Börsen-Crash in China: Neue Gefahr für die deutsche Wirtschaft

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
07.07.2015 15:27
Die Regierung in Peking ist offenbar nicht in der Lage, den Börsen-Crash an den chinesischen Aktienmärkten zu stoppen. Am Dienstag mussten zahlreiche Aktien vom Handel ausgesetzt werden. Der Crash könnte für die deutsche Exportwirtschaft gefährlicher als die Euro-Krise werden. Nach den Russland-Sanktionen droht der Verlust eines weiteren, wichtigen Absatzmarktes.
Börsen-Crash in China: Neue Gefahr für die deutsche Wirtschaft

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die schweren Turbulenzen an Chinas Börsen lassen nicht nach. Experten warnen kurzfristig vor weiteren Rückschlägen, die kommunistische Führung in Peking fürchtet, dass sich ein Börsencrash auf die Stabilität des Landes auswirken könnte und versucht gegenzusteuern. Um weitere Kursverluste zu verhindern, wurden am Dienstag zahlreiche Aktien vom Handel ausgenommen. In den vergangenen drei Wochen stürzten die Börsen in China um mehr als 30 Prozent ab, nach einem langen Aktienboom. Trotz der jüngsten Talfahrt steht der Leitindex der 300 wichtigsten Werte des Landes in Shanghai aber immer noch 80 Prozent höher als vor einem Jahr.

Der Crash kann für Deutschland äußerst gefährlich werden: Denn die deutsche Exportwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren extrem stark auf China fokussiert. Zahlreiche neue Joint Ventures laufen in China. Der Automarkt zählt für die wegen der Euro-Krise ohnehin irritierten deutschen Luxusmarken zu den wenigen verbliebenen Hoffnungsmärkten - vor allem, seit die EU der deutschen Wirtschaft mit den Sanktionen gegen Russland einen wichtigen Absatzmarkt abgeschnitten hat.

Eine nachhaltige Krise in China würde die deutschen Unternehmen an zwei Stellen empfindlich treffen: Einerseits im Investitionsgüter-Bereich, in dem China mit Sicherheit das Tempo drosseln wird. Schwerer abzusehen ist der Konsumgüterbereich. Hier wird es vor allem davon abhängen, welche chinesische Provinz von dem Crash am stärksten betroffen ist. In jedem Fall müssen sich die deutschen Unternehmen darauf einstellen, dass der chinesische Markt die in ihn gesteckten Umsatzerwarten kaum wird halten können.

Der Shanghai Composite Index schloss am Dienstag um 1,29 Prozent tiefer bei 3727,13 Punkten. Der Shenzhen Component Index, der die Aktien vieler Technologieunternehmen enthält, verlor 5,8 Prozent auf 1137,6 Punkte. Beide Indizes hatten am Montag zur Eröffnung um mehr als sieben Prozent gewonnen, nachdem die Regierung am Wochenende in den Markt eingegriffen hatte. Doch die Wirkung der staatlichen Intervention schien am Dienstag laut Analysten bereits verpufft zu sein, obwohl auch Wertpapierhändler und Investmentfonds zu längerfristigen Aktienkäufen verpflichtet wurden.

Unter anderem hatten große Wertpapierhäuser zugesagt, umgerechnet 17,5 Milliarden Euro in Aktienkäufe zu stecken, um die Börsen zu beruhigen. Zudem wurden zahlreiche Börsengänge verschoben. Zuvor hatte die Zentralbank die Zinsen gesenkt und zugesagt, Wertpapierhändlern beim Aktienkauf auf Pump massiv unter die Arme greifen zu wollen.

«Ich hoffe, dass die Regierung nicht noch weitere Maßnahmen beschließen wird. Sie hat schon viel versucht, aber die Märkte haben sich davon kaum beeindrucken lassen», sagte der Pekinger Ökonomieprofessor Hu Xingdou der Deutschen Presse Agentur. «Wir sollten lieber die Standards auf unseren Kapitalmärkten verbessern und das Vertrauen in langfristige Investitionen stärken, statt die kurzfristige Spekulation weiter zu befeuern», sagte Hu.

Anders als im Rest der Welt, wo die Krise in Griechenland in den vergangenen Tagen die Märkte durchgeschüttelt hatte, gibt es in China ganz andere Gründe für den Absturz. In den vergangenen Monaten erlebten die Börsen einen beispiellosen Boom, den die chinesische Regierung noch befeuerte, in dem sie die Hürden für Privatanleger senkte. Viele nahmen für Wertpapierkäufe Kredite auf, was dazu führte, dass sich die Kurse seit vergangenem Sommer mehr als verdoppelt haben. Eine Flut von Börsengängen in Shenzen und Shanghai lockten Anleger an. Doch die Risiken wurden vielfach übersehen.

Beobachter warnen vor Spekulationsblasen - also vor Kursen, die von der Realität abgehoben sind. Zuletzt fühlten sich etliche an das Platzen der Tech-Blase zur Jahrtausendwende erinnert. 745 Unternehmen und damit 26 Prozent der an Chinas Börsen gelisteten Werte, haben sich mittlerweile vom Handel aussetzen lassen, wie die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtet. So wollen sie weitere Kursverluste verhindern.

Doch nicht nur im Blasen-Segment ist es kritisch. Auch in der realen Wirtschaft sind schwere Turbulenzen zu erkennen: Chinas Stahlhersteller kämpfen mit einem rapiden Preisverfall. Aus dem am Dienstag veröffentlichten Barometer des Verbandes China Iron & Steel (CISA) geht hervor, dass die Preise im größten Stahlproduktionsland der Welt derzeit fast 35 Prozent unter dem Niveau von 1994 liegen. Der ins Stocken geratene Aufschwung in der Volksrepublik führte dazu, dass der Werkstoff weniger stark nachgefragt wird. Wegen der Flaute hätten bereits kleinere Hüttenbetreiber die Produktion bis auf weiteres eingemottet, sagte ein Vertreter eines staatlichen Stahlwerks. Viele andere Betriebe zögerten noch, die Fertigung herunterzufahren, um ihre Bankkredite und Zahlungsflüsse nicht in Gefahr zu bringen.

Der Branchenexperte Cheng Xubao vom Beratungshaus Custeel.com in Peking erwartet eine harte Wettbewerbsbereinigung: "Wer diese Krise übersteht, überlebt dauerhaft. Alle anderen sind raus aus dem Geschäft."


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Schreckgespenst „zweite Welle“: Robert Koch-Institut schüchtert die Bürger mit löchrigem Zahlenwerk ein

Seit zwei Wochen schlägt das Robert Koch-Institut Daueralarm, weil die „Fallzahlen steigen.“ Was das Institut nicht sagt: Die Zahl der...

DWN
Politik
Politik Finanz-Spekulanten wollen Türkei aus dem östlichen Mittelmeer vertreiben

Die türkische Lira ist einer alljährlichen Spekulanten-Attacke, die auf den Monat August fällt, ausgesetzt. Doch diesmal geht es nicht...

DWN
Deutschland
Deutschland Experten: Wertschätzung der Bundesregierung für Pfleger und Krankenschwestern war reine „Show-Veranstaltung“

Experten üben scharfe Kritik am Zustand des deutschen Gesundheitssystems. Die symbolische Wertschätzung der Bundesregierung für Pfleger...

DWN
Politik
Politik Spahn und sein Ehemann kaufen Villa für 4,2 Millionen Euro

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke haben sich eine Villa für 4,2 Millionen Euro gekauft. Als Abgeordneter...

DWN
Politik
Politik Dutzende Infektionen: Neuseeland verlängert Lockdown für Auckland

Wegen vier Corona-Infizierten in einer Familie war am Mittwoch eine Ausgangssperre für die größte Stadt Neuseelands verhängt worden....

DWN
Politik
Politik Was bringt die Rettung des Bargelds, wenn es seinen Wert verliert?

Politiker aller politischen Richtungen bemühen sich darum, die scheinbar unaufhaltsam voranschreitende Abschaffung des Bargelds noch...

DWN
Deutschland
Deutschland IfW: Corona-Paket der Bundesregierung schadet der Wirtschaft

Ein erheblicher Teil des Konjunkturpakets der Bundesregierung gegen die Corona-Krise verursacht mehr Schaden als Nutzen, so das Kieler...

DWN
Finanzen
Finanzen Krisenbank Monte dei Paschi erwartet Verluste bis 2022

Die italienische Krisenbank Monte dei Paschi di Siena steckt in den roten Zahlen fest. Dabei sind die massiven faulen Kredite bei Weitem...

DWN
Deutschland
Deutschland VW-Affäre: Mutmaßlicher Spitzel unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen

Ein ehemaliger Mitarbeiter, welcher über Jahre interne Sitzungen von Volkswagen aufgezeichnet hatte, ist unter mysteriösen Umständen ums...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Anträge auf US-Arbeitslosenhilfe fallen unter Millionengrenze

Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie in den USA ist die Zahl der wöchentlichen Anträge auf staatliche Arbeitslosenhilfe unter die...

DWN
Politik
Politik Drogenkonsum: SPD-Chefin Esken gibt zu, dass sie Kifferin war

Auf die Frage der Bunte, ob sie früher selbst gekifft habe, sagte die SPD-Chefin, die fordert, Cannabis zu legalisieren: „Natürlich -...

DWN
Politik
Politik Wie das Jahr 1944: Corona-Pandemie wird die Weltordnung für immer verändern

Der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger hatte zu Beginn der Corona-Pandemie gesagt, dass die Menschen sich nach der Pandemie auf...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Insolvenz verschoben: Wer denkt, dass man die Wirtschaft folgenlos herunterfahren kann, der irrt

Die schweren Folgen des Lockdowns für die Weltwirtschaft werden erst in den kommenden Monaten sichtbar, schreibt Andreas Kubin.

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft „Das Kartenhaus ist zusammengebrochen“: Corona deckt die Verwüstungen auf, die ein entfesselter Finanzkapitalismus hinterlassen hat

Die Corona-Krise ist nicht nur eine Krise der Gesundheitssysteme oder der Wirtschaft – sie deckt in nahezu allen Bereichen des...

celtra_fin_Interscroller