Technologie
Kontrolle durch künstliche Intelligenz

Lügendetektoren auf Flughäfen sollen Grenzbeamte ersetzen

Neuartige Lügendetektoren, die eine Vielzahl von Informationen auswerten, sollen künftig die Personenkontrollen auf Flughäfen übernehmen, denn sie gelten als zuverlässiger und kostengünstiger.
03.08.2019 07:22
Lesezeit: 2 min

Forscher vom Start-up Discern Science International haben einen virtuellen Lügendetektor namens Avatar entwickelt, der Reisenden an Flughäfen Fragen stellt. Grenzbehörden und Flughäfen haben die künstliche Intelligenz bereits getestet, mit deren Hilfe sie die Sicherheit erhöhen wollen.

Die Maschine zeigt sich den Reisenden als ein Gesicht auf einem Monitor, stellt ihnen eine Reihe von Fragen und analysiert die Antworten. Sie soll die Überprüfung bei der Grenzkontrolle effizienter machen und Menschen mit kriminellen Absichten genauer identifizieren als menschliche Kontrolleure.

Lügendetektoren sollen Flughäfen sicherer machen

Avatar filmt die Reaktionen der Menschen auf seine Fragen und soll anhand von Gesichtsausdrücken, Tonfall und Wortwahl gegebenenfalls Anzeichen für Lügen finden. Dazu gehören unfreiwillige Gesten, die möglicherweise durch den kognitiven Stress bei Täuschungsversuchen ausgelöst werden.

Der Algorithmus von Avatar stuft die Ehrlichkeit eines Befragten als grün, gelb oder rot ein. Bei einer Grenzkontrolle könnte man zum Beispiel die als grün eingestuften Personen ohne weitere Kontrollen durchlassen und die als gelb oder rot eingestuften Personen von menschlichen Mitarbeitern weiter überprüfen lassen.

Discern Science International wurde im vergangenen Jahr von Wissenschaftlern der University of Arizona gegründet, welche die Technologie in den letzten zehn Jahren entwickelt hatten. Nun wollen sie Avatar zu Geld machen. Bereits in sechs Monaten soll die Technologie auf dem Markt sein, sagt das Unternehmen.

Die US-Transportsicherheitsbehörde TSA hat Forschung zu der Frage finanziert, ob Mikroausdrücke nützliche Indikatoren für Täuschungen sind. Und das US-Verteidigungsministerium und das Heimatschutzministerium haben geholfen, die Forschung zu finanzieren, die letztlich zur Entwicklung von Avatar führte.

Discern hat etablierten Partner in der Luftfahrtindustrie

Im vergangenen Oktober schloss das Unternehmen eine Joint-Venture-Vereinbarung mit einem Partner in der Luftfahrtindustrie, um die Technologie besser an Flughäfen verkaufen zu können. Laut Discern handelt es sich dabei um ein etabliertes Unternehmen, das man aber noch nicht nennen könne.

Das Partnerunternehmen testet derzeit Prototypen und wird in den kommenden Monaten mit der Vermarktung der Maschinen beginnen, so Discern. In den letzten Jahren haben die Forscher ihre Lügendetektoren von Kanadas Grenzbehörde CBSA, dem Flughafen Bukarest und dem Grenzhafen Nogales im US-Bundesstaat Arizona testen lassen.

Die Kanadier haben Avatar aber nur im Labor getestet und planen keine weiteren Schritte, denn es gebe "eine Reihe signifikanter Einschränkungen des betreffenden Experiments und der Technologie als Ganzes". Auch die Einwanderungsbehörden in Nogales sagten, sie wollten das System vorerst nicht weiter testen.

Das Akronym Avatar steht für "Automated Virtual Agent for Truth Assessments in Real-time". Die Entwicklung und Vermarktung der Technologie kommt zu einer Zeit, da Behörden und die Luftfahrtbranche verstärktes Interesse an Möglichkeiten der Verhaltensanalyse zeigen.

So diskutierten auf einer Konferenz im Mai Vertreter der TSA, des Londoner Flughafens Gatwick und der israelischen Flughafenbehörde die Implementierung von Technologien zur Verhaltensanalyse. Dort es gab es aber auch erhebliche Zweifel an der Zuverlässigkeit von KI-Lügendetektoren.

Avatar will Lügen mit hoher Genauigkeit erkennen können

Lügen sind in vielen Fällen schwer zu identifizieren. Traditionelle Lügendetektoren gelten als sehr unzuverlässig, da sie zum Beispiel auch bei Stress ausschlagen können oder wenn jemand versucht, sich an etwas zu erinnern. Nicht einmal in den USA sind Polygramme vor Gericht als Beweismittel zulässig.

"Es gibt keine Nase von Pinocchio, keine Sache, von der wir wissen, dass sie Lügen immer zuverlässig voraussagt", zitiert die Financial Times Mircea Zloteanu, Psychologiedozentin an der nordenglischen Universität Teesside. Ein Algorithmus könne weder die Absicht noch die Begründung für das Verhalten einer Person messen oder verstehen.

Doch David Mackstaller von Discern sagt: "Sie als Mensch können vielleicht einige Ihrer Signale verarbeiten, aber Sie können nicht alle verarbeiten." Avatar hingegen könne viele verschiedene Faktoren zusammenführen, darunter bewusstes und unbewusstes Verhalten. "Und deshalb funktioniert der Algorithmus", so der Forscher.

Die Sicherheitskontrollen an Flughäfen müssen internationalen Standards entsprechen, deren Einzelheiten geheim sind. Doch Discern ist zuversichtlich, dass der Avatar diese Anforderungen erfüllen kann.

Die Genauigkeitsrate von Avatar liegt nach Angaben von Discern bei 80 bis 85 Prozent, was "die durchschnittliche Genauigkeit von 54 Prozent beim Menschen weit übertrifft".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie KI-Einsatz in Unternehmen: Warum die Wirtschaft bislang nur punktuell profitiert
15.02.2026

Künstliche Intelligenz gilt als möglicher Hebel für höhere Produktivität in Unternehmen und Volkswirtschaften, doch ihr...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Eurozonen-Wirtschaft: Übergang in einen neuen Konjunkturzyklus
15.02.2026

Die Eurozonen-Wirtschaft tritt laut Prognosen der Bank Citadele in einen neuen Konjunkturzyklus ein, getragen von sinkenden Zinsen und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mittelstand unter Druck: Datev-Analyse belegt beunruhigende Zahlen
15.02.2026

Die wirtschaftliche Lage im deutschen Mittelstand spitzt sich weiter zu: Kleine und mittelgroße Unternehmen stehen immer stärker unter...

DWN
Finanzen
Finanzen Investitionsstrategien im KI-Zeitalter: Kriterien für langfristige Wertschöpfung
15.02.2026

Künstliche Intelligenz prägt Investitionsentscheidungen und verändert die Bewertungsmaßstäbe an den Finanzmärkten. Wie lassen sich im...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Schlüsselindustrien im Umbruch: Deutschlands Rolle am europäischen Markt
15.02.2026

Deutschland steht vor neuen wirtschaftlichen Weichenstellungen in einem sich wandelnden europäischen Umfeld. Wie lässt sich unter diesen...

DWN
Politik
Politik Grenzwerte: Umweltbundesamt bestätigt ausreichende Luftqualität in Deutschland
15.02.2026

Die Europäische Union gibt Grenzwerte vor, die in den Ländern eingehalten werden müssen. Die Luftqualität in Deutschland hat im...

DWN
Technologie
Technologie Elektronische Patientenakte spärlich genutzt: Gesundheitsministerin will ePA attraktiver machen
15.02.2026

Gesundheitsministerin Nina Warken weiß, dass bisher nur ein Bruchteil der gesetzlich Versicherten die sogenannte ePA aktiv nutzen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB setzt auf strikte Regeln für Banken: Kapital als Stabilitätsanker
15.02.2026

Die EZB hält trotz politischen Drucks an strikten Kapitalregeln für Banken fest und warnt vor Risiken für die Finanzstabilität. Welche...