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Peugeot will Elektroautos behutsam in den Markt bringen

Lesezeit: 6 min
31.10.2016 01:56
Die PSA Peugeot Citroën Gruppe will Profitabilität mit Innovation verbinden. Vorstandsvorsitzender Carlos Tavares setzt auf den behutsamen Wandel – und plant vorerst keine neue Expansion in den USA.
Peugeot will Elektroautos behutsam in den Markt bringen
Carlos Tavares, Vorstandsvorsitzender der PSA Peugeot Citroën Gruppe. (Foto: Miloš Milač)

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Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Nach zwei Jahren unter Ihrer Führung: In welcher Verfassung ist PSA heute?

Carlos Tavares: Nach der vollständigen Implementierung unseres „Zurück-ins-Rennen-Plans“ kann ich nun sagen, dass die Restrukturierung von PSA erfolgreich abgeschlossen ist. Im Februar 2016 haben wir bekannt gegeben, dass wir unsere wirtschaftlichen Ziele erreicht haben – und damit unserem Plan sogar voraus sind. Deshalb haben wir im April angekündigt, dass wir uns nun mithilfe unseres „Push-to-Pass-Plans“ einem profitablen Wachstum widmen. Man kann also guten Gewissens sagen, dass PSA in guter Form ist, stabil, profitabel und schuldenfrei. Ich würde an dieser Stelle auch gerne darauf hinweisen, dass wir im ersten Halbjahr 2016 die viertprofitabelste Autofirma der Welt waren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie schätzen Sie die zukünftige Performance von PSA und dem Europäischen Markt ein?

Carlos Tavares: Durch unsere Möglichkeiten, Marktentwicklungen vorherzusehen, bleiben wir sehr wachsam. Die europäischen Märkte waren bisher hervorragend, doch wir müssen uns auch darüber im Klaren sein, dass Wachstumserwartungen für die Zukunft nicht allzu gut sind. Die Märkte sind noch immer stark, also werden wir uns anpassen. Durch die Umwandlung der Firma haben wir uns viel mehr Manövrierfreiheit gegeben, weil wir die Gewinnschwelle auf eine Million verkaufter Autos im Jahr gesenkt haben und somit für zukünftige Herausforderungen bestens gewappnet sind.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wann und mit welchen Produkten wird es zurück auf den US-Markt gehen und was haben Sie von anderen Herstellern über diesen Markt gelernt?

Carlos Tavares: Wir haben gelernt, dass man nicht in den Markt hineinkommt, wenn man die Erwartungen der Verbraucher nicht bis ins kleinste Detail kennt. Wir wollen uns die Zeit nehmen – trotz der Kritik. Unser Ziel ist es nämlich nicht, anzukündigen, dass wir auf den US-Markt zurückkehren, sondern dorthin zurückzukehren und auch dort zu bleiben. Ja, einige würden sagen, dass das ein sehr vorsichtiges Vorgehen ist. Deshalb positionieren wir uns noch als Mobility Service Provider mit der Bollore Group als Partner. Nach und nach werden wir unsere eigenen Fahrzeuge für diesen Service nutzen. Irgendwann werden wir dann anfangen unsere eigenen Autos auf den Markt zu bringen – mit einem Vertriebsmodell, dass an die Gegebenheiten zu diesem Zeitpunkt angepasst wird.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Was war Ihre Reaktion zum Brexit?

Carlos Tavares: Die Situation ist relativ einfach. Zu Beginn haben wir lediglich die Preise entsprechend der Konkurrenz angepasst. Darüber hinaus machen unsere Teams alles, was möglich ist, um das Geschäft zu unterstützen. Und es ergeht ihnen mit Blick auf die Konkurrenz vergleichsweise gut.

Wenn man das Gesamtbild betrachtet, glauben wir, dass der effizienteste Weg beim Thema Autonomes Fahren voranzukommen, ist, die Komplexität und Raffinesse der Technologie anzuerkennen, die den Verbrauchern angeboten wird. Ich denke, dass jeder weiß, dass es eine Sache gibt, bei der ein Verbraucher keine Kompromisse macht – und zwar Sicherheit. Deshalb müssen wir diesen Weg Schritt für Schritt gehen. Es handelt sich um ein äußerst komplexes Thema und das muss uns klar sein. Wir glauben nicht, dass man mit Autonomem Fahren von Null auf Hundert starten kann.

Wir werden mit dem neuen 308 mit automatischer Cruise Control beginnen, was für uns die erste Phase vom Autonomen Fahren darstellt. Bislang haben wir dafür 40.000 Meilen an Teststrecke auf offener Straße bewältigt. Wir sind die ersten, die zu einer Einigung mit der französischen Regierung bezüglich Tests auf offener Straße gekommen sind. Mithilfe dieser Tests werden wir sicherstellen, dass die Technologie in allen Situationen funktioniert. Für uns ist es nicht wichtig, die ersten auf dem Markt zu sein. Unser Fokus liegt auf dem Vertrauen und der Sicherheit unserer Kunden.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: In Paris stehen Sie bislang noch im Schatten von neuen und weiterentwickelten Elektrofahrzeugen. Wird sich das ändern?

Carlos Tavares: Wir haben bereits fünf Elektroautos auf dem Markt: Citroën e-Mehari, Berlingo, C-Zero und den Peugeot Partner und Ion. Seit dem Jahresanfang hat sich die Zahl unserer Elektrowagen verdoppelt. Außerdem haben wir bereits angekündigt, dass wir in 2019 vier weitere Elektromodelle und sieben Plug-In-Hybride mit unserer proprietären Technologie herausbringen werden. Wir denken, dass wir uns zu einem Zeitpunkt auf den Markt begeben werden, an dem die Infrastruktur der Ladestellen schon so gut ausgebaut ist, dass unsere Kunden sich nicht die gleichen Sorgen um Reichweiten machen müssen, wie es bislang noch der Fall ist.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Eins Ihrer Ziele im Strategieplan sieht ganz besonders interessant aus. Wie genau wollen Sie die Preissenkung um 700€ pro Auto in Europa bis 2018 bewältigen?

Carlos Tavares: Hier werde ich lediglich ein paar Hinweise geben, aber nichts direkt verraten, denn wir wollen der Konkurrenz ja kein leichtes Spiel machen. Wir versuchen kooperativer mit unseren Partnern umzugehen und sicherzustellen, dass wir ihren Vorschlägen genug Aufmerksamkeit widmen, um das Beste nicht zu verpassen. Wir weisen auch neue Ideen nicht einfach ab. Rundum versuchen wir offen zu bleiben und wir können jetzt schon die ersten Erfolge dieser Herangehensweise verbuchen.

Wir haben auch enormes Potenzial, was Logistik und vor allem interne Logistik in unseren Fabriken angeht. Viele von denen sind unnötig groß, was bedeutet, dass die Wege unnötig lang und die Logistik an sich ineffektiv wird. Das treibt nicht die Produktivität voran, sondern lediglich die Kosten.

Der dritte Punkt ist, dass wir die Produktivität ankurbeln. Dort gibt es unzählige gute Ideen. So können wir sicherstellen, dass wir die richtige Qualität haben, und so die Fehlerquote und in der Folge Zusatzkosten senken.

Letztendlich denken wir darüber nach, die richtigen Inhalte in die Autos zu bringen – eine Sache, derer sich alle Hersteller annehmen. Unsere Ingenieure lieben es, die Autos mit unzähligen Features auszustatten – auch denen, die der Kunde eigentlich nicht zu schätzen weiß. Hier haben wir noch viel Spielraum, was Verbesserungen angeht. Dass der Preis sinkt, bedeutet ja nicht automatisch, dass auch das Abschreibungslevel und somit die Produktionskosten sinken.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Mit der wachsenden Automatisierung wird es sicherlich auch zum Stellenabbau kommen?

Carlos Tavares: Diese Frage erstreckt sich weit über die Grenzen der PSA Gruppe. Meine Verantwortung ist es, der Firma eine gute Zukunft zu bereiten und das führt immer auf unsere Konkurrenzfähigkeit zurück. Wir haben erst kürzlich gesehen, dass wenn wir die Realität leugnen, kann das die Firma zum Einsturz bringen. Wir haben aus unserer Nahtod-Erfahrung gelernt, dass die Augen vor den Fakten zu verschließen, der sichere Weg ist, die Firma zu ruinieren. Das werden wir also in Zukunft vermeiden. Deshalb sind unsere Beziehungen mit den Unionen transparent und direkt. Glücklicherweise umschließt das letzte geschlossene Abkommen 80 Prozent unserer Leute, also bekommen wir von den Unionen starke Unterstützung. Der beste Weg, Arbeitsplätze zu sichern, ist, konkurrenzfähig zu sein. Natürlich ist die Automatisierung ein Trend. Sie verspricht bessere Qualität und weniger Kosten. Doch dieses Problem betrifft nicht nur PSA, sondern auch die gesamte Gesellschaft. Man kann hier auch den Blick in andere Bereiche wie Künstliche Intelligenz etc. werfen. Heute aber wäre es arrogant hier eine direkte Antwort zu geben. Denn die hängt von vielem ab. Was ich heute tun kann, ist eine komplexe Entscheidung zu treffen, die die Firma morgen schützt.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Im Hinblick auf E-Mobilität: Was macht Sie zuversichtlich, dass es sich lohnt, in Start-ups zu investieren?

Carlos Tavares: Einfach viel Geld zu investieren, macht keinen guten Deal aus. Doch wenn wir viel Talent sehen und Kreativität, dann versuchen wir ihnen ein Win-Win-Vorschlag zu unterbreiten, bei dem sie weiterhin mit dieser Kreativität arbeiten können. Die Start-ups können im Gegenzug auch mit dem arbeiten, was sie Interessantes bei uns entdecken. Logistik, internationale Reichweite, Recht, Technologie – alles, was sie finden können, um schnelleres und größeres Wachstum zu erreichen. Viele Start-ups sind sehr glücklich mit uns zu arbeiten, wie in etwa Cool Car, Travel Car und viele andere. Sie sehen, dass wir Dinosaurier sind, da bin ich sicher. Doch eine unserer größten Stärken ist es, uns einzugestehen, dass wir Dinosaurier sind und dass wir die Willenskraft haben, nicht die ersten zu sein, die von der Bildfläche verschwinden. Das erzeugt gesunde Beziehungen, bei denen wir nicht in die Art und Weise eingreifen, wie die Start-ups arbeiten.

Es gibt aber noch einen zweiten Teil dieser Wahrheit. Je länger man wartet, bevor man investiert, desto mehr muss man letztendlich auf den Tisch legen. Und die Summen, die investiert werden, sind verglichen mit der Finanzkraft der Autohersteller klein. So kauft man sich ein paar Jahre Zeit, um zu manövrieren und mehr zu investieren.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Bezüglich des Dieselgate: Muss sich PSA hier rechtlich Sorgen machen?

Carlos Tavares: Alles, was bisher veröffentlicht wurde, einschließlich der Kommentare von Experten, hat gezeigt, dass wir die führende Dieseltechnologie haben. Die Messungen zeigen nicht nur, dass wir alle Bedingungen erfüllen, sondern auch die besten Verbrauchs- und Emissionswerte unter Verkehrsbedingungen haben. Bislang hat sich die französische Regierung nicht bei uns gemeldet.

***

Carlos Tavares, Vorstandsvorsitzender der PSA Peugeot Citroën Gruppe, kam 2014 von Renault zur PSA Gruppe. In nur zwei Jahren hat er den verlustmachenden Autohersteller in eine der profitabelsten Firmen der Branche umgewandelt.

Über den Autor:

Miloš Milač ist Redakteur für das Thema Automobil beim führenden slowenischen Wirtschaftsnachrichtenportal Finance.si. In zahlreichen Interviews, Analysen, Reportagen und Praxistests widmet er sich dem Thema Auto in allen Facetten. Seit 2006 ist er außerdem Präsident des ”Business Car of the Year Award”, welcher unter anderem die besten Innovationen der Branche auszeichnet.

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