Deutschland

ZDF trickst bei Bericht über NSU-Prozess

Lesezeit: 2 min
16.04.2013 18:19
Das ZDF hat am Freitag in der heute-Sendung einen Bericht gebracht, in dem ein Redakteur der Zeitung Sabah die Entscheidung über die Prozess-Verschiebung lobte. Eine Uhr im Hintergrund verriet das ZDF jedoch: Das Interview fand statt, als die Entscheidung noch gar nicht gefallen war.
ZDF trickst bei Bericht über NSU-Prozess

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

In der Berichterstattung über den NSU-Prozess hat das ZDF in der heute-Sendung um 19 Uhr einen Fake geliefert. Wie der Stern herausgefunden hat, hat der Sender bereits vor der Entscheidung des NSU-Prozesses ein Interview mit Ismail Erel von der türkischen Zeitung Sabah geführt, in dem er die Enscheidung lobte.

Der Stern:

In "heute" kommentierte er gegen 19.02 Uhr stolz das Urteil, das türkischen Medien nun Präsenz zugestand: "Das ist nun mal für uns eine sehr, sehr positive Nachricht. Also nicht nur für uns, die 'Sabah' hat, glaube ich, für die ganzen türkischen Medien hier in Deutschland etwas bewirkt, nämlich dass die am Prozess teilnehmen können. Und das Bundesverfassungsgericht hat natürlich auch gesehen, dass hier eine Ungleichbehandlung stattfand."

Nur: Erel konnte den Richterspruch noch gar nicht kennen. Er fiel erst rund dreieinhalb Stunden nach der Aufzeichnung des Beitrags. Wer genau hinsah, konnte entdecken, dass die Redaktionsuhr hinter Erels Kopf kurz vor halb drei Uhr zeigte.

Die Nachrichtenagenturen hatten die Entscheidung um kurz nach 18 Uhr bekanntgegeben.

Der Sabah-Journalist versuchte zunächst, den Stern an der Nase herumzuführen:

Auf Nachfrage des stern beteuerte Erel zunächst, das Urteil bereits gekannt zu haben. "Da ging wohl die Uhr falsch", sagte er am Telefon. Das Kamerateam sei allerdings schon vor 18 Uhr anwesend gewesen. Wann genau das Statement aufgezeichnet worden war, könne er sich am Ende nicht mehr erinnern.

Nach einigen Schreck-Stunden räumte das ZDF dann ein:

"Nach Rückfrage bei den zuständigen Kolleginnen und Kollegen können wir Ihnen mitteilen, dass die Frage bei einem Dreh für die ZDF-Sendung 'Forum am Freitag’ in Erwartung einer entsprechenden Entscheidung vorab gestellt und aufgezeichnet wurde."

Warum eine Zeitung beim NSU-Prozess anwesend sein will, die sich nicht entblödet, ein anderes Medium glatt anzulügen, ist eigentlich nicht klar: Wenn Sabah ohnehin schon vorher weiß, was beim Prozess herauskommt und auf Verdacht einfach ein paar Berichte schreibt, sollten die Stühle, die Sabah vor dem Bundesverfassungsgericht für sich erstritten hat, besser von Kollegen besetzt werden, die nur das schreiben, was sie wirklich gesehen haben.

Dass das ZDF als Organ des deutschen Demokratieschutzes sich für so eine plumpe Manipulation hergibt, die eigentlich aus der Steinzeit des Fernsehens stammt, überrascht indes nicht: Der Sender befindet sich in einem mörderischen, zur Gänze vom GEZ-Zahler finanzierten Konkurrenzkampf dutzender öffentlich-rechtlicher Sender und darf sich in diesem Wettbewerb um die Erhaltung der Demokratie keine Blöße geben.

Sonst muss das ZDF zur Strafe das nächste Mal das Interview mit Wladimir Putin veranstalten.

Und dieses Schicksal soll, nach den Erfahrungen des Chefredakteurs des Westdeutschen Rundfunks mit Putin, aus Sicht der Chefredakteure des ZDF vom Sender unter allen Umständen abgewendet werden.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik DWN-Interview mit Ex-Militärberater Jörg Barandat: „Wasser und Energie sind untrennbar miteinander verbunden.“
19.05.2024

Wasser sollte nicht getrennt von anderen Faktoren wie Energie und Klima betrachtet werden, sagt Jörg Barandat, langjähriger Berater...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Im Sog der Krise: Chinas Immobilienbranche unter Druck
19.05.2024

Seit einigen Jahren belastet die Immobilienkrise China und beeinträchtigt das wirtschaftliche Wachstum. Die Geduld vieler Gläubiger...

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft EU-Kommission unterstützt Lausitz: Auf dem Weg zum "Netto-Null-Valley"
19.05.2024

Wie kann man ohne die Freisetzung von Treibhausgasen produzieren? Das Kohlerevier in der Lausitz strebt danach, als Modellregion in Europa...

DWN
Politik
Politik 75 Jahre Europarat: Ein Jubiläum in turbulenten Zeiten
19.05.2024

Der einst stolze Europarat feiert sein 75-jähriges Bestehen, doch das Jubiläum findet inmitten von Krisen und Unsicherheit statt,...

DWN
Finanzen
Finanzen P2P-Kredite als alternative Geldanlage: Chancen und Risiken
19.05.2024

P2P-Kredite sind eine aufstrebende Anlageklasse, die Privatpersonen ermöglicht, direkt in den Kreditbedarf anderer Privatpersonen zu...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Vom Erfolg zur Krise: Wie Adidas seine Dominanz im Sportmarkt verlor
19.05.2024

Adidas, einst ein Riese im Sportmarkt, kämpft nach katastrophalen Kooperationen und einem Börsenabsturz gegen den Aufstieg von Nike. Mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditanstalt für Wiederaufbau in der Kritik, nutzt Potenzial unzureichend
19.05.2024

Eine neue Studie der Stiftung Klimaneutralität zieht eine kritische Bilanz zur Rolle der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Demnach...

DWN
Politik
Politik Scholz verspricht Hilfe - Überschwemmungen im Saarland zeigen Naturgewalt
19.05.2024

Bundeskanzler Olaf Scholz besuchte Kleinblittersdorf im Saarland, um nach den heftigen Regenfällen und Überschwemmungen Hilfe zu...