EZB stützt Frankreich und Italien am Anleihe-Markt

Die EZB kauft mehr Anleihen Italiens und Frankreichs am Markt, als diesen nach dem Kapitalschlüssel eigentlich zusteht.

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EZB-Präsident Mario Draghi. (Foto: dpa)

EZB-Präsident Mario Draghi. (Foto: dpa)

Die Europäische Zentralbank kauft deutlich mehr italienische und französische Staatsanleihen am Markt auf, als nach ihrem Kapitalschlüssel eigentlich vorgesehen ist. Dieser bezeichnet den Anteil jeder nationalen Zentralbank an dem gezeichneten Gesamtkapital der EZB. Deutschland als bevölkerungsreichstes und wirtschaftsstärkstes Euro-Land kommt aktuell auf einen Schlüssel von 17,9973 Prozent. Dies bedeutet, dass etwa 18 Prozent aller von der EZB im Zuge ihres Anleihekaufprogramms am Markt erworbenen Anleihen deutsche Staatsanleihen sein müssten.

Wie der englischsprachige Dienst von Reuters berichtet, kauft die EZB jedoch für etwa jeweils 1 Milliarden Euro mehr Staatsanleihen Frankreichs und Italiens, als es der Kapitalschlüssel suggerieren würde. Deutsche Staatsanleihen werden dagegen untergewichtet.

„Die EZB kaufte im November den achten Monat in Folge weniger deutsche Bonds, als sie eigentlich sollte und stattdessen erneut mehr französische und italienische Papiere, wie am Montag vorgestellte Daten der Zentralbank zeigen. Frankreich und Italien genossen Käufe in Höhe von 10,4 Milliarden Euro und 9 Milliarden Euro, die jeweils rund eine Milliarde Euro über ihrem Kapitalschlüssel lagen“, schreibt Reuters.

Als Folge der seit Monaten andauernden „Überziehung“ französischer und italienischer Anleihen im Kaufprogramm sind die Renditeunterschiede zu deutschen Bonds auf einen vergleichsweise geringen Umfang zusammengeschmolzen. Die Rendite-Lücke zwischen zehnjährigen deutschen und italienischen Papieren war am Dienstag mit etwa 137 Basispunkten (1,37 Prozent) beispielsweise so gering wie zuletzt im Oktober 2016.

Die dauerhafte Übervorteilung von Frankreich und Italien zeigt, dass die EZB Anleihen dieser Staaten offenbar ganz besonders am Kapitalmarkt vor steigenden Zinsen schützen muss. Insbesondere das wirtschaftlich und finanziell angeschlagene Italien könnte von der ab Januar 2018 geplante Halbierung des Kaufvolumens von monatlich 60 Milliarden Euro auf 30 Milliarden Euro negativ betroffen werden, weil der EZB nur noch halb so viel „Munition“ zur Verfügung steht, um die Renditen zu drücken.

Beobachter rechnen damit, dass mehrere Eurostaaten ohne die seit März 2015 andauernde Manipulation der Anleiherenditen und -kurse durch die EZB unter starken Druck geraten würden, weil die auf die Staatsschuld zu zahlenden Zinsen deutlich steigen würden. Denn indem die EZB als potentieller Helfer und Käufer der Schuldscheine mit praktisch unbegrenzter Liquidität in Erscheinung tritt, werden die Renditeforderungen der Geldgeber an den Anleihemärkten – die sich am Ausfallrisiko des Landes orientieren – gedrückt und die Regierungen der betroffenen Staaten können sich günstiger verschulden. Fällt diese Unterstützung durch die EZB weg, könnte der Ausbruch einer neuen Schuldenkrise in Europa das Ergebnis sein. Schon mehrfach hatten Spekulationen über das Ende des Programms in der jüngsten Vergangenheit zu Verwerfungen an den Anleihemärkten geführt.

Eine Grafik von Reuters zeigt, dass die Übervorteilung Frankreichs, Italiens und Spaniens beim Anleihekaufprogramm Anfang 2016 begann, während die Benachteiligung Deutschlands Anfang des laufenden Jahres einsetzte.