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Hongkong gewinnt im großen Stil Bauland aus dem Meer

Lesezeit: 4 min
05.06.2019 06:46
Die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong plant den Bau einer der größten künstlichen Inseln der Welt. Doch das Projekt „Lantau Tomorrow Vision“ steht wegen der massiven Kosten in Höhe von rund 71 Milliarden Euro in der Kritik. Es ist das teuerste Infrastrukturprojekt in der Geschichte von Hongkong – doch nicht das einzige.
Hongkong gewinnt im großen Stil Bauland aus dem Meer
Die neue Insel soll den angespannten Wohnungsmarkt in der völlig überteuerten Metropole entlasten. (Foto: dpa)

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Laut Entwicklungsminister Michael Wong sollen die Kosten des Projekts durch die Einnahmen wieder gut gemacht werden, welche die Regierung erzielt, wenn sie das Land auf der gewonnenen Insel an Bauunternehmer verkauft. Das Projekt sei notwendig wegen des „schwerwiegenden Mangels an Land“.

Daher sollen in der Nähe von Lantau, der größten Insel von Hongkong und der Standort des Flughafens, rund 1.000 Hektar Land gewonnen werden. Damit könnten bis zu 260.000 Wohneinheiten errichtet werden, von denen 70 Prozent für den öffentlichen Wohnungsbau vorgesehen sind.

Hongkong ist einer der am dichtesten besiedelten Orte der Welt. Nirgends sonst auf der Welt sind die Häuserpreise im Verhältnis zu den Einkommen so hoch wie hier. Rund 200.000 Menschen leben hier in Wohnungen, die eher Schränken ähneln. Beim Schlafen können sie oft nicht einmal die Beine ausstrecken.

Die neue Insel wird mindestens sechs Meter über dem Meeresspiegel liegen, genau wie der internationale Flughafen, der in den 90er Jahren auf einer künstlichen Insel gebaut wurde. Zudem soll die neue Insel so gebaut werden, dass sie wegen des drohenden Klimawandels selbst Super-Taifunen standhalten kann.

Neben den umfangreichen Wohneinheiten sollen hier auch ein ebenso umfangreiches Verkehrsnetzwerk und Hongkongs dritter Geschäftsbezirk entstehen. Anders als üblich in der Stadtplanung sollen Schienen und Straßen schon fertig sein, wenn die ersten Bewohner auf die Insel ziehen.

Die Arbeiten zur Landgewinnung sollen im Jahr 2025 beginnen und bis 2032 fertiggestellt sein. Als Material zur Aufschüttung können laut Minister Wong auch die in Hongkong jährlich anfallenden 15 Millionen Tonnen Bauschutt zum Einsatz kommen.

Auf diese Weise könnte man die Abhängigkeit von importiertem Sand verringern, zitierte die South China Morning Post den Minister. Statt Meersand soll preiswerterer mechanischer Sand zum Einsatz kommen, den man erzeugt, indem Geröll von Maschinen zermahlen wird.

Die Hongkonger Interessengruppe „Save Lantau” hat die Gesamtkosten des Insel-Projekts auf das Doppelte der von der Regierung genannten Summe geschätzt. Sie hat Regierungschefin Carrie Lam dazu aufgefordert, den Plan sofort zurückzuziehen.

Zudem sagt die Gruppe, dass die neue Insel bald unnötig sein wird. Denn zwar wachse die Bevölkerung von Hongkong noch, doch Statistiken zufolge werde sie im Jahr 2043 einen Höchststand von 8,22 Millionen erreichen und dann bis 2064 auf nur noch 7,6 Millionen absinken.

Greenpeace hat Hongkongs Plan einer künstlichen Insel kritisiert, weil es nach Ansicht der Umweltorganisation billigere und weniger umweltschädliche Lösungen für die Landknappheit in Hongkong gibt, darunter die Nutzung von Industriebrachen.

Nach Angaben des World Wildlife Fund gibt es in Hongkong derzeit 1.200 Hektar Brachflächen, die für den öffentlichen Wohnungsbau erschlossen werden könnten. Das wäre mehr als die beim Lantau-Projekt aus dem Meer gewonnene Fläche.

Umweltgruppen warnen seit längerem wegen der potenziellen Auswirkungen der künstlichen Insel auf lokale Arten, insbesondere auf den vom Aussterben bedrohten rosafarbenen Delfin. Die Regierung will einen Fonds einrichten, mit dem der Verlust für die Delfine ausgeglichen werden sollen.

Im Rahmen früherer Hongkonger Großprojekte wie dem internationalen Flughafen und der Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke waren Schutzgebiete für die bedrohten Delfine geschaffen worden, mit denen Umweltschützer aber zum Teil nicht zufrieden waren.

Die Hongkong-Zhuhai-Macau-Brücke wurde im letzten Jahr fertiggestellt und ist die längste Brücke der Welt. Allein ihr Tunnel zwischen zwei künstlichen Inseln durchs Meer, der großen Schiffen die Durchfahrt ermöglicht, hat eine Länge von 6,7 Kilometern.

Zwar arbeitet man auch anderswo auf der Welt schon seit langem daran, dem Meer Bauland abzugewinnen, doch die in Hongkong geplante künstliche Insel wird eine der bisher größten sein.

Dubais künstliche Insel „Palm Jumeirah“ im Persischen Golf ist mit rund 560 Hektar deutlich kleiner. Die Arbeiten begannen bereits 2001 und dauerten sechs Jahre. Auf der Insel in der Form einer Palme, die durch eine Bahnlinie mit dem Festland verbunden ist, befinden sich heute 28 Hotels und etwa 4.500 Wohnhäuser.

Was geschehen kann, wenn eine groß angelegte Landgewinnung aus finanziellen Gründen abgebrochen werden muss, zeigt das Projekt „The World”. Dieser künstliche Archipel aus 300 Inseln sollte aus dem All heraus wie eine Weltkarte aussehen und ein Ort für Filmstars, Prominente und Superreiche werden.

Das Projekt wurde 2003 gestartet. Zwei Kilometer vor der Küste des Dubaier Stadtteils Jumeirah in Sichtweite der Insel „Palm Jumeirah” wurden 320 Millionen Kubikmeter Land aufgeschüttet. Doch dann musste das Projekt Anfang 2008 im Nachzug der Finanzkrise abrupt abgebrochen werden.

Die aufgeschütteten 300 Inseln begannen langsam zu versanden. Inzwischen haben die Besitzer zahlreicher dieser Inseln neue Projekte gestartet. Für die Insel Deutschland sind Villen für Millionäre geplant, für die Insel Schweden Paläste für Superreiche.

Singapur hat bereits in den Jahren 1966 bis 1986 vor seiner Ostküste 1.525 Hektar Land aufgeschüttet. Dieses bisher größte Projekt des Stadtstaats kostete damals 281 Millionen Dollar. Derzeit erweitert Singapur seine Insel Pulau Tekong um 810 Hektar zur militärischen Nutzung für voraussichtlich 729 Millionen Dollar.

Was immer der Grund für die Landgewinnung ist – Platzmangel, militärische Expansion oder das Verlangen der Superreichen nach exklusiven Orten: Die künstlichen Inseln zeigen (wie auch die größten Wolkenkratzer), wo auf der Welt die Entwicklung derzeit am schnellsten voranschreitet. Es ist nicht in Europa.

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