Finanzkrise in der Türkei bremst Erdogans Kriegs-Ambitionen

 

Mehr zum Thema.

Benachrichtigung über neue Artikel:  
 
Lesezeit: 3 min
14.08.2018 01:00
Der Verfall der Lira könnte die Ambitionen der Türkei in Syrien entscheidend bremsen.
Finanzkrise in der Türkei bremst Erdogans Kriegs-Ambitionen

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Die Türkei könnte durch die aktuelle Währungskrise in ihren kriegerischen Ambitionen beeinträchtigt werden. Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte ursprünglich das Ziel, mit seinen militärischen Aktionen in Syrien das Territorium des Landes auszuweiten. Doch der Lira-Verfall und der teure Dollar könnte den Russen in die Hände spielen, die keine türkischen Alleingänge will, sich aber nur mit einigem Aufwand gegen die Pläne Erdogans durchsetzen konnte. Nun könnten die Finanzmärkte Erdogan einen Strich durch die Rechnung machen: Hält die Krise an kann sich die Türkei militärische Abenteuer kaum noch leisten.

Dies könnte der Syrischen Armee nützen, die mit einer Offensive auf die letzte große Söldner-Festung in Idlib begonnen hat. Die Türkei war eigentlich gegen die Offensive, weil sie fürchtet, damit in Syrien ins Hintertreffen zu geraten.

Die Türkei verfügt über keine eigene Rüstungsindustrie. Die Volkswirtschaft des Landes ist auf Friedenszeiten angelegt. Die türkische Operation Olivenzweig und Schild des Euphrats in Syrien belasten das Haushaltsbudget. Im Januar 2018 berichtete die Zeitung Siyasi Haber, dass schätzungsweise 400 Millionen US-Dollar für die Operation Olivenzweig ausgegeben werden. Nach Ansicht von Militär-Analysten wird diese Summe die Eine-Milliarde-Dollar-Marke überschreiten. Im Verlauf der Operation Olivenzweig wurden erstmals “intelligente Bomben” eingesetzt. Eine “intelligente Bombe” kostet etwa 87.000 US-Dollar. Während der Operation wurden schätzungsweise 300 dieser Bomben eingesetzt. Zudem wurden Mehrfachraketenwerfer der Klassen T107, T122 und T300 eingesetzt. Eine Rakete kostet durchschnittlich 29.000 US-Dollar. Im Januar 2018 wurde von Analysten geschätzt, dass etwa 700 dieser Raketen eingesetzt werden. Bei der Operation Olivenzweig kamen 6.400 türkische Soldaten und 5.000 bis 15.000 Mitglieder der Freien Syrischen Armee (FSA) zum Einsatz. Die geschätzten Kosten pro Soldat beliefen sich auf 22.000 US-Dollar.

Nach Informationen des türkischen Finanzministeriums wurden in den ersten drei Monaten des aktuellen Jahres 83,28 Millionen US-Dollar für die türkischen Operationen Olivenzweig und Schild des Euphrats ausgegeben, so die Zeitung Gündeminiz. Im vergangenen Jahr wurden 1,16 Milliarden US-Dollar und im Jahr 2016 insgesamt 810 Millionen US-Dollar für Anti-Terror-Operationen ausgegeben. Das Blatt führt aus, dass 2017 bei den Ausgaben für Militäroperationen ein Rekordjahr darstellte.

In den ersten fünf Monaten des aktuellen Jahres wurden die “Geheimen Ausgaben” des Präsidenten und des Premiers auf 132,98 Millionen US-Dollar beziffert, berichtet die Zeitung Cumhuriyet. Im welchem Zusammenhang diese Ausgaben mit den Operationen in Syrien stehen, bleibt unklar.

Waffenkäufe in Dollar und Euro

Die Türkei hat einen großen Bedarf an militärischen Ausrüstungen. Nach Informationen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI lag die Türkei im Zeitraum 2013 bis Ende 2017 bei den Waffenimport-Ländern auf Platz 8. SIPRI führt für den Zeitraum aus: “Zum Beispiel gab es einen starken Anstieg der Waffenexporte

von Israel mit 55 Prozent, Südkorea mit 65 Prozent und der Türkei mit 145 Prozent.”

Die Türkei verwendet zwei Währungen bei ihren Waffenimporten. Wenn das Land Waffen aus dem EU-Raum importiert, wird im Regelfall in Euro bezahlt. Bei allen anderen Waffenimporten kommt der US-Dollar als Leitwährung in Betracht. Beim geplanten Kauf des russischen Luftabwehrsystems S-400 soll der US-Dollar umgangen werden, indem die Türkei die Zahlung in russischen Rubel vornimmt. Die Hürriyet zitiert den türkischen Präsidenten: “Wir werden uns beim Kauf der S-400 nicht über den Dollar, sondern über den Rubel verschulden.”

Die Türkei ist somit auf den Zufluss von Devisen angewiesen, um Waffenkäufe, Militäroperationen und die dazugehörigen Treibstoffe, die weltweit in Dollar bezahlt werden, zu finanzieren. Die Deviseneinnahmen in der Türkei erfolgen fast ausschließlich über den Tourismus und teilweise über den Export von Textilien. Die Manövrier- und Kriegsfähigkeit der Türkei in Syrien hängt direkt von den Deviseneinahmen des Landes ab.

Devisen aus dem Tourismus

Im Jahr 2008 lagen die Deviseneinnahmen aus dem Tourismussektor bei 23,3 Milliarden, 2009 bei 22,9 Milliarden 2010 bei 22,5 Milliarden, 2011 bei 25 Milliarden und 2012 bei 25,6 Milliarden US-Dollar, so das Magazin Dergipark. Im vergangenen Jahr erhöhten sich die Deviseneinnahmen aus dem Tourismussektor im Vergleich zum Vorjahr um 18,9 Prozent auf 26,3 Milliarden US-Dollar, berichtet der türkischsprachige Dienst von Bloomberg.

Der Tourismus aus Deutschland floriert nach Auskunft von Reiseveranstaltern ungeachtet der Turbulenzen auf dem Währungsmarkt.

Dergipark führt aus: “Die Nettoeinnahmen aus dem Tourismus spielen bei der Finanzierung des Handelsbilanzdefizits und des Leistungsbilanzdefizits eine wichtige Rolle. Zwischen 2000 und 2012 wurden über die Tourismuseinnahmen 34 Prozent des Handelsbilanzdefizits und 78 Prozent des LEistungsbilanzdefizits finanziert.”

Nach Informationen der Zeitung Cumhuriyet sagte der Vorsitzende des türkischen Hotelier-Verbands (TUROB), Timur Bayındır, im Jahr 2015 angesichts einer anstehenden türkischer Militäroperation in Syrien: “Das, was für die Araber das Öl ist, ist für die Türkei der Tourismus. Es werden jährlich durchschnittlich 30 Milliarden US-Dollar eingenommen. “Die Menschen fahren in den Urlaub, um auszuspannen. Warum sollten sie in eine Region kommen, in der Krieg herrscht? Im Vergleich zu den Vorjahren befindet sich der Sektor ohnehin in einer schwierigen Situation. Ein möglicher Krieg, würde unser Ende bedeuten.”

Der türkische Präsident Erdogan ist sich dieser Tatsache bewusst. Am vergangenen Wochenende verkündete auf einer Kundgebung an der Schwarzmeerküste, dass die Türkei im aktuellen Jahr acht Millionen russische Touristen erwartet. Die regierungsnahe Zeitung Takvim führt in einem Artikel mit dem Titel “Tourismus-Schutzschild” aus: “Mit dem Versprechen des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der sechs Millionen Touristen versprochen hat, wird ein Rekord gebrochen werden. Die Türkei hat in den ersten sechs Monaten des aktuellen Jahres zwei Millionen russische Touristen empfangen. Mit acht Millionen Touristen im Jahr 2018 wird die Türkei einen Allzeit-Rekord aufstellen. Es wird erwartet, dass auch vier Millionen Touristen aus China und dem Iran in die Türkei kommen. Im aktuellen Jahr werden insgesamt 40 Millionen Touristen in die Türkei kommen, was die Einnahmen auf 32 Milliarden US-Dollar steigern wird.”

Angesichts der instabilen Situation in der Region führte die Zeitung Yeni Söz in einem Artikel vom April 2018 aus, dass die Türkei ein neues Wirtschaftsmodell brauche, das sich in Richtung einer “Kriegswirtschaft” ausrichtet, damit sie nicht mehr angewiesen ist auf Devisen aus dem Tourismus.


Mehr zum Thema:  

DWN
Deutschland
Deutschland Bitkom: Coronavirus wird Digitalisierung Deutschlands vorantreiben

Dem Digitalverband Bitkom zufolge wird die Coronakrise die Digitalisierung in Deutschland erheblich fördern.

DWN
Politik
Politik Kremlgegner Chodorkowski warnt Russen vor Putins neuer Verfassung

Der Kremlgegner Michail Chodorkowski hat seine Landsleute aus seinem Exil zu einem “Nein” bei der Abstimmung über die...

DWN
Politik
Politik Trotz Sanktionen: Deutschland liefert medizinische Geräte in den Iran

Deutschland hat im Rahmen des Zahlungsvehikels Instex medizinische Geräte in den Iran geliefert. Mit Instex sollen die US-Sanktionen gegen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank ist gegen Corona-Bonds und fordert den Einsatz des Euro-Rettungsschirms ESM

Die Bundesbank plädiert dafür, eventuelle Finanzhilfen für von der Virus-Krise hart getroffenen Länder über den Euro-Rettungsschirm...

DWN
Finanzen
Finanzen Liquiditätskrise hinter den Kulissen? Die seltsame Entwicklung eines wichtigen Zinses wirft Fragen auf

Obwohl die Zentralbanken die Finanzmärkte mit billigem Kreditgeld fluten, deutet ein wichtiger Indikator auf eine sich verschärfende...

DWN
Politik
Politik Erstmals seit 1945: Zahl der Arbeitslosen in Österreich steigt auf über eine halbe Million

Die Arbeitslosigkeit in Österreich ist im März im Vergleich zum Vorjahresmonat um 52 Prozent gestiegen. Erstmals seit dem Jahr 1945 liegt...

DWN
Deutschland
Deutschland Wegen Corona-Krise: Winterreifen müssen dieses Jahr länger am Auto bleiben

Von Oktober bis Ostern sollen die Winterreifen eigentlich am Auto bleiben. Dieses Jahr dürfte es deutlich länger werden.

DWN
Deutschland
Deutschland Studie: Deutschland Schlusslicht bei Höhe des Kurzarbeitergelds

Bei der Höhe des gesetzlich gezahlten Kurzarbeitergeldes ist Deutschland nach einer aktuellen Studie Schlusslicht unter den europäischen...

DWN
Finanzen
Finanzen BlackRock verwaltet deutsche Vermögen und wettet gleichzeitig gegen sie

Der weltgrößte Vermögensverwalter sahnt gleich mehrfach ab. Aktien, die ihm zur Geldanlage anvertraut werden, verleiht er teilweise an...

DWN
Deutschland
Deutschland Bauern fehlen Saisonarbeiter: „Keiner weiß, wer's machen soll“

Normalerweise kommen jedes Jahr rund 300.000 Saisonarbeiter auf Deutschlands Felder. Doch wegen der Ausbreitung des Coronavirus sind die...

DWN
Finanzen
Finanzen Ifo: Viruskrise kostet Europa über 800 Milliarden Euro

Die Kosten für die Bekämpfung der Corona-Krise in Europa belaufen sich auf über 841 Milliarden Euro, so das Ifo-Institut.

DWN
Deutschland
Deutschland Die Corona-Krise beendet den Immobilien-Boom, fallende Preise erwartet

Angesichts der Corona-Krise rechnen Investoren mit sinkenden Verkäufen und fallenden Preisen am Immobilienmarkt.

DWN
Finanzen
Finanzen Faktencheck: Von Bargeld geht keine Corona-Infektionsgefahr aus

Ein renommierter Virologe und die Bundesbank bestätigen, dass von Bargeld keine Corona-Infektionsgefahr ausgeht.

DWN
Finanzen
Finanzen Anteilsscheine: Immobilienkonzerne halten Verluste in Grenzen

Im allgemeinen Abwärtssog an den Märkten haben sich Anteilsscheine aus der Immobilienbranche am Mittwoch noch mit vergleichsweise milden...

celtra_fin_Interscroller