Automobil-Industrie: Die Zeichen stehen auf Sturm

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 2 min
23.03.2019 18:13
Die Automobil-Industrie befindet sich in stürmischer See. Der Absatz ist schleppend, der Wandel hin zur Elektromobilität wird Milliarden verschlingen. Zehntausenden Beschäftigten droht der Verlust ihres Arbeitsplatzes.
Automobil-Industrie: Die Zeichen stehen auf Sturm

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die deutsche Automobil-Wirtschaft steht vor einer der härtesten Bewährungsproben ihrer Geschichte: Das Vertrauen in den Diesel ist nach zahllosen Skandalen vielleicht für immer zerstört. Der neue Abgasprüfstandard WLTP hat dafür gesorgt, dass derzeit die Auto-Produktion so gering ist wie seit 1997 nicht mehr. Das Konjunktur-Barometer trübt sich ein und wird sich - angesichts des Brexit-Dramas, des amerikanisch-chinesischen Handelskriegs sowie der drohenden Rezession in China - so rasch wahrscheinlich nicht wieder aufhellen. Die wichtigste Entwicklung ist jedoch der sich anbahnende Wandel hin zur Elektromobilität. Er verlangt von den deutschen Autobauern Investitionen in Forschung und Entwicklung in Höhe einer dreistelligen Milliarden-Summe. Angesichts dieser fast schon existentiellen Herausforderungen sollte man von Führungs-Etagen der Konzerne Besonnenheit, klares Denken und ein darauf basierendes strategisches Vorgehen erwarten. Stattdessen: Chaos und panischer Aktionismus, so weit das Auge reicht.

BMW-Einkaufs-Chef Andreas Wendt fordert die 30 weltweit führenden Zulieferer (davon sechs aus Deutschland) in einem Brandbrief dazu auf, im Rahmen eines „360-Grad-Programms“ zahlreiche Einsparmaßnahmen vorzunehmen - mit der unausgesprochenen, aber unmissverständlichen Drohung, im Falle der Missachtung des Programms auf die Dienste des unbotmäßigen Zulieferers in Zukunft zu verzichten.

VW-Chef Herbert Diess propagiert den radikalen Wechsel zur Elektromobilität und geriert sich dabei als Prophet, obwohl gerade sein Konzern der Hauptverantwortliche für den Diesel-Skandal war. Gleichzeitig fordert er, den Ausbau der E-Mobilität steuerlich zu unterstützen und im Gegenzug jegliche Vergünstigungen für den Diesel zu streichen. Dass er dabei die beiden anderen großen Akteure der deutschen Automobil-Branche, BMW und Daimler, kräftig verärgert, ficht Diess nicht an, im Gegenteil: Er droht sogar, den VDA, der bisher als mächtige Interessenvertretung Gesellschaft und Politik mehr oder weniger vor sich hertrieb, zu verlassen, und stattdessen auf eigene Faust die E-Mobilität voranzutreiben. „Eine Wette auf die Zukunft“, nennt Prof. Stefan Bratzel vom „Center of Automotive Management“ (CAM) in Bergisch Gladbach Diess´ Vorgehen im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

Unterdessen streicht Porsche die Nachtschicht in Leipzig und Audi die Nachtschicht in Ingolstadt, will Opel ausgelernte Azubis nicht mehr zu übernehmen und streicht Ford gleich mal eben 5.000 Stellen. Das alles, während Audi schwerwiegende Einschnitte ankündigt, BMW die Dividende kürzt  und Mercedes einen Monat nach dem anderen weltweite Absatzrückgänge hinnehmen muss. Zur Krönung liefern sich VW-Vorstands-Chef Diess und der mächtige Volkswagen-Betriebsrat Bernd Osterloh vor 20.000 Beschäftigten ein offenes Wortgefecht.

Währenddessen bangen Zehntausende Beschäftigte um ihren Job. Denn eins ist klar: Die Elektromobilität wird Arbeitsplätze kosten, und zwar viele - Experten rechnen damit, dass in Deutschland mindestens 100.000 Stellen wegfallen werden. Gut bezahlte Stellen. Und zwar nicht nur bei den Autobauern selbst - auch die Zulieferer werden leiden müssen. „Es wird eine Konsolidierung geben“, so Bratzel. „Nicht jedes Unternehmen wird die für die anstehende Transformation notwendige Investitionen schultern können.“ Wobei auch bei den Großen der Branche Arbeitsplatzverluste wahrscheinlich sind: Beim weltgrößten Zulieferer Bosch droht in den nächsten Jahren der Wegfall tausender Arbeitsplätze, die vom Verbrennungsmotor abhängig sind. Der Betriebsrats-Chef des Bosch-Werks Bamberg, Maschinenbau-Ingenieur Mario Gutmann, sagte in der Süddeutschen Zeitung, er gehe davon aus, dass von den derzeit über 800.000 Jobs in der deutschen Autoindustrie innerhalb der nächsten zehn Jahre die Hälfte wegfallen könnte: „Wenn die E-Mobilität explosionsartig kommt, dann ist es mit unserem Wohlstand in Deutschland vorbei.“

Immerhin: Die Autobosse von BMW, Daimler und VW haben ihren Streit schon wieder beigelegt, und Volkswagen will sogar im VDA bleiben. Bleibt zu hoffen, dass das nicht die einzigen positiven Nachrichten von der Auto-Front bleiben.


Mehr zum Thema:  

DWN
Termine
Wichtige Termine Lesen Sie hier, warum Sie die Deutschen Wirtschafts Nachrichten lesen sollten und wie Sie dabei 17% sparen!

Unser Chefredakteur Hauke Rudolph zeigt auf, warum man Abonnent der DWN sein sollte. Gleichzeitig können Sie von einem interessanten...

DWN
Politik
Politik Anti-Rassismus-Demos: Teilnehmer infiziert, Mediziner befürchten zweite Corona-Welle

Nun ist es geschehen. Die ersten Demonstranten haben sich in den USA mit dem Corona-Virus infiziert. US-Mediziner und Behörden befürchten...

DWN
Politik
Politik Corona-Konjunkturpaket: Zur Versetzung reicht es - ein Musterschüler wird diese Bundesregierung aber nicht mehr

DWN-Analyst Michael Bernegger seziert in gewohnter Gründlichkeit das von der Bundesregierung geschnürte Konjunkturpaket.

DWN
Politik
Politik Wo sollen die Milliarden herkommen? Österreichischer Haushalt nicht finanzierbar

DWN-Gastautor Andreas Kubin kommentiert den Budget-Voranschlag der österreichischen Bundesregierung - kenntnisreich und mit einem...

DWN
Politik
Politik Das multipolare Zeitalter beginnt: Europa will zur souveränen Großmacht aufsteigen

In der EU zeichnet sich endlich eine verstärkte Bereitschaft ab, als ernstzunehmender Spieler im geopolitischen Ringen zwischen den...

DWN
Politik
Politik DWN-EXTRA: Pentagon weiß nichts von US-Truppenabzug aus Deutschland

Das Pentagon weiß nichts über einen offiziellen Plan, wonach ein Teil der US-Truppen aus Deutschland abgezogen werden soll. Doch genau...

DWN
Politik
Politik Maas: Zusammenarbeit mit US-Truppen im beiderseitigen Interesse

Bundesaußenminister Heiko Maas sagt zum angeblichen Teilabzug von US-Truppen aus Deutschland: „Wir schätzen die seit Jahrzehnten...

DWN
Politik
Politik Gegen die Türkei: Im Kriegsfall würde Russland Griechenland unterstützen

Falls es zum Krieg zwischen Griechenland und der Türkei kommen sollte, würde Russland Griechenland unterstützen. Bereits im...

DWN
Finanzen
Finanzen Warum die Zentralbanken ihre eigenen Inflationsziele völlig verfehlen

Alle großen Zentralbanken der Welt sagen, dass sie mit niedrigen Zinsen Inflation schaffen wollen. Doch tatsächlich hat die extrem...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Bohrinseln stehen wegen Öl-Crash vor dem Aus

Die aktuelle Weltwirtschaftskrise könnte der Offshore-Ölbranche den Todesstoß versetzen. Denn schon vor dem letzten Preis-Crash waren...

DWN
Politik
Politik USA und Polen starten Militär-Manöver

Die USA und Polen haben in Westpolen mit dem Militärmanöver Manöver „Defender-Europe 20 Plus“ begonnen.

DWN
Politik
Politik USA versus China: Ein Krieg liegt im Interesse beider Länder

Der Konflikt zwischen den USA und China nimmt an Schärfe zu. Wie weit die beiden Kontrahenten gehen könnten, analysiert DWN-Autor Ernst...

DWN
Technologie
Technologie Roboter soll Corona-Massentests ermöglichen

Bei der Bekämpfung von Corona soll ein künstlich intelligenter Roboter zum Einsatz kommen.

DWN
Deutschland
Deutschland Askese ist in der Corona-Krise der falsche Weg: Plädoyer für einen aufgeklärten Konsum

Konsum ist kein Übel, schreibt DWN-Kolumnist Ronald Barazon - weder in der Corona-Krise noch sonst.

DWN
Politik
Politik DWN-SPEZIAL: Die Aufteilung Libyens nimmt Konturen an

Die Aufteilung des „libyschen Kuchens“ nimmt Konturen an. Am Verhandlungstisch sitzen die USA, Russland und die Türkei. Doch auch die...

celtra_fin_Interscroller