Gemischtes
Investitionen brechen seit Jahren ein

Brexit: Der jahrelange Niedergang der britischen Autoindustrie gipfelt in einem Knall

Der sich abzeichnende chaotische Austritt Großbritanniens aus der EU wird für die britischen Autohersteller höchstwahrscheinlich fatale Konsequenzen haben. Es ist möglich, dass die gesamte Branche innerhalb weniger Jahre verschwinden wird, sagen Beobachter.
30.08.2019 16:19
Aktualisiert: 30.08.2019 16:19
Lesezeit: 2 min

In knapp zwei Monaten wird Großbritannien die EU verlassen. Es sieht derzeit nicht danach aus, dass sich beide Seiten noch einigen werden, so dass ein Brexit ohne Vertrag immer wahrscheinlicher wird. Zu den Branchen auf der Insel, die sich am meisten davor fürchten, gehört die Autoindustrie.

So ist die Zahl der Investitionen bis Ende Juni des laufenden Jahres im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 70 Prozent gefallen. Wie die Branchenvertretung Society of Motor Manufacturers and Traders (SMMT) erklärte, betrug das Gesamtvolumen nur noch 90 Millionen Pfund – also etwa 100 Millionen Euro. Damit wurde der negative Trend vom Vorjahr fortgesetzt, als die Produzenten gegenüber 2017 ihre Investitionen bereits um 46 Prozent verringert hatten.

Diese Entwicklung ist seit dem Brexit-Referendum Mitte 2016 klar zu beobachten, weil die britische Autoindustrie sehr stark auf die reibungslosen Geschäfte mit der Gemeinschaft angewiesen ist. „Die Angst vor einem Brexit ohne Vertrag hat dazu geführt, dass sich die Investoren nicht gerührt haben“, sagte der Vorsitzende der SMMT, Mike Hawes. „Das wäre das denkbar schlechteste Szenario“, zitierte die Nachrichtenagentur „Reuters“ den Funktionär.

Dabei ist der Rückgang der Investitionen nicht das einzige Zeichen, dass die britischen Autounternehmen den Brexit ohne Vertrag fürchten. Zum einen ist die Produktion nach den ersten sechs Monaten massiv zurückgegangen – und zwar um ein Fünftel auf 666.000 Fahrzeuge.

Zum anderen haben die Firmen für insgesamt 330 Millionen Pfund (364 Millionen Euro) zusätzliche Lagerfläche angemietet, die sie mit Ersatzteilen und anderen Autokomponenten aufgefüllt haben, damit ihre Kunden beim EU-Austritt des Landes keine Verzögerungen und Verspätungen erleiden müssen.

Industrie exportiert 60 Prozent nach Europa

Hintergrund: Wohl kaum eine Industrie auf der Insel hängt so stark vom Export ab. Die Hersteller exportieren rund 80 Prozent der Fahrzeuge, allein 60 Prozent davon finden ihre Abnehmer in Europa. Andererseits importieren die Produzenten 80 Prozent der Zuliefererteile vom Kontinent. Davon müssen manche Produkte mehrfach hin- und her geschickt werden – beispielsweise, wenn sie veredelt werden.

Wenn sich London nun nicht mit Brüssel einigt, dann gelten die allgemeinen Regeln der Welthandelsorganisation (WTO), die Zölle in Höhe von zehn Prozent vorsehen. Damit würden sich die Exportautos so verteuern, dass die Branche im internationalen Vergleich einfach nicht mehr rentabel wäre.

„Ein harter Brexit ohne Freihandelsabkommen mit der EU macht dem Automobil-Standort Großbritannien den Garaus“, schreibt der Autokolumnist des Nachrichtensenders „n-tv“, Helmut Becker. „Englands Autoindustrie stirbt mit dem Brexit“, glaubt der Fachmann, der früher Chefvolkswirt bei BMW gewesen ist.

Japaner erwägen Rückzug

Dass es schon jetzt massiv bergab geht, sieht man an einigen Werken, die auf der Insel dicht gemacht oder die die Investoren möglicherweise schließen werden. So schließt Honda seine einzige Fabrik in Swindon und wird bis 2021 Großbritannien vollständig verlassen haben.

Dadurch gehen 3.500 Arbeitsplätze verloren und noch mal mehr als tausend in den angrenzenden Zulieferindustrien. Nissan ist gerade dabei, Teile seiner Herstellung nach Japan zu verlegen. Der Produzent beschäftigt 7.000 Mitarbeiter und ist in der Region Sunderland, wo sein Standort liegt, ein sehr wichtiger Arbeitgeber. Ursprünglich war der japanische Autohersteller auf die Insel gekommen, um Großbritannien als Sprungbrett für die EU zu nutzen.

Darüber hinaus wird Toyota als dritter großer japanischer Autokonzern seinen Standort bis Anfang 2020 überprüfen – also in den kommenden sechs Monaten. Allein diese drei japanischen Hersteller repräsentieren die Hälfte der britischen Produktion. Wenn sie abziehen, bricht ein gewichtiger Teil der gesamten Autoindustrie zusammen.

Branchen-Vertretung fordert besseres Investitionsklima

Deswegen fand die Branchenvertretung SMMT noch einmal klare Worte, die sie an ihre eigene Regierung richtete: „Wir brauchen wieder ein geschäftliches Umfeld, das uns international wettbewerbsfähig macht,“ sagte Vorsitzende der Vereinigung, Mike Hawes.„Das ist notwendig, damit wir erneut Investitionen und mehr Wachstum generieren“, so Hawes. „Dazu ist ein ambitionierter Brexit-Vertrag notwendig, der die reibungslose Fortsetzung des Handels ermöglicht“, sagte der Funktionär.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Chef: Mehr Entwicklung in China - Image intakt
27.04.2026

Mit neuen Elektro-Modellen und lokalen Lieferketten will Mercedes in China wachsen. Was der Konzern für das Image und die Technik plant.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europa in der KI-Abhängigkeit: Wie Software die Wertschöpfung verlagert
27.04.2026

KI verschiebt die wirtschaftlichen Kräfteverhältnisse in Europa und macht technologische Abhängigkeit zu einem Risiko für Wohlstand und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Steigende Kerosinpreise: Europäische Fluggesellschaften reduzieren Verbindungen
26.04.2026

Steigende Kerosinpreise setzen den europäischen Luftverkehr zunehmend unter Druck und zwingen Airlines zu Anpassungen bei Angebot und...

DWN
Politik
Politik Größte Fregatte der Welt: Warum die F126 die Deutsche Marine in der Milliardenfalle hält
26.04.2026

Die Bundeswehr wartet auf ihre neuen U-Boot-Jäger. Und wartet, und wartet. Sechs Fregatten der Klasse F126, einst als größte ihrer Art...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Azubi gesucht, kein Student: Welche Benefits für Auszubildende attraktiv sind
26.04.2026

Der berufliche Ausbildungsmarkt steht unter erheblichem Druck, die Hochschulen nicht: Seit 2002 schrumpfte die Zahl der Azubis um 24,5...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Europas Strategie zunehmend zerfällt
26.04.2026

Die Energiepreise steigen weiter und Europas Regierungen reagieren mit Milliardenhilfen, Steuererleichterungen und Notmaßnahmen. Doch...

DWN
Panorama
Panorama Leben nach Tschernobyl: Schicksal eines Liquidators zwischen Atomkatastrophe und Krieg in Kiew
26.04.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kämpft ein ehemaliger Liquidator noch immer mit den Folgen. Inmitten...

DWN
Finanzen
Finanzen Kevin Warsh vor Fed-Spitze: Politischer Druck auf die US-Notenbank wächst
26.04.2026

Die Entscheidung über die künftige Führung der US-Notenbank rückt näher und bringt politische Spannungen rund um den Fed-Vorsitz...