Sucht nach Technologie: Smartphones können Entwicklung von Kindern beeinflussen

Apple soll sich in Forschungsprojekte investieren, die die Auswirkungen der Smartphone-Nutzung auf Kinder und Jugendliche beleuchten.

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Das blaue Licht von Bildschirmen soll Glücksgefühle auslösen. (Foto: dpa)

Das blaue Licht von Bildschirmen soll Glücksgefühle auslösen. (Foto: dpa)

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Eine Gruppe von Apple-Investoren ist besorgt über den scheinbar viel zu frühen und zu intensiven Kontakt von Kindern mit dem Smartphone. Wie The Daily Beast berichtet, haben sie sich nun in einem offenen Brief an das Unternehmen gewandt. Darin wird der Technologieriese aufgefordert, Forschungsprojekte zu finanzieren, die darüber Aufschluss geben, wie sich Apple-Produkte auf das Gehirn eines Kindes auswirken können.

In ihrem Schreiben heißt es:

„Der durchschnittliche amerikanische Teenager bekommt sein erstes Smartphone im Alter von zehn Jahren und verbringt damit mehr als 4,5 Stunden am Tag (ohne SMS und Gespräche). 78 Prozent der Teenager sehen mindestens stündlich auf ihr Telefon. 50 Prozent berichten, das sie „süchtig“ nach ihren Telefonen sind. Es würde dem gesunden Menschenverstand widersprechen, zu behaupten, dass diese Nutzungsintensität bei Kindern, deren Gehirn sich noch entwickelt, keine Auswirkungen hat oder dass der Hersteller eines solch starken Produkts keine Rolle spielt, um Eltern dabei zu helfen, eine optimale Nutzung zu gewährleisten. Es ist auch kein Geheimnis, dass Social-Media-Seiten und Anwendungen, für die nunmal iPhone und iPad ein primärer Zugang sind, normalerweise so einnehmend und zeitaufwendig wie möglich sind. Das haben bereits viele ihrer Schöpfer öffentlich anerkannt.“

Der Brief wird von Anlegern unterzeichnet, deren Unternehmensanteile fast zwei Milliarden Dollar ausmachen. Apples Gesamtbewertung beläuft sich auf rund 900 Milliarden Dollar. Zu den Unterzeichner gehören unter anderem die New Yorker Investmentfirma JANA Partners sowie Anne Sheehan, Leiterin Corporate Governance bei CalSTRS, dem größten Lehrer-Pensionsfonds der USA.

In ihrem Brief setzen sich die Unterzeichner damit auseinander, was es bedeutet, süchtig nach Technologie zu sein – vor allem mit Hinblick auf die jüngsten Nutzer. So wird unter anderem auf aktuelle Forschungsergebnisse zum Thema verwiesen, wie etwa die von Jean Twenge, einer Professorin für Psychologie an der San Diego State University. In ihrem aktuellen Buch „iGen: Why Today’s Superconnected Kids Are Growing Up Less Rebellious, More Tolerant, Less Happy – and Completely Unprepared for Adulthood“, spricht sie über die Auswirkungen von Smartphones auf Jugendliche.

Die Forscherin sagt, dass sie zuerst in den Jahren 2011 und 2012 einige seltsame Trends in der psychischen Gesundheit von Teenagern ausmachen konnte. Also zu einer Zeit, als Smartphones in dieser Altersgruppe immer normaler wurden. „Es gab eine Verdoppelung der Selbstmordrate und eine Verdreifachung von Selbstverletzungen in den Notaufnahmen bei jungen Mädchen“, sagt Twenge. „Und es gab eine Erhöhung der klinischen Depressionsraten um 50 Prozent.“ Für Twenge scheint der Zusammenhang zwischen der Zeit am Bildschirm und der psychischen Gesundheit offensichtlich. Sie verweist auf ihre Ergebnisse, die im Clinical Psychological Science veröffentlicht wurden, und zeigen, dass es eindeutige Beweise dafür gibt, dass die Zeit vor dem Bildschirm einen negativen Effekt auf die Entwicklung von Gehirnen hat.

„Ich fand heraus, dass Teenager, die fünf oder mehr Stunden am Tag am Bildschirm verbringen, ein um 71 Prozent höheres Risiko“ für psychische Probleme wie Depressionen oder Selbstmordgedanken haben, sagt Twenge. Als Bildschirmzeit wird die Zeit verstanden, die dem Spielen, den sozialen Medien oder einer anderen Verwendung eines Geräts außerhalb der Hausaufgaben gewidmet ist.

Auch wenn Twenges Forschung keine Kausalität anzeigt, belegen jedoch andere Forschungen, dass die Bildschirmzeit eher zu Unzufriedenheit führt als umgekehrt. Ein Grund dafür könnten wichtige neurologische Prozesse im Gehirn sein, die ablaufen, wenn mit dem Bildschirm interagiert wird. Anna Lembke, Assistenzprofessorin für Psychiatrie und Verhaltenswissenschaften am Stanford University Medical Center, hat sich intensiv mit dem Thema Sucht auseinandergesetzt – sowohl Drogenmissbrauch als auch Technologie. Sie sagt, dass die Art, wie wir den kühlen blauen Schein eines Bildschirms absorbieren, dem Kick ähnlich sei, den ein Drogenkonsument fühlen könne. „Smartphone-Bildschirme aktivieren den gleichen Bereich des Gehirns wie Opioide und Cannabis. Die Belohnungswege, die durch Dopamin vermittelt werden, reagieren auf Bildschirme ähnlich wie Opioide.“

Was Jugendliche besonders anfällig für das Suchtpotenzial von Smartphones macht, ist die Tatsache, dass sie sich in einem äußerst sensiblen Punkt ihres geistigen und körperlichen Wachstums befinden. „Sie sind unglaublich sozial sensibel“, sagt Lembke. Die Notwendigkeit sich anzupassen, der Wunsch, beliebt zu sein und soziale Punkte zu sammeln, bedeutet, dass Kinder in diesem Alter besonders anfällig für den „Social-Media-Ansteckungseffekt“ sind. Damit beschreibt Lembke ein Kind, das etwas tut, nur weil ein Gleichaltriger etwas tut.

„Heranwachsende Gehirne sind anfälliger für Risikobereitschaft, also treiben die Emotionszentren des Gehirns mehr Verhalten an als die Zukunfts-Planungszentren“, sagt die Forscherin. Deshalb sind Teenager impulsiv genug, Risiken einzugehen, ohne zukünftige Konsequenzen zu erkennen. Ihre Gehirne sind biegsam, weil die Adoleszenz eine Zeit ist, in der Nervenzellen eine Beschneidung erfahren, die grundlegend die Form und Struktur des Gehirns von einem Kind in das eines Erwachsenen verändert.

Online sein kann gefährlich sein: Es kann zu wüsten Beschimpfungen kommen, wenn Kinder zum Beispiel Nacktfotos versenden und empfangen, ohne über deren Verbreitungswege nachzudenken. Auch Mobbing ist ein Problem, wie es etwa auf anonymen Messaging-Apps geschieht. Von Gleichaltrigen geärgert zu werden, kann für Teenager verheerend sein und in einigen extremen, tragischen Fällen sogar zu Selbstmord führen.

Eine sogenannte neuronale Beschneidung könne bedeuten, dass Bildschirme als Bewältigungsstrategie verwendet würden, schreibt das Magazin. Kinder von ihrem Bildschirm wegzuziehen könne schwierig sein. Nicht nur, weil sie ein Gefühl von Sicherheit und Information bieten, sondern auch, weil ein Kind bereits süchtig sein kann.

Doch wie steht es um jüngere Kinder? Schließlich nutzen Babys und Kleinkinder das Internet nicht, um ihren Ex-Freunden hinterher zu spionieren oder den neuesten kryptischen Taylor-Swift-Tweet zu analysieren. Sie benutzen es hauptsächlich als ein Unterhaltungsgerät, das, höchstens auf High-Tech-Basis, eine TV-Sendung mit quietschenden Marionetten ersetzt, und auf der Low-Tech-Seite, ein Elternteil, der einem Kind Geschichten vorliest.

Das ist einer der Gründe, warum es so schwierig ist, die Auswirkungen von Touchscreens – also, Smartphones, Tablets und dergleichen – zu beurteilen: Sie sind neu. Das iPhone feierte gerade erst seinen zehnten Geburtstag. Es gibt also nicht viel Erfahrung damit, wie das Smartphone unsere Denkweise verändert haben könnte. Noch schwieriger ist es dann auch auszumachen, wann genau Technologie-Sucht ins Spiel kommen könnte.

„Fast die gesamte relevante Forschung beschäftigt sich zumeist mit viel älteren Kindern“, so Heather Kirkorian, eine außerordentliche Professorin an der School of Human Ecology an der Universität von Wisconsin. Sie beschäftigt sich damit, wie Kleinkinder unter fünf Jahren mit Medien lernen. „Aber es gibt nicht viel wissenschaftlichen Konsens.“

Kirkorian hat herausgefunden (unter Verwendung von Daten aus Common Sense Media), dass die Zeit, die Kinder mit der Technologie verbringen, steigt, wenn sie älter werden. Kinder im Vorschulalter wären bereits bei eineinhalb Stunden pro Tag. Kirkorians Forschung konzentriert sich auf das Lernen mit Technologie. Ihr Ansatz ist nicht problematisierend. Zwar habe sie beobachtet, dass Jungen offenbar lieber Videospiele spielen als Mädchen, die soziale Medien bevorzugen, und weiße Kinder zuweilen mehr Bildschirmzeit hätten als ihre farbigen und lateinamerikanischen Altersgenossen. Die Botschaft ist jedoch: Technologie ist nicht unbedingt schlecht.

„Technologie kann eine positive Rolle im Leben von Kindern spielen“, sagte die Wissenschaftlerin und verweist auf Möglichkeiten wie Video-Chats mit weit entfernt lebenden Familienmitgliedern oder interaktiven Spielen unter der Aufsicht von Älteren. Dies alles sei wertvoll, um Bindungen zu stärken und zu lernen.

Kirkorian hofft, dass der Brief der Apple-Investoren einen Anstoß gibt. Denn während wir damit begonnen haben, eine Menge Daten darüber zu sammeln, wie Kinder mit Technologie interagieren, verstehen wir immer noch nicht ganz, wie diese Ergebnisse eigentlich zu interpretieren sind. Kirkorian weist auf das Beispiel von Teenagern hin, die an Depressionen und Angstzuständen leiden könnten. „Die kausale Richtung ist nicht klar. Es könnte sein, dass dies tatsächlich ein Werkzeug für Teenager ist, die isoliert sind und keine soziale Interaktion haben. Sie können Werkzeuge sein, um sozial isolierten Kindern zu helfen.“ Aber greifen diese Kids nach Technologie, um Gefühle dieser Isolation zu lockern oder sind sie isoliert, weil sie ihre digitalen Welten betreten? „Das ist wirklich unklar. Es ist wie das Henne-Ei-Problem“, sagt Kirkorian.

Lembke vertritt einen anderen Standpunkt. Sie sagt, der Bildschirm macht von Natur aus süchtig, unabhängig von der Intention. „Selbst wenn ich mich an einen Bildschirm wende, weil ich ängstlich bin, um mit meiner Angst fertig zu werden, kann dieser Bildschirm von Natur aus abhängig machen“, sagte sie. „Sie können süchtig werden.“

„Für diejenigen, die anfällig für Sucht sind, sind die Risiken außerordentlich hoch“, so die Forscherin. „Füge das zu einem frühen Einstieg in die Nutzung hinzu und das Risiko der Sucht ist da.“

Adam Alter, Associate Professor für Marketing an der New York University und Autor von Irresistible: The Rise of Addictive Technology and the Business of Keeping Us Hooked, sagte The Daily Beast, dass die Frage nicht darin bestehe, ob zu viel Bildschirmzeit zu einer Sucht bei Kindern führe. „Ich habe das Wort Sucht selbst verwendet, aber ob Sie das Wort verwenden, um zu beschreiben, wie Kinder mit Bildschirmen interagieren, ist nebensächlich.“ Wenn man danach frage, wie jung eine Person sein könne, um süchtig zu werden, sei seiner Ansicht nach die wirkliche Frage die, wie jung eine Person sein könne, die von einem Smartphone beeinträchtigt werde. Er ist überzeugt, dass es kein Alter gibt, zu dem die Zeit am Bildschirm wirklich sicher wäre. „Meiner Meinung nach gibt es keine untere Grenze. Sobald ein Kind vor einem Bildschirm sitzen kann – und sobald dieser Bildschirm in die Zeit eingreift, die er oder sie in persönlichen Interaktionen mit anderen Menschen verbringen oder sich mit der Außenwelt beschäftigen könnte – ist es möglich, dass das Telefon das Wohlbefinden dieses Kindes kompromittiert.“ Es liege an den Erziehungsberechtigten herauszufinden, „wann Kinder abgelenkt, unglücklich, ausgegrenzt und von den Bildschirmen beeinträchtigt werden.“

Aber das macht es eben schwierig, Technologie als Bösewicht und als problematisch zu erklären: Sie kann eine wichtige Rolle als Lehrer und Motivator spielen. Jeder Experte hat einen anderen Ansatz für die Lösung dieses Problems. Einig seien sie sich der Zeitung zufolge jedoch darin, dass der Apple-Brief ein wichtiges Signal sende und den Blick auf  Technologie-Sucht bei Kindern lenke.

Die Lösung bisher: Bildschirmzeit wurde „reguliert“. Ein Bericht aus dem Jahr 2015 bricht jedoch mit dem Konzept der Zeitbegrenzung für Kinder und geht sogar so weit, dass der Begriff „Bildschirmzeit“ als antiquiert gelte.

Im Internet zu sein, ist aber nicht das eigentliche Problem. Online sein kann für Kinder jeden Alters gut sein. Psychologen zufolge ist etwas anderes problematisch: Sie verlassen sich auf den Bildschirm, um mit der emotionalen Achterbahnfahrt in den Teenagerjahren zurecht zu kommen.

In dem Brief der Apple-Investoren heißt es deshalb weiter:

„Um es deutlich zu sagen, wir sind nicht für einen Alles-oder-Nichts-Ansatz. Während Expertenmeinungen zu diesem Thema variieren, scheint sich ein Konsens dahingehend zu entwickeln, dass das Ziel für Eltern darin bestehen sollte, die entwicklungsoptimale Menge und Art des Zugangs sicherzustellen, insbesondere angesichts der Bildungsvorteile, die mobile Geräte bieten können.“

Mit anderen Worten: iPhones, iPads und alle anderen digitalen Geräte, die Kinder zur Unterhaltung benutzen könnten, sind nicht schlecht. Sie sind erstaunliche Werkzeuge für Lernen und Wachstum. Sie sind aber nicht die einzigen Werkzeuge, die ein Kind haben sollte, um die Welt zu erforschen.