Deutsche Bauern erwarten schlechteste Ernte seit Jahrzehnten

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
30.07.2018 15:22
Die deutschen Bauern erwarten eigenen Angaben zufolge die schlechteste Ernte des Jahrhunderts.
Deutsche Bauern erwarten schlechteste Ernte seit Jahrzehnten

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Der Deutsche Bauernverband (DBV) rechnet angesichts der anhaltenden Trockenheit und Hitze in Deutschland in diesem Jahr mit der "schlechtesten Ernte" des Jahrhunderts. Die Ernteausfälle ziehen sich dabei "durch alle Kulturen hinweg", egal ob Getreide, Raps, Grünfutter oder Kartoffeln, sagte DBV-Vizegeneralsekretär Udo Hemmerling am Montag der Nachrichtenagentur AFP. Bis auf Regionen ganz im Süden sei praktisch das gesamte Bundesgebiet betroffen.

Der Verband fordert daher finanzielle Unterstützung seitens des Staates für die Bauern in Höhe von einer Milliarde Euro. Das derzeitige Wetter "geht an die Existenz vieler Betriebe, weil sie ein ganzes Jahr in ihre Ernte investiert haben und jetzt nichts zurückbekommen", sagte Hemmerling zur Begründung. Die Milliarde sei dabei eine Schätzung, der eigentliche Schaden werde "das Mehrfache betragen".

"Eine Milliarde Euro wäre wünschenswert, um die Ausfälle auszugleichen", sagte auch Bauernpräsident Joachim Rukwied den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dafür sollten der entsprechende Notstand erklärt und dann ein solches Budget bereitgestellt werden. An diesem Dienstag wollen Bund und Länder eine erste Bestandsaufnahme zu Schäden auf Feldern und Wiesen machen. Das Bundesagrarministerium bekräftigte, dass über besondere Bundeshilfen erst nach der für Ende August geplanten Abschlussbilanz der Ernte entschieden werden soll.

Rukwied sagte: "Wir fordern jetzt Liquiditätshilfen, damit wir Betriebe, deren Ertrag mehr als 30 Prozent unter dem Schnitt der letzten Jahre liegt, direkt unterstützen können." Die ökologisch orientierte Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft mahnte als schnelle Hilfe in erster Linie "faire Erzeugerpreise" bei allen Marktbeteiligten an. Rufe nach staatlichen Hilfen seien zu einfach.

Wegen anhaltender Hitze und Trockenheit vor allem im Osten und Norden Deutschlands befürchten viele Bauern massive Ausfälle bei der Ernte von Getreide, aber auch von Gras als Tierfutter. Dies könne teils existenzbedrohende Ausmaße annehmen, heißt es von der Branche. Am Dienstag wollen Ministeriumsexperten von Bund und Ländern in Berlin über die Lage beraten. An diesem Mittwoch will Bundesministerin Julia Klöckner (CDU) dann auch das Kabinett informieren. Beschlüsse über mögliche Bundeshilfen werden von beiden Terminen nicht erwartet.

Zuerst liegt die Zuständigkeit für Unterstützungsangebote bei den Ländern, die Zuschüsse geben können. Als Hilfen möglich sind unter anderem auch schon Darlehen der Landwirtschaftlichen Rentenbank, zudem können ökologische Vorrangflächen ausnahmsweise bewirtschaftet werden. Erst wenn Schäden von "nationalem Ausmaß" festgestellt werden, kann auch der Bund Finanzhilfen leisten. Zuletzt war dies 2003 wegen einer Dürre der Fall und 2013 wegen Hochwasserschäden.

Unionsfraktionsvize Gitta Connemann (CDU) mahnte baldige Klarheit an. "Bund und Länder müssen jetzt so schnell wie möglich entscheiden, ob es sich bei der diesjährigen Dürre um ein Schadenereignis nationalen Ausmaßes handelt." Fest stehe aber schon jetzt, dass die Situation dramatisch sei. "Die Luft brennt im wahrsten Sinne des Wortes. Es geht um Existenzen."

Klöckner äußerte sich erneut "sehr besorgt" über die Auswirkungen. "Es zeichnen sich geringere Getreideerträge, starke Trockenschäden bei Kartoffeln, Mais und Zuckerrüben ab. Viele Viehhalter haben Not, ihre Tiere zu versorgen, weil das Gras als Futter fehlt." Eine kleine Entlastung sei für den einen oder anderen Hof, dass Erzeugerpreise um etwa zehn Prozent im Vergleich dem Vorjahr gestiegen seien.

Eventuelle Folgen der Dürre für Supermarktkunden sind noch ungewiss. Eine Mengenprognose und damit womöglich verbundene Auswirkungen auf die Preise könnten aus heutiger Sicht seriös noch nicht abgegeben werden, hieß es etwa bei der Rewe Group. Die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie verwies auf generell länger laufende Lieferverträge, wobei nicht alle Preissteigerungen eins zu eins an die Verbraucher weitergegeben würden. Insgesamt sei der Einkauf von Rohstoffen für Produkte global angelegt, erläuterte eine Sprecherin.

Der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) forderte angesichts der Dürre und der geringeren Menge an Futtermitteln deutlich höhere Milchpreise. "Nötig wären 41 Cent pro Liter", sagte Sprecher Hans Foldenauer dem "Tagesspiegel" (Montag). Im Mai hatten Experten der Landwirtschaftskammer Niedersachsen für den Herbst Auszahlpreise von 36 bis 38 Cent je Liter erwartet.

Es gibt in der deutschen Landwirtschaft aber auch Profiteure des heißen Wetters. So startet die Traubenlese in diesem Jahr schon Anfang der kommenden Woche (6. August) - und damit so früh wie nie zuvor. "Der Entwicklungsstand der Reben ist dem 30-jährigen Mittel um gut drei Wochen voraus", teilte das Deutsche Weininstitut mit.

Die bisherige Rekordmarke hatten die Jahre 2007, 2011 und 2014 mit einem Lesebeginn jeweils am 8. August gehalten. Die ersten Trauben der diesjährigen Lese gehen in die Federweißer-Produktion. Auch manchen Obstbauern kommt die trockene Hitze derzeit eher entgegen.


Mehr zum Thema:  

DWN
Finanzen
Finanzen Börsenfonds halten erstmals mehr Gold als der deutsche Staat

Erstmals in der Geschichte halten die weltweiten Gold-ETFs mehr physisches Gold als die Deutsche Bundesbank. Denn Investoren haben in...

DWN
Politik
Politik Arbeitsrecht: Darf mein Arbeitgeber mich kündigen, wenn ich ohne Maske an einer Demo teilnehme?

Der aktuelle „Fall Joshiko Saibou“ hat die Frage aufgeworfen, ob ein Arbeitgeber eine fristlose Kündigung aussprechen darf, wenn einer...

DWN
Marktbericht
Marktbericht Dudenhöffer: Deutsche Autobauer steuern auf massiven Stellen-Kahlschlag zu, die einzig verbliebene Hoffnung heißt China

In Europas Automobilsektor bestehen einer Untersuchung des Auto-Experten Ferdinand Dudenhöffer zufolge massive Überkapazitäten, die sich...

DWN
Finanzen
Finanzen EU-Einlagensicherung soll deutsche Banken retten

Die befürchtete Welle an Firmenpleiten infolge der Corona-Krise könnte deutschen Banken Probleme bereiten. Die deutsche Einlagensicherung...

DWN
Finanzen
Finanzen Preis übersteigt 2000-Dollar-Marke: Edelmetall-Händler verzeichnen starken Anstieg der Nachfrage nach Gold

In Deutschland werden breitere Schichten der Bevölkerung auf den Boom an den Edelmetallmärkten aufmerksam und decken sich mit Gold und...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Massive Industrie-Rezession: Erste Rufe nach Verlängerung der Kurzarbeit werden laut

Jüngst getätigte Äußerungen des Verbandes der deutschen Maschinenbauer lassen erahnen, wie schwer der weltweite Wirtschaftseinbruch im...

DWN
Deutschland
Deutschland Thyssenkrupp beginnt mit Modernisierung der Stahlproduktion

Deutschlands größter Stahlhersteller Thyssenkrupp startet die Modernisierung seines Werks in Duisburg.

DWN
Finanzen
Finanzen Türkische Zentralbank bekommt Lira nicht mehr unter Kontrolle, Sturz auf Allzeit-Tief zum Euro

Trotz einer Intervention am Londoner Swap-Markt bekommt die türkische Zentralbank die Landeswährung nicht mehr unter Kontrolle. Nun wurde...

DWN
Politik
Politik Arbeitgeber kündigt Techniker wegen privatem Fehlverhalten gegen Corona-Regeln

In Osnabrück wurde kürzlich ein Techniker von seinem Arbeitgeber fristlos gekündigt, weil er in seiner Freizeit die Corona-Regeln nicht...

DWN
Deutschland
Deutschland Sommer in Deutschland: „Hoch Detlef“ macht die Tage heiß und die Nächte feucht

Trocken, sonnig, heiß: Deutschland steht eine Hitzewelle bevor. Mancherorts gibt es nicht einmal in der Nacht Abkühlung. Und auch die...

DWN
Politik
Politik Türkei kündigt bisher größten Corona-Kontrollen an, Bürger sind begeistert

Der türkische Innenminister hat für den 6. August die größten landesweiten Corona-Kontrollen der vergangenen Monate angekündigt. Die...

DWN
Deutschland
Deutschland „Call of Duty“: Videospiele-Boom in Corona-Krise nicht aufzuhalten

Das Geschäft der Videospiele-Anbieter wächst in der Corona-Krise weiterhin rasant. Beliebt sind unter anderem „Call of Duty“,...

DWN
Politik
Politik Nach Teilnahme an Anti-Corona-Demo: Basketball-Nationalspieler wird fristlos gekündigt

Der deutsche Basketball-Nationalspieler Joshiko Saibou wurde von seinem Heimverein Telekom Baskets Bonn fristlos gekündigt, weil er am...

DWN
Deutschland
Deutschland War der Lockdown falsch? Studie spricht von 81 Prozent Immunität gegen SARS-Cov-2 durch andere Corona-Viren

Einer Studie zufolge verfügt 81 Prozent der Bevölkerung eine gewisse Immunität gegen das neuartige Corona-Virus SARS-Cov-2. Die...

celtra_fin_Interscroller