Finanzen

Weicher Euro: US-Investoren schnappen sich europäische Unternehmen

Lesezeit: 3 min
31.03.2017 02:13
Der niedrige Euro-Kurs hat zu einer Übernahmewelle von europäischen Unternehmen durch US-Investoren geführt.
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Das Gesamtvolumen der weltweiten Übernahmen und Firmenfusionen ist im ersten Quartal des laufenden Jahres deutlich gestiegen und liegt derzeit wieder so hoch wie im ersten Quartal des Jahres 2007, berichtet der Finanzblog Wolfstreet. Insgesamt belief sich der Wert der abgeschlossenen Transaktionen weltweit auf 726,5 Milliarden Dollar – eine Steigerung von etwa 7 Prozent gegenüber dem ersten Quartal 2016. Darin inbegriffen sind 125 Geschäfte mit einem Volumen von über einer Milliarde Dollar. Zu den besonders betroffenen Branchen zählen die Öl- und Gasindustrie, das Gesundheitswesen und der Technologiesektor.

Angetrieben wurde das Wachstum insbesondere von transnationalen Übernahmen, deren Umfang sich in den vergangenen fünf Jahren auf aktuell 288 Milliarden Dollar verdoppelt hat, wie aus Daten des Analysespezialisten Dealogic hervorgeht.

Auffallend ist, dass besonders US-amerikanische Investoren als Käufer in Erscheinung treten. Unternehmen mit Firmensitz in den USA dominieren bei den transnationalen Übernahmen mit 95,8 Milliarden Dollar an angekündigten Übernahmen – dies ist der höchste Wert in einem ersten Quartal überhaupt, berichtet Dealogic. Die meisten der Übernahmeziele hingegen finden sich in Europa. „Übernahmen und Fusionen in Europa beliefen sich im ersten Quartal auf 215,3 Milliarden Dollar – eine Steigerung von 16 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres. Es handelt sich um den stärksten Start in ein Jahr seit 2008“, schreibt die Financial Times. „Der starke Anstieg der Transaktionen, bei denen europäische Unternehmen das Übernahmeziel sind, geht auf einen Allzeit-Höchststand der Auslands-Käufe durch US-Firmen zurück, welche im ersten Quartal 114 Milliarden Dollar in Übersee ausgegeben haben“, berichtet die FT.

Offenbar nutzen amerikanische Investoren die relative Schwäche des Euro und des britischen Pfund zum Dollar aus, um günstige Zukäufe zu tätigen. Noch bis in den September 2016 mussten durchschnittlich 1,12 Dollar aufgewendet werden, um einen Euro zu kaufen. Bis zum Dezember stieg der Dollar auf bis zu 1,04 Dollar für den Euro. Derzeit liegt er bei etwa 1,07 Dollar. Im langjährigen Vergleich wird die gegenwärtige Stärke des Dollar noch offensichtlicher: So mussten im Jahr 2014 zeitweise fast 1,40 Dollar für den Euro geboten werden. Auch gegenüber dem Pfund konnte der Dollar zulegen. Vor einem Jahr mussten noch etwa 1,45 Dollar je Pfund Sterling geboten werden, derzeit bewegt sich der Wechselkurs um etwa 1,25 Dollar.

Die gestiegenen Übernahmen durch US-Firmen sind nach Ansicht von Wolfstreet zudem eine Reaktion darauf, dass das Wachstum der Gewinne stagniert. Die kombinierten Gewinne der Firmen im Aktienindex S&P 500 waren im vierten Quartal demnach genauso hoch wie im vierten Quartal des Jahres 2011. Immer mehr Unternehmen versuchten nun durch Zukäufe zu wachsen.

Neben den US-Konzernen profitieren in erster Linie auch Banken aus den USA von der Übernahmewelle. Dealogic hat errechnet, dass Morgan Stanley und Bank of America Merrill Lynch die Gruppe der Beraterbanken mit begleiteten Gesamttransaktionen von 142,7 Milliarden Dollar beziehungsweise 130,3 Milliarden Dollar anführen.

Zu den größten Übernahmen amerikanischer Unternehmen auf dem europäischen Kontinent im ersten Quartal zählte der 30 Milliarden Dollar teure Kauf des Schweizer Biotechnik-Unternehmens Actelion durch Johnson & Johnson. Zudem bietet der US-Farbenhersteller PPG rund 22,7 Milliarden Euro für den niederländischen Konzern Akzo Nobel. Akzo hatte die PPG-Offerte als zu niedrig und zu riskant zurückgewiesen. Sie reiche nicht aus, um überhaupt Gespräche zu beginnen. Neben wettbewerbsrechtlichen Bedenken führte Akzo-Chef Ton Büchner einen drohenden massiven Stellenabbau durch die Übernahme ins Feld. Der Konzern ist nach eigenen Angaben weltweit führender Hersteller von Farben und Lacken.

Mit dem gescheiterten Versuch des US-Lebensmittelherstellers Kraft-Heinz, den niederländisch-britischen Unilever-Konzern für 143 Milliarden Dollar zu übernehmen, wurde kürzlich noch ein weiterer Käufer aus den USA in Europa abgewehrt. Der Versuch von Kraft-Heinz stieß in den Niederlanden Überlegungen an, wie Unternehmen des Landes künftig besser vor unliebsamen Übernahmen geschützt werden könnten. Finanzminister Jeroen Dijsselbloem regte an, die Regierung sollte ein Gremium schaffen, das in der Lage sei, Übernahmen zu unterbinden, die die nationalen Interessen verletzten. Viele der größten Unternehmen des Landes hätten nicht die Mittel, solche Kaufversuche abzuwehren, sagte er. Dijsselbloem sieht zudem die Gefahr, dass sich solche Übernahmen negativ auf das Bruttoinlandsprodukt auswirken.

Widerstand hat sich auch gegen die geplante Fusion des deutschen Industriegas-Konzerns Linde mit dem amerikanischen Konkurrenten Praxair gebildet. „Unsere Position im Aufsichtsrat ist Nein, wir werden der Fusion nicht zustimmen“, sagte Konzernbetriebsratschef Gernot Hahl am Donnerstag in einem Gespräch mit Reuters. „Es wird keine große Veränderung mehr geben, da die Fakten sich nicht mehr groß verändern.“ Die Betriebsräte fürchten tiefe Einschnitte durch die Fusion. „Es geht um den Abbau von tausenden Arbeitsplätzen. Außerdem sehen wir die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit nicht. Es gibt zusammen mit Praxair keine andere Wachstumsprognose. Im Gegenteil: Linde ist vor allem auf Märkten aktiv, die noch wachsen, während Praxair vorwiegend in Nordamerika sitzt.“ Die Fusion würde die Amerikaner bevorteilen, sagte Hahl. „Die Synergien würden hauptsächlich von Linde bezahlt und Arbeitsplätze und die Mitbestimmung würden verloren gehen.“ Die Kapitalvertreter im Aufsichtsrat hätten vorwiegend die Profiteure am Kapitalmarkt im Blick. „Die Kapitalseite sieht zur Zeit nur den Gewinn für die Aktionäre und die Nachteile für die Mitarbeiter, Kunden und die Gesellschaft werden ausgeblendet.“

Die Chancen für Zukäufe stehen für die Amerikaner auch deswegen derzeit gut, weil sich die Konkurrenz aus China bei Übernahmen im Ausland zurückhalten muss. Die Regierung in Peking hat Vorschriften erlassen, welche internationale Investitionen einer stärkeren Kontrolle unterwerfen, um die Kapitalflucht aus dem Land einzudämmen. „Geld spielt für die chinesischen Konzerne keine Rolle. Viel riskanter ist es derzeit für sie, grünes Licht von den staatlichen Aufsichtsbehörden zu bekommen und dieses auch während des Übernahmeprozesses zu behalten“, zitiert die FT einen Marktbeobachter.


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