Finanzen

Britische und amerikanische Investoren wetten auf Erdogans Türkei

Lesezeit: 3 min
08.05.2017 00:23
Angelsächsische Investoren setzten auf türkische Staatsanleihen. (Dieser Artikel ist nur für Abonnenten zugänglich)
Britische und amerikanische Investoren wetten auf Erdogans Türkei

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Die Türkei profitiert damit wie erwartet vom Sicherheitsbedürfnis der Investoren. Diese sind der Auffassung, dass die Türkei von Erdogan ein berechenbarer Faktor im Nahen Osten wird. Wegen der immer noch niedrigen Zinsen ist seit einiger Zeit ein Run auf Dollar-Anleihen in überschuldete Schwellenländer zu beobachten.

Am 5. Mai 2017 lag die Rendite der zweijährigen türkischen Staatsanleihen unverändert bei 11,07 Prozent. Die Rendite der fünfjährigen Staatsanleihen erhöhte sich um 0,3 Prozent auf 10,51 Prozent. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen erhöhte sich um 0,4 Prozent auf 10,27 Prozent. Die niedrigste Rendite bei den zehnjährigen Staatsanleihen lag in den vergangenen sieben Jahren bei 6,02 und die höchste bei 11,62 Prozent, so Trading Economics.

Am 4. Mai 2017 hatte das türkische Finanzministerium Staatsanleihen im Wert von 1,75 Milliarden Dollar und einer Laufzeit von 40 Jahren begeben. Mit der Abwickelung des Geschäfts wurden Goldman Sachs, die Deutsche Bank und die Citigroup beauftragt. Die Staatsanleihen wurden am selben Tag gezeichnet. Am Kauf der Staatsanleihen sollen 170 Investoren interessiert gewesen sein. Das Interesse soll ungewöhnlich hoch gewesen sein, berichtet die Zeitung Hürriyet. 37 Prozent der begebenen Anleihen wurden von US-Investoren, 27 Prozent von britischen Investoren, 16 Prozent von türkischen Investoren, 14 Prozent von europäischen Investoren und sechs Prozent von Investoren aus anderen Regionen erworben. "Mit dieser Staatsanleihe wurde im Jahr 2017 auf dem internationalen Kapitalmarkt eine Finanzierung in Höhe von 6,25 Milliarden Dollar getätigt", zitiert das Börsenblatt Borsa Gündem das türkische Finanzministerium aus einer Mitteilung.

Kurz nach dem Referendum hatte UBS Wealth Management damit begonnen, in türkische Staats- und Unternehmensanleihen auf Dollar-Basis zu investieren, berichtet die Zeitung Milliyet. Von Staatsanleihen auf Lira-Basis hält sich UBS fern, so Bloomberg.

Die Zeitung Vatan hatte kurz vor dem Referendum am 16. April in einer Analyse ausgeführt: "Wenn die Ja-Stimmen bei etwa 51 Prozent liegen würden, wäre eine positive Atmosphäre auf dem Kapitalmarkt nach spätestens zwei Tagen vorüber. Eine Umgestaltung des Regierungskabinetts wäre sehr wahrscheinlich, wobei vorgezogene Parlamentswahlen unwahrscheinlich wären. Aufgrund der Ungewissheit bezüglich des neuen Kabinetts würde sich ein volatiles Umfeld ergeben."

Bereits von Anfang März bis Anfang April 2017 hatten internationale Investoren türkische Staatsanleihen im Wert von 913 Millionen Dollar erworben, so Bloomberg.

Den internationalen Konzernen ist dagegen die Nähe zum türkischen Präsidenten Erdogan nicht ganz geheuer:  Mehrere multinationale Konzerne überdenken ihre Beteiligung an einer offiziellen Kampagne des türkischen Wirtschaftsministeriums, die die Türkei als Investitions- und Wirtschaftsstandort küren soll. Dazu gehören unter anderem die schweizerischen Unternehmen Nestlé und Novartis. „Unsere Teilnahme an der Kampagne ist derzeit in der Warteschleife und wir werden die nächsten Schritte in naher Zukunft in Erwägung ziehen“, sagte ein Sprecher von Nestlé den Financial Times.

Novartis-CEO Joe Jimenez sagte dem Blatt, dass Novartis sich zwar nach wie vor an der Kampagne beteiligt, allerdings werde der Konzern die Ereignisse in der Türkei genau beobachten. An der Werbekampagne für den Wirtschaftsstandort Türkei sind 17 internationale Konzerne beteiligt. Nestlé ist seit mehr als einem Jahrhundert in der Türkei aktiv und beschäftigt dort 3.800 Menschen. Novartis ist hingegen seit 60 Jahren in der Türkei vertreten und beschäftigt 2.300 Menschen. Die Kampagne umfasst Plakate und Videos die eine halbe Minute lang sind. In den Videos berichten Mitarbeiter der Konzerne über ihre Erfahrungen in der Türkei und laden weitere Konzerne zu Investitionen ein. „Komm in die Türkei und entdecke deine eigene Geschichte“, lautet das Motto.

Ein Samsung-Vertreter spricht darüber, wie sicher er sich in der Türkei fühlt. Ein weiterer Nestlé-Vertreter spricht über das Gefühl, sich in der Türkei zu Hause zu fühlen. Nach Angaben des türkischen Wirtschaftsministeriums hätten die meisten Konzerne ihre Teilnahme bereits bestätigt. Allerdings bereitet die Verschlechterung des Verhältnisses zwischen der Türkei und der EU den Konzernführungen Sorgen. Die Parlamentarische Versammlung des Europarates hatte am 25. April 2017 dafür gestimmt, die Überwachung der Menschenrechtssituation in der Türkei wieder aufzunehmen, nachdem sie ihre Überprüfung im Jahr 2004 ausgesetzt hatte. Der Automobilkonzern Ford teilte den Financial Times in einer Mitteilung mit, dass seine Beteiligung an der Kampagne darauf abziele, die wirtschaftliche Entwicklung der Türkei und die mittlerweile über 90 Jahre alte Präsenz von Ford in der Türkei zu fördern. „Es war nicht unsere Absicht, diese Anzeige als etwas anderes zu interpretieren“, so Ford. Ein Sprecher von Vodafone sagte dem Blatt: „Unser Kommentar in der Werbekampagne konzentriert sich auf die türkische Wirtschaft und auf unser langfristiges Engagement für unsere Kunden, Mitarbeiter und Geschäftspartner. Wir äußern keinen Blick auf politische Fragen.“

Der US-Konzern General Electric, der 2.000 türkische Beschäftige hat, unterstützt die Kampagne bedingungslos. Dasselbe gilt für den japanischen Konzern Toyota, der sein Geschäft in der Türkei fortsetzen werde, um ein nachhaltiges Wachstum zu erzielen.

Für die deutsche Exportindustrie ist die Türkei offenbar auch ein wichtiger Markt. Deshalb stellt sich Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), gegen Forderungen, wonach Sanktionen gegen die Türkei verhängt werden sollen. „Wer jetzt über Sanktionen redet, der läuft Gefahr, die Türen gegenüber der Türkei ganz zuzuschlagen“, so Treier. Die politische Lage in der Türkei sei zwar angespannt, doch das habe bisher zu keinen höheren Hürden für Geschäfte zwischen deutschen und türkischen Partnern geführt. Für die deutsche Wirtschaft ist die Türkei nicht nur einer der 20 wichtigsten Handelspartner in der Welt mit einem bilateralen Handelsvolumen von knapp 37 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Auch als Investor ist Deutschland in dem Land stark vertreten.

Zu den vehementesten Unterstützern von Sanktionen gegen die Türkei gehören die Linken und Grünen. Insbesondere der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, die Co-Chefin der Linkspartei, Katja Kipping, und die Linkspolitikerin Sevim Dagdelen setzen sich für Sanktionen gegen die Türkei ein.

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