Politik

Syrien: al-Nusra verhaftet zahlreiche Personen in Idlib

Lesezeit: 5 min
22.10.2018 23:15
Die al-Nusra-Front hat in Idlib zahlreiche Personen verhaftet. Unter den Inhaftierten befinden sich Zivilisten, Journalisten und Oppositionelle, die allesamt verschollen sind.

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Die SMART News Agency, die von der European Endowment for Democracy unterstützt wird, und ihren Hauptsitz in Frankreich hat, meldet, dass die extremistische al-Nusra-Front (heute Hayat Tahrir al-Scham) in der vergangenen Woche im Dorf al-Kana im Osten von Idlib zahlreiche Personen festgenommen hat. Die SMART News Agency führt aus: „Am Montag erschossen die HTS-Mitglieder einen älteren Mann, nachdem sie sein Haus gestürmt hatten, und nahmen etwa elf Personen im Dorf Ain Laroz im südlichen Idlib fest.“

Das Syrian Network for Human Rights, das in zahlreichen UN-Berichten zitiert wurde, berichtet: „Die bewaffneten Mitglieder von Hayat Tahrir al-Scham verhafteten am 16. Oktober 2018 drei Zivilisten in der Stadt Morek in den nördlichen Vororten von Hama und brachten sie an einen unbekannten Ort.“

In einem weiteren Bericht führt die Menschenrechtsorganisation aus: „Die bewaffneten Mitglieder von Hayat Tahrir al-Scham überfielen das Dorf Ein Larouz im Gebiet Jabal al-Zaweya im südlichen Vorort von Idlib, nahmen am 15. Oktober 2018 zehn Zivilisten fest und brachten sie an einen unbekannten Ort.“

Die willkürlichen Verhaftungen von HTS richten sich nicht nur gegen Zivilisten, sondern auch gegen Journalisten. Das Committee to Protect Journalists (CPJ) berichtet, dass der syrische oppositionelle Journalist Mohammed Fadl al-Janoudi am 24. Juni 2018 im westlichen Idlib und im nördlichen Lattakia, in einem Flüchtlingslager in der Stadt Bedama, zwischen den Dörfern Ayn al-Bayda und Kherbet Eljoz, von HTS festgenommen wurde. Er ist seitdem verschollen. Zuvor hatten HTS-Kämpfer die oppositionellen Journalisten Hossam Mahmoud and Amjed al-Maleh entführt und an einen unbekannten Ort gebracht, so CPJ. Auch das Schicksal dieser Journalisten bleibt ungeklärt. Al-Maleh war die Hauptinformationsquelle für eine Reihe von Medien, einschließlich Al-Jazeera, CNN, The Middle East Eye, Fox und Radio Al-Kul.

Das Syrian Network for Human Rights berichtet zudem, dass Anas Hasoud, der einer der Gründer der Universität Idlib ist, am 25. September 2018 von HTS entführt und an einen unbekannten Ort verschleppt wurde. Seitdem wurde nichts mehr von ihm gehört.

Bei den von HTS festgenommenen Zivilisten handelt es sich um Mitglieder und Zivilisten der syrischen Opposition. Während die syrische Opposition das Abkommen von Sotschi zwischen Russland und der Türkei, das eine entmilitarisierte Zone in Idlib vorsieht, unterstützt, ist HTS gegen dieses Abkommen. Jeder Vertreter der syrischen Opposition, der das Abkommen unterstützt, wird als „Abtrünniger“ betrachtet. Alle Oppositionsgruppen, die sich für eine Aussöhnung mit der syrischen Regierung einsetzen, werden bekämpft.

Die Gründung der Zone wurde am 17. September 2018 von Russland und der Türkei beschlossen, um eine Offensive auf Idlib durch die syrische Armee (SAA) zu verhindern, berichtet die Washington Post.

HTS hatte eine diesbezügliche Erklärung herausgegeben, wonach die Gruppe sich weigert, die entmilitarisierte Zone zu verlassen. Die Erklärung wurde einen Tag vor Ablauf der Frist (am 14. Oktober 2018, Anm. d. Red.) veröffentlicht. „Wir werden nicht von der Option des Dschihad und der Kämpfe abweichen, um die Ziele unserer Revolution zu erreichen. Der russischen Besatzung wird nicht ausgewichen und Russlands Bemühungen und Absichten, die Revolution zu schwächen, wird nicht vertraut“, zitiert die libanesische Zeitung an-Nahar die Gruppe aus ihrer Mitteilung. Ihre Waffen seien „ein Sicherheitsventil für die syrische Revolution und eine Gabelung zum Schutz der Sunniten und Verteidigung ihrer Rechte und zur Befreiung ihres Landes“.

Die Zeitung Vatan berichtet, dass HTS schätzungsweise über 20.000 bis 30.000 Söldner verfügt. Ihr aktueller Führer ist der aus Aleppo stammende Abu Jabir. „Abu Jabir, der gleichzeitig ein Maschinenbauingenieur ist, wurde im Jahr 2005 in Syrien inhaftiert, weil er den Transfer von Kämpfern in den Irak organisiert haben soll.“

Das US-Außenministerium meldet in einer Mitteilung, dass HTS Schiiten, alawitische Muslime, Christen und andere religiöse Minderheiten, sowie andere Sunniten, gezielt töten, entführen, körperlich misshandeln und verhaften würde. Dies habe zum Tod von Zehntausenden von Zivilisten geführt.

Das US-Außenministerium wörtlich: „Zwei Explosionen im März 2017 in der Nähe des Bab al-Saghir-Friedhofs, einem bekannten Schiiten-Wallfahrtsort, töteten 44 Zivilisten und verletzten 120, von denen die meisten irakische Pilger waren. HTS übernahm die Verantwortung für den Angriff (...) Berichten zufolge sind Christen nach wie vor Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, einschließlich Entführungen durch gewalttätige extremistische Gruppen.“

Eine mögliche Operation auf Idlib spielt aus Sicht der syrischen Christen eine existenziell wichtige Rolle. Im März 2015 hatte die die al-Nusra-Front die Stadt Idlib in der gleichnamigen Provinz erobert. Bald darauf begannen sie, Priester zu entführen, Kirchen zu entweihen und syrische Christen zu vertreiben. Die Organisation Christian Solidarity International (CSI) berichtete im Juli 2015, dass in der Stadt Idlib 1.300 syrische Christen lebten. HTS habe die meisten vertrieben oder getötet. Zurückgeblieben seien nur noch zwei syrische Christen. In Bezug auf die von den Regierungstruppen zurückeroberten Gebiete, zu denen auch die Stadt Homs gehört, führt der Economist aus: „Kirchen wurden aufwendig restauriert; Ein großes Kruzifix hängt über der Hauptstraße. 'Bräutigam des Himmels', verkündet eine Werbetafel mit einem Foto eines christlichen Soldaten, der im siebenjährigen Konflikt getötet wurde. In ihren Predigten loben orthodoxe Patriarchen Assad für die Rettung einer der ältesten christlichen Gemeinschaften der Welt.“ Ob die syrisch-christliche Existenz in die Provinz Idlib erneut einkehren kann, hängt davon ab, ob die syrisch-russische Operation erfolgreich verläuft, oder nicht. Die USA, Frankreich und Großbritannien hatten zuvor verkündet, dass sie gegen die Operation sind.

Der britische Sender BBC hat mit dem syrisch-christlichen Kommandeur Nabel aus der Stadt Suqailabiyya gesprochen. Kommandeur Nabel kämpft für den syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gegen die internationalen Söldner in Syrien. Seiner Ansicht nach organisiert und unterstützt „der Westen“ die Terrorgruppen in Syrien. „Ich bin ein Kämpfer für das Recht in Syrien und kämpfe gegen die terroristischen Banden“, so Nabel. In Idlib befinden sich aktuell schätzungsweise 90.000 Söldner und Kämpfer. Davon sollen nach Angaben von BBC 20.000 Extremisten sein. Nabel meint: „Wenn sie wieder Menschen werden sollten, werden wir uns mit ihnen einigen. Wir werden einen Deal aushandeln, wenn die Europäer und die USA ihre Unterstützung (für die al-Nusra-Front, Anm. d. Red) stoppen. Und wenn die Golfstaaten die Finanzierung stoppen und aufhören, diesen Leuten ihre Ideologie in ihre Köpfe zu pumpen. Dann können wir einen Deal aushandeln.“

Er ist der Ansicht, dass der Westen ein Teil der „Verschwörung“ gegen Syrien ist. Nabel wörtlich: „Ihr werdet diesen Terrorismus in Großbritannien spüren. Eure Geheimdienste und Regierungen im Westen haben das Böse im Land des Guten eingepflanzt, im Land der Propheten. Und ihr werdet in euren Ländern das ernten, was ihr gesät habt.“

„White Helmets“ kommen nach Deutschland

In diesem Zusammenhang sind in der vergangenen Woche die ersten Mitglieder der syrischen Zivilschutzorganisation „White Helmets“ in Deutschland gelandet. Sie wurden zuvor von Syrien nach Jordanien evakuiert, um sie vor dem Zugriff der syrischen Armee (SAA) zu retten. Nach Informationen des Tagesspiegels will Deutschland offiziell 47 „White Helmets“ aufnehmen. Weitere „White Helmets“ sollen Großbritannien und Kanada aufnehmen. Die USA werden keine „White Helmets“ aufnehmen.

Der syrische Präsident Baschar al-Assad behauptet, dass die „White Helmets“ eine Unterorganisation der al-Nusra-Front, also von HTS, sind.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow sagte am 16. Oktober 2018 nach Angaben des Pressestelle des russischen Außenministeriums: „Nach unseren Informationen haben die westlichen Länder, die Jordanien versprochen hatten, diese Leute (‘White Helmets‘, Anm. d. Red.) aufzunehmen und sie nach Europa und Kanada zu bringen, einige ihrer Dokumente durchforstet und haben sich erschreckt. Ihre Vergangenheit legt nahe, dass europäische Länder Befürchtungen haben, diese Leute mit bekannten kriminellen Tendenzen zu akzeptieren.“

Nach eigenen Angaben haben die „White Helmets“ in Syrien 114.431 Menschenleben gerettet. Sie sollen sich im medizinischen Bereich besonders gut auskennen. Unklar bleibt, ob die „White Helmets“, die nach Deutschland evakuiert wurden, in das deutsche Gesundheitswesen integriert werden, oder aber anderweitig zum Einsatz kommen.


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