Finanzen

Crash kann wegen globaler Vernetzung sehr schnell kommen

Lesezeit: 2 min
10.01.2016 01:43
Die globale Vernetzung kann dazu führen, dass ein Crash heute viel schneller kommen kann als früher. Fallende Reallöhne, sinkende Rohölpreise sowie volle Lagerbestände könnten eine Kaskade auslösen, die kaum noch zu beherrschen ist.
Crash kann wegen globaler Vernetzung sehr schnell kommen
Weltweite Tagesproduktion von Rohöl und raffinierten Produkten und der hinterherhinkende Verbrauch. (Grafik: Gail Tverberg)

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die globale Beschleunigung und Vernetzung macht das Finanzsystem unberechenbar. Dies sieht man bereits an den Rohstoffmärkten, meint Finanzanalystin Gail Tverberg in einer interessanten Analyse auf ihrem Blog „Our Finite World“. Eine besondere Bedeutung haben ihrer Ansicht nach steigende Kosten bei der Rohstoffgewinnung, insbesondere für Öl: Im Zusammenspiel mit weltweit hohen Lagerbeständen und einer tendenziell abnehmenden oder weniger schnell wachsenden Nachfrage berge dies hohe Risiken. Insbesondere die starke Zunahme der Weltbevölkerung verteuert die Förderung von Öl, weil zunehmend auf schwer zu erschließende Vorkommen zurückgegriffen werden muss. Gleichzeitig lohnt sich die Suche aufgrund der seit Mitte 2014 abstürzenden Notierungen an den Weltmärkten und randvoller Tanks immer weniger. Das für die Weltwirtschaft existentielle Wachstum, das auf moderat steigende Rohstoffpreise angewiesen ist, wird so gefährdet.

Ein Hauptgrund für die schwache Nachfrage nach Rohstoffen sind laut Tverberg fallende Realeinkommen auf den Arbeitsmärkten. Dies führt dazu, dass sich Berufstätige bei nicht unbedingt notwendigen Investitionen wie Autos, Fernreisen oder elektronischen Geräten zurückhalten. Meldungen, wonach Apple die Produktionskapazitäten für iPhones um 30 Prozent senken will oder das jüngst veröffentlichte, überraschend schwache, Gewinnplus bei Samsung weisen auf diesen Umstand hin. Die Entscheidung der Fed zu höheren Zinsen dürfte sich überdies dämpfend auf die Kaufkraft der Arbeitnehmer auswirken. Sinkende Preise für Rohstoffe wie Rohöl, Stahl und Kupfer sind die Folge und die Industrieproduktion geht zurück. Mittelfristig führt dieser Trend zu fallenden Aktienkursen, Firmeninsolvenzen und Kreditausfällen.

Denn solange die Produktionskosten wichtiger Rohstoffe stärker steigen als die Einkommen der Verbraucher, besteht laut Tverberg folgender Teufelskreis: Die zurückgehende Nachfrage nach Waren führt zu tiefen Rohstoffpreisen, die zu steigenden Produktionskosten führen und dadurch Investitionen verhindern. Die niedrigen Notierungen bei Rohöl haben überdies weltweit zu vollen Lagern geführt, die den Bedarf nach frischem Erdöl dämpfen. Wie das Wall Street Journal kürzlich berichtete, sind die Lagertanks in Westeuropa zu 97 Prozent gefüllt. Seit einiger Zeit herrscht ein grundlegendes Missverhältnis zwischen Förderung und Verbrauch. Die Aussicht auf eine weiterhin schwächelnde Konjunktur in China und das Eintreten Irans in den Kreis der Erdöl-Exportnationen werde das derzeitige Missverhältnis wohl weiter zementieren, so Tverberg.

Die globale Vernetzung führt dazu, dass eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure von dem Phänomen betroffen ist: Aktienkurse von Rohstoffunternehmen und deren Zulieferern geraten als erste unter Druck. Ein Paradebeispiel dafür ist der Niedergang der Aktien von Transocean, eines Ausrüsters von Ölplattformen, der parallel zum Absturz des Ölpreises Mitte des Jahres 2014 begann. Unternehmenspleiten und damit verbundene Kreditausfälle wiederum können im Ölgeschäft aktive Banken in Schieflage bringen. Institute aus der Eurozone sind seit Jahresbeginn durch die Einführung verbindlicher „Bail-in-Regeln“ dazu berechtigt, einen Teil der Abschreibungen auf ihre Gläubiger und Anleger abzuwälzen. Auch Regierungen von Ländern, die auf gesicherte Rohstoffeinnahmen angewiesen sind, gehören zu den großen Verlierern, wie an den Beispielen Russland, Australien oder Brasilien ersichtlich wird.

Die Aussichten für 2016 schätzt Tverberg deshalb als düster ein: „Faule Kredite werden 2016 wahrscheinlich zu größeren Problemen führen. (…) Wir können davon ausgehen, dass ein Unternehmen nach dem nächsten an den tiefen Rohstoffpreisen scheitert. Es ist zu erwarten, dass sich die Probleme dieser Unternehmen auf die gesamte Wirtschaft auswirken werden. Die strauchelnden Firmen werden Angestellte entlassen, was die Quantität der verfügbaren Einkommen reduziert, um rohstoffbasierte Produkte zu kaufen. Schulden werden nicht vollständig zurückgezahlt werden, was Banken, Versicherungen und Pensionsfonds in Schwierigkeiten bringen wird.“

Das gegenwärtige Wirtschaftssystem, so das Fazit Tverbergs, stoße zunehmend an die Grenzen einer endlichen Welt. Aus der Geschichte ist bekannt, dass sich frühere Zusammenbrüche oft über mehrere Jahre hinzogen. Das Ende des gegenwärtigen Superzyklus hingegen könnte viel schneller eintreten. Die heutige Weltwirtschaft ist im Gegensatz zu früheren Systemen von internationalen Lieferketten, einer permanenten Versorgung mit elektrischer Energie und von fossilen Energieträgern abhängig. Die globale Vernetzung macht Probleme zu groß, als dass sie wirklich gelöst werden könnten.


Mehr zum Thema:  

Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Kostenloses Experten-Webinar: Die Zukunft der personalisierten Medizin aus der Cloud - und wie Sie davon profitieren

Eine individuelle Behandlung für jeden einzelnen Menschen - dieser Traum könnte nun Wirklichkeit werden. Bei der personalisierten Medizin...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Streik am Bau: Gewerkschaft kündigt Proteste in Niedersachsen an
10.05.2024

Die IG Bauen Agrar Umwelt hat angekündigt, dass die Streiks am Bau am kommenden Montag (13. Mai) zunächst in Niedersachsen starten...

DWN
Politik
Politik Selenskyj drängt auf EU-Beitrittsgespräche - Entwicklungen im Ukraine-Krieg im Überblick
10.05.2024

Trotz der anhaltenden Spannungen an der Frontlinie im Ukraine-Krieg bleibt Präsident Selenskyj optimistisch und setzt auf die...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Rekordhoch: Deutscher Leitindex springt auf Allzeithoch über 18.800 Punkten
10.05.2024

Der DAX hat am Freitag zum Handelsstart mit einem Sprung über die Marke von 18.800 Punkten seinen Rekordlauf fortgesetzt. Was bedeutet das...

DWN
Politik
Politik Corona-Aufarbeitung: Spahn spricht sich für breite Analyse aus mit allen Blickwinkeln
10.05.2024

Im deutschen Parlament wird zunehmend eine umfassende Analyse der offiziellen Corona-Maßnahmen, einschließlich Masken und Impfnachweisen,...

DWN
Politik
Politik Pistorius in den USA: Deutschland bereit für seine Aufgaben
10.05.2024

Verteidigungsminister Boris Pistorius betont in Washington eine stärkere Rolle Deutschlands im transatlantischen Bündnis. Er sieht den...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Europäische Unternehmen sehen düstere Aussichten in China
10.05.2024

Die jährliche Geschäftsklimaumfrage der EU-Handelskammer in Peking zeigt, dass europäische Unternehmen ihre Wachstumschancen in China so...

DWN
Technologie
Technologie Lithium-Abbau in Deutschland: BGR-Forscher starten Tiefenförderung in der Lüneburger Heide
10.05.2024

Der Weg zu einer nachhaltigen Elektromobilität führt möglicherweise durch die Lüneburger Heide: Die Die Bundesanstalt für...

DWN
Finanzen
Finanzen Genomsequenzierung: Investieren in die personalisierte Medizin der Zukunft
09.05.2024

Genomsequenzierung, Gentherapie, personalisierte Medizin: Die Medizin- und Pharma-Industrie steht vor einem Wendepunkt. Gleichzeitig sind...