Deutschland

Birkenstock beendet Geschäftsbeziehung mit Amazon

Lesezeit: 3 min
06.01.2018 22:00
Der deutsche Schuh-Hersteller Birkenstock hat alle Geschäftsverbindungen mit Amazon gekappt. Er wirft dem Onlinehändler Untätigkeit gegenüber Produktfälschungen vor.
Birkenstock beendet Geschäftsbeziehung mit Amazon

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

+++Werbung+++

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..

Ab 1. Januar 2018 stellt Birkenstock die direkte Belieferung der in Luxemburg ansässigen Europa-Tochter des US-Online-Händlers Amazon vollständig ein. Die Entscheidung gilt für das gesamte Produktsortiment. Damit wird Amazon nicht mehr direkt von Birkenstock beliefert. Birkenstock gibt sich selbstsicher, denn sein Hauptgeschäft mit weltbekannten Öko-Sandalen macht das Unternehmen aus Neuwied nicht Online, sondern über den stationären Verkauf in Läden und Kaufhäusern.

Hintergrund der Entscheidung sind Rechtsverstöße und Produktpiraterie, die Amazon nach Ansicht von Birkenstock „nicht aus eigenem Antrieb verhindert hat“ und die Amazon damit zum „Mittäter“ machen, so lauten die Vorwürfe der Geschäftsführung in Presse-Statements. Mehr als sieben Jahre hatte das Unternehmen mit Amazon zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Der On­line­händ­ler sei „ein Markt­teil­neh­mer wie jeder andere auch“, erklärt der Vorstandsvorsitzende Bir­ken­stock Oliver Rei­chert in einem Interview.

In­zwi­schen aber passe das ak­tu­el­le Ge­schäfts­ge­ba­ren von Amazon nicht mehr zur Bir­ken­stock-Tra­di­ti­on als Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men. Man habe feststellen müssen, so Rei­chert, „dass Ama­zon-Kun­den rei­hen­wei­se ge­fälsch­te Bir­ken­stock bei unserem Kun­den­dienst ein­reich­ten.“ Man habe dar­auf­hin dem Online-Dienst „eine klare Ansage gemacht“ und den Vertrag für den US-ame­ri­ka­ni­schen Markt zu Ende 2016 ge­kün­digt. Begründung: Hinweise auf Produktfälschungen und damit Markenrechtsverstöße würden von Amazon nicht so behandelt, wie der Schuhhersteller es sich vorstellte.

Man sei immer ge­sprächs­be­reit gewesen, sagt Rei­chert. „Mit wem kann ich denn bei Amazon über­haupt über solche Themen spre­chen, die ja die Fir­men­kul­tur be­tref­fen? Wer auf seinem Markt­platz heiße Ware ver­kauft, der muss dafür ge­ra­de­ste­hen“, so Reichert. Birkenstock legt in seinen Vorwürfen die Vermutung nahe, dass Amazon bewusst Fäl­schun­gen zulässt: „Die Wahr­heit ist, dass Amazon an den Fäl­schun­gen mit­ver­dient. (...) Für uns ist Amazon ein Mit­tä­ter.“, so Reichert.

In einer Presserklärung kritisiert Birkenstock Amazon Deutschland scharf: Eine verbindliche Erklärung, dafür zu sorgen, dass keine Nachahmungen von Birkenstock Produkten mehr auf dem Marktplatz angeboten werden, stehe demnach bis heute aus. Stattdessen kam es in den letzten Monaten zu weiteren, anders gearteten Rechtsverstößen, die von Amazon nicht proaktiv verhindert wurden.

Die Amazon Presseabteilung Deutschland antwortete auf Anfrage von Deutschen Wirtschafts Nachrichten: „Der Verkauf von gefälschten Produkten auf Amazon ist untersagt. Wir entfernen Produkte, die gegen unsere Teilnahmebedingung verstoßen, sobald wir Kenntnis davon erlangen und ergreifen entsprechende Maßnahmen gegenüber dem Verkäufer. Bei Bedenken bezüglich der Echtheit von Produkten bitten wir Rechteinhaber, uns über das eigens dafür auf unserer Website bereitgestellte Mitteilungsformular zu informieren.“

Der Vorwurf bleibt indes – auch von anderen betroffenen Onlinehändlern, Amazon dulde den Verkauf von Fälschungen und tritt erneut eine Diskussion im Onlinehandel los. Bereits im November hatten über hundert Markenunternehmen einen Brief an EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker unterzeichnet (unter anderem Adidas, BASF Bayer, Puma, Lego, Philipps, HP, Apple, Dr. Oetker, Triumph, Miele, Weleda) und forderten auf, etwas gegen die gefälschten Warenangebote zu unternehmen.

Der durch Produktfälschungen verursachte Schaden ist immens und steigt weiter an: 2015 betrug er laut OECD weltweit 432 Milliarden Dollar – für das Jahr 2022 wird mit einer Steigerung auf 931 Milliarden Dollar gerechnet. Der aktuell geschätzte Wert der weltweit gehandelten Produktfälschungen liegt zwischen 600 Milliarden Euro (laut Vereinten Nationen) und knapp einer Billion Euro (laut anderer internationaler Statistiken). Weil Europa ein sehr markenintensives Warengeschäft hat, sind europäische Firmen besonders betroffen: die OECD geht davon aus, dass Produktfälschungen und –piraterie bis zu fünf Prozent der Warenimporte in die Europäische Union ausmachen: das wären etwa 85 Milliarden Euro.  Vor allem in der unkoordinierten und unterschiedlichen Umsetzung von Vorschriften, aber auch Mängel in den Zollkontrollen spielten Fälschern in die Hände, so EU-Handelsexperten, die schon seit langem ein einheitliches Zollwesen fordern.

Produktpiraterie und Markenfälschungen gab es schon lange bevor es das Internet und den Online-Handel gab. Somit sind Onlinehandels-Plattformen wie Amazon, Alibaba oder ebay nicht die Verursacher oder gar die Schuldigen, aber es ist offensichtlich, dass der Umsatz mit Produktfälschungen auch hier immens zugenommen hat – und dass auch diese Unternehmen davon profitieren. Die Anbieter dieser illegalen Ware können quasi bequem, global und fast unbehelligt dort handeln. Da die Internethändler diese Plattform zur Verfügung stellen, tragen sie auch die Verantwortung darüber, was angeboten wird. So lautet die einhellige Meinung der Betroffenen. Und obwohl nicht alles kontrolliert werden kann, bestünde technisch durchaus Möglichkeiten, das Gröbste auszusortieren. So hat sich Amazon mit anderen bereits 2011 in einem sogenannten Memorandum freiwillig zu einer besseren Kontrolle verpflichtet.

Inhalt wird nicht angezeigt, da Sie keine externen Cookies akzeptiert haben. Ändern..


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Biden sieht Russland als Feind - und wird Waffen an die Ukraine liefern

DWN-Kolumnist Ronald Barazon analysiert die zukünftige Außenpolitik der USA unter ihrem neuen Präsidenten Joe Biden.

DWN
Deutschland
Deutschland Amtsgericht Weimar: „Corona-Kontaktverbot verfassungswidrig, Lockdown katastrophale politische Fehlentscheidung“

Das Amtsgericht Weimar hat in einem bahnbrechenden Urteil entschieden, dass die Corona-Kontaktverbote in Thüringen verfassungswidrig sind....

DWN
Politik
Politik US-Firma mit engen Kontakten zu russischen Staatsunternehmen verbietet Mitarbeitern Teilnahme an Protesten

Das Unternehmen hat Angst, seinen Ruf als "politisch neutrale" Organisation zu verlieren.

DWN
Politik
Politik China sichert sich umstrittene Gewässer - mit Schießerlaubnis für Küstenwache

Ein neues Gesetz erlaubt es der chinesischen Küstenwache, auf ausländische Schiffe zu schießen.

DWN
Finanzen
Finanzen „Jeder vierte Selbstständige von Berufsunfähigkeit betroffen“

Selbstständige müssen noch mehr als Angestellte eine Berufsunfähigkeit fürchten, da sie in der Regel wenig Anspruch auf staatliche...

DWN
Politik
Politik Schwere Unruhen in Russland gegen die Regierung ausgebrochen – Lage ist ernst

In Russland sind in zahlreichen Städten schwere Unruhen gegen den Kreml ausgebrochen. Die Demonstranten fordern die Freilassung des...

DWN
Politik
Politik DHB-Vize platzt der Kragen: „Für Karl Lauterbach geht es scheinbar darum, seinen Marktwert in Talkshows zu steigern“

DHB-Vizepräsident Bob Hanning hat für die Kritik von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach an der Handball-WM in Ägypten kein...

DWN
Deutschland
Deutschland Vermummte greifen Rathaus in Berlin an - linksradikale Internet-Plattform berichtet live

Vermummte sind ins Rathaus des Berliner Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg eingedrungen. Die linksradikale Internet-Plattform „Indymedia“...

DWN
Deutschland
Deutschland Ökonomen: Aufschwung erst ab dem zweiten Quartal / In Innenstädten wird es nie mehr "so werden, wie es war"

2021 wird nach Meinung von Experten ein Jahr der wirtschaftlichen Erholung werden. Aber erst ab dem zweiten Quartal - vorher stehen den...

DWN
Politik
Politik VIRUS-TICKER: In diesem Jahr wird es für Westdeutsche keine Renten-Erhöhung geben

Im Folgenden lesen Sie den Virus-Ticker von Sonnabend, 23. Januar, den wir für Sie selbstverständlich laufend aktualisieren.

DWN
Finanzen
Finanzen Es wird knallen: In der Euro-Zone erhebt sich ein großer Berg aus faulen Krediten

In der Euro-Zone werden zahlreiche kleine und mittelständische Unternehmen aufgrund der Corona-Krise untergehen. Das Problem ist nur, dass...

DWN
Technologie
Technologie ZEITREISEN, TEIL 1: Zurück in die Zukunft und vorwärts in die Vergangenheit

Zeitreisen sind Stand heute nur ein beliebter Stoff in der Science-Fiction. Jüngste Forschungsergebnisse zeigen allerdings, dass...

DWN
Politik
Politik Serbien verbietet den Verkauf von T-Shirts, die den Genozid von Srebrenica feiern

Die serbische Regierung hat den Verkauf von T-Shirts verboten, die den Genozid von Srebrenica feiern. Im Juli 1995 hatten...

DWN
Politik
Politik Corona-Lockdown: Wie aus einer angeblichen „Fake News“ bittere Realität wurde

Am 14. März 2020 teilte das Bundesgesundheitsministerium mit: „! Achtung Fake News ! Es wird behauptet und rasch verbreitet, das...