Deutsche Wirtschaft zeigt deutliche Anzeichen von Schwäche

Die deutsche Wirtschaft reduziert ihr Wachstum, der Ausblick trübt sich ein. Für die Eurozone kündigen sich ungewisse Zeiten an.

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Bauarbeiter arbeiten am 19.02.2009 auf einer Baustelle in München. Auch in der Baubranche droht die Rezession. (Foto: dpa)

Bauarbeiter arbeiten am 19.02.2009 auf einer Baustelle in München. (Foto: dpa)

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im April eingetrübt. Der Geschäftsklima-Index des Ifo-Instituts fiel auf 102,1 Punkte von 103,3 Punkten im Vormonat, wie das Institut am Dienstag nach einer umfangreichen Überarbeitung seiner Umfrage unter rund 9.000 Managern mitteilte. Dies ist nach neuer Berechnung bereits der fünfte Rückgang in Folge.

„Die Hochstimmung in den deutschen Chefetagen verfliegt“, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. „Die Wirtschaft nimmt Tempo raus.“ Die Manager beurteilten sowohl ihre Geschäftslage als auch die Aussichten für die kommenden sechs Monate pessimistischer als zuletzt. Im verarbeitenden Gewerbe verschlechterte sich das Geschäftsklima zum dritten Mal in Folge, dabei lagen die Erwartungen auf dem niedrigsten Wert seit August 2016. Auch bei den Dienstleistern und im Handel trübte sich die Stimmung ein. Am Bau hingegen stieg der Index auf ein Rekordhoch.

Viele Ökonomen erwarten eine Abkühlung des zuletzt kräftigen Aufschwungs. „Der konjunkturelle Höhepunkt dürfte erreicht oder bereits überschritten sein“, sagte Thomas Altmann vom Finanzdienstleister QC Partners. „Der noch immer drohende Handelskonflikt zwischen den USA und China stimmt die Firmenchefs deutlich skeptischer.“

Im ersten Quartal hatte die deutsche Wirtschaft deutliche Anzeichen einer Abschwächung gezeigt – etwa durch Rückgänge bei den Einzelhandelsumsätzen, der industriellen Produktion und den Exporten. Auch die Stimmung in der französischen Industrie hatte sich zu Frühjahrsbeginn etwas eintrübt. Das Barometer für das Geschäftsklima fiel im April um einen Punkt auf 109 Punkte, wie das Statistikamt Insee am Dienstag zu seiner Umfrage unter Führungskräften mitteilte.

Der Frühwarn-Index für Rezessionen des Macroeconomic Policy Institute ist vor kurzem deutlich gestiegen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es in den kommenden drei Monaten in Deutschland zu einer Rezession komme, liegt inzwischen aus Sicht des Instituts bei fast 33 Prozent, wie der Telegraph berichtet.

Der Financial Times zufolge hängt nun vieles davon ab, ob es sich dabei um eine Abkühlung des relativ starken Wachstums des vergangenen Jahres handelt, oder um einen strukturellen Abwärtstrend, welcher schließlich in einer Rezession münden wird. Die deutsche Volkswirtschaft hat dabei eine besondere Funktion, weil sie fast ein Drittel der Wirtschaftsleistung der Eurozone beisteuert, berichtet die FT.

Noch sind die meisten Beobachter davon überzeugt, dass es sich um eine leichte Abschwächung handelt, die ein etwas schwächeres Wachstum einleiten werde. Andere weisen jedoch auf strukturelle Faktoren hin, die auf ein schrittweises Abrutschen in die Rezession hindeuten könnten.

Zu diesen gehört in erster Linie die Überalterung der Gesellschaft, welche einerseits zu höheren Kosten in den Renten- und Krankensystemen und damit zu höheren Abgaben für die arbeitenden Bevölkerungsschichten führt, und die andererseits einen Mangel an qualifizierten Arbeitern in allen Branchen und einen Rückgang bei der Innovationsfähigkeit auslöst.

Deutschland wäre mit seiner exportorientierten Wirtschaft zudem schwer von einer möglichen Eskalation in den Handelskriegen zwischen den USA, Europa und China betroffen, weil dann globale Lieferketten zusammenbrechen, Zölle erhoben werden und die Unsicherheit für Investoren steigen dürfte.

Der Gouverneur der französischen Nationalbank, François Villeroy de Galhau, warnte vergangene Woche vor „protektionistischen Gefahren, unvorteilhaften Wechselkurs-Szenarien (Währungskriegen – die Red.) und abrupte Korrekturen an den Finanzmärkten (Finanzkrisen – die Red.).“ Nach Berechnungen der Banque de France würden durch eine Anhebung der Zölle um zehn Prozent mehr als zwei Prozent der globalen Wirtschaftsleistung ausradiert.

Die Europäer müssten Schulter an Schulter mit Kanada, Japan und anderen Staaten die internationalen Wirtschaftsbeziehungen verteidigen, ergänzte Villeroy. Am 1. Mai läuft die befristete Ausnahme für neue Zölle auf EU-Stahlexporte in die USA aus. Mit China hat sich der Konflikt bereits hochgeschaukelt. US-Präsident Donald Trump hatte Ende März Sonderzölle für zahlreiche chinesische Produkte auf den Weg gebracht, woraufhin die Volksrepublik eigene Zölle auf US-Produkte ankündigte.

Weltweit vereinbarte Regulierungen für die Finanzbranche dürften nicht aufgeweicht werden, so Villeroy. Dies würde der nächsten Finanzkrise den Weg bereiten. Alle Länder sollten daher die im Dezember beschlossenen Kapitalregeln für Banken vollständig umsetzen. „Einige Akteure mögen versucht sein, ein kurzes Gedächtnis zu haben und die Lektionen der Krise zu vergessen.“

Trump hat angekündigt, Bankenregeln zu lockern, um mehr Geld in die Wirtschaft zu lenken. In Großbritannien wird derweil diskutiert, Vorschriften für die Kreditwirtschaft aufzuweichen, um die Stellung des Finanzzentrums London nach dem EU-Ausstieg zu schützen.

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