Internet: Die Propheten des Untergangs schaden der deutschen Wirtschaft

Industrie 4.0 wird einen enormen Zuwachs an Arbeitsplätzen schaffen und dies wäre schon jetzt zu spüren, würden nicht Gewerkschafter, Politiker und einfallslose Manager bremsen.

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Die Propheten des Untergangs haben wieder Hochsaison. Die These lautet: die Digitalisierung, die Industrie 4.0, das Internet der Dinge, der 3D-Drucker, also die aktuelle, industrielle Revolution werden jeden zweiten Arbeitsplatz vernichten und eine Massenarbeitslosigkeit auslösen. Derartige Ankündigungen begleiten jede Neuerung und erweisen sich stets als falsch. Auch wenn die Künder der Katastrophe erklären, diesmal sei tatsächlich alles anders. Industrie 4.0 wird einen enormen Zuwachs an Arbeitsplätzen schaffen und dies wäre schon jetzt zu spüren, würden nicht Gewerkschafter, Politiker und einfallslose Manager bremsen.

Der Markt bietet historisch einmalige Chancen

Jedem Unternehmen, ausnahmslos jedem, steht heute ein Markt mit ungeahnten Dimensionen zur Verfügung. Das Internet ermöglicht dem Hersteller von Kräutern in einem entlegenen Alpental die Belieferung von Kunden in den USA und in Japan. Die initiativen Bauern tun das aktiv, während die Nachbarn auf Subventionen aus Brüssel warten. Ein Holzbauunternehmen irgendwo in Europa kann ein originelles Haus auf dem Bildschirm zeichnen, bei jedem kleinsten Element die genauen Maße festlegen, die Stücke computergesteuert produzieren, irgendwohin auf der Welt liefern und das Objekt errichten. Der Mitbewerber ist vielleicht damit beschäftigt, über mangelnde Nachfrage in der Region zu klagen. Mit einem keineswegs extrem teuren 3D-Drucker vermag eine kleine Maschinenfabrik Werkstücke herzustellen, für die man früher eine große Anlage gebraucht hätte. Diese Neuerung ermöglicht die kostengünstige Produktion von Einzelstücken oder kleinen Serien für individuelle Bedürfnisse.

Der Globus zählt bereits mehr als 7 Milliarden Menschen. Die Weltbank weist aus, dass der Anteil der extrem Armen unter die 10-Prozent-Marke gesunken ist und somit etwa 700 Millionen betroffen sind. Noch im Jahr 1999 waren es 30 Prozent. Man darf nicht den Schluss ziehen, dass alle anderen im Wohlstand leben. Sehr wohl ist aber festzuhalten, dass weltweit Milliarden über eine nennenswerte Kaufkraft verfügen und als Kunden in Frage kommen, ein Zustand, den es in der Weltgeschichte noch nie gegen hat.

Die beiden Faktoren müssen im Zusammenhalt gesehen werden: Das Internet ermöglicht den Zugang zu einem gigantischen Markt, den es bisher nie gegeben hat. Diese beiden Grundvoraussetzungen ergeben für sich enorme Wachstumschancen.

Die Propheten des Untergangs erwarten Massenarbeitslosigkeit

Die These der Propheten des Untergangs lautet vor allem: Der Siegeszug der modernen Technik werde viele Produktionen überflüssig machen, Maschinen ersetzen und Arbeitsplätze vernichten, aber auch keine neuen entstehen lassen. Man denke nur an die elektronischen Türöffner, die die traditionellen Schlüssel ablösen, die folglich nicht mehr erzeugt werden, somit werden auch die Maschinen für die Herstellung nicht mehr benötigt. Oder an den Kühlschrank, der automatisch die verzehrten Waren nachbestellt, die wiederum in einem Lager automatisch in ein Gebinde gelegt werden, das anschließend mit einer Drohne zugestellt wird.
Auch kompliziertere Vorgänge wie die Zusammenführung der Elemente eines PKW oder eines Flugzeugs oder einer Maschine regen die Phantasie an. Ein Auto besteht aus 10.000 Einzelteilen, die in zahlreichen Fabriken hergestellt werden, die alle computer-gesteuert sind. Also kann der Computer in der Auto-Firma allen Computern in den zahlreichen Zulieferbetrieben Aufträge erteilen: Wann welche Teile in welcher Anzahl in eine Drohne zu laden sind und wann die Drohne welche Elemente wo abzuliefern hat. All das geschieht ohne einen Arbeiter, auch kein LKW und somit auch kein LKW-Fahrer sind mehr vonnöten. Das ist das Internet der Dinge, die miteinander kommunizieren, ohne dass der Mensch noch gefragt wird.

Programmierung ist eine Dienstleistung

Wendet man ein, dass alle diese Wunderwerke doch von Menschen entwickelt und hergestellt werden müssen, kommt prompt die Antwort: Das werden nur einige wenige, hochbezahlte Programmierer sein, gleichsam „Hohepriester“, alle anderen sinken zu schlecht bezahlten Hilfskräften ab. Bevor auf die Frage eingegangen sei „was die anderen machen werden“, ist die These von den wenigen, hochbezahlten „Hohepriestern“ der Automation zu hinterfragen.

Die zahllosen Elemente der neuen Industrie müssen betreut werden. Die Vorstellung, dass die miteinander kommunizierenden Computer immer funktionieren und sich im Bedarfsfall selbst reparieren, gehört in einen utopischen Film. Die Vision einer sich selbst wieder herstellenden Anlage ist zudem angesichts der katastrophalen Folgen einer Hacker-Attacke völlig unrealistisch. Benötigt werden vielmehr ausgezeichnete Fachkräfte, die in der Lage sind einzugreifen, wenn in den vielschichtigen Netzwerken ein Gerät ausfällt und somit alle anderen lähmt. Mit der zunehmenden Zahl an Computern, die im Internet der Dinge miteinander kommunizieren, steigt der Bedarf an Servicepersonal enorm.

Netzwerke, die zahlreiche Computer verbinden, müssen funktionieren und erlauben nur Korrekturen, die alle Anlagen berücksichtigen. Änderungen in Teilbereichen können das Zusammenspiel der Rechner gefährden. Dies gilt schon jetzt bei großen Unternehmen. Industrie 4.0 bedeutet, dass auch sehr viele, kleinere und mittlere Betriebe über Netzwerke von EDV-Anlagen verbunden sind und in verstärktem Ausmaß verbunden sein werden. Somit wird es viele Programmierer und viele hochqualifizierte Service-Fachkräfte geben müssen, die professionell verlässliche Systeme erstellen und warten.

Der neue Handel wird viele, hochqualifizierte Mitarbeiter brauchen

Die Frage, was „alle die anderen, die keine Programmierer sind“, machen werden, wird von den Propheten des Untergangs abgetan: Diese werden nur mehr schlecht bezahlte Hilfsarbeiten leisten können. Eine derartige Schlussfolgerung charakterisiert den Techniker, dem die Funktionsweisen des Marktes fremd sind. Die Millionen Unternehmen, die sich um die Milliarden Konsumenten schon jetzt bemühen und in noch viele größerem Umfang bemühen werden, brauchen im Verkauf Millionen gut ausgebildeter Mitarbeiter, die die Produkte kennen und die Psychologie des Verkaufens beherrschen.

Die Kontakte zwischen Kunden und Anbietern werden sich vervielfachen, durch die Zahl der Kunden, aber auch durch die Ansprüche der Konsumenten. Derzeit bestimmt noch die Vorstellung, dass im Internet ohne persönlichen Kontakt gekauft wird. Und wenn ein Käufer gar den Kontakt sucht, sorgt eine Warteschleife am Telefon, dass auch der geduldigste irgendwann aufgibt. Allerdings lautet die Realität: Man nützt in einem Geschäft die Beratung eines Kundenbetreuers und kauft dann billig im Internet ein. Beide Elemente sind nicht haltbar.

Zum einen: Internet-Handel alleine hat wegen des fehlenden Kundenkontakts keine Zukunft. Nicht zufällig eröffnen die großen Erfolgsfirmen amazon und zalando Geschäfte. Der Handel braucht beide Schienen und diese Tatsache lernen nach und nach auch die traditionellen Einzelhandelsfirmen.

Außerdem: Die Internet-Plattformen werden sich künftig nicht auf Automaten verlassen können. Sie werden – und viele tun das bereits – Personal bereitstellen müssen, das E-Mail-Anfragen prompt beantwortet und auch in der Lage ist, am Telefon Auskunft zu geben und bei technischen Problemen weiter zu helfen.
Nicht zuletzt: Vor allem bei heikleren Fragen wird der Kontakt mit den Kunden vor Ort an Bedeutung gewinnen. Nicht nur im Verkehr zwischen den Unternehmungen, sondern auch bei der Betreuung der Privathaushalte. Angesichts der sich abzeichnenden neuen Marktbedingungen wird der Vertreter eine Renaissance erleben, allerdings nur der hochqualifizierte Vertreter.

Nicht Massenarbeitslosigkeit, sondern Massenqualifikation kündigt sich an

Alle werden sich daran gewöhnen müssen, dass die Kunden immer größere Kenntnisse haben, weil sie im Internet Informationen abrufen, weil sie in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter und anderen Ratschläge erhalten.

Man sollte also die Propheten der Massenarbeitslosigkeit korrigieren und festhalten, dass die Zukunft einen enormen Bedarf an Arbeitskräften bringt, die allerdings mit stark steigende Anforderungen an die Ausbildung, an die Qualität, kurzum, an die Professionalität konfrontiert sein werden. Die weit verbreitete, geringe Qualifikation ruft die Skeptiker auf den Plan. Aber: Wenn es um die Existenz geht, sind die Menschen lernfähig und lernwillig.

Hier sei zur Illustration auf die Buchhaltung verwiesen, die mit modernen Programmen und Maschinen weitestgehend automatisiert ist und sich somit als Beispiel für die Vernichtung von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung eignen sollte. Erst in Ansätzen ist zu beobachten, dass die Unternehmen erkennen, welche Vielzahl an Informationen die Rechenwerke enthalten und somit eine bessere Steuerung des Betriebs ermöglichen. Sinkt auf der einen Seite die Zahl der Personen, die fakturieren und buchen, so sollte zum anderen die Zahl der Mitarbeiter steigen, die die verfügbaren Daten nützen, um die Abläufe in der Produktion, in der Verwaltung und im Verkauf zu optimieren.

Die Gewöhnung an den Wohlstand und die Ablehnung des Neuen

Wieso wirkt diese schöne, neue Welt nicht als Wachstumsmotor und sorgt allgemein für eine Aufbruchsstimmung, für Freude an den spannenden Herausforderungen? Warum dominiert die Skepsis?

Ohne Zweifel spielt die Psychologie eine Rolle: Neues, Ungewohntes stellt für viele eine Bedrohung dar. Dazu kommt, dass die vergangenen Jahrzehnte sich im Zeichen eines wachsenden Wohlstands entwickelt haben. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass man die gewohnte, überwiegend angenehme Lebensgestaltung nicht verändern möchte. Die Logik, dass nur die Akzeptanz der Veränderung die Sicherung des Wohlstands ermöglicht, setzt sich schwer durch.

Dieses Phänomen ist nicht nur in der Bevölkerung weit verbreitet, auch viele Manager halten an Gewohntem fest und sind nicht in der Lage die Zukunft zu gestalten. Die zahlreichen Versuche, durch drastische Einsparungen die bestehen Strukturen zu retten statt durch Investitionen neue Chancen zu eröffnen, machen die Problematik deutlich.

Eine entscheidende Rolle spielt die Politik, die sich zum Anwalt der weit verbreiteten Ablehnung von Neuerungen macht und dabei von den Gewerkschaften unterstützt wird. Vor allem werden bestehende Institutionen und Unternehmen verteidigt, wodurch die verfügbaren Ressourcen gebunden werden und nicht für die Erneuerung zum Einsatz kommen. Dieses Phänomen kann man an den Staatshaushalten vor allem in Europa ablesen: Die Abgaben zehren fast die Hälfte der erwirtschafteten Wertschöpfung auf und die Staaten machen dennoch gigantische Schulden. In der aktuellen Phase des Wechsels in eine neue industrielle Ära sollten die verfügbaren Mittel den Unternehmen und Privathaushalten zur Verfügung stehen und nicht zur Finanzierung überholter Strukturen vergeudet werden.

Eine maßgebliche Bremse stellt der in Europa bedeutsame Kündigungsschutz dar, der verhindert, dass der Arbeitsmarkt flexibel den Arbeitnehmern den Weg zu den innovativen Firmen weist. Deutschland hat den Kündigungsschutz 2004 gelockert, in den Folgejahren ist die Arbeitslosigkeit deutlich zurückgegangen. Frankreich und Italien leiden hingegen unter einer hartnäckig hohen Arbeitslosigkeit. Frankreich hat erst im Sommer 2016 gegen großen Protest der Gewerkschaft mit der „Loi Travail“ eine Korrektur eingeleitet. Italien hat 2015 den Kündigungsschutz verringert und man kann davon ausgehen, dass die Schlappe des eben zurückgetretenen, italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi beim Referendum am 4. Dezember auf die Änderung des Kündigungsschutzes zurückzuführen ist. Dabei stand dieses Thema bei der Volksabstimmung nicht zur Debatte, die Abstimmung war aber die erste Gelegenheit für eine politische Äußerung der Bevölkerung.

Die europaweite Verteidigung des Kündigungsschutzes durch die Gewerkschaften macht die falsche Politik der Arbeitnehmervertretung deutlich: Man bemüht sich vorwiegend um die Anliegen der Beschäftigten, die im Besitz eines Vollzeitarbeitsplatzes sind. Schon weniger engagiert man sich für die vielen, die einen oder mehrere Teilzeitbeschäftigungen haben, obwohl gerade diese Personen einen erhöhten Vertretungsbedarf haben.

Besonders deutlich zeigt sich die Schwäche der Gewerkschaften beim Umgang mit den Arbeitsbedingungen bei amazon. Der Internet-Konzern hat bereits 150.000 Mitarbeiter, womit deutlich wird, dass das Internet-Zeitalter keineswegs zur Periode der Massenarbeitslosigkeit wird. Nur erinnern die Umstände in den amazon-Betrieben an die Verhältnisse im 19. Jahrhundert. Die Gewerkschafter von heute sind aber Teil des Establishments und keine aktiven Arbeiterführer mehr, sie versuchen ebenfalls an den gerade untergehenden Bedingungen festzuhalten.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF. 

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