Ein verrücktes Wochenende nahe am Abgrund

 

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28.08.2019 13:52
Der Handelskonflikt zwischen den USA und China ist am Freitag, den 23. August, eskaliert. Am Montag wurde dann Entspannung signalisiert: Stationen eines Irrsinns an einem Wochenende, nicht in einem schlechten Theater, sondern in der Realität – mit potentiell verheerenden Folgen für die Weltwirtschaft.
Ein verrücktes Wochenende nahe am Abgrund
Eine Geste Donald Trumps. (Foto: dpa)

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Freitag: Die Handschuhe sind ausgezogen - Alles erscheint erlaubt und möglich …

Am Freitag vor dem G-7 Gipfel hob zunächst die Volksrepublik die Zollsätze auf Importe im Wert von 75 Milliarden Dollar aus den Vereinigten Staaten an, die sie am 1. August erst eingeführt hatte. Die Zollerhöhungen betreffen insgesamt 5075 Produkte und betragen entweder 5 oder 10 Prozent. Sie treten in zwei Etappen am 1. September und am 15. Dezember in Kraft. Zusätzlich wurden die Zollsenkungen Chinas auf Einfuhren von Autos und Autobestandteilen aus den USA zurückgenommen. Sie waren als eine Geste guten Willens erlassen worden.

Die Zollerhöhungen Chinas sind eine Antwort auf die von Präsident Trump am 13. August angekündigten neuen Zölle von 10 Prozent auf 300 Milliarden chinesischer Güter. Diese treten ebenfalls gestaffelt am 1. September und 15. Dezember in Kraft. Dass es Gegenmaßnahmen gegen die am 13. August von Präsident Trump einseitig verkündeten neuen Zölle geben würde, war schon in den Tagen zuvor durchgesickert und entsprach dem bisherigen Verhaltensmuster Chinas.

Nur Stunden später kündigte der amerikanische Präsident neuerliche Zölle an. Diese sind in der Größenordnung, im Umfang und in der zeitlichen Abfolge aggressiver. Sie betreffen zunächst alle 550 Milliarden Importe aus China. Für die 250 Milliarden, auf die bereits Zölle von 25 Prozent verhängt worden sind, werden die Sätze per 1. Oktober auf 30 Prozent erhöht. Und zusätzlich werden auf die restlichen 300 Milliarden Güter die Sätze um 15 statt um 10 Prozent angehoben, jeweils wirksam per 1. September und 15. Dezember.

Dies ist in vielerlei Hinsicht bedeutsam.

Die USA und China hatten für den September die Fortführung von Handelsgesprächen vereinbart. Dass nun vor den Gesprächen bereits massive Zollerhöhungen vorgenommen werden, belastet die Gespräche. China hatte wiederholt gefordert, dass eine Lösung in Form eines Handelsvertrages überhaupt nur in Frage käme, wenn die Zollerhöhungen vorrangig zurückgenommen würden. Mit den massiv erhöhten Zollsätzen auf alle Importe aus China wird das schwierig. Es könnte von chinesischer Seite auch als Signal aufgefasst werden, dass die USA gar keine Handelsgespräche mehr wollen, oder nur um den Preis eines völligen Einknickens Chinas.

Diese Interpretation wird durch die Kommunikation des amerikanischen Präsidenten gestärkt, wie üblich in Form einer Twitter-Tirade. Bisher galt, dass die amerikanische Seite einen besseren Deal wolle, der die Nachteile der bisherigen Regelungen beseitigt und gleiche Spieße schaffe, dies aber im Rahmen eines gegenseitigen Freihandels. Dies sei mit seinem ‚Freund‘ Xi Jinping so vereinbart. Am Freitag wurde vom amerikanischen Präsidenten ein ganz anderes Szenario skizziert. Die amerikanischen Unternehmen sollten sich aus China verabschieden und anderswo produzieren, wenn immer möglich in den Vereinigten Staaten selber. Trump wählte sogar die Formulierung, er ordne dies so an. Die USA würden China gar nicht brauchen, sie seien während Jahrzehnten von China um Billionen Dollar - Tausende von Milliarden - bestohlen worden. Und Präsident Xi Jinping wurde plötzlich als ‚Feind‘ apostrophiert.

Die Zollerhöhungen stellen nicht nur im bilateralen amerikanisch-chinesischen Handelskonflikt eine Eskalation dar, sie würden auch makroökonomisch eine neue Dimension darstellen. Zunächst einmal oberflächlich betrachtet für China, für welches der Außenhandel wichtiger ist als für die Vereinigten Staaten. Gravierend neben der Höhe der Zollsätze ist vor allem die Aufforderung von Präsident Trump an die amerikanischen Unternehmen, sich so schnell als möglich aus China zurückzuziehen. Später präzisierte er, dass dies gestützt auf den ‚International Emergency Economic Powers Act‘ von 1977 ohne Beschlussfassung durch den Kongress erfolgen könnte. Diese geben dem Präsidenten außerordentliche Vollmachten, allerdings bisher auf Narco- und Terror-Regimes bezogen interpretiert. Damit wird eine weitere mögliche Eskalation suggeriert, die bis zum völligen Abbruch bilateraler Beziehungen gehen könnte.

Doch auch für die Vereinigten Staaten dürfte sich das Bild nun erheblich ändern. Denn die neuen Zölle stellen nun auch für den amerikanischen Konsumenten eine erhebliche Belastung dar. Die Zölle auf den 250 Milliarden Dollar betrafen mehrheitlich Zwischenprodukte und Investitionsgüter. Die neuen Zölle auf den 300 Milliarden Importen hauptsächlich Konsumgüter. Sie kommen überdies just zu dem Zeitpunkt, wo der amerikanische Detailhandel saisonal die höchsten Umsätze erzielt, in den Wochen und Monaten vor ‚Thanksgiving‘ und Weihnachten.

Der private Konsum der Haushalte ist die wichtigste Stütze der amerikanischen Konjunktur. Der private Konsum wächst aber nur, wenn die Realeinkommen wachsen. Die nominellen Löhne wachsen durchschnittlich um rund 3 Prozent im Vorjahresvergleich und werden kaum beschleunigt steigen, dafür aber die Konsumentenpreise, die bisher um knapp 2 Prozent auf Jahresbasis zulegen. Es schwirren verschiedene Schätzungen von Prognose-Instituten und der Investment-Banken herum, dass der durchschnittliche amerikanische Haushalt durch die Zölle nächstes Jahr um 600 bis 1’000 Dollar und mehr zusätzlich belastet wird, das wären rund 1.2 bis 2 Prozent des verfügbaren Einkommens pro Haushalt. Damit würde nun auch der amerikanische Konsum erheblich geschwächt.

Nur nebenbei ist letzte Woche auch die Zunahme der Beschäftigung in der Revision der Erwerbsstatistik für 2018 und das erste Quartal 2019 deutlich - um kumuliert 501’000 Beschäftigte - reduziert worden. Es ist die größte Revision seit der Finanzkrise. Die fortlaufend vorgenommenen monatlichen Ausweise der Beschäftigung beruhen auf Umfragen und auf statistischen Modellen. Die jährliche Revision per März eines Jahres basiert dagegen auf der Vollerhebung durch die Sozialversicherung, die praktisch alle Beschäftigten erfasst. Erstaunlicherweise wird die monatliche Statistik erst im Frühjahr 2020 an die Revision angepasst. Die Daten werden in der Zwischenzeit bis dahin weiterhin zu hoch ausgewiesen.

Die Revision hat Konsequenzen für den vergangenen und zukünftigen Konjunkturverlauf. Es bedeutet, dass das Wirtschaftswachstum in den vergangenen 6 Quartalen schwächer ausgefallen ist, als zunächst in den ersten Schätzungen für das BIP-Wachstum signalisiert worden war. Es bedeutet auch, dass die Wachstumsdynamik nachgelassen hat, und dass deshalb auch die zukünftige Aktivität schwächer ausfallen wird, als in den Prognosemodellen bisher unterstellt ist.  In den offiziell publizierten BIP-Zahlen dürfte sich dies erst in ein bis zwei Jahren niederschlagen.  Doch die Annahmen der Investmentbanken und Prognose-Institute für den privaten Konsum und für die Gewinnausweise müssen nach unten revidiert werden.

Den Gipfel schoss Trump mit seiner Ankündigung ab, den Notstand im Handelskrieg ausrufen zu wollen und die amerikanischen Unternehmen zum Verlassen Chinas zu zwingen. Bisher genoss Trump in der Auseinandersetzung mit China die Unterstützung amerikanischer Unternehmerverbände. Er greift die Themen auf, welche deren in China tätigen Mitgliedern effektiv unter den Nägeln brennen. Mit der Drohung einer kompletten Scheidung dürfte er alle roten Linien weit überschritten haben. Denn neue alternative Standorte und Kapazitäten aufzubauen, ganze Zulieferketten zu etablieren, qualifiziertes Personal zu finden ist eine Angelegenheit von Jahren oder eher einem oder zwei Jahrzehnten. Und Abschreiber auf Anlagen und der Verzicht auf hochprofitable Aktivitäten würde die Gewinnausweise der betreffenden Unternehmen, eines Gutteils des Dow Jones Industrial und des S&P 500, hart treffen. Die Gewinne dürften für den Rest der Amtszeit der betroffenen Unternehmensleitungen im Eimer sein, die Aktienoptionen und Boni entwertet oder sogar wertlos verfallen. Erste Reaktionen waren an Klarheit nicht zu überbieten.

Schließlich ist die Eskalation ein weltweites Fanal. Sie zeigt, dass der amerikanische Präsident ersten Ankündigungen zunächst erste Schritte und dann eine gewaltige Eskalation folgen lässt oder lassen kann. Kein Unternehmen wird unter diesen Umständen Neu-Investitionen in Vietnam oder Indien oder in Europa oder irgendwo vornehmen, um aus China auszuweichen. Denn auch gegenüber diesen Ländern oder Ländergruppen sind schon scharfe Töne angeschlagen und erste Maßnahmen getroffen worden. In einer derartig angespannten Atmosphäre bauen Unternehmen möglichst rasch Liquidität auf, kürzen Investitionen und schleifen Kosten.

Montag: Die Lage wird scheinbar entspannt… gemäß Trump durch Einknicken Chinas

Schwierig einzuschätzen ist die Reaktion der chinesischen Seite. Diese verfolgt üblicherweise eine ganz andere Handlungsweise als Präsident Trump. Die Reaktion erfolgt nie spontan oder direkt, sondern nach Tagen oder sogar wenigen Wochen der Analyse und Reflexion. Vorher werden nur in den Medien erste Signale gesendet.

Der für die Handels-Beziehungen zuständige Vize-Premierminister Liu He wies in einer ersten Stellungnahme die gleiche Reaktionsweise erkennen. Er befürwortete eine Rückkehr zu Verhandlungen in einer ruhigen anstatt einer emotionalen Atmosphäre. Folgt China seinem bisherigen Muster, wird es weitere Zollerhöhungen vornehmen, in Vergeltung auf die Eskalation durch Präsident Trump am Freitag. Das wurde in einem Artikel der regierungsnahen ‚Global Times‘ explizit auch so angekündigt.

Doch der amerikanische Präsident tischte eine andere Version auf. Chinesische Vertreter auf höchster Ebene hätten zweimal angerufen und seien nun bereit, ernsthaft zu verhandeln. Er suggerierte mit anderen Worten, die chinesische Seite sei eingeknickt und die USA stünden nun bei den anstehenden Verhandlungen in einer viel stärkeren Position da. In diesem Zusammenhang deutete er auch an, dass die neuesten Zollerhöhungen auch zurückgenommen oder zeitlich verschoben werden könnten. Die beiden Telefonanrufe wurden von chinesischer Seite nicht nur nicht bestätigt, Im Gegenteil wurde explizit angeführt, es habe gar keine Kommunikation stattgefunden. Wahrscheinlich ist, dass Trump effektiv Bezug auf die Äußerungen von Vize-Premier Liu He genommen hat, und dass gar keine Telefone aus China gekommen sind.

Die wundersame Wandlung Trumps über das Wochenende eher beschleunigt haben dürften einige Telefone der Konzernchefs und Unternehmens-Verbandspräsidenten aus den USA. Sie dürften ihm unverblümt mitgeteilt haben, wie seine Wiederwahl-Aussichten stehen, wenn er zu der angekündigten Exekutiv-Order greifen sollte.

Präsident Trump ist dabei, den Handelskrieg zu verlieren, mit schlimmen Folgen für die Weltwirtschaft

Was ist davon zu halten? Der amerikanische Präsident dominiert mit seinen Tweets und Fernseh-Aussagen das Verhalten der Finanzmärkte in der kurzen Frist. Er ist imstande, den Dow Jones oder S&P 500 praktisch auf Tagesbasis um einige Prozentpunkte nach oben oder unten zu bewegen. Insofern ist er sehr erfolgreich und beherrscht die Schlagzeilen der Finanzmedien. Diese Fähigkeit scheint ihm absolut zentral zu sein, um den Aktienmarkt auch im Wahljahr nach seinem Gusto beeinflussen zu können.

Was für die kurze Frist gilt, trifft auf die mittlere und längere Frist aber nicht gleichermaßen zu. Mit dem exemplarischen Hin (Eskalation) und Her (Entspannung) sendet Trump seit Quartalen verwirrende Signale nicht nur für Investoren in den Finanzmärkten, sondern für Unternehmen und Regierungen. Er schafft eine Atmosphäre der global lähmenden Blockade. Niemand weiß, wohin die Reise gehen wird, und kann entsprechend auch nicht Produktions- oder Investitions-Entscheidungen treffen. Die Folge ist eine Abkühlung von Welthandel und Weltwirtschaft.

Die Trump-Administration scheint dabei schon eine Agenda zu haben. Eine ihrer Prioritäten scheint zu sein, amerikanischen Unternehmen den Abschied von China schmackhaft bzw. den Standort China leid zu machen. Dabei scheint sie nicht gänzlich erfolglos zu sein. Jedenfalls behaupten internationale Unternehmens-Beratungs-Firmen und Anwaltskanzleien, dass viele Unternehmen effektiv Alternativen ausloten.

Trump hat sich aber durch die wirre und chinesischen Gewohnheiten komplett fremde Form der Verhandlungsführung  in eine Ecke manövriert, in der es nur noch wenige Auswege gibt. Außerdem tritt er wie ein Imperialist des späten 19. Jahrhunderts auf und kitzelt so permanent an den größten Erniedrigungen im kollektiven Unterbewusstsein Chinas. Sein Handelsstreit ist eine Sackgasse, und es wird keinen schnellen Deal und wahrscheinlich gar nicht mit Präsident Trump geben. Schnelle Deals entsprechen einer angelsächsischen und sicher nicht einer chinesischen Geschäftskultur.

Trump hat fünf grundlegende und miteinander verknüpfte Probleme:

Seine Agenda ist falsch, weil seine Berater zwar einige zentrale Sachverhalte (Diebstahl geistigen Eigentums, forcierter Technologie-Transfer in Gemeinschaft-Unternehmen, Abschottung des Binnenmarktes, unfaire staatliche Unternehmensförderung und Wettbeerbspolitik etc.) korrekt diagnostizieren, andere aber nicht erkennen können oder wollen. Mit den Zöllen wählen sie ein falsches Instrument, um China in einem Handelskrieg zu weit reichenden Konzessionen auf diesen zentralen Punkten zu zwingen.

Die Zölle sind eher ein Eigentor. Sie repräsentieren eine Konsumsteuererhöhung für amerikanische Haushalte und sind eine Strafsteuer für amerikanische Unternehmen, welche die Produktion nach China ausgelagert haben, oder die von dort Halbfabrikate beziehen. Die Weltwirtschaft kühlt sich rasant ab, auch die Aussichten für die amerikanische Wirtschaft verschlechtern sich, seinem Ansatz mit eskalierenden Importzöllen folgend.

Sein Politik-Ansatz mit Twitter-Tiraden ist geeignet, Medienhallo auszulösen. Aber ohne vorgängig die Ideen getestet und die Unterstützung wichtiger Betroffener oder ‚stakeholder’ eingeholt zu haben, kann dies zum Bumerang werden. So geschehen mit der ‚Order‘ an die amerikanischen Unternehmen, sich aus China zurückzuziehen.

Der amerikanische Aktienmarkt steht plötzlich auf wackligen Beinen da. Das ist einerseits eine simple Reflexion der globalen Konjunktur. Die börsenkotierten amerikanischen Unternehmen verdienen ihr Geld zu einem erheblichen Teil im Ausland, nicht zuletzt in China. Außerdem stärkt sein Handelskrieg den Dollar als sicheren Hafen, was die Umsatz- und Gewinnausweise aufgrund der Umrechnung belastet. Anleihen-, Kredit- und Aktienmärkte sowie Immobilien- und andere Märkte für harte Aktiven sind andrerseits durch Jahre und Jahrzehnte viel zu niedriger Zinsen aufgebläht und repräsentieren jedenfalls die breiteste Finanzblase der Geschichte - mit Korrekturpotential.

Den chinesischen Gesprächspartnern wird nicht entgangen sein, wo die wahren Schwachstellen von Trump sind: Er will in rund einem Jahr wiedergewählt werden. Dafür muss er eine gut laufende Wirtschaft und einen soliden Aktienmarkt vorweisen können. Sobald der S&P 500 Hundert Punkte verliert, wackelt Trump und beginnt zurück zu buchstabieren. Mehrmals nun so passiert. Der auf Lebenszeit gewählte Präsident Chinas hat diese zeitliche Restriktion nicht, und damit einfach einen längeren Atem. Die analytische, breiter basierte Entscheidungsfindung der chinesischen Führung ist den isolierten, auf Öffentlichkeits-Wirkung zielenden Alleingängen des amerikanischen Präsidenten überlegen. Präsident Xi Jinping hat mit dem Yuan auch Instrumente, um Trump in die Knie zu zwingen, auch wenn dies China selber auch weh tun kann oder wird.

Der amerikanische Präsident ist der erste Politiker an den Schalthebeln der Macht im Westen, der korrekt die verheerenden Einflüsse der Desindustrialisierung angeprangert und nicht die Mär von den universellen Segnungen des sogenannten ‚Freihandels‘ und der Globalisierung mitgesungen hat. Das ist ihm hoch anzurechnen. Er hat das falsche, mehrheitlich von Wissenschaft und Medien verbreitete Narrativ durchbrochen und damit ein Bewusstsein für die Probleme der Globalisierung geschaffen. Keineswegs falsch ist auch, dass er die außenwirtschaftlichen Probleme hauptsächlich mit China verbindet. Doch die Analyse ist verkürzt, und die Instrumente sind falsch gewählt. Seine nationalistische, imperiale, umweltzerstörende und militaristische Agenda ist eine Sackgasse und seine Verhandlungstaktik gleicht der Wirkung eines Elefanten im Porzellanladen.

Die Rechnung dafür wird die ganze Welt bezahlen, zunächst einmal wohl in Form einer Rezession 2020, zumindest außerhalb der Vereinigten Staaten. Nicht ganz. Wenn China seine Trümpfe geschickt ausspielt, dann wird es mittel- und langfristig die Oberhand behalten – mit Konsequenzen für den Rest der Welt. Zeit, in weiteren Artikeln sich etwas genauer mit der Strategie Chinas zu beschäftigen.

Geldpolitik in einem Umfeld von Handels-Unsicherheit

Der amerikanische Präsident hat sich in eine Ecke manövriert. Was ihm übrig bleibt, ist den Druck auf das Fed, die amerikanische Zentralbank, hochzuhalten. Für eine verfehlte Handels- und Finanzpolitik wird die Geldpolitik als Stabilisator herhalten müssen. Anders als viele andere wichtige Notenbanken hat die Fed noch Munition, die Zinsen zu senken oder Kaufprogramme für Anleihen zu implementieren. Was Trump seit Wochen öffentlich fordert, sind sehr aggressive präventive Zinssenkungen und eine Wiederaufnahme der Quantitativen Lockerung. d.h. der Anleihen-Käufe.

Die Geldpolitik in einem Umfeld von Unsicherheit über den Welthandel war ein wichtiges Thema von Fed-Gouverneur Powell bei der alljährlichen Jackson Hole Konferenz der Zentralbanken. Powell hob die gute Konjunkturlage, den besten Arbeitsmarkt seit Jahrzehnten sowie die überraschend niedrig gebliebene Inflation als Ausgangspunkt hervor. Von da leitete er einen gegenüber der Vergangenheit strukturell niedrigeren oder reduzierten Satz für den neutralen Satz für Federal Funds ab. Damit unterstützte er indirekt auch niedrigere langfristige Zinsen. Gleichzeitig wurde durch die Betonung der guten Konjunkturlage und -Aussichten indirekt signalisiert, dass es aktuell keinen Bedarf für größere Zinsänderungen gibt.

Powell sieht die Geldpolitik gut aufgestellt und auf einen breiten Erfahrungsschatz abgestützt für normale makroökonomische Ungleichgewichte. Sie könne aber nicht auf ein Skript für eine Situation mit Handels-Konflikten und großen Unsicherheiten zurückgreifen. Institutionell sei die Zentralbank für das duale Mandat – maximale Beschäftigung und Preisstabilität – zuständig. Handelspolitische Maßnahmen seien Sache der Regierung und des Kongresses. Das Fed könne nur die Implikationen von handelspolitischen Maßnahmen und Unsicherheit im Rahmen ihres Konjunktur-Monitorings einbeziehen. Weil die Geldpolitik mit erheblicher zeitlicher Verzögerung wirke, müssten transitorische Ereignisse oder Störungen weniger in Betracht oder ausgeblendet gezogen werden. Der Fokus müsse auf längerfristige Effekte solcher Störungen fokussiert sein.

Indirekt erteilte Powell somit den Forderungen Trumps nach radikalen präventiven geldpolitischen Maßnahmen eine deutliche Absage. Er betonte gleichzeitig aber die Flexibilität, auf wichtige Ereignisse, Risiken und neue relevante Information zu reagieren. Diese geldpolitische Marschrichtung trug ihm umgehend den Zorn des Präsidenten ein, der die Frage stellte, wer der größere Feind sei – Powell oder Präsident Xi.

Was Powell indirekt suggerierte: Wenn sich die Konjunkturlage verschlechtert, oder der Aktienmarkt tanken würde, ist also durchaus mit entschiedenen geldpolitischen Maßnahmen zu rechnen, aber nicht solange alles gut ausschaut. Angesichts der erratischen Äußerungen und Entscheidungen des Präsidenten scheint dies die einzig gangbare Lösung zu sein.


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