Finanzen
Gefahr von Zahlungsausfällen

Kredit-Versicherer: Forderungsrisiken in der Türkei deutlich gestiegen

Einer Studie des Kreditversicherers Atradius zufolge sind die Risiken für Geldgeber in der Türkei im laufenden Jahr deutlich gestiegen.
16.08.2019 14:00
Lesezeit: 2 min

Laut einer internen Analyse des internationalen Kreditversicherers Atradius sind die Forderungsrisiken im Türkeigeschäft für Lieferanten und Dienstleister seit Anfang des Jahres noch einmal gestiegen. Vor allem von der Bauwirtschaft und vom Handel ging zuletzt eine hohe Unsicherheit für Zahlungsverzögerungen und -ausfälle aus. Darüber hinaus bestehen beträchtliche Unwägbarkeiten bei Geschäften mit Unternehmen der Automobil- und Elektronikbranche sowie von Herstellern von Kunststoffen und Metall. Weiterhin weist Atradius darauf hin, dass es auch bei den vermeintlich stabileren Branchen in der Türkei aufgrund der fragilen Situation zu plötzlichen Zahlungsausfällen kommen kann.

"Die Schwäche der Lira und die sich anschließende Kreditklemme haben die Türkei in eine Rezession gebracht. Die Erholung der Wirtschaft zu Jahresbeginn dürfte nur eine Momentaufnahme infolge von Marktstimulationen vor der Kommunalwahl im März gewesen sein", sagt Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa von Atradius. "Die hohe Arbeitslosigkeit lassen das Konsumklima im Land weiter sinken. Gleichzeitig sind zahlreiche Unternehmen anhaltend hohen Belastungen durch ihre Auslandsverschuldung ausgesetzt. Die politischen Unsicherheiten sind weiterhin beträchtlich. Vor diesem Hintergrund gehen wir davon aus, dass die türkische Wirtschaft gegenüber dem Vorjahr schrumpfen wird. Damit einher geht ein hohes Forderungsrisiko für Exporteure."

Ein halbes Dutzend Branchen birgt überdurchschnittlich hohe Forderungsrisiken

Eine besonders hohe Wahrscheinlichkeit, einen Zahlungsausfall zu erleiden, besteht derzeit bei Geschäften mit Baufirmen und Anbietern von Baumaterialien in der Türkei. Ein Grund hierfür ist das mittlerweile erhebliche Überangebot, das im türkischen Markt herrscht. Die Zinsen für Kredite sind hoch, die Vergabe von Wohnungsbaudarlehen geht zurück. Zusammen mit steigenden Materialkosten ergeben sich dadurch zunehmend Liquiditätsprobleme für türkische Bauunternehmen.

Auch in der Handelsbranche bestehen derzeit große Unwägbarkeiten, unter anderem im Bereich Mode- und Textil. Überkapazitäten, geringe Eigenkapitalausstattung, sinkende Inlands- und Exportnachfrage sowie der Wettbewerb im Fernen Osten sorgen für Liquiditätsengpässe bei den Abnehmern aus diesem Sektor. Das Niveau der notleidenden Bankkredite der Branchenakteure liegt bei mehr als 8 %.

Die Automobilbranche ist der größte Exportsektor der Türkei und ein wichtiger Kunde für verschiedene andere Sektoren. Aufgrund der schwachen Inlandsnachfrage, der hohen Inflation und erhöhter Steuern kommt es zu einem deutlichen Rückgang der Branche auf dem Inlandsmarkt. Die Produktion sowohl im Fahrzeug- als auch im Ersatzteilbereich ist rückläufig.

Darüber hinaus waren Geschäfte mit türkischen Unternehmen aus dem Kunststoff- und dem Metallsektor in den vergangenen drei Jahren höchst anfällig für Zahlungsausfälle. Ein Grund hierfür ist das zuletzt schlechtere Zahlungsverhalten der Kunden aus diesen Branchen, das die Liquiditätssituation der Firmen geschwächt hat. Darüber hinaus weisen auch Firmen in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) aus Sicht der Risikoanalysten von Atradius ein überdurchschnittlich hohes Risiko auf.

Ausblick: Entspannung der Situation frühestens 2020

Aus Sicht von Atradius dürfte sich die Gefahr von Forderungsausfällen in der Türkei in diesem Jahr nicht verringern. Neben den wirtschaftlichen Faktoren wird die Volkswirtschaft auch von politische Unsicherheiten beeinträchtigt, unter anderem den anhaltenden Spannungen zwischen der türkischen Regierung auf der einen und der Europäischen Union sowie den USA auf der anderen Seite. Investoren sind zudem zunehmend verunsichert aufgrund der Rechtsunsicherheit am Bosporus, was die Geschäftslage weiter trübt. Ein Lichtblick war zuletzt das Auslandsgeschäft türkischer Firmen. Die Nettoexporte des Landes erholten sich jüngst, unter anderem infolge der schwachen Lira. "Von Entwarnung bei Geschäften in die Türkei kann aber definitiv derzeit keine Rede sein. Frühestens im kommenden Jahr dürfte sich die Situation am Bosporus entspannen", sagt Dr. Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa von Atradius.

Atradius ist seit 2007 in Istanbul mit einem eigenen Büro präsent und hat seitdem seinen Zugang zu Finanz- und Geschäftsinformationen sowie seine Risikoprüfung von türkischen Firmen kontinuierlich ausgebaut. Das Team unter der Leitung von Country Manager Taner Isik umfasst aktuell mehr als zwei Dutzend Vertriebs- und Risikospezialisten und unterstützt Unternehmen bei ihren Geschäften mit maßgeschneiderten Forderungsschutzlösungen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen Aktienmarkt in Gefahr: Investoren warnen vor Eskalation im Iran-Konflikt
25.03.2026

Die Märkte geraten ins Wanken, während geopolitische Spannungen eskalieren. Investoren befürchten nach den Drohungen eines eskalierenden...

DWN
Politik
Politik Russlands Ölexport unter Beschuss: Energiekrieg erreicht neue Stufe
25.03.2026

Explosionen in russischen Ostseehäfen lassen den Ölfluss abrupt versiegen. Die Angriffe treffen Moskaus Energieinfrastruktur empfindlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Tarif-Durchbruch in der Chemie: Mehr Geld und Jobgarantie für 585.000 Beschäftigte
25.03.2026

Lohnplus trotz Krise: Die rund 585.000 Beschäftigten der deutschen Chemie- und Pharmabranche erhalten künftig deutlich mehr Geld. Nach...

DWN
Politik
Politik Turbo für die Verteidigung: EU plant Millionen-Spritze für Militär-Innovationen
25.03.2026

Die EU-Kommission will die militärische Schlagkraft Europas durch schnellere Innovationszyklen sichern. Ein neues Förderinstrument namens...

DWN
Politik
Politik Digitale Gewalt: Was die Regierung jetzt plant
25.03.2026

Deepfakes, Überwachung, intime Bilder – digitale Gewalt nimmt zu, und der politische Druck wächst. Die Bundesregierung arbeitet an...

DWN
Politik
Politik Recht auf Reparatur: So sparen Sie künftig Geld bei Handy, Waschmaschine & Co.
25.03.2026

Schluss mit der Wegwerf-Kultur: Das neue „Recht auf Reparatur“ soll die Lebensdauer von Haushaltsgeräten und Smartphones deutlich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BASF-Aktie: Mega-Werk in China eröffnet – Wachstumschance oder riskante Wette?
25.03.2026

Der Chemieriese BASF setzt voll auf Expansion: Mit der offiziellen Eröffnung des neuen Verbundstandorts in Zhanjiang nimmt der...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilien-Hammer 2026: Steigende Preise und Zins-Schock durch Iran-Krieg
25.03.2026

Immobilienkäufer stehen vor einer Doppelbelastung: Erstmals seit 2022 ziehen die Preise wieder an (+3,2 %), während der Iran-Krieg die...