EZB-Programm wirkungslos: Investitionen in der Eurozone sinken

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
11.08.2015 00:05
Trotz der monatlichen Ankäufe von 60 Milliarden Euro an Staatsanleihen schafft es die EZB nicht, die Investitionen in Eurozone anzukurbeln. Statt zu investieren horten die Unternehmen Bargeld oder veranlassen Aktien-Rückkäufe. Im Ergebnis finanziert die EZB sogar US-Unternehmen, weil die sich in der Eurozone billiger verschulden können.
EZB-Programm wirkungslos: Investitionen in der Eurozone sinken

Benachrichtigung über neue Artikel:  

Mitte April sagte EZB-Chefvolkswirt Praet auf einer Veranstaltung in Washington, es sei nötig, das wirtschaftliche Wachstum durch erhöhte Investitionen zu verstärken. Damit das Wachstum kurzfristig in Gang komme, müssten öffentliche und private Investoren viel mehr tun. Doch der Versuch der EZB, die Wirtschaft in der Eurozone – besonders in den Krisenstaaten – anzukurbeln, stößt auf hartnäckige Zurückhaltung bei den Unternehmen. Viele horten lieber Bargeld oder kaufen ihre eigenen Aktien zurück, wie eine Studie zeigt.

Die EZB steht damit einem unauflöslichen Widerspruch seiner aggressiven, geldpolitischen Lockerung gegenüber, wie die Financial Times berichtet. „Obwohl die EZB eine entgegenkommende Geldpolitik betreibt, um die Kreditvergabe zu unterstützen, reduziert sie –vielleicht unabsichtlich – die Renditen und unterminiert somit das Unternehmenswachstum, erklärte Tomas Holinka, Volkswirt bei Moody's Analytics. Daher bleibe das „schwache Investitionswachstum ein Hemmschuh für ein langfristiges Wachstumspotenzial in der Eurozone“.

Erträge aus Finanzanlagen aus hochwertigen Staatsschulden sind im Gegensatz zu riskanten Unternehmensanleihen gefallen, seit die Zentralbanken nach der Finanzkrise, einschließlich der EZB, die Finanzmärkte mit Billionen an Dollar und Euro überschwemmten.

Im Ergebnis finanziert die EZB gar US-Unternehmen, da diese in der Eurozone durchschnittlich 2 Prozent weniger bezahlen müssen als in den USA und sich daher in Euro verschulden statt in Dollar. Bereits im April hatte eine Studie der Bank of America gezeigt, dass 65 Prozent der im März im Volumen von 60 Milliarden Euro gekauften Anleihen mit dem Status „investment-grade“ von außer-europäischen Firmen stammen – der überwiegende Anteil davon aus den USA. Denn seit die EZB das QE-Programm beschlossen hatte, gingen nicht nur die Zinsen für Staatsanleihen sondern auch für auch Unternehmensanleihen in den Keller und machen seither die Schuldenaufnahme günstiger. Denn in den USA werfen solide Unternehmensanleihen im Durchschnitt 2,9 Prozent ab, in der Eurozone jedoch mit etwa einem Prozent, was dazu führt, dass US-Firmen versuchen, sich auf dem europäischen Anleihemarkt zu refinanzieren.

Dagegen sind die Investitionen in der Eurozone eingebrochen und bleiben schwach. Als im Jahr 2008 die US-Investitionsbank Lehman Brothers zusammenbrach, entfielen die Investitionen in Anlagen (Investitionsgüter) und Infrastruktur insgesamt noch auf 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Letztes Jahr waren es nach Angaben von Eurostat nur noch 19,5 Prozent.

Viele Unternehmen haben ihre Gewinne verwendet, um Schulden zurückzuzahlen, Aktienrückkäufe zu finanzieren oder einfach Bargeldbestände aufzubauen, anstatt neue Investitionen anzugehen, so die Studie. Deutsche Unternehmen hätten seit 2006 ihre Bilanzgewinne beinahe verdoppelt, aber auch andere Unternehmen in der Eurozone konnten seit 2014 Gewinnrücklagen verzeichnen, mit portugiesischen Firmen an der Spitze.

Doch das lauwarme Investitionsklima bleibe eine Herausforderung für die EZB und Politiker in der Eurozone, so sie denn die Kreditvergabe beschleunigen und eine wirtschaftliche Erholung im Währungsraum erreichen wollten. Das Wirtschaftswachstum im Euroraum stieg laut Eurostat im ersten Quartal 2015 um 0,4 Prozent im Vergleich zum vorherigen Quartal. Die Europäische Kommission prognostiziert jedoch ein Wachstum von 1,5 Prozent im gesamten Jahr 2015.

Faktoren wie die jahrelange geringe Investition, ein Mangel an Strukturreformen, eine weitere Erhöhung Arbeitslosigkeit und die anhaltende Befürchtungen, dass Griechenland früher oder später die Eurozone doch verlässt, sind jedoch Lasten auf der Kapazität eines nachhaltigen Wirtschaftswachstums. „So lange die Gefahr eines Grexits besteht, ist auch ein Auseinanderbrechen der Eurozone ein Risiko“, betonte Nicolas Véron von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.

Dennoch geht die Financial Times von einem positiven Szenario aus, indem das Blatt den EU-Investitionsplan von 315 Milliarden Euro hervorhebt. Allerdings ist der Europäische Rechnungshof der Ansicht, dass die Investitions-Initiative der EU-Kommission insbesondere die Steuerzahler belasten wird.

Jonathan Hill, britischer EU-Kommissar für Finanzdienstleistungen, sei darüber hinaus in Vorbereitung neuer Richtlinien, um die Erhöhung der Kreditvergaben für die Infrastruktur zu erreichen als auch den ASB-Markt (Asset-backed Securities) anzukurbeln.



DWN
Finanzen
Finanzen Die Schulden-Blase platzt: Nun drohen weltweite Insolvenz-Kaskaden und neue Finanzkrisen

Geldgeber misstrauen zunehmend der Bonität vieler überschuldeter Unternehmen, was sich in steigenden Renditen am US-Anleihemarkt...

DWN
Finanzen
Finanzen Wegen Corona-Epidemie: Aktie von US-Pharmaunternehmen auf Höhenflug

Die Aktie eines bestimmten US-Pharmaunternehmens befindet sich im Kurs-Höhenflug. Das Unternehmen könnte alsbald einen Corona-Impfstoff...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Einbruch am Weltmarkt: Deutsche Autobauer stehen vor riesigen Verlusten

Der Pkw-Weltmarkt verzeichnet einen riesigen Einbruch. Besonders der chinesische Markt ist betroffen – für die deutschen Autobauer und...

DWN
Deutschland
Deutschland Die Fleischsteuer wird kommen: Deutsche, zurück zum Sonntagsbraten

Die Einführung einer Fleischsteuer ist mehr als wahrscheinlich. Künftig könnte bei vielen Deutschen - wie in früheren Zeiten - Fleisch...

DWN
Politik
Politik Flüchtlinge: Türkei öffnet Grenze, ein neuer Exodus nach Europa beginnt

Die Türkei hat die Grenze zur EU geöffnet. Ein neuer Flüchtlings-Exodus hat begonnen, doch die EU reagiert nicht. Währenddessen kommt...

DWN
Technologie
Technologie Ende der großen Auto-Messen kündigt sich an: Der „Internationalen Motor Show“ in Genf laufen die Aussteller davon

Der Niedergang der großen Automessen geht weiter – jetzt droht auch die „Internationale Motor Show“ in Genf zu einem Flop zu werden.

DWN
Politik
Politik Athen schließt Grenzübergang zur Türkei, Premier zeigt Härte

Griechenland hat am Freitag den Grenzübergang zur Türkei bei Kastanies/Pazarkule geschlossen. Griechenlands Regierungchef Kyriakos...

DWN
Deutschland
Deutschland Nahrungsmittelspreise steigen kräftig um 3,3 Prozent

Die deutsche Inflationsrate verharrt im Februar bei 1,7 Prozent. Doch Nahrungsmittel und Energie verteuerten sich überdurchschnittlich.

DWN
Politik
Politik Putin und Erdogan vereinbaren angeblich Zusammenarbeit in Syrien

Der türkische Präsident Erdoğan und sein russischer Amtskollege Putin haben vereinbart, die Kontakte zwischen ihren Verteidigungs- und...

DWN
Technologie
Technologie Künstlich intelligenter Roboter liefert Postsendungen aus

Die Anwendungsbereiche für Roboter werden immer vielfältiger. Nun hat Ford eine Maschine vorgestellt, die als Postbote fungieren kann.

DWN
Deutschland
Deutschland VW-Dieselfahrer bekommen bis zu 6.257 Euro Entschädigung

Im Streit über die Entschädigung von Dieselbesitzern hat man sich im zweiten Anlauf geeinigt. Demnach stellt VW eine Entschädigungssumme...

DWN
Politik
Politik Iran: Corona-Virus infiziert Staatsspitze, erster Politiker tot

Im Iran ist der ehemalige Botschafter im Vatikan an den Folgen des Corona-Virus gestorben. Zudem haben sich die Chefberaterin des...

DWN
Finanzen
Finanzen Dax wegen Pandemie-Angst im freien Fall

Die Furcht vor einer weltweiten Rezession als Folge des Coronavirus hat einen erneuten Ausverkauf am deutschen Aktienmarkt ausgelöst. Die...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Russland verbietet Import von chinesischem Kaviar

Die russische Aufsichtsbehörden haben den Import von chinesischem Kaviar verboten.

celtra_fin_Interscroller