordeuropäischen Länder. Diese sehen sich als besonders tugendhaft an und wollten Griechenland bestrafen, so Juncker.

Ihren XING-Kontakten zeigen
linkedin
abo-pic
Jean-Claude Juncker: Wäre es nach mir gegangen, hätte weder Lagarde am Verhandlungstisch zu den Bailouts gesessen, noch hätte Griechenland so strenge Vorgaben erhalten. (Foto: EU Commission)

Jean-Claude Juncker: Wäre es nach mir gegangen, hätte weder Lagarde am Verhandlungstisch zu den Bailouts gesessen, noch hätte Griechenland so strenge Vorgaben erhalten. (Foto: EU Commission)

Griechenland wird in Europa gern als Sündenbock für die Eurokrise herangezogen. Es war das erste Land, dem geholfen werden musste, und stetig fließen weitere Milliarden hinein. Doch der ehemalige Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker sagt, Griechenland sei nicht Schuld an der Krise. Und ginge es nach ihm, müsste das Land nicht so strenge Auflagen erfüllen. Diese Art der Bestrafung sei nämlich auf die nordeuropäischen Länder und damit vor allem auch auf Deutschland zurückzuführen. Schließlich sei auch Deutschland der Grund gewesen, worum überhaupt der IWF mit in die Rettungspakete mit einbezogen worden sei.

Er glaube nicht, dass die Eurokrise hätte vermieden werden können, wenn die damalige Regierung Griechenlands schneller Maßnahmen ergriffen hätte, sagte Juncker. „Die Krise – die wir jetzt erleben – hat nicht in Griechenland begonnen“, zitiert Kathimerini den ehemaligen Eurogruppen-Chef. Sie habe in den USA begonnen, mit der Lehman-Pleite. „Doch Griechenland schien einfach für die Märkte (…) das schwächste Glied der Eurozone zu sein“.

Ein paar Fehler habe Griechenland aber in der Tat einige Fehler in der Vergangenheit gemacht, zumindest was die vernachlässigten Reformen im eigenen Land angeht, so Juncker. Auf die Frage, ob er noch immer denke, dass ein Teil des Bailout-Programmes nur geschaffen worden sei, um Griechenland zu bestrafen, antwortete er:
Es gibt vielleicht ein paar Protestanten im Norden, die dazu tendieren, jemanden zu bestrafen. Statt, wie wir Katholiken und Orthodoxen es zu tun pflegen, jemanden, der seine Sünden erkennt, zu belohnen.“

Die Spaltung zwischen dem so genannten tugendhaften Norden und dem nicht tugendhaften Süden müsse endlich beendet werden, sagte Juncker. Denn genau von diesen nordeuropäischen Ländern ging Juncker zufolge auch die Einbeziehung des IWF aus. Ausgerechnet der Institution, die selbst zugab, im Falle Griechenland gelogen und gefälscht zu haben (hier).

Deutschland, die Niederländer und Finnland bestanden darauf, den IWF mit an Bord zu nehmen.“ Alle drei Staaten argumentierten, dass sich der Währungsfonds mit solchen Angelegenheiten einfach besser auskenne als die EU-Institutionen. Griechenland war nicht das erste Land, das unter den angeblichen Hilfen des IWF litt (mehr hier). Die Beteiligung des IWF sei, so Juncker, dann eben die Voraussetzung gewesen, um Deutschland, die Niederlande und Finnland mit in die Rettungsaktionen einbeziehen zu können.

Einen drohenden Austritt Griechenlands aus dem Euro sieht der ehemalige Eurogruppen-Chef jedoch nicht mehr. Schließlich habe Griechenland „das getan, was von dem Land verlangt wurde“. Und man habe Ende November 2012 gesagt: „Wenn Griechenland das Programm umsetzt und einen primären Haushaltsüberschuss erreicht, werden wir alle erforderlichen Mittel bereitstellen, um Griechenland in Zukunft zu unterstützen“.

*** Für PR, Gefälligkeitsartikel oder politische Hofberichterstattung stehen die DWN nicht zur Verfügung: Unsere Prinzipien: Kritische Distanz zu allen und klare Worte. Das gefällt natürlich vielen nicht: Der Bundesregierung, den EU-Behörden, den Netzwerken der Parteien, den Lobbyisten, Medien unter staatlicher Aufsicht, verschiedenen Agitatoren aus dem In- und Ausland. Diese Player behindern uns nach Kräften und attackieren unser Geschäftsmodell.

Daher bitten wir Sie, liebe Leserin und Leser, um Ihre Unterstützung: Sichern Sie die Existenz der DWN!

Hier können Sie sich für einen kostenlosen Gratismonat registrieren. Wenn dieser abgelaufen ist, erhalten Sie automatisch eine Nachricht und können dann das Abo auswählen, das am besten Ihren Bedürfnissen entspricht. Einen Überblick über die verfügbaren Abonnements bekommen Sie hier. ***

media-fastclick media-fastclick