Politik

Anschläge: „Es gibt immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit“

Lesezeit: 7 min
29.12.2016 02:22
Der Dokumentarfilmer Moritz Enders mahnt zu kritischer Distanz in der Beurteilung von Attentaten und Anschlägen. Es gäbe immer Interessen, die nicht im Zuge der ersten Ermittlungen ans Licht kommen.
Anschläge: „Es gibt immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit“

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Ist Anis Amri tatsächlich für den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt verantwortlich? Moritz Enders, Autor einer TV-Dokumentation über das Papstattentat von 1981, hält Zweifel für berechtigt. Es gebe immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit und dahinter wieder eine andere Wahrheit. Und diejenige Wahrheit, die der Öffentlichkeit präsentiert wird, müsse nicht die tatsächliche Wahrheit sein.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Im vergangenen Jahr lief im ZDF Ihre Dokumentation "Schüsse auf dem Petersplatz", die sich mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981 auseinandersetzt. Darin ging es unter anderem um das Zusammenwirken westlicher Geheimdienste mit terroristischen Gruppierungen. Sehen Sie hier Parallelen zu unserer heutigen Zeit?

Moritz Enders: Der Ermittlungsrichter Rosario Priore, der das Papstattentat dreizehn Jahre lang untersucht hat und der ein sehr lesenswertes Buch über den internationalen Terrorismus geschrieben hat, hat mir gesagt, dass fast jeder größere terroristische Akt Staatsterrorismus sei. Wenn wir uns in die Zeit der siebziger und frühen achtziger Jahre zurückversetzen, also die Zeit, mit der mein Kollege Werner Köhne und ich uns für den Film beschäftigt haben, muss ich sagen, dass an der Aussage von Priore etwas dran ist. Besonders in der Türkei und in Italien, zwei Ländern, die für die USA strategisch immens wichtig waren, wurde die sogenannte "Strategie der Spannung" verfolgt. Darunter ist zu verstehen, dass Attentate und politisch motivierte Morde zumindest unter Mithilfe der Geheimdienste ausgeübt worden sind. In der Türkei führte die instabile Lage im Jahr 1980 zum Militärputsch, in Italien wurde eine Beteiligung der kommunistischen Partei an der Regierung verhindert. Natürlich leben wir heute in anderen Zeiten. Trotzdem sollte es sich lohnen, ein paar ganz konkrete Fragen zu der terroristischen Bedrohung und den Anschlägen in unseren Tagen zu stellen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Welche Fragen wären das?

Moritz Enders: Nehmen wir den Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. Was hier zunächst verblüfft ist, dass der vermeintliche Attentäter schon wieder seine Ausweispapiere im Tatfahrzeug liegengelassen haben soll. Hier ist ein Muster zu erkennen, das sich seit den Anschlägen vom 11. September 2001 über die Attacken auf die Redaktion des Satiremagazins "Charlie Hebdo" und die Vorfälle von Paris und in Nizza immer wieder wiederholt. Wie wahrscheinlich ist das? Ich habe in meine Suchmaschine einmal den Begriff "Wahrscheinlichkeitsrechnung" eingegeben und gelernt, dass man bei einem "mehrstufigen Zufallsexperiment" jedes Zwischenergebnis mit dem Ausgangswert multiplizieren soll. Wenn Sie mit einem ungezinkten Würfel würfeln, ist die Chance, dass Sie eine Sechs würfeln, eins zu sechs. Die Chance, dass Sie zwei Mal hintereinander eine Sechs würfeln ist aber nicht eins zu zwölf, sondern 1 zu 36. Wenn Sie fünf Mal hintereinander würfeln wäre die Chance, dass Sie fünf Mal eine Sechs würfeln 1 : 7776. Mit anderen Worten, sie läge bei 0.0001286%. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass sämtliche Täter ums Leben gekommen sind. Zumindest bei den vermeintlichen Attentätern auf Charlie Hebdo und vor allem bei Anis Amri war das alles andere als selbstverständlich. Wie wahrscheinlich ist es, dass Amri zwei Tage nach der Tat in der Nähe von Mailand zufällig in eine Polizeikontrolle gerät? Und wie wahrscheinlich ist es, dass er dabei das Leben verliert?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Mit Statistik können Sie einen solchen Fall aber nicht aufklären.

Moritz Enders:

Kennen Sie die Legende vom Schachbrett und den Weizenkörnern? Bei Wikipedia steht, dass der Erfinder des Schachspiels bei einem Despoten einen Wunsch frei hatte. Ich zitiere: „Dieser wünschte sich Weizenkörner: Auf das erste Feld eines Schachbretts wollte er ein Korn, auf das zweite Feld das Doppelte, also zwei, auf das dritte wiederum die doppelte Menge, also vier und so weiter. Der König lachte und war gleichzeitig erbost über die vermeintliche Bescheidenheit des Brahmanen.“ Das Problem bei derartigen Wachstumskurven ist allerdings, dass sie exponentiell verlaufen. Nach 64 Feldern kommen Sie laut Wikipedia bei 18,45 Trillionen Reiskörnern an. Anders ausgedrückt: Bei etwa 730 Milliarden Tonnen. Das entspräche – laut Wikipedia – etwa der 1200-fachen weltweiten Weizenernte des Jahres 2004. Aber um bei unserem Beispiel mit dem Würfel zu bleiben: Selbst wenn Sie es für doppelt so wahrscheinlich hielten, dass die vermeintlichen Täter ihre Ausweise im Fluchtauto vergessen oder bei sich tragen als dass sie dies nicht tun – oder dass der Reisepass eines der Attentäter auf die Twin Towers neben den geschmolzenen Stahlträgern unbeschadet überdauert hat – also bei 66 Prozent im Einzelfall, läge die Wahrscheinlichkeit, dass es – in einer fünfstufigen Versuchsreihe – alle tun, nur bei 13 Prozent. Aber Sie haben natürlich Recht: Mit Statistik lässt sich rein gar nichts beweisen.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Also wozu das Ganze?

Moritz Enders: Für mich gibt es noch einige offene Fragen, die diskutiert werden sollten, bevor man voreilige Schlüsse zieht. Wie soll der Anschlag denn konkret abgelaufen sein? Wann genau ist der polnischen Lastkraftwagenfahrer gestorben, dessen Fahrzeug ja entführt worden ist? Auf dem Weg zum Weihnachtsmarkt, mit Amri kämpfend, der gleichzeitig den LKW steuerte? Wurde Amri dabei nicht verletzt? Wie konnte Amri den Tatort verlassen? Zu Fuß, mit der BVG oder gab es ein Fluchtauto, das auf ihn wartete? Die Frontscheibe des LKW scheint ja demoliert gewesen zu sein. Hat Amri das alles unverletzt überstanden? War er unversehrt, als er in der Nähe von Mailand auf die Polizisten stieß? Und vor allem: War es Amri überhaupt?

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wer aber könnte denn ein Interesse an einem derartigen Attentat haben? Der IS?

Moritz Enders: Der Fall müsste zunächst einmal kriminalistisch aufgelöst werden. Mit vorschnellen Festlegungen auf eine Variante laufen wir Gefahr, andere Möglichkeiten a priori auszuschließen. Ich habe gehört, dass sich der IS zwischenzeitlich zu dem Anschlag bekannt hat. Aber wo genau kam diese Information her? Über welche Website wurde sie verbreitet? Nach meinem Dafürhalten gibt es eine ganze Reihe von Varianten, die man sich anschauen könnte. Entweder Amri war es tatsächlich, er agierte allein und tat dies im Auftrag des IS. Oder er agierte allein, hatte mit dem IS nichts weiter zu tun und der IS hat sich nachträglich zu dem Anschlag bekannt. Oder Amri agierte allein und eine unbekannte dritte Partei hat die Tat dem IS über ein fingiertes Bekennerschreiben unterschieben wollen. Oder Amri hatte bei der Tat einen oder mehrere Komplizen, die ihm dabei geholfen haben könnten, den LKW-Fahrer in Schach zu halten. Oder Amri war es gar nicht und eine unbekannte dritte Partei hat seine Duldungsbescheinigung im LKW deponiert. Oder, oder, oder. Inzwischen ist die Tat ja politisch eingeordnet worden, aber die Täterschaft von Amri ist für mich nicht bewiesen. Als mein Kollege Werner Köhne und ich die Doku über das Papstattentat von 1981 gedreht haben, sind wir auf ein ähnliches Phänomen gestoßen. Es galt zwischenzeitlich als ausgemacht, dass der bulgarische Geheimdienst hinter dem Attentat steckte. Heute wissen wir, dass dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht so war.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Wie konnte es zu dieser Fehleinschätzung kommen?

Moritz Enders: Offensichtlich wurde der Attentäter, Ali Agca, im Gefängnis von Mitarbeitern des italienischen Geheimdienstes aufgesucht und mit Informationen versorgt, die ihm halfen, einen Bulgaren, den man sich als Sündenbock ausgesucht hatte, zu belasten.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Und Sie glauben, Anis Amri sei auch so ein Sündenbock?

Moritz Enders: Ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Vielleicht ist ja der Anschlag auf dem Breitscheidplatz tatsächlich so abgelaufen wie es uns die meisten Medien nahelegen. Vielleicht begnügen wir uns ja damit. Dann bleibt eine diffuse Angst vor Terrorismus zurück. Andere Varianten werden dann nicht mehr diskutiert. Das "Gladio"-Netzwerk, eine Untergrundbewegung der Nato, die in Attentate verwickelt war, ist ja auch erst Anfang der 90´ger Jahre aufgeflogen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sie bereist über Jahrzehnte ihr Unwesen getrieben.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Ein Terrorismus also, der ferngesteuert und instrumentalisiert wird?

Moritz Enders: Wir können ja alles so schlucken, wie es uns präsentiert wird: Durchgeknallte Einzeltäter oder Terroristen richten Massaker an, in Paris, in Nizza und jetzt in Berlin. Oder wir fragen uns, was zur Zeit schief läuft, beispielsweise in Nordafrika und im Nahen Osten. In Syrien arbeiten westliche Geheimdienste ja offensichtlich mit zahlreichen Gruppierungen zusammen, die Präsident Assad stürzen sollen. Es wäre aberwitzig, darin etwas anderes zu sehen als einen geopolitischen Konflikt, bei dem es um Rohstoffe und Pipelines geht, der aber indirekt auch gegen Russland gerichtet ist. Damit wird eine Agenda verfolgt, die schon lange ausgearbeitet worden ist, lange bevor der Krieg um Syrien entbrannt ist. Jetzt, wo die syrischen Truppen Aleppo von den Söldnern zurückerobert haben, drohen den westlichen Staaten die Felle davonzuschwimmen. Um so mehr, wenn es eine Verständigung zwischen Russland und der Türkei geben sollte. Vor diesem Hintergrund kam für mich die Ermordung des russischen Botschafters in Ankara, Karlov, nicht überraschend.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Immerhin hat der Mörder von Karlov ja ebenfalls das Leben verloren.

Moritz Enders: Das bedeutet aber nicht, dass er nicht instrumentalisiert worden ist. Viel-leicht ist diese zeitliche Nähe ja auch nur zufällig. Vielleicht hatte die Ermordung von Karlov ja nichts mit der Situation in Aleppo und der sich abzeichnenden Annäherung zwischen Russland und der Türkei zu tun. Aber die Zufälle häufen sich. Der Abschuss eines russischen Militärflugzeugs an der türkisch-syrischen Grenze vor einigen Monaten und der Angriff US-amerikanischer Kampfjets auf die syrische Armee vor einigen Wochen fallen ebenfalls in diese Kategorie. Möglicherweise ist auch der Tod des Nato- Rechnungsprüfers Yves Chandelon in diesem Zusammenhang zu sehen. Laut türkischen Medien soll Chandelon herausgefunden haben, dass – ich zitiere – "ein „europäischer Geheimdienst“ über Privatfirmen Terrororganisationen finanziert und sie entlang eigener Interessen in Europa einsetzt. Der betroffene Dienst soll zu einem Staat gehören, das sowohl Nato-Mitglied als auch EU-Mitglied sei."

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Jetzt mischen Sie aber militärische Attacken, Morde und Terrorismus...

Moritz Enders: Die Frage ist doch, ob wir Terrorismus isoliert betrachten oder ob wir ihn als ein Herrschaftsinstrument ansehen, dessen sich Geheimdienste und Staaten bedienen können – so wie sie auch auf andere Methoden zurückgreifen: Medien – und Propagandakampagnen, Desinformation, Sanktionen oder ähnliches. Dies alles ist Begleitmusik zu größeren geopolitischen Auseinandersetzungen. In den 70´ger und 80´ger Jahren des vorigen Jahrhunderts war dies der Kalte Krieg. Heute geht es um die Kontrolle des rohstoffreichen Mittleren Ostens. Zudem sollen ein Erstarken Russlands und ein friedliches Zusammenleben zwischen Russland und der EU verhindert werden. Es ist aber möglich, dass sich der Fokus der US-amerikanischen Politik in der nächsten Zeit verschieben wird. Möglicherweise geht es dann ja nicht mehr so sehr gegen Russland und vermehrt gegen China.

Deutsche Wirtschafts Nachrichten: Terrorismus und geheimdienstliche Aktivitäten lassen sich also nicht sauber voneinander trennen?

Moritz Enders: In den 70´ger und 80´ger Jahren gab es da eindeutige Überschneidungen. Was unsere heutige Zeit anbelangt, so ist das, so weit ich weiß, noch nicht dokumentiert. Das ist allerdings keineswegs überraschend, auch die Machenschaften von Gladio kamen seinerzeit je eher zufällig ans Licht. Um einen unserer Gesprächspartner aus der Dokumentation über das Papstattentat zu zitieren: "Es gibt immer eine Wahrheit hinter der Wahrheit und dahinter wieder eine andere Wahrheit und irgendwann kommt man vielleicht darauf, dass die erste Wahrheit die tatsächliche Wahrheit ist." Oder auch wieder nicht. Ein gesundes Misstrauen gegenüber vorschnellen Erklärungen werde ich mir also bewahren. Letzten Endes kann man sich ja immer die Frage stellen: Cui bono? Wem nützt das Ganze?

Moritz Enders arbeitet als Journalist, Autor und Regisseur für TV- Dokumentationen.

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