Politik

Rezession: Die Angst der Europäer vor der Technik

Lesezeit: 5 min
27.07.2019 07:38
Europa steht vor einer Rezession. Aber statt die Ärmel aufzukrempeln und die Probleme beherzt anzupacken, verharren alle - Bürger, Manager, Investoren, Politiker - in furchtsamer Starre und sind vor lauter Angst vor der Zukunft nahezu paralysiert.
Rezession: Die Angst der Europäer vor der Technik
Die Europäer sind oftmals übertrieben sicherheitsbewusst und technikfeindlich. (Foto: dpa)

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Bis vor kurzem haben die Wirtschaftsforscher von einer Hochkonjunktur gesprochen, die nachhaltig sei. Jetzt orten sie eine länger anhaltende Rezession. Hier zeigt sich das Diktat der Statistik, die dazu verführt, aktuelle Daten für die Zukunft fortzuschreiben. Entscheidend ist weniger, wie viele Autos, Wohnungen oder Beefsteaks heute oder morgen verkauft werden, ob gerade Hochkonjunktur oder Rezession herrscht. Es geht um grundsätzliche Fragen: Offenkundige Chancen werden nicht genutzt. Warum? Man hängt an vertrauten, aber nicht mehr funktionierenden Strukturen. Warum? Der/Die Einzelne hat meist wenig Selbstvertrauen und erwartet von Vorgesetzten und Experten Lösungen. Warum? In jedem, in jeder steckt doch ein unglaubliches Potenzial. Deutlich erkennbar ist, dass die Probleme in erster Linie aus der Angst resultieren, die sich an verschiedenen Gefahren entzündet und sich wie über eine Art Stufenbau durch die Gesellschaft erstreckt. 

Stufe Nummer eins: Die Angst bremst die Abstimmung mit den Füßen

In der breiten Bevölkerung herrscht ein stark ausgeprägtes Sicherheitsdenken. Jobs bei staatlichen Stellen sowie Banken und Sparkassen haben traditionell einen hohen Stellenwert für einen selbst wie für die Kinder. Nachdem diese Bereiche die Erwartungen nur bedingt erfüllen können, rücken die großen Konzerne in den Vordergrund, die als unsinkbar und somit als sicher gelten. Somit sind in den genannten Sparten Belegschaften im Einsatz, die in der Regel fleißig und verlässlich sind, aber von den Arbeitgebern als Gegenleistung für die gute Arbeit eine garantierte Beschäftigung bis zur Rente erwarten.

Diese Übereinkunft funktioniert nicht mehr: Die staatlichen Stellen stehen unter dem Diktat der leeren Kassen, die Banken und Sparkassen reduzieren ihr Geschäftsvolumen und verabschieden tausende Mitarbeiter, die großen Industrieunternehmen verringern ebenfalls die Belegschaften.

Die Folge: Arbeitsplätze in neuen Unternehmen müssten Vorrang haben. Die Jungen sollten das breite Angebot von über 300 möglichen Berufen nützen und sich nicht bestenfalls auf 25 konzentrieren. Diese Einstellung würde eine Abstimmung mit den Füßen auf dem Weg zu den Betrieben mit Zukunft ergeben. Die Sicherheit der Großen ist nur eine Illusion.

Stufe Nummer 2: Die Lähmung der Konzerne durch die Angst der Manager

Großkonzerne bilden Organisationen, die, wie alle Organisationen, bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgen. Um das Funktionieren zu sichern, müssen den einzelnen Abteilungen klar definierte Aufgaben zugeteilt werden, die sich in das gesamte System nahtlos einzufügen haben. Solange am Ende der Prozesse ein Ergebnis steht, das den Anforderungen entspricht, können sich alle in ihren Organisationseinheiten sicher fühlen. Ist dies nicht der Fall, findet beispielsweise das Produkt keine Abnehmer, werden andere, neue Dienstleistungen verlangt oder gibt es Abläufe, die effizienter die gestellten Aufgaben erfüllen, kommt der Apparat ins Stocken. Und in der aktuellen Phase des umfassenden technologischen Wandels geraten immer mehr Firmen in diese Situation.

Die Umstellung von tausenden Mitarbeitern, die sich zudem mit ihren gewohnten Tätigkeiten identifizieren, ist enorm schwierig. Erforderlich wäre in vielen Fällen eine komplette Neudefinition des betroffenen Betriebs, also ein neues Produkt, eine neue Dienstleistung, ein neuer Produktionsprozess, neue Anforderungsprofile für die Mitarbeiter. Dieser Herausforderung stellen sich nur wenige Unternehmensleiter,

  • wobei nicht selten die Kreativität fehlt: Es ist nicht einfach, ein neues Produkt, eine neue Dienstleistung als zukunftsträchtig zu definieren. Doch dürfte diese grundsätzliche Schwierigkeit, die durch die Angst vorm Versagen verschärft wird, nicht entscheidend sein. Neue Perspektiven sind doch immer wieder erkennbar.
  • Größte Bedeutung kommt bei den großen, zumeist an der Börse notierten Unternehmen dem Druck der Aktionäre zu, die hohe Dividenden einfordern. Eine Umstellung großer Abteilungen oder gar der ganzen Unternehmung löst aber umfangreiche Investitionen aus, die zu dividendenlosen Jahren führen können.
  • Somit rücken Fusionen in den Vordergrund. Man hofft im Gefolge oft trügerischer Synergie-Effekte mit weniger Personal und folglich geringeren Kosten größere Umsätze und höhere Gewinne mit den gewohnten Geschäftssparten zu erzielen.
  • Die Ironie: Die Fusionen und Übernahmen verursachen oft gigantische Kosten, die in vielen Fällen das neue, größere Unternehmen in die Krise treiben. Rückblickend wäre oft eine umfassende Innovation der noch nicht fusionierten Firmen billiger und gewinnbringender gewesen.
  • Nur: Fusionen werden vom Markt in einer ersten Reaktion prompt positiv aufgenommen. Analysten hingegen im Vorhinein von einer Innovation zu überzeugen, ist schwer.

Stufe Nummer 3: Die Angst der Anleger vernichtet die Zukunft der Start-ups

Gefordert sind die Anleger, die sich den neuen Unternehmungen zuwenden sollten: In diesem Bereich dominiert die Kreativität und die Flexibilität, hier geht es um die Zukunft. Allerdings wird die Eroberung der Zukunft durch viele Faktoren gebremst, bei denen ebenfalls die Angst eine entscheidende Rolle spielt.

  • In erster Linie brauchen Start-ups Kapital und zwar Kapital von Geldgebern, die Geduld haben, die auch wissen, dass nicht jedes Projekt gelingen kann, dass nicht nur Gewinnchancen bestehen, sondern auch Verluste drohen.
  • Diese Investoren sind allerdings selten. Dominant ist die Suche nach sicheren Aktien, die hohe Dividenden zahlen und stabile Kurse aufweisen. Diese Bedingungen erwartet man von den großen Konzernen, also jenen Firmen, die besonders große Mühe haben mit ihren schwerfälligen Organisationen die aktuellen Herausforderungen zu meistern.
  • Und eine weitere Ironie: Die Manager der großen Konzerne versuchen aus den Zwängen ihrer Organisationen auszubrechen und erwerben daher Start-ups, um auf diese Art gleichsam die Zukunft zu kaufen. Allerdings behalten diese Unternehmen in den Großbetrieben nur selten ihre vorherige Dynamik bei.
  • Weit besser wäre es, würden sich die erfolgreichen Start-ups mit dem Kapital der Anleger selbst zu großen Konzernen entwickeln.

Stufe Nummer 4: Europas Angst vor der modernen Technologie

Eine entscheidende Bremse der Entwicklung Europas bildet der Umgang mit modernen Technologien. In zahllosen Bereichen sind weltweit neue Verfahren im Entstehen oder bereits in Anwendung. In Europa werden in erster Linie die Gefahren gesehen und nicht die Vorteile. Auch kommt nicht eine Diskussion über die Vermeidung der Gefahren in Gang, sondern vorrangig wird nach einem Verbot gerufen. Die Liste der Beispiele ist lang, hier ein Auszug:

  • Der Klimawandel löst naturgemäß Ängste aus. Doch erfolgt keine Analyse der Gefahren, die zur Formulierung von Lösungen führt. Man konzentriert sich auf die C02-Reduktion, die allein bestenfalls einen bescheidenen Beitrag zur Milderung des Klimawandels leisten kann.
  • Man bekämpft generell die Gentechnik, obwohl schon die bisherigen Möglichkeiten in bestimmten Bereichen sinnvoll genützt werden könnten. Vollends unverständlich ist, dass das mittlerweile entwickelte „Genome Editing“ ebenfalls grundsätzlich abgelehnt wird: Das CRISPR-Verfahren ermöglicht den gezielten Einsatz einer so genannten Gen-Schere, die in der Medizin und in der Landwirtschaft zum Einsatz kommt. Zufällige oder unbeabsichtigte Veränderungen, die bei der bisherigen Gentechnik zur Ablehnung geführt haben, werden in der Regel vermieden, wenn sie doch auftreten, können sie erkannt und beseitigt werden.
  • Diese weltweit von den USA über Japan bis Israel zum Einsatz kommende Technik ist in Europa unterbunden: Der Europäische Gerichtshof hat im Juli 2018 entschieden, dass Genome Editing-Verfahren den gleichen Zulassungsbedingungen unterliegen, wie sie bei gentechnisch veränderten Organismen gelten.
  • Über Atomenergie darf man in Europa kaum noch reden. Auch die tatsächlichen Folgen des Unglücks von Fukushima werden nicht zur Kenntnis genommen. Gelegentlich werden sogar die 20.000 Bauern, die in der Tsunami-Welle umgekommen sind, dem Kernkraftwerks-Unglück zugerechnet. Ein Vergleich der Schadensfälle durch Atomkraftwerke und andere Energieanlagen wird nicht akzeptiert, eine Weiterentwicklung dieser Technologie wird abgelehnt.
  • Neuerdings wird auch die neue Kommunikationstechnologie 5G in Frage gestellt: Betont werden die möglichen Gesundheitsschäden im Gefolge erhöhter Strahlungen. Und auch hier wird nicht gefragt, wie man die Gefahren beherrschen könnte, sondern nach einem Verbot gerufen, wie dies bei der Gentechnik und der Atomenergie erfolgt ist. Dabei ist 5G die Voraussetzung, dass die enormen Möglichkeiten, die das Internet eröffnet, auch tatsächlich genützt werden können.
  • Statt alle Anstrengungen zu unternehmen, um den wachsenden Flugverkehr durch moderne Techniken umweltfreundlich, abgasfrei und geräuscharm zu gestalten, mehren sich die Forderungen nach Verboten.
  • Statt die Digitalisierung als enorme Chance zu erkennen, steht eine Digitalsteuer zur Debatte, obwohl Europa in diesem Bereich weit abgeschlagen ist. Grotesk ist die Idee, nicht-europäische Unternehmen besteuern zu wollen, aber europäische zu schonen.

Stufe 5: Die Angst der Politiker

Angesichts dieser vielschichtigen Ängste wagen Politiker kaum oder jedenfalls nur zögerlich, Maßnahmen zu setzen, die Europa in die Zukunft führen. Stattdessen gewinnen Populisten, die die Modernisierung verteufeln und das nicht einlösbare Versprechen geben, man werde die „gute, alte Zeit“ bewahren und fortsetzen. Somit kommt von jenen, die die Zeichen der Zeit erkennen würden, und jenen, die die allgemeine Unsicherheit für ihre Zwecke missbrauchen, kein Beitrag zur Überwindung der wirtschaftlichen Probleme, die sich nun als Rezession manifestieren.

Fazit: Bewusst wurde in diesem Bericht nicht über die vielfältigen Behinderungen durch die Politik gesprochen. Weder die hohe Steuerlast noch die vielen Regelungen seien unterschätzt, wenn es um die Bekämpfung wirtschaftlicher Schwierigkeiten geht. Auch die Behinderung der Kreditfinanzierung fungiert als Wirtschaftsbremse. Diese Probleme werden und müssen oft diskutiert werden. Weniger beachtet wird die auf allen Ebenen wirkende Angst, die Europa lähmt.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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