Finanzen
Wachstumsprognosen gekappt

KfW: Zweites Halbjahr steht unter schlechten Vorzeichen

Im zweiten Halbjahr lauern den Analysten der KfW zufolge deutliche Abschwungpotentiale für die deutsche Wirtschaft.
27.08.2019 10:16
Lesezeit: 2 min

Die Analyseabteilung der KfW schreibt in einem aktuellen Papier zum Ausblick auf die konjunkturelle Entwicklung in Deutschland:

Die deutsche Wirtschaft befindet sich im Rückwärtsgang und es gibt wenig Hoffnung auf eine schnelle Besserung der Lage. Im zweiten Quartal ist die Wirtschaftsleistung im Vergleich zum Vorquartal um 0,1% geschrumpft. Während die Binnennachfrage das Wachstum weiter stützt, steckt die stark exportorientierte deutsche Industrie seit nunmehr vier Quartalen in der Rezession. Vor dem Hintergrund der flauen Weltkonjunktur und der zahlreichen globalen Unwägbarkeiten bleiben ihre Geschäfts- und Exporterwartungen außerordentlich pessimistisch. KfW Research korrigiert daher seine Konjunkturprognose für 2019 auf 0,4% und für 2020 auf 0,6% deutlich nach unten (Vorprognose: 0,8% bzw. 1,8%). Stabilisierende Faktoren bleiben der Konsum und der Wohnungsbau, vor allem dank des alles in allem noch immer recht soliden Arbeitsmarkts.

"Das zweite Halbjahr 2019 steht unter schlechten Vorzeichen. Die zuvor erhoffte Erholung fällt aus, denn wesentliche Risiken sind eingetreten oder materialisieren sich", sagt Dr. Klaus Borger, Deutschland- und Konjunkturexperte bei KfW Research.

Der Handelskonflikt zwischen den USA und China hat sich im Jahresverlauf deutlich verschärft und mit den Anfang August angekündigten neuen US-Sonderzöllen auf praktisch alle übrigen Importe aus China sowie der anschließenden Vergeltungsspirale einen neuen Höhepunkt erreicht. Obwohl Deutschland bisher nicht mit wesentlichen Sonderzöllen belastet worden ist, ist die deutsche Industrie aufgrund ihrer engen Handelsbeziehungen zu beiden Ländern und der Fokussierung auf besonders zyklische Investitionsgüterbranchen indirekt stark betroffen. Enorme Unsicherheit stiftet zudem der am 31. Oktober drohende Brexit ohne Austrittsabkommen. Die Zeit zum Handeln wird knapp. "Wir unterstellen in unserer Konjunkturprognose, dass es zu einem harten Brexit an Halloween kommt", so Dr. Klaus Borger.

Für das dritte Quartal ist eine erneute leichte Schrumpfung des BIP (-0,1%) zu erwarten. Hierauf deuten wichtige Frühindikatoren wie der anhaltende Abwärtstrend bei den industriellen Auftragseingängen (-1,0% im zweiten Quartal) und die weiter schlechte wirtschaftliche Stimmung hin. Die formale Bedingung für eine technische Rezession - zwei negative Quartalsraten in Folge - wäre damit erfüllt. Im Schlussquartal 2019 dürfte sich die Talfahrt unter der Annahme eines harten Brexit kurzfristig noch einmal etwas beschleunigen, bevor sich die Konjunktur im Verlauf von 2020 nach und nach wieder fängt. "Bei letztlich begrenzten Brexit-Schäden und einer zumindest zeitweisen Entspannung der Handelskonflikte - um im Vorfeld der US-Wahl mit guten Aktienmarkt- und Konjunkturzahlen zu glänzen - gehen wir nach anfänglicher Stagnation von einer Rückkehr zum Trendwachstum im Verlauf des kommenden Jahres aus", sagt Borger.

Prognoserisiken sieht KfW Research auf beiden Seiten. Sollte doch ein geregelter Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU oder ein baldiger Deal zwischen den USA und China gelingen, könnte die Konjunktur besser laufen als prognostiziert. Doch auch die Abwärtsrisiken sind erheblich. Möglich wäre etwa, dass sich der Handelskonflikt zu einem unlösbaren geopolitischen Konkurrenzkampf zwischen den USA und China entwickelt. Für Europa stellt neben den Unwägbarkeiten des Brexit die hohe Staatsverschuldung Italiens ein anhaltendes Risiko dar. Deutschland könnte außerdem durch die Einführung der schon länger angedrohten US-Sonderzölle auf europäische Autos und Autoteile spürbar getroffen werden. Positiv zu Buche schlägt dagegen der große fiskalische Handlungsspielraum hierzulande.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kurzarbeit in Deutschland: 133 Millionen Stunden verloren – ein Warnsignal
09.05.2026

Die Zahl ausgefallener Arbeitsstunden durch Kurzarbeit steigt weiter an und signalisiert eine wachsende Belastung für die deutsche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Warum Europas Unternehmen unter Regulierung leiden
09.05.2026

Zwar gilt die EU vielen als Anker für Stabilität, doch im Mittelstand wächst der Unmut. Die regulatorische Dichte aus Brüssel wird...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wenn Führungskräfte scheitern: Warum Unternehmen Ideen oft nicht umsetzen
09.05.2026

Viele Führungskräfte scheitern nicht an Strategie oder Marktbedingungen, sondern daran, wie sie ihre Ideen im Unternehmen vermitteln und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Volvo EX60: Warum dieses Elektro-SUV Mercedes, BMW und Audi nervös machen dürfte
09.05.2026

Volvo baut mit dem EX60 nicht einfach ein neues Elektro-SUV, sondern eine Wette auf die Zukunft der Marke. Der Wagen soll beweisen, dass...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Streit um Obi-Orange: Warum Farben über Marken-Erfolg entscheiden
09.05.2026

Der Baumarkt Obi steht vor dem Bundesgerichtshof (BGH) im Streit um den rechtlichen Schutz seiner markanten Hausfarbe Orange. Der Fall...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Milliardenbaustelle Deutschland: Warum Großprojekte oft scheitern – und was sich strukturell ändern muss
09.05.2026

Vom Hauptstadtflughafen bis zum Bahnknoten Stuttgart: Deutschlands Großprojekte entwickeln sich oft zu Dauerbaustellen mit Kosten in...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Investitionen: Big Tech verbrennt Milliarden und muss Rendite liefern
09.05.2026

Die großen US-Techkonzerne melden starkes Wachstum, doch die Euphorie bekommt Risse. Microsoft, Amazon, Meta und Alphabet pumpen enorme...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: S&P 500 und Nasdaq wieder auf historischen Höchstständen
08.05.2026

Ein Handelstag der extremen Kontraste: Warum an der Börse Euphorie herrscht, während die Alltagssorgen wachsen.