Linde AG und Praxair streben erneut Fusion an

Die Gas-Produzenten Linde AG und Praxair gehen bei Fusions-Gesprächen in die zweite Runde. Der Zusammenschluss könnte den Konzern zum Marktführer machen.

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Linde AG strebt im zweiten Anlauf nun doch einen Zusammenschluss mit dem US-Rivalen Praxair an. Alle Aufsichtsräte hätten auf der Basis neuer Vorschläge der Amerikaner für Verhandlungen über eine Fusion unter Gleichen gestimmt, teilten die Münchner am Mittwoch mit. Damit hat Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle auch die zuvor fragliche Unterstützung der Arbeitnehmervertreter für die Fusionsgespräche. Reitzle soll einem Insider zufolge nach einer Fusion Verwaltungsratschef der neuen Gruppe werden. Linde-Vorstandschef Wolfgang Büchele wird dagegen keine Rolle mehr spielen, er gibt sein Amt sofort auf.

Für die Verhandlungen reaktiviert Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle seinen alten Vertrauten Aldo Belloni. Der 66-jährige frühere Linde-Anlagenbauvorstand kehrt dafür eigens aus dem Ruhestand zurück und hat sich bis Ende 2018 als Vorstandchef verpflichten lassen. „Es gibt niemanden, der besser weiß als Aldo Belloni, wie entscheidend in unserer Branche Größe und Wettbewerbsfähigkeit für den langfristigen Erfolg sind“, lobte ihn Reitzle. „Er bringt 34 Jahre Linde-Erfahrung, davon 14 Jahre Erfahrung im Vorstand der Linde AG, mit, und wir haben volles Vertrauen, dass er mit großem Sachverstand das nächste Kapitel unserer Unternehmensgeschichte in unserem Interesse mitgestalten wird.“ Die Linde-Aktie legte gut zwei Prozent zu, die Praxair-Titel notierten ebenfalls leicht im Plus.

Die IG Metall wandte sich zunächst nicht direkt gegen die Pläne, blieb aber skeptisch. Bayerns Landeschef Jürgen Wechsler begrüßte zwar die Rückkehr Bellonis, äußerte sich über die anderen Pläne reserviert: „Ich glaube nicht, dass Carl von Linde die aktuellen Entwicklungen des von ihm gegründeten Unternehmens begrüßen würde. Deshalb wird die IG Metall nur Entscheidungen akzeptieren, die Beschäftigung und Standorte in Deutschland und Bayern absichert.“

Einem Insider zufolge soll der fusionierte Konzern weiterhin den Namen Linde tragen. Unter Verwaltungsratschef Reitzle solle der bisherige Praxair-Chef Steve Angel Vorstandschef werden, auch den Finanzchef sollen die Amerikaner stellen. Ein Vorstandsposten werde in München angesiedelt, hieß es. Teilfunktionen des Hauptquartiers sollen auch dort bleiben. Das Unternehmen solle in New York wie in Frankfurt börsennotiert sein. Beide Unternehmen soll beim Zusammenschluss gleich hoch bewertet werden.

Grundsätzliche Einigung vor Weihnachten möglich

Linde will sich Insidern zufolge nun rasch mit Praxair über die Grundzüge einer Fusion einigen. Noch vor Weihnachten könnte ein unverbindliches Eckpunktepapier stehen, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Konzerninsider nach der Verhandlungen durch den Aufsichtsrat am Mittwoch. „Es besteht schon Druck“, sagte ein Kenner. Praxair habe in den zuvor strittigen Punkten Zugeständnisse gemacht. So würden insbesondere die Standorte in der Region München erhalten bleiben, erklärten die Insider. Einige Funktionen von Praxair sollen sogar eigens nach Deutschland verlagert werden. Das Sparprogramm des scheidenden Vorstandschefs Büchele, das die Streichung tausender Stellen bei Linde vorsieht, bleibe unverändert bestehen.

Im Umfeld hieß, den Beschäftigten in der Linde-Zentrale winkten Standortgarantien von drei bis fünf Jahren. Angesichts möglicher Synergien von bis zu einer Milliarde seien die Kosten dafür vernachlässigbar. Die 5.500 Linde-Mitarbeiter in Deutschland würden geschont, da das deutsche Praxair-Geschäft ohnehin verkauft werden müsse, sagten Insider. Praxair würde seine Anlagen zudem künftig von Linde beziehen und sie nicht wie bisher am Markt kaufen.

Gespräche der beiden Firmen über den Zusammenschluss zum größten Industriegasekonzern der Welt waren vor zwei Monaten überraschend geplatzt, weil sich beide Seiten nicht über zentrale Fragen wie den Firmensitz, Entwicklungsstandorte und Führungspersonalien einigen konnten.

Linde AG mitten im Umbau

Praxair und Linde waren an der Börse fast gleich viel wert, als die Fusionspläne im Sommer bekannt geworden waren. Seither hat sich die Praxair-Aktie besser entwickelt als das Linde-Papier. Praxair kommt auf einen Marktwert von fast 34 Milliarden Dollar (31,8 Milliarden Euro), Linde zum Schlusskurs vom Dienstag auf rund 28 Milliarden Euro. Dabei sind die Amerikaner mit knapp zehn Milliarden Euro Umsatz nur halb so groß wie Linde – allerdings deutlich profitabler.

Linde wollte durch den Zusammenschluss wieder zurück an die Weltspitze im Markt für Industriegase. Die Münchener waren nach der Übernahme von Airgas durch die französische Air Liquide auf Platz zwei abgerutscht. Die Gasebranche ist weltweit stark konsolidiert. Nach einer Fusion von Praxair und Linde wären nur noch drei große Anbieter übrig. Ein Knackpunkt wäre bei einem solchen Schritt deshalb die Zustimmung der Wettbewerbsbehörden. Büchele hat vor seinem Abgang Linde noch einen rigiden Sparkurs mit dem Abbau tausender Stellen verordnet. Der Konzern soll die jährlichen Kosten bis 2019 um 550 Millionen Euro senken.

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